j \\[ RWISSENSCHAFTLIC 1910 ■:UAIJSGF' \ IVJrPOTON /■ / eN VON ji:naverug gustav fisch er , .c^»M>o>Mw*ttnvwawvawiww D.A.BOUMAIV Jr. eOEK-EN MUZIEKHANDEL . AMSTERDAM: i BILDERDIJKSTRAAT 190 U- ZEIST: ^ k.,. JAGERLAAN 20,.^ 'Kh Naturavissenschaftliche Wochenschrift. REDIGIERT VON Prof. Dr. H. POTONIE, und Prof. Dr. F. KOERBER KGL. LANDESGEOLOGEN KGL. OBERLEHRER IN GROSSLICHTERFELDE bei BERLIN. NEUE FOLGE IX. BAND (DER GANZEN REIHE XXV. BAND). (JANUAR — DEZEMBER 1910.) MIT ÜBER 264 ABBILDUNGEN IM TEXT UND 1 FARBIGEN TAFEL. %4 JENA. VERLAG VON GUSTAV FISCHER. 1910. Alle Rechte vorbehalten. Register.') Allgemeines und Verschiedenes. B r a n d 1 . \N'ohin mit unscrn Büclicrn? 735- Conwentz, Naturdenkmalpflege. 497. Günther, W., Neues aus der Naturdenk- malpflege (Orig. mit Abb.) 497. Schaefer, Zur Naturdenkmalpflege (Orig.) 607. .■\usstell., Wissenschaft!., in Dorpat. 7 1 7. Schutz der Xatur! 126. Philosophie. Angersbach, Kann Psychisches auf Physisches einwirken r (Orig.) 28. — , Positivismus. Biomechanische Grund- lage des Psychischen. Einteilung der psychischen Grundwerte (Orig.) 171. — , Über den Monismus (Orig.) 765. — , Wundt'scher Seelenbegriff (Orig.) 781. — , Zur ,, Einwirkung des Psychischen auf den Tierkörper" (Orig.) 190. riahl, Einwirkung des Psychischen auf den Tierkörper (Orig.) 189. Haehnel, .\tomistik (Orig.) 17. Hennig, R., Das Swedenborg-Problem (Orig. m. Porträt). 5117. Ostwald, Große Männer. 56. Potonie, Monismus (Orig.) 16. — , Vorkommen seelischer Werte (Orig.) 48. Kauther, Hans Driesch's vitalistische Naturphilosophie (Orig.) 257. Lust- und Unlust-Gefühle in ihrem Zu- sammenhange mit der Blutzirkulation. 830. Biontologie, Allgemeines. Bateson, Mendel's Vererbungsgrund- sätze. ^77. Becher, Eine neue Vererbungs- und Entwicklungstheorie (Ref. üb. Kignano) 593- Fischer, H., Vererbung erworbener Eigen- schaften (Orig.) 737. Holder, Beobachtung des Meeresgrundes in Californien. 156. Lang, Chem. u. phys. Beding, beim An- fang d. Lebens. 617. P o t o n i e , Unterschied zw. Tier u. Pflanze. 752. Rignano siehe Becher. W e is m ann , Die Selektionstheorie. 1 17. Ziegler, Die Streitfrage der Vererbungs- lehre (Lamarekismus oder Weismannis- mus) (Orig. mit Orig. -Abb. u. einer Orig.-Tafel). 193. Biontologie und Methodologie, Etymo- logisches über. 303. Physiolog. Chemie. 586. Medizin u. Hygiene, Pharmacie, Nahrungsmittel u. Verwandtes. Alt, Arsenophenylglyzin. 630. Bertheim, Dioxydiamidobenzol. 629. Bier, Hyperämicbehandlung. 71. Ehrl ich -Hat a, Syphilis- Heilmittel. 629. Emmerich, Nitritbildung durch patho- gene Bakterien, 405. Fasching, Über Asepsis und Bügeln (Orig.) 293. Ganter u. Zahn, Noch einmal Darwin und die Medizin (Orig.) 554. V. Hansemann, Neuere Forschungen a. dem Gebiete der Lungenschwindsucht (Orig.l 10, Hayduck, Pilzgifte im Getreide und in Würzen. 407. Henn ig, R., Das Alpdrücken (Orig.) 731. Kanngießer, Zum Kapitel der Phyto- nosen (Orig.) 177. — , Phytonosen (Orig.) 408. Lentz, Asiat. Cholera. 826. Lentz, Sparmberg und v. Krogh, Institut f. Infektionskrankheiten. S29. Nesper, Eine neue medizin. Anwendung der Elektrizität. 363. Neu mann, Unser tägliches Gebäck. 458. .Nietner, Die Tuberkulose u. ihre Be- kämpfung als Volkskranklieit. 348. I Schwalbe, Die Bedeutung der Klein- I lebeweit in Natur u. Kultur. (Orig.) 529, 624. Sonnenburg, Blin dd arm erk rankungen. 104. Thoms, Moderner Heilmittelschwindel. (Orig) II. iVirehow, Die anatom. Grundlagen des Gesichtsausdruckes. 317. Wassermann, Immunotherapie. 617. Ätiologie der malignen Geschwülste. t;20. Beleuchtungsarten u. Hygiene. 48. Darwin und die Medizin. 422. Dioxydiamidobenzol. 629. Elektrokardiogramm (mit Orig.-Abb.) 376. Galvan. Einwirk, auf Auge u. Ohr. III. Immunotherapic. 617. Medizin, Neues aus der (m. Orig.-Abb.) 376. Narkose u. Lokalanästhesie. 379. Optische Untersuchungsmethoden, Neue. 378. Rassenliygiene, Neues von der. 437. Röntgendiagnostik (mit Orig.-Abb.) 377. Vorschrift, b. Arb. m. Krankheitserregern. 782. Wohlfahrtscinrichtungen. 507* ') Die .Abkürzung S.-R. bedeutet Sammel-Referat. — Die .Artikel ,, Neues aus , Anthropologie und Verwandtes. Alrutz, Hitzeemptindung. 554. — , Kitzel- und Juckemptind. 554. V. Arx, Das mechan. Prinzip im Aufbau u. Leben des menschl. u. tier. Körpers (Orig. mit Orig.-Abb.) 705. Asch heim. Über das Farbenseheu (Orig.) Sl. B a g 1 i o n i , Warum besitzen wir kein elektr. Sinnesorgan (Orig.) 80. Bateson, \'ererbung U.Variation. IlS. Boas, Franz, Indianerkreuzungen. 119. Buekers, Abstammungslehre. 118. Darwin, Charles, Seine und seiner Nachfolger anthropolog. Forschungen. 116. Driesmans, Rasse und Milieu. 440. Fehlinger, Menschenrassen u. Menschen- arten. 5S0. Hennig, E., Unsere schwarzen Lands- leute im Lindi-Hinterlande (Deutsch- Ostafrika) (Orig. mit Orig.-.Abb.) 321. 337- Hennig, R., \'om bösen Blick (Orig. mit Abb.) 694. Hess u.a., Akkommodation des mensch- lichen Auges. 550, 640. H r d I i c k a , Physiologie u. Pathologie der nordamerik. Indianer. 440. J a c Ic m a n n , Einfluß der Mikroben a. d. Entsteh, d. Menschenrassen. 579. Kaulsky, Vermehr, u. Entw. in Natur u. Gesellsch. 441. Kohlbrugge, Javanenkreuzungen. 119. — , Stadt und Land als biologische Um- welt. 4vS. Koste r, Methode der archäologischen .Ausgrabungen. 429. K o s s i n n a. Was ist Folklore .' (Orig.J 496. Lessing, Der Lärm. 440. Low, Eskimo-Mischlinge. 119. Merzbacher, Üb. Vererb, u. Verbreit, hereditär-familiärer Erkrankungen. II 7. R e n v a 1 1 , Kongenitale familiär auftretende Extremitäten-Mißbildungen. II 7. Ripley, Die europ. Bevölk. d. Verein. Staaten. 578. Schulzen. Hegener, Obere Tongrenze des menschl. Ohres. 554. Seil heim, Reize der Frau und ihre Be- deutung für den Kulturfortschritt. 439. Thomson, Vererbung elterlicher Er- werbungen. 117. v. Vogel, Sterblichkeit der Säuglinge und Wehrfähigkeit der Jugend. 440. Wieth-Knudsen , Über Kreuzungen des Menschen. 119. sind ebenfalls .Sammel-Referate. 3 8 s :i 5 Register. Williams, Zur Anthropol. südamerik. Staaten. 119. Anthropogenie, Neues a. d. 341. Biologie des Menschen, Neues von der. 115, 577- Tischrücken. 591. Wirkungen der Kreuzung der verschiedenen Menschenrassen. 118. Zoologie und Verwandtes. Angersbach, Zur Tierpsychologie (Orig.) 815. Berliner u. Buchwald, Habrobracon hebetor Say. 254. B e r n d t , Das se.xuelle Leben der niederen Tiere. 282. Börner, Die Verwandlungen der In- sekten (Orig. mit Abb.) 561. Brauer, Leuchtorgane und Augen von Tiefseefischen (Orig.) 329. Deninger, Das Fliegen der fliegenden Eidechsen. (Orig. mit Abb.) 20. Edinger, Der Oralsinn. 554. Gold färb, Einfluß des Nervensystems bei der Regeneration (mit Abb.) 45I. G u 1 1 s t r a n d , Gesetze der optischen Ab- bildung im Auge. 552. Henrich, Schwärm geflügelter Blattläuse (Orig.) 90. Hess, Lichtsinn der Tiere. 552. Hesse, Der Vogelflug. 425. Krause, Auerochs und Pflugstier (Orig.) 276. Lang, Arnold, Alternative Vererbung bei Hunden. 537. Lönnberg, Der Biber in Böhmen. 522. Manstetten, Gerbung von Tierhäuten, Schlangen, Vögel etc. (Orig.) 544. Marx, Winterschlaf (Orig.) 364. Pfeffer, Chromatische Funktionen der Tiere (Orig.) 154. Reach, Winterschlaf (Orig.) 364. Reh, Fortbewegung der Schlangen (Orig. mit Orig.-Abb.) 203. Reichenow, The Kea fOrig.-Ref.) 186. S a m s o n, Zecken als Krankheitsüberträger (Orig. mit Orig.-Abb.) 721. Schinz, Winterschlaf (Orig.) 3Ö5. Schwantke, Nehmen Kerfe Luft auf? (Orig.) 277. Sederow, Bemerkungen zur chromatisch. Funktion der Tiere. 265. Siedlecki, Biologie des javanischen Flugfrosches. 74- Sokolowsky, Hagenbeck's Tierpark. 61. Steche, Leuchtorgane von Anomalops u. Photoblepharon. 462. Strand, Parasiten in Spinneneiern. 294. Stremme, Abel's Neurekonstruktion des Diplodocus (Orig. mit Abb.) 545. Uhlemann, Beobachtungen an dem heimischen Schlangenleben (Orig.) 733. Wetterhau, Winterschlaf (Orig.) 364. Ahornblattlaus. 303. Besitzt der Kaisermantel (Argynnis paphia) Trutzfarben f 112. Eidechsen, ihre Nahrungsaufnahme. 592. Entomologisches. 480. Giftkanal im Biencnstachel. 176. Grund f. d. Insektennictamorph. 591. Kaninchenfülterung mit Aphrodisiaca. III. Kohlweißling. 303. Leuchten bei Tieren. 463. Muscheln, ihre Entwickl. u. ihr Leben. 127. Nautilus ein Fleischfresser. 127. Neptunbecher. 127. Neunaugen als Köder für .\ale. 96. Okapi. 464. Orchestia bottae. 43 L Perlenfischcrei, vogtländische. 654. Präparierwannen. 464. Robbenhäute, ihre Präparation. 656. Rotwerden der Krebspanzer. 368. Rotzunge, Seehecht, Seeaal. 480. Sagenhafte Tintenfische. 623. Schildlaus an einer Kaktee. 591. Seesterne, ihr Regenerationsvermögen. 304. Sinnesphysiologie, Neues aus der. 550. Spinnenkunde. 464. Tierpsychologisches nach zur Strassen. 815. Verwend. v. Werkzeug, bei Tieren. 623. Wespennester. 559. Winterschlaf. 239, 364, 365. Zebrafink. 272. Botanik und Agrikultur. .■\scherson, Bemerkungen zu den drei sagenhaften Pflanzen (Orig.) 102. — , Die Herkunft der Reseda odorala (Orig.) 241. — , Über Beyer's Berliner Schulflora (Orig.) 75, 237- Bruchmann, Keimung d. Sporen. (144. Bachmann, „Burgunderblut" im Rotsce bei Luzern lOrig. mit Orig.-Abb.) 602. Burgef f , Die Pilzsymbiose der Orchideen (Orig. mit Orig.-Abb.) 129. Brockmann, s. unter Geologie. 397. E i c h i n g e r , Polyembryonie bei Pflanzen (Orig. mit Orig.-Abb.) 769. Eijkman, Überlebungskurve bei Ab- tötung von Bakterien durch Hitze. 406. Fischer, Hugo, .\ussaut von Farnsporen und Kultur ihrer Vorkeime (Orig.) Soo. Fischer, Hugo, Nicht-hybrideZwischen- formen bei Farnen. (Orig. mit Abb.) 12. Gothan, Jahresringe der Bäume und Klima (Orig.) 608. — , Über Kernholz (Orig. mit Orig.-Abb.) i 352- ! Herrmann, Neue Theorie über die Wirkungsweise des mechanischen Ge- webesystems bei Gräsern (Orig. mit Abb.) 441. Kanngießer siehe Medizin. 177, 408. Kliem, Ursachen u. Eedeut. hygroskop. Bewegungen bei Pflanzen (' >rig. mit Orig.-Abb.) 673. Kny, Schulzmittel der Pflanzen. 26. K o i k w i t z , Wasserbiolog. Exkursion. 506. Krause, Ernst H. L, Die Eiben von Nideck. 266. — , Die systemat. Bedeutung v. Phytolacca. (Orig. mit Orig.-Abb.) 380. — , Die Weizenarten der alten Römer (Orig.) 331. — , Monströse Glockenblumen (Orig. mit Orig.-Abb.) 315. — , Die Heimat des Spelzes (Orig.) 412. Lindau, Konservierung mistbewohnender Pilze der Tropen (Orig.) 448. — , Wanderungen parasitischer Pilze (Orig.) 625, 704. Lindinger, Bemerkungen z. Phylogenie der Monocoiylen (Orig.) 65. Löhr, Die grünen Pflanzenteile und das Licht (Orig.) 209. Loeske, Ratschläge für den Anfänger in der Mooskunde (Orig.) 576. Loew, Landwirtschaftliches aus den Tropen. 453. Magnus, W., Botan. Tropenreise nach Ceylon- und Java. 457. Rikli, Die Arve, der Pionier der Gebirgs- bäume (Orig. mit Orig.-.\bb.) 145. Ritter, Die Entwicklung der Ligulaten (S.-R. mit Abb.) 785. Sehr od t, Giftigkeit der Herbstzeitlose. 720. Strasburger, Isolierte weibl. Mercurialis annua Pfl. I20. Thomas, Erklär, f. d. blitzähnl. Auf- leuchten feuerroter BiUten in der Dämmerung (Orig.) 573. .Adventiv-Pfl. der Crossener Mühle. 160. AlpendüngUDgsversuche in Kärnten. 648. Anschwellungen bei Abies Nordmanniana. 320. Aquilegia alpina L., Blütenbiologie (Orig. mit Orig.-Abb.) 745. Arnica montana. Folkloristisches. 559, 656, 720. Buntblätterigkeit, ihre Entstehung. 416. Chloroplasten u. Cytoplasma. 288. Cocosnußperlen. 544. Copperplant. 447. Dictammus albus (mit Abb.) 480. Durchwachsene Birnen. 656. Eiszeitrelikte. 416. EiweißbilduDgbei Pflanzen im Dunkeln. 714. Erysiphaceae. 626. Folkloristisches über Arnica montana 559, 656, 720. Galläpfel. 175. Herb.ariumschutzmittel. 159. Kern und Splint der Holzstämme. 160. Kgl. Botan. Garten in Berlin-Dahlem. 509. Kieselknollen (Tabaschir). 44S. Kropfmasern b. einer Pappel. 288. Kulturflüssigkeit-Rezept. 800. Luffaschwamm. 559. Lycopodium-Vorkeim. 644. Mehltau, echter. 627. Mehllau, falscher. 625. Melandryum album X rubrum. 512. Oidium Tuckeri. 625. Orchideenzucht aus Samen. 48. Phytophthora infestans. 625. Pilze, Kennzeich, f. ihre Giftigkeit. 688. Pilze, krankheiterzeugende. 5 II. Pilzwachstum (mit Orig.-Abb.) 368. Plasmopara vilicola. 625. Robinia, Giftigkeit. 608. Sagenhafte Pflanzen (mit Abb.) 43, I02. Scilla bifolia. 28S. Sphaerotheca mors uvae. 62S. Sporen-Ausstreuungsbilder vonCoprinarius. 112. Spornbildung bei Digitalis. 512. Stachelbeermehltau. 628. Stärkekörnerlösung von Zea Mais. 48. Tabakbau. 320. Triglochin maritima. 431. Untergang der nordamerikanischen Wälder. 475, 690- Verbänderung von Anthemis. 464. Verfärbung der Blätter im Herbst. 816. Viburnum lantana mit Warzenhildungen. 208. Wundfäule von Holz. 560, Wurzelmißbildung. =;I2. Paläontologie. Arldt, Erdgeschichtl. Entwicklung der Tierregionen (Orig.) 164. Branca, siehe Unterricht. 113. Klaatsch, Die neuesten Ergebnisse der Register. III l'aläonlologic d. Menschen und ihre Bedeutung f. d. Atist;inimunt;sproblcm. 344- Jäkel, siehe unter Unterricht. 33. Jessen, Über Stylolilhcn (Orig.) 127, 208. Potonie, Zur Genesis der Slylolitiien (Orig.) 128. Diplodocus, Etymologie. 224. Gcgenstylolithcn 20S. Moose im Paläozoikum? 336. Sauricrausgrabungen am Tcndaguru. 121. Geologie und Mineralogie. Baumann und Gully, Über ,, Humus- säuren". 791. Brockmann, Wesen der Eiszeit. 397. Burger, Über den Kreislauf des Kalkes i. d. Natur (Orig. mit Orig.-Diagramm). 97- Conwentz, Säulenförm. Diluvial-Sand- stcinbildungen (mit Abb.) 502, 768. K r i e d 1 ä n d e r , 1., Über Vulkanforschung (Orig.) 792. Gans, Zeolithe (Orig.) 432. Gothan, Intuskrustation (Orig. | 64. Gothan, Klimazoncnbildung in Jura u. Kreideformation (Orig.) 168. Heide, Sachsens Meteoriten (Orig.) 277. Henning, Die präkambrische Geologie von Nordamerika (Orig.) 433, 560. Hucke, Die Neuendorfer Rummel, Ero- sionstäler (Orig. mit Orig.-.^bb.) 273. Krusch, Vorkommen und Gewinnung des Kupfers (Orig. mit Abb.) Soi. Meinicke, Zur Kenntnis d. vogtländisch- sächsischen Erdbeben (Orig. mit Orig.- Karte.) 353. Michael, Das Bohrloch Czuchow und Temperaturmessungen in demselben, loi. Michaelsen, Kalkpfannen d. Damara- landes (Orig. mit Orig.-Abb.) 773. N Ordens kjöld, Schelfeis. 556. Potonie, Entstehung der Feuersteine (Orig.) 76S. Potonie, GeröUe und Konkretionen in Kohlenlagern (Orig.) 783. Potonie, Pflanzen der Eiszeit (Orig.) So. Potonie, Über das Wesen, die Bildungs- geschichte und die sich daraus er- gebende Klassifikation der Kausto- biolithe (S.-R. mit .\bb.) 5. Potonie, Zur Gesch. d. Petrol.- und Salzgewinnung (Orig.) 620. Siepert, Eigentüml. Spaltungserschein, beim Steinsalz (Orig.) l8l. Simon, Entstehung der Tertiärquarzite. 207. V. Staff, Vom Grundwasser des Riesen- gebirgskammes (Orig. mit Orig.-Abb.) 455- Stille, Neuere .Auffassungen über das -Alter der deutschen Mittelgebirge (Orig. mit Orig.-Kärtchen). 102. Stromer, Gesch. d. afrik. Festlandes nach neueren Forschungen (Orig.) 161. Szirtes, Pulsatorische Oszillationen (Orig.) 513. Tornier, Die richtige .Aufstellung der Rieseneidechse Diplodocus Carnegii und ihrer Verwandten. 284. Wallher, Joh., Wüsten der Urzeit (Orig.) 13. Wehrli, Leo, .Neue Erdbewegung am Roöberg (Orig. mit Orig.-.^bb.) 630. Alaunschiefer. 208. Die tiefsten Bohrlöcher der Erde. 19 1. Kalkgeschiebe im Diluvium. 768. Meteoriten, Kohlenwasserstoffe in? 304. Seeknödcl. 608. Tropfsteine in Kellern. 208. Vorgänge bei den Verkieselungen im Tertiär. 207. Geographie und Geophysik. Baschin, Abgrenzung des arktischen Gebietes (Orig.) 80. Böttcher, Neues aus der Geographie. (Orig.) 230. Brückner, Zur Thermik der Alpenseen. 232. Bury, Exped. n. Südarabien. 231. Campbell, Über d. Forth-Clyde-Groß- schiffahrlskanal. 233. Deckert, Waldbrände in Nordamerika (Orig. mit Orig.-Abb.) 690. Fischer, Th., Mitteilg. über d. italieni- sche Auswanderung. 234. Heiland-Hansen, Nansen und Hildebrandsson, Temperatur- schwankungen im norwegischen Nord- meere. 204. Jefferson, Bevölkerungsdichte großer Städte. 234. Johnson, Über d. Eisenbahnverkehr d. Vereinigten Staaten. 234. Longstaff, Karakorum- Himalaya- For- schungen. 231. Maurer, Graphische Darstell, über die Schneeverhältnisse in den .Alpen (mit Diagramm). 204. Merzbacher, Seine Forschungsreise in d. Tian-schan. 231. Montessus de Bailore, Über das Beben von San Francisco. 232. Nordenskjöld, Untergrund und Ver- eisung. 495. de Quervain, Bericht üb. d. Grönland- E.xpedition. 230. Rabot, Einstürze i. d. Dolomiten. 233. Rein dl, Die Trockentäler Bayerns (Orig.) 580. Reindl, Laufveränderungen der Flüsse in Südbayern (Orig.) 294. Shackleton, Britische Südpolar-Expe- dition 1907 — 1909. 137, 230. Schott, Wärmeverteilung in d. Tiefen d. Stillen Ozeans. 231. Titzent haier, Sommertage in der Bre- tagne. 93. Weiß, Mit Herzog Adolph Friedrich ins innerste Afrika. 185. Wiechert u. Geiger, Bestimmung des Weges d. Erdbebenwellen. 297. Bewässerung Mesopotamiens. 233. Londoner Konferenz über die Weltkarte. 230. Südamerikanische Pazifikbahn. 233. Meteorologie. Koppen, Verschicbungen d. Atmosphäre im Jahreslaufe a. Höhe des antarkt. Kontinents. 604. Koppen, Windgeschwindigkeit in ver- schiedenen Höhen. 794. Leß, Wetter-Monatsübersicht (Orig. mit Orig.-Diagrammen). 60, 123, 1S3, 267, 333. 399. 477. 541,605,686,749,825. Rudolph, Ergebnisse und fernere Ziele der wissenschaftl. Drachen- u. Ballon- aufstiege (Orig. mit Orig.-Abb.) 370. Schmidt, Adolph, Ergebnisse der magnct. Vcrmess. v. Norddeutschland. 760. Trabe rt und D e f a n t , Zur Kenntnis d. Gewitterbildung. 824. Weg euer, Atmosphäre. 540. Blitzschlag und Bäume. 543. Trombenartige Wolkenbildung. 400. Überzählige Farben beim Regenbogen. 800. Verwendbarkeit der drahtlos. Telegraphie f. Wettervoraussage. 91. Astronomie. Adams, Sonnenfleckenspektra. 85. Aufseß, Einfluß der Phase. 609. Bell, Farbige Doppelsterne. 612. Bosler, Sonnenfleckenperiode u. Hellig- keit des Encke'schen Kometen. 85. Deslandres, Sonnenfackeln. 85. Ebert, H., Physische Beschaffenheit der Mondoberfläche. 609. Fabry, Buisson und Perot, Sehr kleine Verschiebungen der Fraunhofer- schen Linien. 611. Fabry und Buisson, Der Druck in d. umkehrenden Schicht der Sonnen- atmosphäre. 86. Fath, Spektralaufnahmen von Spiral- nebeln. 90. Fath, Zodiakallichtspektrum. 87. Fischer, Sonnencorona, Zodiakal- und Polarlicht (Orig.) 449. Gehrcke, Coronastrahlen und Sonnen- protuberanzen. 611. Haenel, Vergröß. d. Gestirne am Hori- zont. 88. Haie U.Adams, ,, Flash-Spectrum". 86. Hnatec, Ungleichzeiiigkeit d. Minimums der roten und blauen Strahlen bei .Algol. 615. Hertzsprung, Boß, Kostinskyu. a., Fixsiernsysteme. 89. Ives, Zerstreuung des Lichtes im Welt- raum. 615. John, Zirkulat. d. Calciumdampfes in der Sonne. 610. Kapteyn, Absorption des Lichts im Weltraum. 615. Kapteyn, Geschwindigkeit d. Bewegung der Sonne. 617. Kapteyn, Klassifikation der Fixsterne. 616. Kapteyn, Parallaxe d. Orionsterne und der Sterne vom vierten Spektraliypus. 616. Kapteyn und de Sitter, Parallaxe der Hyaden. 615. K e m p f , Drehende Bewegungen von Sonnenflecken. 610. Metcalf, Photographie d. Erdschattens. 609. Moulton, Wirkung von schwingenden Veränderungen d. Sonnendimension. 86. Müller und Krön, Über d. Kometen. 612. Münch, Absorptionswirkung d. Koraeten- materie. 87. Nordmann, Hartmann, Holetsc hek und Sykora, Beobacht. d. Halley- schen Kometen. 612. Pickering, Forschung mittels des Ob- jektivprismas. 614. Pickering, Größe der Meteore. 612. Plaskett, Harper und Ludendorff, Spektroskopische Doppelsterne. 613. IV Register. Puiseux, Mondatlas. 85. | Russell, Mehrfache Sterne. 613. | Scheiner, Die Temperatur der Fixsterne (Orig.) 225. I Scheiner, Wilsing u. Nordmann, Temperaturen der Fixsterne. 90. Schoy, Kritische Beiträge z. kosmolog. Problem lOrig.) 401. Schwahn, Halley'scher Komet. 456. Stephani, Stereoskopbilder d. Mondes. 85. Stornier, C, Höhe von Nordlichtern. 609. Stroobant u. Seeliger, Verteilung d. Fixsterne in der Milchstraße (mh Dia- gramm). 88. Wolf, M., Perrine'scher Komet. 87. Wolf, M., Ringnebel in der Leier. 90. Wright, Spektrum des Halley'schen Koraelen. 87. Astronomie, Neues aus der. 85, 609. Beziehungen zwischen Kometen, Meteoren, Sternschnuppen und Planeten. 416. Gezeiten-Phänomen. 609. Halley'scher Komet (mit Abb.) 205. Helligkeit von Mars und Saturn. 96. Himmclserscheinungen. 75, 140, 205, 27g, 351, 414, 495. 557. 717. 7t'3- Kalenderreform. 575. Komet 1910a. 88, 112. Marsbeobachtungen. 87. Merkur-Kotationsdauer. 87. Sichtbarkeit der Sterne bei Tage. 640. Sonnenfinsternis 17S0. 384. Sonnenflecken und magnetische Störungen. Zentralbureau f. Meteorbeobachtungen. 606. Physik. Abbegg und Sackur, Physik, ehem. Rechenaufgaben. 573. Adams, Curie, Eve, Gleditsch, Guye, Kernbaum, Ramsay, Rutherford, Schidlof, Schuster, Einfluß des Druckes auf Radium. 253. A h 1 b o r n , Hydrodynamische Experimen- taluntersuchungen. 358. .Mexanderson, Wechselsirommaschine mit 100 000 Perioden. 363. .Anderson, Kopien Rowland'scher Beu- gungsgitter. 361. Becker,Crowther,Lenard, Schmidt, .Absorptionsversuche mit o'- Strahlen radioakt. Körper. 246. Bragg u. Klee mann, Verhalten der Materie den radioakt. Strahlen gegen- über. 244. Bronson, Engler, Mako wer, Ruß, Schmidt, Einfluß der Temperatur auf Radium. 253. Cohnstaedt, Wasserhaut - Untersuch- ungen. 358. Dessauer, Anwendung der Röntgen- strahlen. 362. Dunoyer, Elektromagnetischer Kompaß. 363- Einstein, Undulationstheorie des Lichtes und Lichtätherhypothese: 14. Elster u. Geitel, Photoelektrische Em- pfindlichkeit gefärbter Hydride der Alkalimetalle. 360. Elster u. Geitel, Über photoelcktrische Erscheinungen. 360. Geiger u. Rutherford, Messung der positiv. Gesamtladung der Radiura- strafalen. 245. Grein ach er. Die Messung der Radium- und Röntgenstrahlen (Orig.) 657. (j r u n m a c h u. W c i d e r t , Felsschwin- gungen. 357. Hagenbach, Lichtbogen unter ver- mindertem Druck. 361. Hahn, Mcilner u. Schmidt, Über jy-Slrahlcn radioakt. Körper. 246. Hausmann, v. Tappeiner etc., Photo- dynamische Wirkung fluoreszierender Farbstoffe. 537. I s i t a n i , Photographische Wirkungen. 359. Jones u. Strong, Absorptionsspektren. 360. Kinoshita, Phot. Platte zur Zählung der «-Teilchen radioakt. Substanzen. 245. V. Koch, Lichtintensität. 359. Konen u. J u n g j o h a n n , Spektralröhren für Gleichstrombctrieb. 361. Kossonogow, Beobachtungen der Elek- trolyse im Ultramikroskop. 359. Kossonogow, Vorgänge bei der Elek- trolyse. 711. Laine, Einwirkung des Donners auf die Regentropfen. 363. L e r p , Die innere Energie v.Glastränen. 357. Liesegang, Schichtungen (Orig.m. Orig.- Abb.l 641. Löwy u. Leimbach, Erforschung des Erdinnern mittels drahtloser Tele- graphie. 637. Mecklenburg, Die experimentellen (Grundlagen der .\tomtheorie (die Atom- theorie der Elektrizität) (Orig.) 35, 385. Meyer, v. Schweidler, Komplexe Natur der Radiumemanation. 250. Palmer, Ionisierung von Gasen durch Licht. 360. Piutti, Helium in irdischen Mineralien. 359- R e g e n e r , Der korpuskulare Charakter der /^-Strahlen radioakt. Köiper. 246. Righi, Magnetische Strahlen. 362. La Rosa, Schmelzung d. Kohlenstoffes. 358. Royds, Reflexionsvermögen schwarzer Flächen. 359. Rubens u. Hollnagel, Reststrahlen. 362. Rutherford u. Geiger, Elektr. Methode zur Zählung der «-Teilchen radioakt. Subst. 245. Thomson, Positive Ladung der Radium- strahlen. 245. v. Traubenberg, Funkcnspeklrum des Wismuts. 361. V. Welsbach, .\uermetall. 359. Wien, Resonanzkurven elektr. Schwin- gungen. 363. Witt, Lichtbeständigkeit unserer Farb- stoffe. 359. Wulf, Trockenmittel. 358, Akkommodation d. Auges. 550, 640. Brown'sche Bewegung. 35. Ditfusionsgesetz der Gase. 431. Erdinneres u. drahtlose Telegraphie. 637. Funkentelegraph. Zeitsignale. 574. Photometrische Einheit. 359. Physik, Neues aus der. 242, 357. Radioaktivität, ihre Verbreitung. 253. Siehe auch Chemie. Radioaktive Umwandlungen. 247. Radioaktiver Zerfall, iMnlluß äußerer Be- dingungen. 252. Radiumforschung, der gegenwärtige Stand. 243- Schmelzpunkt des Paraffins. 049. Strahlung radioaktiver Körper. 243. Verbleib der potentiellen Energie. 144. Vorgänge beim Erwärmen von Flüssig- keiten. 651. Chemie. .\mberg, Silundum. 306. Barneß, Shearer, Deventer und Lümmel, Stellung des Aluminiums in der Spannungsreihe. 314. Baum, Platinierung schwerschmelzbarer Unedelmetalle. 313. Bergius und Krassa, Angreifbarkeit d. Eisens durch Wechselstrom u. d. mehrfach umgepolten Gleichstrom. 314. Berthelot u. Gaudechon, Synthese von Kohlenhydraten. 586, 686. Bohn, Küpenfarbstoffe. 524. Bokorny, Über Formaldehyd und liefe (Orig) 406. v. Bolten, Über Thorium. 307. Boltwood u. Rutherford, Aktinium- lösungen durch Radium. 252. Borne mann, Änderungen des Platins in s. katalytischen und elektrochem. Verhalten u. d. Einfluß v. Wasserstoff- superoxyd. 310. Bourquin, Galv. Metallüberzüge bei Blumen. 312. B redemann, Buttersäuregärur.g. 405. Briner und Wroczynski, Chem. Re- aktionen bei sehr hohen Drucken in Gasgemischen. 305. Campbell, Lennan, Levin, Ruer, Wood, Aktivität von Salzen. 254. Carrasco, Magnesiumsuperoxyde. 306. Chattawayu. Noegi, Herstellung v. Kupferspiegeln. 313. Classen, Glänzende, dunkle Vernicke- lung. 312. Cobb, Einfluß hochgespannter Entladun- gen a. amorph. Gold. 305. Cohen u. Sinnige, Üb. den Einfluß d. Druckes a. d. Löslichkeit v. Salzen. 30b. Comanducci, Einfluß dunkler elektr. Entladungen a. Gase u. Dämpfe. 305. Cowper-Coles, Unmittelbare elektro- lyt. Erzeugung v. kupfernen Rohren u. Blechen u. v. Kupferdraht. 313. Crookes, Szintillation. 245. Curie u. Debierne, Polonium. 653. Curie u. Debierne, Darstellung des elementaren Radiums. 668. Daitz, Vom Wesen dtr chemischen Affinität (Orig.) 726. Defacqz, Ein neues Silicid. 307. Elster und Geitel, Polonium in Blei. 254. Euler und Bethaf Ugglas, Künstl. Vermehr, d. Enzymgeh. in Bierhefe. 686. Fröhlich und Loewi, Steigerung der Suprareninwirkung durch Cocain. 5S6. Gassmann, Chem. Unters, der Zähne. 586. Guertler, Elektrische Leitfähigkeit von Metallen. 51. Habermann u. Brezina, Darstellung u. Kenntnis des Essigäthers. 22. H a e h n e 1 , Atomistik als Weltanschauung und als Arbeitshypothese (Orig.) 17. Harri es. Künstliche Kautschukdarstel- lung. 476. Hartwig, Franzen u. Greve, Quan- titative Bestimmung der Ameisensäure. 21. Register. Haßlin^jer, Forcierkrankhoil bei Zinn. 307- Himmelbaucr, Diiistelluug kolloidalen Schwefels. 312. J a u b e r t , Flüssige Legierung il. Alkalien. 312- Jordis u. Rosen h au pt, IJnwirkung V. Sauerstoff auf Metalle. ;U3. Kis tiak o WS ky , Wechselstrom liefern- des galv. Element. 312. Kudo, Einflufl der Elektrizität auf Fer- mente. 407. V. Lerch, Elektrolyse gelöster radioakt. Substanzen. 24S. Levy, Paul, .Vmerikanisches Kolopho- nium. 679. Lipski, Synthese d. Ammoniaks. 308. 1. o e w , Zur Theorie der Katalasefunktion. 407. Mancini, Zusammensetzung u. Eigensch. der weißen Blutkörperchen. 682. .Marie, Oxydierbarkeit d. Platins. 309. Mecklenburg, Atomtheorie (Orig.) 35. 385- Messinger-Spiro, Kohlenstoft'bestim- mung. 6S4. Müller und Jochmann, Fermentwir- kungen der farblosen Blutkörperchen. 683. Ogawa, Nippodium. 309. Ostwald. \V., Begrift" d. Katalyse. 572. Ostwald, Wolfgang, Lichtemjifind- lichkeit tierischer O.wdasen. 407. Paris, Nachbildung der Blaufärbung d. Orient. Saphirs ; künstl. Herstellung v. Topas u. Wassersaphir. 311. Perrin's Nachweis des osmotischen Druckes in Emulsionen. 37. V. Rijn, Wirkung fein verteilter Metalle. 313- Kohl and, Cassius'scher Goldpurpur. (Orig.) 812. Rohland, Einige Reaktionen im direk- ten Licht (Orig.) 504. Rohland, Veränderungen der Farbe v. Cuprichlorid in verschiedenen Lösungs- mitteln (Orig.) 424. Ruff u. Zedner, Chem. Wirkung der elektr. Entladung b. tiefen Tempera- turen. 30;. Ruff u. Zedner, Verhallen gew. Gas- gemische unter d. Einfluß starker elektr. Entladungen. 305. Salway, Synthese des Cotarnins. 586. Salzer, Galvan. Chromüberzüge. 313. S c h e n c k , Chemische Gleichgewichte bei metallurgischen Reaktionen. 568. Schenk, Cholsäure. :;86. Schulze, Elektrolyt. Ventilwirkung beim Niob. 314. Soll u. Stutzer, Guanylbarnstofl'. 680. Stock, Böttcher und L e n g e r , Ein neuer fester Phosphorwassersloft". 309. Stock, Böttcher und Lenger, Ein- wirkung V. Ammoniak a. festen Phos- phorwasserstoff. 309. Strutt, Helium u. Radium i. Staßfurter Salzlager. 308. Vandevelde, Milchzuckerzerstörende Enzyme. 407. Vanino u. Zumbusch, Über Bolog- neser Leuchtsteine. 311. V. Vegesack, Die Lehre von den hetero- genen Gleichgewichten (C)rig. m. Abb.) 214. Verneul, Herstellung künstl. Saphire. 311. I Watermann, Rechtssuprarenin. 580. Wegener, .\. , Kenntnis der freien At- mosphäre. 540. Wühler, Über eine neue ü.\ydations- stufe d. Platins u. ihr Oxyd. 310. Wohlleben, Derivate der Ilalogen- phenole. 678. .Allgemeine Chemie, Neues aus der. 49, 567. Anorganische Chemie, Neues aus der. 30V Bakterien und Enzyme, Neues über. 401;. Bestimmungen an Fluoridblut. 685. Chemie, Neues aus der. 21, 49, :;67 678. Derivate der Bromphenole. 679. Derivate der Chlorphenole. 678. Derivate des Jodphenols. 679. Fermente der weißen Blutkörperchen. 6S3. Ferri- u. Ferrohydro.xyd im Boden. 640. Guanidoessigsäure. 681. Guanylharnstoff. 680. Guanylharnstoffsulfosäure. 68 1. Irrlicht. 480. Kolophonium, amerikanisches. 079. Künstl. Vermehr, d. Enzymgehalt, in Bier- hefe. 686. Leuchten von Urin. 810. Leukocyten. 682. m-Bromphenylacetat. 679. m-Bromphenylbenzoat. 679. m-Chlorphcnetol. 679. ni-Chlorphenylacetat. 679. m-Chlorphenylbenzoat. 679. m'-Chlorphenyl-m-Nitrobenzoat. 679. Monohalogenphenole. 678. o-Bromphenylacetat. 679. o-Chlorphenylacetat. 678. o'-Chlorphenyl-m-nitrobenzoat. 678. o-Chlor-p-oxyazobenzol. 679. Organische Chemie, Neues aus der. 21, 678. Papierschildcr auf chem. F'laschen. 528. p-Bromphenylacetat. 670. p-Bromphenylbenzoat. 67Q. p-Chlorphenylacetat. 679. p-Chlorphenylbenzoat. 679. p'-Chlorphenyl-m-nitrobenzoat. 679. Photochemische Synthese d. Kohlenhydrate aus Kohlensäure ohne Chlorophyll. 686. p-Jodphenylacetat. 679. p-Jodphenylbenzoat. 679. p-Jodphenylbenzolsulfonat. 679. p'-Jodphenyl-m-nitrobenzoat. 679. Physiolog. Chemie, Neues aus der. 586. Polonium. 653. Restkühlenstoffe des Blutes, 684. Verflüssigung des Helium. ^28. Verhalten d. Blutleukocyten geg. Saponin u. Tetanoto.Nin. 683. Weiße Blutkörperchen. 682. Wesen des metallischen Zustandes. 49. Zinnpest. 307, 528. Technisches, Instrumentenkunde. Bauer, Flugraaschinen i. d. mittelalter- lichen Literatur. (Orig.) 2S9. BeUuzo, Lokomotivenantrieb durch Dampfturbinen (m. Abb.) 80g. Bernd t. Das Stereoskop als Hilfsmittel der Biontologie (Orig. m. Orig -.Abb.) I. Breuer, Ein „paradoxes*' Verfahren zum .Abklatschen von Zeichnungen etc. (Orig.) 23. IBuchterkirchen, Die Verwendung d. Dampfes z. Betriebe V. Fahrzeugen. 281. Buchwald, Moderne Mühlen-Einrich- I tungen. 459. |Deetjen, Die Verwendung flüssiger Brennstoffe z. Verkehrszwecken. 345. Donath, Entstehung d. kinematot^raph Bilder. 184. Elias, Luftfahrzeuge. 426. H e n n i g , R., Zum Fernrohrjubiläuni (Orig.) 1S2, 256. Hildebrandt, Neuestes a. d. Luft- schiffahrt. 280. V. Ignatowsky, .\eues Nicol (m Abb) 808. ' V. Ignatowsky, Sied ento p f 'scher Kondensator für das Ultramikroskop (m. Abb.) 7J3. J e n t z s c h , Elektr. Öfen f. mikroskopische Präparate (m. Abb.) 813. Mohs, Drehspul-Zeigergalvanometer (m Abb.) 812. Ostwald, Monumentalmalerei. 256. Pukall, Fortschritte a. d. Geb. d. Thon- industrie. 669. Riehl, Riesenlokomotive. 808. Schwalbe, Spritgewinnung aus den Ab- laugen der Zellstoff-Fabrikation. 669. Springer, Milchkonservierung. 669. Thomälen, Verwendung d. Elektr. z. Betrieb v. Fahrzeugen. 316. Abteufen v. Schächten. 8 10. Berg- u. Hüttenwesen-Neuerungen. 810. Etiquetten auf Flaschen zu kleben. 528. Firmen f. Farbstoffe z. mikroskop. Zweck. 783. Gichtverschiuß f. Hochöfen. 810. Grubenlokorac.tive , amerikanische. Sil. Hebelbriefwagcn-Empfindlichkeit. 60S. Internat. Zentralstelle f. techn. Auskünfte. 106. Keramische .Ausstellung. 25. Kolbenmaschinen u. D.ampfturbinen auf einem Dampfer. 809. Meßgeräte, registrierende Im. Abb. Motorschiffe f. überseeischen Verkeh Naturselbstdruck. 448. Ncbelsignaldienst. 808. Ofenindustrie in Veiten. Panzer, elastischer. 811. Photograjihisches Objektiv, neues Abb.) 812. Post- und Eisenbahnverkehrsvvesen-Werk Stätten. 427. Pumpe mit Plungerkolben. 811. Reinigung von fetten Gefäßen. 256. Rieselfeldanlagen bei Osdorf. 506. Schachtbohrer, Vorricht. z. Entlast. d Gestäng. Sio. Sonnenuhr, wetterfeste (m. Abb.) 5S7. Systeme der deutschen Luftschiffe (m. Abb. 134. Technik, Neues aus der (m. Abb.) 808 Thonwarenindustrie Veltens. 24. Ultramikroskop, Neues vom. 711. Zementofen, Neuer. Sil. Zimmerluftreinigungsapparat. 736. 25. »12. 808. (m. Unterricht. B o k o r n y , Gymnasialreformbewegung in Bayern (Orig.) 297. Branca, Über die Abtrennung der Palä- ontologie von der Geologie (Orig.) 113. D o f 1 e i n , Das ozeanographische Museum in Monaco (Orig. m. Orig.- Abb.) 48 1. VI Register. Jaekel, Geologie U.Paläontologie a. d. deutschen Hochschulen (Orig.) 33. S olger, Naturwissensch. .\bl. d. Mark. Museums. 104. Besuch im Königl. Verkehrs- und Hau- museum. 346. Deutsche Gesellschaft für volkstümliche Naturkunde. 24, 61, 92, 104, 1S4, 2S2, 31O, 345, 425, 456, 506, 795, 826. Hydrobiologie und Pflanzenkunde, Kurse. 205. Kongresse, Wissenschaftliche. 299 usw. Naturwissenschaftliche Institute u. Samml. in der Schweiz. 224. Schülerübung, aus d. Gebiete d. Physik und Chemie. 648. Zoolog. Woche auf Norderney. 2S4. Biographisches. Dünitz, Robert Kuch's Lebenswerk (Urig. ra. Porträt). 417. Loeffler, Robert Koch. 795. Agassiz f. 255. Angström f. 255. Charlois f. 255. Fischer, Gustav j. 526. Galle t- 496. Hansen f. 75. Huggins f. 381. Robert Koch f. 39S, 417, 795. Kohlrausch f. 95. Landolt f. 255. Mendel, Gregor. 746. Schiaparelli j-. 496. Literatur. .Abderhalden, Fortschr. d. naturwiss. Forsch. 621. .\bel, Chemie in Küche u. Haus. 124. .\damovic, Lujo, Die Vegetations- verbältn. d. Balkanländer. 687. Adolph Friedrich, Herzog zu Mecklenburg, Ins innerste Afrika. 142. .A h r c n s , Mathematische Unterhaltungen und Spiele. 269. .\n derlind, .Vstkerzentannen im Schwarz- wald. 606. Anders, Botanik. 107. -Anselmino, Das Wasser. 699. Arendt, Cliemie und Mineralogie. 703. Arendt-Dörmer, Chemie u. Minera- logie. 159. Arnim-Schlagenthin, Kampf ums Dasein u. züchterische Erfahrung. 577. Ascherson u. Gra ebner. Mitteleuro- päische Flora. 478. A s s m a n n, Die Winde in Deutschland. 286. .Auerbach, Geschichtstafeln der Physik. 414. B a e n i tz ' Herbarium Dendrologicum. 767. Bahr dt, Magnet und magnet.-elektr. Messungen. 799. Bail, Mineralogie. 703. V. Bardeleben, Statik u. Mechanik d. menschlichen Körpers (Der Körper in Ruhe und Bewegung). 124. Bateson, Mendel's Vererbungsgrund- sätze. 577. B a y 1 i s s , Wesen der Enzymwirkung. 447. Bechterew, Psyche und Leben. 670. Beckmann, Das Laboratorium für an- gewandte Chemie d. Univ. Leipzig in seiner neuen Gestaltung. ?oo. Berberich, Astronom. Jahresbericht. 734. Berg, Einf. i. d. Beschäft. m. d. Geol. 108. Berger, In Afrikas Wildkammern. 142. Berger, Mesembryanthemen u. Porlula- caceen. 509. Berger, Stapelieen und Kleinien. 510. Berger, Sukkulente Euphorbien. 509. Beyer, Berliner Schulflora. 75, 235. Beyschlag.Krusch u. Vogt, Lagerst, d. nutzbar. Mineral, u. Gesteine. I08. Biedermann, Chemiker-Kalender. 64. Biedermann, Die Sprengstoffe. 301. Birkenbach, Untersuchungsmeth. des Wasserstoffperoxyds. 622. Bludau u. Herkt, Flemming's namen- treue Länderkarten. 718. Bock, Flora von Bromberg. 606. Bock, Naturdenkmalpflege. 503, 699. Böhmig, Das Tierreich. 699. Börnstein u. Marckwald, Sichtbare und unsichtbare Strahlen. 2S4. Böse, Die Erdbeben. 699. du B ois - R ey mo nd , Emil, Lebens- kraft. 63. Bonasse, Delbetu. a., De la Methode dans les Sciences. 351. Brauer, Süßwasserfauna Deutschlands. 26S. Bremer, Leitfad. d. Phys. 651. Brio n , Elektrotechnisches Praktikum. 414. Brix- Förster, Goethe's Naturwissen- schaft). Philosophie u. Weltanschauung. 653- Bromann, Embryonalentwicklung der Pinnipedia. 156. Brück, Wie studiert man Biologie. 461. V. Buchka, Stadler und Sudhoff, Arch. f. d. Gesch. d. Naturw. u. Techn. 719. Bürger, Acht Lehr- und Wanderjahre in Chile. 334. Bürger, Die Robinson-Insel. 334. B u g g e , Strahlungserscheinungen u. Radio- aktivität. 286. Busse, Ostafrik. Nutzpflanzen. 366. Byhan, Die Polarvölker. 124. Carl, S., Flußperlmuschel. 654. Chillon, The Subantarctic Islands of New Zealand. 750. Chodat, Principes de Botanique. 7°-- Christ, Geographie der F'arne. 542. Classen, Handb. der qualitativen che- mischen Analyse anorgan. und organ. Verbind. 169. Classen, Quantitative Analyse durch Elektrolyse. 169. Cloß, Kepler und Newton. 763. Conwentz, Beiträge zur Naturdenkmal- pflege. 497. Conwentz, Care of natural monuments. 504. Conwentz, Gefährdung der Naturdenk- mäler. 497. Cori, Naturfreund am Strande der .\dria. 446. D a h 1 , Anleitung z. zoolog. Beobachtungen. 144. Dannemann. Leitf. für den Unterricht im ehem. Laboratorium. 169. Dannemann, Naturw. in ihrer Entwick. u. in ihrem Zusammenhange. 719. Dantec, Feli.KLe, Elements de Philo- sophie physiologique. 31 8. Dennert, Chem. Praktikum. 703. Deperet, Umbildung der Tierwelt. 188. D e t m e r , Pflanzenphysiol. Praktikum. 107. Dette, Analytische Geometrie der Kegel- schnitte. 300. Deuerling, Die Pflanzenbarren der afrik. Flüsse. Mit Berücksicht. d. wich- tigsten pflanzl. Verlandungserschg. 237. Diener, Paläontologie u. Abstammungs- lehre. 285. D in and, Taschenbuch der Heilpflanzen. 638. Dingler, Grundlag. ein. Kritik u. exakt. Theorie d. Wissenschaften insbes. d. mathem. 655. Doflein, Protozoenkunde. 15. Doflein, Trypanosomen. 15. Dost, Psychologie, Psychiatric und ge- richtliclie Psychiatrie. 300. Dove, Die deutschen Kolonien. 699. Driesch, Philosophie des Organischen. 258. v. Drygalski, Deutsche Südpolar- expedition 1901/3. 142, 156, 381. Duc d'Orleans, Croiziere Oceano- graphique. 142. Düsen u. Neger, Chilenisch-patagon. Charakterpflanzen. 366. Dziobek, DiflTerenzial- u. Integralrech- nung. 431. Eckardt, Paläoklimatologie. 285. Eckard t, Vogelzug u. Vogelschutz. 699. Eisen menger, Les tremblements de terre. 700. Er d mann, Alaska. 334. Ernst, Die Besiedl. d. vulk. Bodens auf Java u. Sumatra. 366. Escherich, Termiten. 799. Esser, Giftpflanzen Deutschlands. 430. Euler, Pflanzenchemie. 188. Euler, Gesamtwerke. 446. Faraday, Naturgeschichte einer Kerze. 169. Feldhaus, Bezwinger der Lüfte. 271. Feucht, Die schwäbische Alb. 366. Fischer, A., Elektro-analyt. Schnell- method. 622. Floericke, Jahrbuch der Vogelkunde. 526. Föppl, Technische Mechanik (Festig- keitslehre, Dynamik). 158. Forel, Sinnesleben d. Insekten. 021. France, Die Natur in den .\lpen. 334. Franze, Idealistische Sittenlehre u. ihre Gründung auf Naturwissenschaft. 764. Fricke, Biologische Heimatkunde. 703. Friese, Bienen Afrikas. 430. Fürstenau, Leitfad. d. Röntgenphysik. 639- Fuhrmann, Cestoden der Vögel. 526. Gaidukov, Dunkelfeldbeleuchtung und Ultramikroskopie. 4S0. Gans, Einführg. in d. Vektoranalysis m. Anwendg. auf d. math. Physik. 238. Gansberg, Streifzüge durch die Welt der Großstadtkinder. 271. Gaupp, Die normalen Asymmetrien des menschlichen Körpers. 221. G e i k i e , Traite pratique de geologie. 108. Ginzberger, Kammerer, Kossmat etc.. Der moderne Naturgeschichts- unterricht. 1 10. Gothan, Botanisch -Geol. Spaziergänge bei Berlin. 557. Gottlieb, Heliogravüre. 589. Graebner, Heide und Moor. 286. Graebner, Pflanzengeographie. 124. ("irebe, Spektroskopie. 286. G r i m s e h 1 , Ausgewählte Schülerübung. 650. Register. 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Oberschwaben. 557- Reininghaus, Kalenderreformvorschlag. 575- Reinke, Grundzüge der Biologie. 343. Reishauer, Die Alpen. 124. Remsen-Seubert, Anorganische l'he- mie. 169. Remsen, Einleitung in das Studium der Chemie. 169. Kickli, Vegetationsbilder aus Dänisch- Westgrönland. 366. R i g n a n o. Vererb, erworb. Kigenschaften, Hypothese einer Zentroepigenese. 593. Rosen, Anleitung zur Beobachtung der Pflanzenwelt. 124. Rosen, Charakterpfl. des abessinischen Hochlandes. 366. Rudolph, Mech. Erklärung d. Natur- erscheinungen. 479, 560. Rusch, Landeskunde von Niederöster- reich. 335. Ruska, Mineralogie. 703. Ruß, Der Graupapagei. 526. Sachs, Bau und Tätigkeit des mensch- lichen Körpers. 699. Scheit hauer, Handb. d. naturgesch. Unterrichts. 703. Schelle, Kaktecnkultur. 509. Schelle, Winterharte Nadelhölzer Mittel- europas. 509. Scheu, Morph, d. Schwab. -Frank. Stufen- landschaft. ^58. Schiffner, Bo'tanik. 638. Schillings, Mit Blitzlicht und Büchse. S13. Schleie hert, Bot. 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Voigt, Exkursionsbuch zum Studium d. Vogelstimmen. 526. Volbehr, Die Zukunft der deutschen Museen. 286. Wagner, Die Heide. 286. Walther, Vorschule d. Geologie. 268. Warming-Johannsen, Lehrbuch d. allgem. Botanik. 223. Warstat, .\llgem. Ästhetik d. photogr. Kunst auf psychologischer Grundlage. 589. W e i ß b a c h , Wirtschaftsgeograph. Ver- hältn. etc im mittl. Teil d. sächs. Erzgeb. 557. Wemer, Unsere Schwalben. 526. Weber, Wind und Wetter. 285. Wedekind, Organische Chemie. 169. Wedekind u. Lewis, Neue Atomge- wichtskurven. 703. Weiß, Phono-Kardiogramme. 271. Weng, Schopenhauer-Darwin. 750. Werner, Neuere .Anschauungen auf dem Gebiete der anorgan. Chemie. 169. Werth, Das Eiszeilalter. 699. Wieder sheim. Der Bau d. Menschen als Zeugnis f. seine Vergangenheit. 343. Wien, Elektronen. 79. Wiener, Farbenphotographie. 79. Wiesner, Organographie u. Systematik der Pflanzen. 702. Windelband, Kuno Fischer. 763. Wolff, Gustav, Mechanismus und Vitalismus. 767. Register. IX Wolff, Karl, Terrassen d. Saaletals. 558. Woodruff, Vermehrung;, .\usbreilung d. menschl. Kassen etc. 579. WorRitzky, Hlütengelicimnisse. 829. Wulff, Herbarvorschule mit Herbar- pflanzenregister. 222. Wulff, Materialien für Herbarien. 222. Wundt, Festrede z. 500 jähr. Jubelfeier d. Univ. Leipzig. 300. W u r m , Waldgcheimnisse. S29. Zicgler, Die Struktur der Materie und das Welträtsel. 764. Annuaire astronomiquc pour 1910. 223. Annuaire pour l'an 1911. 814. Archiv für die (Jeschichle der Natur- wissenschaften. 637. .•\us Natur und Geisteswelt. 124, 284, 301, 699. Bakteriolog. Lit. 720, 7S2. Beiträge z. Naturgeschichte Ostasiens. 750' Bericht des Vereins z. Schutze und zur Pflege der AlpenpH. 60b. Beziehungen der Familien der Phanero- gamen. 224. Bibliothek geographisch. Handbücher. 367. Biologische Lit. 400. Blütenfarbstofi'-Lit. 432. Bücher der Naturwissenschaft. 2S5. Deszendenzlehre-Lit. 303. Die Natur. 699. Enzyklopädie d. Photographie. 5S8. Ernährungsweise d. Schmarotzerptl., Lit. über. 2S8. E.xpedition antarctique Beige. 750. Fischerbote. 351. FToren-Lit. (Deutsche). 448. Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde. 557. Fortschritt, d. naturw. Forsch. 621. Gartcnpflanzen-Lit. 304. Geaster-Lit. 208. Geolog. Rundschau. 123. Geschichtswerke z. Naturwissensch. 207. Insekten-Darmhäutungen, Lit. üb. 559. Jahrbuch f. Mikroskopiker. 780. Karbonpflanzen, Lit. über. 336. Krankheitserzeugende Pilze, Lit. üb. 512. Kreide-Fossilien-Lit. 408. Kunst und Kultur. 285. Lehrbuch f. .Aspiranten d. Pharmazie. 038. Lit. üb. d. mikrosk. Untersuch, v. Nah- rungs- u. Genuflmittelfälschung. 688. Meeresbakterien-Lit. 302. Moos-Lit. 576. Natur und Geisleswelt. 124, 284, 301, 699. Naturwissenschaftliche Bibliothek. 285. Naturwissenschaftl. Wegweiser. 2S5, 699. NektarabsonderuDgen d. Pflanzen, Lit. üb. 288. Osteologie, Lit. über. 512. Pädagogische Jahresschau. 655. Paläozoolog. Lehrb.-Lit. 144. Pflanzen und Licht. 592. Pilzbiologische Lit. 464. Regen u. Tau durch d. Blätter u. Zweige, Lit. über. 288. Salpeterlager Chiles, Lit. über. 304. Samml. Göschen. 124, 284, 699. Schlupfwespen-I.it. 464. Schwerkraft-Theorien, Lit. 800. Sezier-Lit. 608. Stammesgesch. d. menschl. Körpers, Lit. über die. 288. Südpolar-E.'iped., Deutsche, igoi — 1903. 142, 156, 381. Theoret. Chemie-Lit. 192. Tierpsycliologische Lit. 814. Tropäolum-Lit. 800. Vegetation der Erde, llerausgegeb. von A. Engler. 687. Vogelei-Lit. 144. Wissenschaft und Bildung. 124, 285. Zeitschrift f. Fhigtechnik. 403. Abbildungen. Ahornblattlaus- Larve. 303. Aletschwald (Orig.) 145. Aleurodes. 56^. Amöbe (Orig.) 710. Amulette usw. gegen den bösen Blick. 696-698. Antherenwand von Brassica Napus, Quer- schnitt (Orig.) 674. Apparat zum Nachweis der «-Teilchen radioakt. Substanzen. 245. Aquilegia alpina L., Anthese-Stadien (Orig.) 746. .Aquilegia alpina L., Habitusbild (Orig.) 745. Arctia caja (Orig.) Tafel zu Nr. 13. Arve (Orig.) 147. Arvenwald (t)rig.) 146. Aulacaspis. 564. Balaenoptera musculus (Orig.) 489. Balsam- Garten. .\us Manesson Mallet's ,, Beschreibung des gantzen Welt- kreises." 45. Bartenwal (Orig.) 488. Baumgrenze (umgekehrte) am Aletsch- gletscher (Orig.) 152. Blase beim Vierfül3Ier und Menschen in ihren topograph. Verhältnissen (Orig.) 708. Blauwal (Orig.) 489. Blütendiagramme d. Glockenblume. 315. Brandrodung in Georgia (Orig.) 691. Brennender Wald im Kaskadengebirge (Orig.) 691. Cachelot (Orig.) 490. Campanula-Kapsel (Orig.) 675. Cephalopoden (Orig.) 401. Diagramme über d. Schneeverh. i. d. Alpen. 205. Diagramm zum Aktinium-Zerfall. 250. Diagramm zum Radium-Zerfall. 251. Diagramme zur Wettermonatsübersicht (Orig.) bo, 1S4, 267, 399, 477, 478, 541, 605, 686, 749, 825. Diagramm zum Zusammenhang von Uran u. Radium. 252. Diagramm zur Thorumwandlung. 249. Dianthus carthusianorum, Kapsel (Orig.) 675. Dinophilus apatris-Cocon. 464. Diplodocus, Abel's Rekonstruktion. 547. Drehspul-Zeigergalvanoraeter. 812. Dreyfusia-Nymphe. 563. Elbgrundstereogramm (Orig.) 456. Elektrische Öfen für mikroskopische Prä- parate. 813. Embryosäcke, Samenanlagen u. Ähnl. v. höheren Pflanzen (Orig.) 770, 771. Erodium-Teilfrüchtchen (Orig.) 676. Eryngium maritimura-Gelände. 504. Faulschlammmikrophotogramm. 7. Fichtenpartie in der Lüneburger Heide. 502. Geradführung an Meßgeräten. 812. Geranium, schcmat. Längsschnitt durch die Fruchtgranne u. Mittelsäule mit uhr- federartig gebogener Fruchtgranne (Orig.) 676. Gleichgewichts-Diagramm. 217. Gleichgewichtskurve. 219. Globiücephalus melas (Orig.) 4S9. Grindwal (Orig.) 489. Halley 'scher Komet, seine Bahn. 205. llerzsilhouelte bei Durchleuchtung von vorn (Orig.) 377- Höhle mit säulenförmigen Diluvial-Sand- stein-Bildungen. 502. Isoetes. 78S. Kandelaber-.'\rvc (Orig.) 150. Karte des Plage-F'enn und Plage-See. 498. Karte mit Verbreitungsgrenze der F'ichte in Westpreulien. 499. Karte von Schleswig-Holstein und dem Wattenmeere mit Vogelschutzstätten. 500. Kärtchen der Neuendorfer Rummel (Orig.) 273. Kärtchen, geol., Discordanz der Kreide über Trias u. Jura (Orig.) 103. Kärtchen mit dem Ausgehenden des Kupfer- schieferflözes von Mannsfeld (Orig.) 819. Kärtchen über Kupfcrerzlagerstätten. 804, 806, 807. Kalkpfannenprofile (Orig.) 777. Katzen-Skelett (Orig.) 707. Kiefernholzstücke. 352. Kind beim Stehenlernen (Orig.) 708. Kindimba, die Ngoma der Wayao (Orig.) 328. Kindope, Mtamafeld (Orig.) 326. Koch, Robert. 417. Kupfererzvorkommen. 802 — 807. Laelio-Cattleya: Die Infektion durch den symbiotischen Pilz. 130. Laelio-Cattleya: Gequollener Keimling. 130. Larven von Insekten. 563 u. f. Leg-Arve (Orig.) 147. Leptinotarsa. Tafel zu Nr. 13. Lokomotivenantrieb durch Dampfturbinen. 810. Luftschiff Höhensteuerung (Orig.) 136. Luftschiff Parseval-Typ (Orig.) 134. Luftschiff Zeppelin (Orig.) 135. Lepitotenthis Grimaldii (Orig.) 492. Lycopodium clavatum od. annotinum, I. bis 4. Entwicklungsphase. 645, 646. Lycop. clav. od. annot., geschlechtsreife Prothallien. 646. Lycopodium Selago , I. — 2. Keimungs- stadium. 646. Lycop. Selago, Teilung des Wurzelhaars. 647. Lycop. Selago, 4. Entwicklungsphase. 647. Magische Zeichen , Amulette und dergl. 696 — 698. Makrospore und Embryonen von Selagi- nella. 786. Mechanische Kraft d. Pilze. 368. Mendel, Porträt (Orig.) 747. Mensch, sein statischer Bau (Orig.) 710. Nephrodium Keli.-; mas. 12. Nephrodium spinulosum. 12. Neuendorfer Rummel, Südl. Teil der Eros.- Täl. V. Nord. u. v. Süd. (Orig.) 274, 275. Nicol, ein neues. 80S. Normales Elektrocardiagramm (Orig.) 377. Objektiv, neues, Anordnung der Sammel- linsen. 812. Orca orca (Orig.) 490. Oscillatoria rubescens (Orig.) (103. Ozeanographisches Museum in Monaco (Orig.) 481—494. Palast des Akiden in Nakida, Besuch im (Orig.) 326. Phylloxera vastatri.x. 469. Physeter macrocephalus (Orig.) 490. Register. Phytolarca, Blütendiagramm von (Orig.l '380. Pilz von Habenaria psychodes. 130. Pilz von Üphrys mnscifera. llabitusbild der Kullur. 130. Pineus-Larve. 563. Pinis torminalis als Naturdenkmal markiert. 502. Pottwal (Orig.) 490. Profil des Kammeisberges (Orig.) 8ig. Profil durch die Ku|iferlagerstätten von Boleo. 819. Profile mit Kupfererzvorkommen. 804, 806. Profil, geol. als Beispiel posthumer Ge- birgsbildung (Orig.) 104. Pseudo-Leg-Arve (Orig.) 152. Psylla-Larve. 563. Pulsatorische Oszillationen (l^'rig. | 515,517. ()uerschnitt durch geöffnete .Antherenwand V. Brassica napus (Orig.) 674. Keal-Phasen-Diagramm. 21 8. Regenwurm, Längsschnitt durch regene- riertes Ende. 453. Riesenschildlaus. 564. Roßberg in seinem Kessel (Orig.) 633. Roflberg, Karte u. Profil (Orig.) 630. Roßberg, oberer Ilauptwulst (Orig.) 634. Roßberg, ösll. Kandkluft (Orig.) 635. Roßberg, Randkluft mit Rutschstreifen (Orig.) 632. Roßberg, Rasenwiilste u. Schlammstrom (Orig.) 631. Roßberg, Übersicht des Rutschgebietes (Orig.) 631. Roflberg, Wandernder Hochwald mit Schlammlümpeln (Orig.) 635. Roßberg, wcstl. Rinne v. Kessel geg. d. Gwandelentluh (Orig.) 634. Sämlinge von < 'rchidccn in den Rein- kulturen des Wurzel pilzes. 131. Schema einer automat. Schaltung zur per- manenten Registrierung d. Erdeluft- stromes: Schaltungsschema f. d. Gal- vanometer - Nebenschlüsse (Orig.) 375. Schema einer automat. Schaltung z. per- manenten Registrierung d. Erdeluft- stromes: Schematischc Darstellung d. Umschalter (Orig.) 375. Schichtungen von Silberchromat in Gelatine (Orig.) 642. Schlangen, Schemata zur Erklärung ihrer Fortbewegung (Orig.) 203. Schmetterlinge (Schemata zur Demon- stration der Vererbung erworbener Eigenschaften) (Orig.) 195. Schollensteine der Neuendorfer Rummel (Orig.) 274. Schwertwal (Orig.) 490. Selaginella. 786. Sonnenuhr, wetterfeste. 5S7. Spermatonie und Spermatocyte. 470. Spermatozoon verschiedener Tiere 468, 469, 470. Spirogyra-Zellen, 472. Sporen und Embryonen von Isoetes. 788. Seestern. 304. Stengel- und ßlattquerschnitte (mikro- skopische) durch Gräser. 442 — 446. Stereogramme von Amöba u. von Lungen- ausgüssen (Orig.) 3. Swedenborg. 597- Teilfrüchtchen von Erodium (Orig.) 676. Tiefsccreuse (Orig.) 493. Torfmikrophotogramm. 7. Vierfüßler, sein statischerAufbau (Orig.) 707. Vogel-Skelett (Orig.) 708. Vogtländischen Schütterzone, Karte der (0"g-) 355- Wale (Orig.) 488-491. Wamwera-Familie in Kindope (Orig.) 327. Wangoni-Haartracht (Orig.) 323. Wangoni-Safari (Orig.) 323. Wangoni-Typen (Orig.) 322. Weizenkorn m. zwei Keimlingen (Orig.) 773. Wind- und Kipp-Arve (Orig.) 151. Wunderbäume der ,,Insul de Fer". Aus Manesson Mallet's ,, Beschreibung des gantzen Weltkreises". 44. Zähne und ihre Blutgefäße, schematisch (Orig.) 202. Zecken (Orig.) 722 u. 723. Zellwand-Streifung. 677. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Neue bolge IX. l;.,n der ganzen Reihe XX\" Sonntag, den 2. Januar 1910. Nummer 1. Das Stereoskop als Hilfsmittel der Biontologie. [N:iclnln.ck verboten, Vun Al.tcilungs-Vorslelier Di Die Wissenschaft von den Lebewesen, die Biontologie, verlangt zur Mitteilung ihrer Resultate in der Literatur und im Unterrichte besonders reichliche und naturgetreue Abbildungen ihrer Forschungsobjekte; ja in den weitaus meisten F'ällen können biontologische Forschungsresultate durch gute Figuren weit klarer, und in jeden Zweifel ausschließender Weise, zur Anschauung gebracht werden, als dies durch das geschriebene oder gesprochene Wort möglich wäre. Neben der vom Gelehrten selbst oder unter dessen Anleitung hergestellten Handzeichnung ist die wissenschaftliche Photographie zur Darstellung selbst diffiziler, mikroskopisch kleiner Organismen schon seit Jahrzehnten im Gebrauch, und unsere großen optisch technischen Firmen befleißigen sich, die zur IVIikrophotographie nötigen Apparate ständig zu vervollkommnen. Es muß wundernehmen, daß das wegen seiner überraschenden und hochästhetischen Wirkungen allgemein bekannte optische Instru- ment, das es ermöglicht, in gewisser Weise her- gestellte Photographien vollkommen plastisch zu sehen, das Stereoskop, bis jetzt noch nicht, oder nur in sehr beschränktem Maße, in die bion- tologischen Forschungs- und Unterrichtsmethoden Eingang gefunden hat. Es dürfte einleuchten, daß niemals durch die einfache, nur in geringem Grade plastisch wirkende Photographie, und auch wohl kaum durch noch so künstlerisch hergestellte Handzeichnungen (die außerdem nie ganz frei von Subjektivität sein können) eine gleich klare, ja man könnte sagen, greifbare Darstellung von Xaturobjekten gegeben werden kann, wie dies durch gute, in der richtigen Weise hergestellte Photostereogramme') sich bewerkstelligen läßt. Wenn es sich z. B. um die Darstellung zarter, in besonders komplizierter Weise in allen drei Dimensionen verzweigter und ausgedehnter mikroskopischer Tiere oder Pflanzen, oder auch um die Erforschung von Hohlraum- und Ver- zweigungsverhältnissen im feineren Bau des tierischen Organismus handelt, leistet das Stereo- skop ganz unübertreffliche Dienste. Auch können seltene, oder gar nur in einem einzigen Exem- plare existierende Naturobjekte (wie die paläon- tologischen Unica, z. B. der Berliner Archäopteryx u. a. m.) der wissenschaftlichen Welt und dem interessierten Laienpublikum durch gute Photo- . Wilhelm Eerndt, IVrliii. Stereogramme weit besser zugänglich gemacht werden, als durch die üblichen .Abbildungsmetho- den. Bei paläontologischen Objekten kommt hinzu, daß es sich hier im wesentlichen um die plastischen Formverhältnisse, weit weniger um die Färbung und überhaupt nicht um Bewegungs- erscheinungen oder andere (für noch lebend zu beobachtende Objekte eventuell wichtige) Momente handelt, daß also ein Stereogramm eine der An- schauung des Objektes selbst fast gleich- wertige Vorstellung zu übermitteln imstande ist. Im folgenden soll an einigen Beispielen ge- zeigt werden, in welcher Weise das Stereoskop am Berliner Zoologischen Institute, dessen Direktor Prof. F. E. Schulze wohl als einer der ersten die Wichtigkeit dieses Instrumentes auch für die streng wissenschaftliche Forschung erkannte und erwiesen hat, seit einer Reihe von Jahren verwendet wird. Fig. I stellt eine Amoebe, und zwar die be- kannte Amoeba proteus Aut. bei 100 facher Ver- größerung dar.') Die Aufnahme ist nach einem vorzüglich gelungenen Dauerpräparate gemacht worden. Die Art, wie das Tierchen seine Fort- bewegungsorgane, — die im Leben in beständig wechselnder Gestalt aus dem weichen Protoplasma- körper heraustretenden Scheinfüßchen oder Pseudo- podien — , in allen Richtungen des Raumes aus- streckt, ist hier ganz besonders deutlich erkennbar. Es ist ersichtlich, daß die Scheinfüßchen größten- teils aus der äußeren Körperschicht, dem — den zentralen Partien gegenüber — mehr hyalin- durchscheinenden, helleren Ektosark bestehen, während der zentrale Teil von dem körneligen, mannigfache Einschlüsse bergenden Entosark ge- bildet wird. Von solchen Einschlüssen treten links unten im Sterogramm der Zellkern als großer dunkeler Klumpen, mehr nach rechts-oben zwei blasenartige Gebilde, Nahrungsvakuolen, in Erscheinung. Dieses und ähnliche Stereogramme dienen in denjenigen Kurs- und Unterrichtsstunden, in denen die Studierenden in die Kenntnis der einfachsten Lebensformen eingeführt werden, als willkommene Demonstrationsmittel. Die anderen beiden Photostereogramme ') Die zwei Photogramme, die zugleich durch das Slereo- skop betrachtet den plastischen Eindruck hervorrufen, mögen zusammen als ein ,, Photostereogramm" bezeichnet werden. ') Da ein Stereogramm mit einem Stereoskop ohne Hinterwand ohne weiteres hinreichend gut betrachtet werden kann, indem man das Stereoskop einfach auf die richtig beleuchtete .\bbildung stellt, braucht diese nicht heraus- geschnitten zu werden. Wir haben daher die Slereogramme, um an diese bequeme Methode, die bereits in anderen wiss. Büchern zur Anwendung gelangt ist, zu erinnern und zu ge- wöhnen , nicht auf eine Sondertafel drucken lassen. — Ked. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. ]X. Nr. I Fig. 2 und Fig. 3 wurden gelegentlich der grund- legenden Forschungen F. E. Schulze's über den feineren Bau der VVirbeltierlungen angefertigt. Da sie wissenschaftlich höchst wichtige Befunde in ausgezeichneter Weise zu demonstrieren ge- eignet sind, so möge hier eine etwas ausführlichere Beschreibung der durch sie dargestellten Objekte folgen. In Fig. 2 gelangt ein Teil eines mittels leicht- flüssigen (sog. Wood'schen) Metalles hergestellten Ausgusses der Lunge unserer schwarzgrauen Haus- ratte (Mus rattus L.) bei 8 facher Vergrößerung zur Darstellung. Zum Verständnis des Baues der Säugetier- lunge ist es nötig, daß wir zunächst zwischen den die Luft leitenden Wegen und denjenigen Teilen unterscheiden, welche die eigentliche Funk- tion der Lunge, den Gasaustausch zwischen Luft und Blut, besorgen, zwischen Bronchialsystem also und respirierendem Parenchym der Lunge. Das Bronchialsystem wird gebildet durch — bei allen Säugetieren im Prinzip gleichartige — kom- plizierte Verzweigungen des in jede der beiden Lungen eintretenden freien Astes der sich gabeln- den Luftröhre (die sog. Bronchi liberi tracheae). Die freien Bronchen verzweigen sich innerhalb der Lunge strauchartig und geben, nachdem sie, bei dieser Verzweigung immer enger werdend, ein gewisses Kaliber erreicht haben, Queräste ab, welche sich wiederum dichotomisch (bäum- oder strauchartig) teilen. Die aus dieser letzten Teilung hervorgehenden Röhrchen, die sog. Bron- chioli, sind die letzten, sehr engen Elemente des luftleitenden Wegs)-stems, die Endzweige gewisser- maßen des Bronchialbaumes, wie man die Ge- samtheit der luftleitenden Röhren treffend be- zeichnet hat. Die Bronchioli gehen direkt in die eigentlichen respirierenden Hohlräume über. Über die Gestaltung dieser respirierenden Hohlräume und über ihren Zusammenhang mit den luft- führenden Wegen bestehen noch wissenschaftliche Streitfragen. Der durch das Photostereogramm Fig. 2 dar- gestellte Metallausguß eines Endstückes der luft- leitenden Wege einer Rattenlunge mit dem daran ansetzenden respirierenden Hohlraumsysteme zeigt aufs deutlichste, daß die folgende Auffassung die richtige ist: Die letzten Endverzweigungen des Bronchiolus (des im Stereogramm links sichtbaren Metallstranges) setzen sich in ein baumartig ver- zweigtes Kanalsystem fort (im Stereogramm ist am oberen Ende und an zwei kurzen rechts liegen- den Seitenzweigen des Bronchiolus je ein solches Bäumchen sehr plastisch mit allen seinen Ver- zweigungen sichtbar), dessen Wandung aber nicht mehr, wie beim Bronchiolus, glatt und solide ist, sondern aus zahlreichen kleinen kugelig-polyedri- schen , seitlich aneinanderstoßenden Nischen, den sog. Lungenalveolen , besteht. (Im Metallausguß erscheinen die Alveolen als kleine, dicht neben- einanderstehende, Warzen- oder höckerartige Aus- sackungen auf der Oberfläche der Bäumchen). Nach der Beschaffenheit ihrer Wandungen wurden die Kanäle von ¥. E. Schulze Alveolargänge, ein aus ihnen gebildetes Kanalsystem Alveolarbäum- chen genannt. — Die Alveolargänge beginnen, wie am Photostereogramm deutlich ersichtlich, am Bronchiolus mit etwas engerem Lumen und erweitern sich ein wenig gegen ihr blindsack- artiges Ende hin. Eine Erweiterung des Gang- lumens an den Abtrittsstellen der dichotomisch abtretenden Seitenäste des Alveolarbäumchens, oder gar eine kugelförmige Auftreibung, von oder aus der die Seitenäste abgingen, ein sog. „Atrium" (wie es der amerikanische P'orscher Miller 1900 beschreibt) ist nicht vorhanden. — Auf weitere Feinheiten der in Rede stehenden Organisations- verhältnisse kann aus Raummangel nicht ein- gegangen werden. — Die hier ganz kurz skizzierte Auffassung vom Bau der Säugerlunge, deren Richtigkeit durch das mitgegebene Photostereogramm in unwiderleg- licher Weise dargetan wird, wurde von F. E. Schulze schon im Jahre 1871 entgegen der da- mals allgemein herrschenden und auch heute in vielen weitverbreiteten Lehrbüchern noch immer wiederkehrenden falschen Ansicht vertreten, daß den letzten Enden der engen Bronchialröhrchen nur je ein unverzweigter, an der Wandung mit Alveolen besetzter, trichterförmig sich erweitern- der Blindsack, das sog. ,,Infundibulum", aufsitze. Das häufig gebrauchte Gleichnis von der Him- beere am Stiel, durch welches die Verhältnisse in absolut unrichtiger Weise wiedergegeben wer- den, dürfte manchem noch aus dem Schul- oder Universitätsunterrichte erinnerlich sein. Plg. 3 stellt einen mit dem Mikrotom herge- stellten Schnitt durch eine mit gefärbter Leim- masse injizierte Lunge des afrikanischen Straußes (Struthio camelus L.) dar. Die Lunge der Vögel zeigt wesentlich andere und bedeutend kompliziertere Bauverhältnisse als diejenige der Säugetiere und sie bildet zusammen mit den übrigen luftführenden Hohlräumen des Vogelkörpers, den Luftsäcken und ihren Annexen, ein so vollkommenes Respirationssystem, wie es keine andere Wirbeltiergruppe besitzt. — Aus den grundlegenden Untersuchungen F. E. Schulze's über diesen Gegenstand können hier nur die allerwichtigsten Punkte hervorgehoben werden. Jeder der aus dem unteren Kehlkopf (Syriiix) hervorgehenden beiden großen Aste der Luftröhre (Bronchi liberi tracheae) tritt innerhalb der Lunge zunächst in einen erweiterten Hohlraum , das ,,Vestibulum", ein, von welchem ein gerader, star- ker Ast, der ,,Mesobronchus", etwa in geradliniger Verlängerung des freien Bronchus, bis an das caudale Ende der Lunge verläuft, um hier in den abdominalen Luftsack einzumünden. Vom Vesti- bulum und Mesobronchus treten in fiedriger An- ordnung Seitenäste (Hauptäste) ab, und zwar vom Vestibulum die die ventralen Partien der Lunge versorgenden, sog. „Ventribronchen", vom Meso- bronchus neben anderen die zum dorsalen Lungen- N. F. IX. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Fig. I. .\iniielia protcus Aut. w-3«<» m^ Fig. 2. Teil eines Ausgusses tler Lunge von Mus rattus. Fig. 3. Schnitt durch die Lunge des at'rikanischea Straußes. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. I teil ziehenden, sog. „üorsibroncheii". Von diesen hauptsächlich an der I.ungenoberfläche verlaufen- den Hauptästen , sowie stellenweise auch vom Mesobronchus , treten — soweit diese Hauptäste an das respirierende Parenchym anstoßen — , vor- wiegend im rechten Winkel zu ihrer Hauptachse feine Kanäle ab, welche das respirierende Paren- chym durchsetzen und Parabronchen oder Lungen- pfeifen heißen. (In F"ig. 3 sind drei solcher Para- bronchen im Querschnitt getroften , einer oben, zwei unten im Photostereogramm ; sie treten als dunkle Hecken in Erscheinung, von welchen nach der Mitte zu feine Kanäle, die sogleich zu be- sprechenden Bronchioli mit den Luftkapillaren, ausgehen. Die Injektionsmasse hat sich ein wenig von den Wandungen zurückgezogen, so daß die Parabronchen nicht ganz gefüllt erscheinen. In der Mitte des Stereogramms etwa ist ein größeres Blutgefäß, quer getroffen , sichtbar.) Von diesen häufig anastomosierenden Parabronchen, deren Wandung verhältnismäßig dick und schwammig erscheint, treteti nun unter rechtem Winkel wieder- um Oueräste ab, die Bronchioli, deren letzte End- verzweigungen feine, sehr enge, vielfach verzweigte und miteinander sehr reichlich anastomosierende Röhrchen, die ,, Luftkapillaren" , darstellen. Die Luftkapillaren bilden miteinander ein allseitig anastomosierendes Netzwerk, dessen Maschen und Lücken von den feinsten Blutgefäßen der Lunge, den Blutkapillaren, vollkommen ausgefüllt werden, indem deren Wandungen mit denjenigen der Luftkapillaren verschmelzen. Luft- und Blutkapil- laren bilden zusammen die dicke, schwammige Wandung der Parabronchen, d. h. das eigentliche respirierende Parenchym der Lunge, in welchem der Gasaustausch zwischen Luft und Blut stattfindet. Bezüglich des feineren Baues des respirierenden Parenchyms zeigt es sich bei Be- trachtung der Figur 3, bei welcher gerade diese feinsten Texturverhältnisse besonders plastisch hervortreten, ohne weiteres, daß die Bronchioli mit ihren letzten Endverzweigungen, eben den Luftkapillaren, nicht in kleinen blindsack- artigen Aussackungen endigen — eine Ansicht, die bis vor kurzem die allgemein herrschende war — sondern daß die von Fischer und F'. E. Schulze bestätigte Auffassung die allein richtige ist, nach welcher die letzten Luftwege ein all- seitig anastomosierendes Netzwerk von Luftkapillaren annähernd gleichen Kalibers bilden, in dessen Maschenwerk die Blutgefäße liegen. Während die beiden letzteren Photostereo- gramme also mehr der eigentlichen P'orschung dienten, ist, wie vorerwähnt, das erste für Unter- richtszwecke bestimmt. Das Zoologische Institut besitzt jetzt schon eine Unterrichtssammlung von über 300 derartigen Photostereogrammen beson- ders von niederen Tieren, zarten und komplizierten Larvenformen und den feinsten Strukturverhält- nissen des Körpers höherer Tiere, welclie Dar- stellungen außerdem noch den großen Vorteil haben, daß sie ein — dem mikroskopischen Prä- parat gegenüber — dauerhaftes, beliebig zu ver- vielfältigendes Anschauungsmaterial bilden, welches auch dem im Mikroskopieren ungeübten Anfänger Gelegenheit gibt, leicht und schnell einen Ein- blick in die Plastik der Organisationsverhältnisse zu erlangen und sich von sonst schwerverständ- lichen Strukturen die richtige Vorstellung zu bilden. Auch sind zahlreiche vorzüglich gelungene Stereoaufnahmen besonders interessanter paläonto- logischer Objekte des Berliner Paläontologischen Museums, so eines prachtvoll erhaltenen Ichthj-o- sauruskopfes, eines Säbeltigerschädcls, besonders schöner Trilobitenformen, zierlich gestalteter Am- monitenkammern u.a.m. vorhanden, deren Originale der Direktor des Museums, Herr Geheimrat Branca, in liebenswürdigster Weise leihweise zur Verfügung stellte. In Kursen und Vorlesungen gelangen die Photostereogramme in besonderen, nach Angaben des Institutsdirektors hergestellten Schaukästen zur Aufstellung, wodurch die meist sehr wertvollen Bilder vor Beschädigungen durch die Studierenden soweit als tunlich geschützt werden. Was nun die Verwendung von Photostereo- grammen statt gewöhnlicher Abbildungen bei wissenschaftlichen Publikationen anlangt, so lassen sich die Stereogramme des üblichen — hier wieder- gegebenen — Formates leicht auf den gewöhn- lichen Tafeln wissenschaftlicher Zeitschriften unter- bringen; auch können sie bei Zeitschriften größe- ren F"ormates, wie der hier vorliegenden, als Textfiguren gegeben werden. Zur Betrachtung dieser in der Literatur publizierten Stereogramme kann ein gewöhnliches Kastenstereoskop Verwen- dung finden, dessen meist aus Milchglas bestehende Frontscheibe herausgenommen M ist, und das in entsprechender Weise auf das Stereogramm auf- gesetzt wird. Auch hat Professor F. E. Schulze ein sehr einfaches und billiges Plattenstereo- skop'-) angegeben, welches nach Art eines Lor- gnons vor die Augen gehalten wird und mit wel- chem bei ein wenig Übung jedes Stereogramm vollkommen plastisch gesehen werden kann. Literatur. Schulze, F. E., Über die Lungen. Stricker's Handbuch der Gewebelehre. 1871/72. — — , über den Bau des respiratorischen Teiles der Säuger lange. Sitzungsber. d. Kgl. Preuß. Akad. d. Wissensch V. 7. Jan. 1904. — — , Beiträge zur Anatomie der Säugetierlunge. Sitzun ber. d. Kgl. Preuß. .^kad. d. Wissensch. VI. 1906. — — , Die Lungen des afrikanischen Straußes. Sitzungsber, d. Kgl. Preuß. Akad. d. Wissensch. X.\. 1908. — — , Zur Anatomie der Cetaceenlunge. Sitzungsber. d. Kgl Preuß. Akad. d. Wissensch. XX VIII. 1908. — — , L'ber die Funktion der Luftsäcke bei den Vögeln Sitzungsber. d. Kgl. Preuß. Akad. d. Wissensch. XXIV 1909. Fischer, G. : Der Bronchialbaum der Vögel. — ,,Zoologica, H. 45". ') Das Herausnehmen der Frontscheibe geschieht am besten nach vorherigem Ausleimen eines ihrer seitlichen Ein- fassungsstücke mittels heißen Wassers. '') Erhältlich bei der F'irma C. Eckenrath, Berlin, Kunig- grätzerslrafie 68 zum Preise von 2,50 Mk. N. F. IX. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Über das Wesen, die Bildungsgeschichte und die sich daraus ergebende Klassifikation der Kaustobiolithe. [Nachdruck verboten. ' l'^i» S.immcl-Refcrut nach clge Seit Jahren ist es mein Bemühen, ein besseres Verständnis für die brennbaren organogenen Ge- steine und eine iiatürliciie Klassifikation für sie zu gewinnen, und zwar habe ich das zu erreichen gesucht durch ein möglichst weitgehendes Studium der heutigen \'erhältnisse, der Art und Weise wie, und der ( )rtlichkeiten wo sich heute solche Gesteine bilden, um dadurch Vergleichs- und Anhaltspunkte für die Eigentümlichkeiten zu ge- winnen, wie sie die Lagerstätten der Steinkohlen usw. aufweisen. Ich bin auf diesem Wege zu der folgenden Einteilung der genannten Gesteine gelangt. Sie gehören als Untergruppe zu den Biolithen, d. h. zu denjenigen Gesteinen, die ihren Ursprung den Organismen verdanken. Die Biolithe können 1. Kaustobiolithe sein, das sind also diejenigen Gesteine, die uns hier interessieren, oder 2. A kausto- biolithe, also die nicht brennbaren Biolithe, wie z. B. Korallenkalk, die Schreibkreide der Kreide- formation usw. Die Kaustobiolithe zerfallen in drei große Gruppen: i. die Sapropelite, 2. die Humusgesteine und 3. die Lipto- biolithe. Daraus ergibt sich folgendes Schema: Biolhhe Akaustobiolithe Kaustobiolithe Sapropelite Humusgesteine Liptobiolithe. Sapropelite. — Die Sapropelite entnehmen ihren Namen der Tatsache, daß sie in frischem Zustand ein breiig fließender Schlamm sind, der aus organischen Resten unter Fäulnisbedingungen entsteht. Wo sich auf der Erde ruhige oder ver- hältnismäßig ruhige Wasserstellen finden, bei denen die die intensivere Zersetzung des organi- schen Materials bedingende Sauerstoffzuführung fehlt oder wesentlich zurückgehalten wird , da können sich die absterbenden, auf den Boden des Gewässers niedersinkenden Wasserorganismen nicht vollständig zersetzen (verwesen), sondern es bleibt auf dem Boden des Wassers ein brennbarer organischer Rest zurück, der, sich ständig an- häufend, schließlich einen organischen Schlamm erzeugt: das Sajiropel, den Faulschlamm. Die hervorragendste Rolle bei der Bildung des Faulschlammes spielen nun nicht etwa, wie man zunächst annehmen könnte, die Großorganis- men, wie Fische u. dgl., sondern die mikroskopi- schen Schwebeorganismen, sowohl Pflanzen als auch Tiere (das Plankton), sind seine wesentlichen Urmaterialien. Denn diese echten Wasserorganis- men ergeben eine weit größere Menge organischen Stoffs in den geeigneten Gewässern als die Groß- organismen, die in dieser Beziehung geradezu ver- schwinden. Es ist bemerkenswert, daß sich die neu Arbeiten von H. Potonie.') echten Wasseorganismen (echte, weil von den nachträglich zum Wasserleben zurückgekehrten Pflanzen, wie den Wasserrosen usw., hier abgesehen wird) sowohl tierischer als auch pflanzlicher Natur in chemischer Hinsicht einander sehr ähnlich sind und in dieser Hinsicht von den Land- und Sumpf- pflanzen abweichen, da die ersteren durch ihren hohen Fett- und Protemgehalt, die letzteren durch ihren besonders hohen Gehalt an Kohlenhydraten charakterisiert sind. Die Kaustobiolithe, die daher aus der einen oder andern Gruppe von Organis- men hervorgehen, sind in wesentlichen Punkten verschieden. Sapropelite heißen alle diejenigen Gesteine, die so reich an Sapropel sind, einschließlich des Sapropels selbst, daß dadurch dem Gestein wesent- liche Eigenschaften verliehen werden, gleichgültig, ob es sich um den Kaustobiolith noch im Schlamm- zustande handelt , oder ob er subfossil gallertige Konsistenz angenommen hat, oder endlich fossil bereits vollständig erhärtet ist. Es ist begreiflich , daß die Stellen , die Faul- schlamm erzeugen, auch leicht eine Zuführung von anorganischem Mineral erhalten, sei es durch den Wind, der Dünensand oder Staub (Löß) hin- einbläst, sei es durch Zuflüsse, die ihre Trübe ab- setzen , etwa ihre Tontrübe, die sich mit dem entstehenden Faulschlamm vermischt, so daß dann ein Sapropelton entsteht. Wo das Wasser sehr kalkhaltig ist, leben in ihm natürlich Kalkskelett und -schalen bildende Organismen besonders reichlich, so daß wir dann zuletzt einen Kalksapropel oder bei reicherm Kalkgehalt einen Sapropelkalk, oder endlich, wenn nämlich die verbrennbare organische Sub- stanz vollständig zersetzt ist , einen organogenen Kalk, wie die Rügener Schreibkreide oder unseren Wiesenkalk oder Moorkalk, erhalten : der Kausto- biolith geht dann zu den Akaustobiolithen über. Wo Kalk fehlt, aber kieselschalige Organismen in großer P"ül!e zu leben imstande sind , da ent- steht demensprechend ein stark Kieselsäure füh- render Sapropelit (wie z. B. der Diatomeen- pelit, die Kieselgur), der je nach den Um- ständen ebenfalls mehr oder weniger brennbare organische Substanz oder gar keine mehr ent- halten kann. Wenn nun auch die Zersetzung bei der Faul- schlammbildung duich den Mangel an Sauerstofi' sehr weitgehend zurückgehalten wird, so hört doch selbst die weitere, wenn auch sehr langsam vor- sichgehende Zersetzung selbst dann nicht auf, wenn ein Zugang von Sauerstoff gänzlich ausge- ') Vgl. besonders I. Die Entstehung der Sieinkohle (4. Aufl. 1907, 5. in Vorbereitung), 2. Eine Klassifiktion der Kaustobiolithe (Sitzungsber. d. k. preuß. Akademie der Wiss. iqo8) und 3. Die rezenten Kaustobiolithe und ihre Lager- stätten. Bd. 1. Berlin 190S (Bd. U erscheint 1910). Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. I schlössen ist. Dann erfolgt vielmehr eine sehr langsame Selbstzersetzung, die sich u. a. durch die Entwicklung von Kohlendioxyd und auch Methan anzeigt. Sie ist dadurch charakterisiert, daß der Sauerstoffgehalt des Kaustobioliths mehr und mehr abnimmt, der Wasserstoffgehalt jedoch — und das ist besonders wichtig — so gut wie ständig derselbe bleibt. Dadurch entstehen relativ wasserstoffreiche Kohlenwasserstoffe, d. h. Gesteine, die man als besonders bituminös zu bezeichnen pflegt. Diesen Zersetzungsvorgang, der durch die Eigenartigkeit der Urmaterialien des Sapropels bedingt ist, bezeichne ich daher als Bi tu mi- nier ung. Die besonders wasserstofifreichen Kohlen , die Matt kohlen sind, gehören zu den Sapropeliten : aus der Tertiärformation der Dysodil, aus dem Karbon die Kannelkohle, die Boghead- kohle usw. Sapropelite gibt es in zahllosen und mächtigen Lagern ohne Ausnahme in jeder geologischen Formation ; die Sapropeltone oder -mergel sind fossil unter dem Namen Stinkschiefer oder bituminöse Schiefer, die Sapropelkalke unter dem Namen Stinkkalk oder bituminöser Kalk benannt. Bei diesem außerordentlich verbreiteten Vor- kommen müssen bei den Bewegungen der Erd- kruste, welche die Gebirgsbildung im Gefolge hat, und den damit verbundenen weitgehenden Landsenkungen immer wieder Sapropelitlager in größere Teufen geraten sein , wo eine höhere Temperatur herrscht. Diese in Verbindung mit dem dort vorhandenen Druck wird vielfach die Sapropelite soweit angreifen können , daß es bis zu einer Druckdestillation kommt; die Folge ist dann die Entstehung eines flüssigen Kohlen- wasserstoffgemenges als Destillationsprodukt, das wir als Petroleum kennen. So kann man unter denselben Bedingungen im Laboratorium unter Druckdestillation Petroleum schon aus rezentem Faulschlamm, ja sogar aus sapropelbil- denden Organismen herstellen. Petroleum würde daher in unserer Klassifikation ein abgeleiteter Sapropelit sein. ') Humusgesteine. — Unter Humus versteht man jetzt das aus abgestorbenen Pflanzen oder Pflanzenteilen nach ihrer unvollständigen Zer- setzung hervorgehende brennbare, braune oder schwarze Material. Da Humus sehr stark färbt, macht z. B. ein nur wenige Prozente Humus ent- haltender Sand einen sehr stark humushaltigen Eindruck, oder er kann wie reiner Humus aus- sehen. Das Volk pflegt bereits solche dunkel- gefärbten Bodengesteine, z. B. die Erde der Park- *) In einer der nächsten Nummern werde ich näher auf die interessante historische Tatsache eingehen, daß — wie mir erst kürzlich bekannt geworden ist — das subfossile Sapropel , das ich wegen seines gallertigen Zustandcs als Saprokoll bezeichnet habe, von dem hervorragenden Che- miker Klaproth schon vor rund loo Jahren vom Torf unterschieden worden ist '. böden, Humus zu nennen; es ist jedoch nach- drücklich daran festzuhalten, daß eben nur das kaustobiolithische Material Humus ist und die gegebenenfalls beigemengten anorganischen Be- standteile nicht mit dazu gehören. Im getrock- neten Zustande ist Humus mehr fest — aber niemals so hart wie Sapropel — , filzig oder auch krümelig. Die Urmaterialien für Humus sind Pflanzen, und zwar Landpflanzen, jedenfalls solche, deren oberirdische Teile wesentlich an der Luft leben ; die Sumpfpflanzen, d. h. diejenigen, die mit ihrem Fuße im Wasser oder in einem nassen Boden zu leben wünschen, spielen die hervorragendste Rolle, denn die Haupthumusbildungsstätten sind ständig nasse Ortlichkeiten, deren Wasser so träge ist, daß eine Sauerstofifzuführung für eine vollständige Verwesung verhindert wird. Demnach sind es stagnierende Wasserstellen, sofern sie flach genug sind, daß Sumpfpflanzen dort wachsen können, die hier in Frage kommen, und Ortlichkeiten, deren Luftfeuchtigkeit bzw. deren Niederschläge hin- reichen, um den Boden stets vernäßt zu erhalten. Wo diesen Bedingungen genügt ist, entstehen aus den absterbenden Pflanzenmassen mächtige Humus- lager, die man als Moore bezeichnet. Der Humus der Moore ist der Moortorf. Es gibt nämlich noch andere Humusarten, von denen als Beispiel nur der Moder genannt sei. Es ist ein in stärkerer Zersetzung als der Torf begriffenes Humusmaterial und findet sich z. B. in Wäldern mit gut durchlüftetem Boden und starkem Laubfall bzw. starker Pflanzenproduktion, bei deren Zersetzung daher leicht etwas Humus zurückbleibt. Gegenüber dem Torf handelt es sich aber um ganz untergeordnete Vorkommen. Wo eine stärkere Bodenbewegung durch regel- mäßig grabende Tiere vorhanden ist, wird der Moder oder auch anderer Humus dem anorganisch - mineralischen Boden beigemengt, und so entsteht das, was man Humuserde nennt. Die den Humus produzierenden Organismen sind generell von den Sapropel erzeugenden Organismen in chemischer Hinsicht stark ver- schieden. Da bekanntlich die Landpflanzen wesent- lich aus Kohlenhydraten bestehen, ist es begreif- lich, daß die Zersetzungsprodukte, d. h. die resul- tierenden Kaustobiolithe, von denjenigen, die Sapropel als Grundlage besitzen, abweichen müssen: Es entsteht eben Humus oder fossiler Humus, nämlich (Humus-) Braun- und Steinkohle, die schon durch ihren weit geringern Gasgehalt von den Sapropeliten abweichen. Gegenüber der Bituminierung bei den Sapropeliten — um ihren Zersetzungsprozeß als bestimmt charakterisiert hervorzuheben — sprechen wir bei den Humusgesteinen von einer In- kohlung, die dadurch von der Bituminierung abweicht, daß hier nicht nur der Sauerstoffgehalt, sondern auch der Wasserstoffgehalt allmählich immer mehr und mehr abnimmt. Wir bezeichnen diesen Vorgang nicht als Verkohl ung, weil N. F. IX. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. sinngemäß hierunter ein Zukolilenstoft'werden ver- standen werden müßte, entsprechend der Ver- kohluiig des Holzes in einem Meiler. Bei der Verkolilun>j entsteht Holzkohle, die fossil in fast allen Kohlen vorkommt und sich infolge von Brand u. dgl. zur Zeit der Entstehung des Lagers gebildet hat. Bei der Inkohlung ent- steht Humus (Torf, Kohle usw.), und dieses Er- zeugnis der Natur ist kein Kohlenstoff, sondern ein Gemenge von Verbindungen, im wesentlichen von festen Kohlenwasserstoffen. Nicht nur in chemischer Beziehung sind die Sapropelite und Humusgesteine voneinander ver- schieden, sondern sie unterscheiden sich auch in physikalischer und sonstiger Hinsicht. Enthalten die Sapropelite nur eine hinreichende Menge organischer Substanz, so sind sie in luft- trocknem oder in fossilem Zustande ungemein hart und fest und nur durch starke Schläge mit dem Hammer muschelig brechend zu zerschlagen. Humusgesteine hingegen, mögen sie rezent sein oder paläozoisches Alter haben, sind stets leicht mechanisch angreifbar. Selbstverständlich gibt es dabei Übergangsbildungen, denn wo Torf entsteht, kann sich z. B. während der Überschwemmungen auch Sapropel bilden, und es ergibt sich dann ein gemischter Kaustobiolith, wie er z. B. auch fossil in der westfälischen Streifenkohle vorliegt, deren Glanzkohlenstreifen dem Torf und deren Mattkohlenstreifen dem Sapropel entsprechen. Fig. I. Mikrosko])isches Bild einer Flaclimoortorl-Probe. Unten gehen Gewebefetzen höherer I.andpflanzen durch das Bild. Unter dem Mikroskop zeigen die Humusge- steine — gleichgültig ob sie rezent, subfossil oder altfossil sind — in einer flockigen, sonst homo- genen Grundmasse eingebettet figurierte Bestand- teile, die sich für den botanisch anatomisch Be- wanderten sehr leicht als von höheren Land pflanzen herstammend herausstellen (s. Fig. i). Ganz anders ist es bei den Sapropeliten, bei denen es natürlich ebenfalls gleichgültig ist, ob sie rezent, subfossil oder ganz alt, etwa karbonisch, sind. Hier erblickt man übereinstimmend unter dem Mikroskop, sofern in der homogenen Grund- masse noch geformte, von den Organismen her- rührende Bestandteile zu erkennen sind, solche von echten VVasserorganismen : mikroskopische Algen, kleine Krebse u.. dgl. (s. I""ig. 2). f% s Fig. 2. Miliroskopisches Bild von F'aulschlamm mit mehr- zelligen Algen usw. Diese Übereinstimmungen der fossilen Kausto- biolithe mit den rezenten zur Aufklärung ihrer Entstehung und ihres Wesens dürften genügen. Von den Humuslagerstätten der Jetztzeit sind es ausschließlich die Moore, die eine gewaltige Menge von Humus produzieren und in dieser Beziehung allein mit den Lagerstätten unserer fossilen Humusgesteine, den Braun- und Stein- kohlenvorkommen zu vergleichen sind. Je nach der für die Pflanzen ausnutzbaren Bodennahrung unterscheidet man Flach-, Zwischen- und Hochmoore. Da die Menge der ausnutz- baren Bodennahrung sich in der Eigenart, insbe- sondere in der größeren oder geringeren Üppig- keit bzw. Kümmmerlichkeit der Vegetations- bestände zu erkennen gibt, so kann man auch sagen, die genannten Moortypen unterscheiden sich nach ihrem Vegetatioiisbestande. Die Flach- moore bergen strotzend und üppig aufwachsende Pflanzengestaltungen, die Hochmoore ganz im Gegensatz dazu kleine Pflanzenformen mit geringer Stoffproduktion, während die Zwischenmoorvege- tation eine Mittelstellung einnimmt. Schon bei geringer Kenntnis von den Steinkohlenpflanzen wird man von vornherein vermuten, daß die Steinkohlen-, aber auch die Braunkohlenlager und die Kohlenvorkommen der anderen geologischen E'ormationen nur fossile Flachmoore sein können. Das hat sich in der Tat namentlich für die -Stein- kohlenlager als richtig herausgestellt, nachdem unter Tropenklima, nämlich am Aciuator auf Sumatra, ein großes Flachmoor gefunden worden ist, dessen Pflanzentypen in vielen, und zwar 8 Naturwissenschaftliche W'ocheuschrilt. N. F. IX. Nr. I besonders bemerkenswerten Punkten an Eigen- tümHchkeiten von Karbonpflanzen erinnern. Dar- aus ergibt sich die Richtigkeit der Anschauung: Die Steinkohlenlager des Karbons sind fossile Moore vom Typus unserer heutigen Tropen- flachmoore. ') Bei dem allgemein vorhandenen Interesse, die ursprüngliche Natur unserer Steinkohlenlager kennen zu lernen, sei auf die angedeutete Tat- sache noch mit einigen Worten näher eingegangen. Die Moorkundigen waren bisher der Meinung, daß unter tropischem Klima Moore nicht vor- handen sein und sich demnach nicht bilden könnten. Bei einem solchen Stand unserer Kennt- nis ist es ein wesentlicher Schritt vorwärts, wenn wir jetzt wissen, daß das Tropenklima eine weit- gehende Moorbildung durchaus nicht verhindert. Wir kennen jetzt den Torf des genannten Tropen- moores, der bis 9 m mächtig dort vorkommt. Er ist in dem mir vorliegenden lufttrocknen Zu- stande pulverig und sehr gleichmäßig dunkel- braun wie erdige Braunkohle gefärbt. Aus einer chemischen Analyse ergibt sich, daß die Torfiiatur des Tropen-Flachmoorbodens ganz und gar nichts zu wünschen übrig läßt, und daß es sich bei ihm nach den Begriffen unserer norddeutschen Torf- techniker um einen guten Brenntorf handelt, da er nur einen Aschengehalt von 6,39 "j, der absolut trocknen Substanz gegenüber 5,09 und 7,04 "u zweier Vergleichproben norddeutscher Flachmoor- torfe besitzt. Dabei ist zu berücksichtigen, daß als Brenntorf noch ein Torf bezeichnet wird, der bis zu 30"/,, Asche enthält. Danach ist der Tropentorf ein besonders guter Brenn- torf, und zwar ein absolut typischer Flachmoortorf. Damit ist nunmehr der Nachweis geliefert, daß auch unter Tropenklima an dauernd mit ruhigerem Wasser besetzten Örtlich- keiten große Torflagerstätten, und zwar große SumpfFlachmoore ent- stehen können; wohlverstanden in erster Linie und vielleicht ausschließlich Sumpf-Flach- moore oder allgemeiner Sumpfmoore, weil kaustobiolithisches Material sich überall unter Wasser leichter erhält als über dem Grund- wasser. Dieses Ergebnis des sicheren Vorkommens eines großen ordentlichen, bodeneigenen (autoch- thonen) Torflagers unter Tropenklima, noch dazu in der Nähe des Acjuators, hat nun nicht nur eine hervorragende Bedeutung für die Moorkunde, sondern auch für die Erkenntnis der Kohlenlager führenden geologischen Formationen, zumal des Paläozoikums; denn bei der Tatsache, daß die Pflanzen der produktiven Steinkohlenformation tropischen Habitus und weitere Eigentum- ') Vgl. meine Abhandlung ,,Die Tropen-Sumpfflaelimoor- Natur der Moore des produktiven Carbons" (Jahrb. der Kgl. Preuß. Geologischen Landesanstalt für 1909. Als Sonderdruck EU haben bei der Vertriebsstelle der genannten Anstalt) Berlin 1909. lichkeiten aufweisen, die heute die Tropenpflanzen auszeichnen , ist die Frage nach der Torf- bildung in den Tropen von erheblicher Wichtig- keit. Glaubte man doch, — veranlaßt durch die immer wiederkehrende Angabe des Fehlens von Torflagerstätten unter Tropenklima — zu beson- deren Hypothesen greifen zu müssen, um den Widerspruch zu lösen, der sich in dem Vor- kommen fossiler Moore (Steinkohlenlager), gebildet aus Vegetationen von Tropenpflanzenhabitus, zu erkennen gibt. Auch in diesem Falle kommt man also nunmehr zur Erklärung dieser Erschei- nung vollständig mit Vergleichsdaten aus, wie sie die heutigen Verhältnisse bieten. Diejenigen Moore der Jetztzeit, die man bisher — mangels anderer Beispiele — besonders gern mit den Karbonmooren zu vergleichen geneigt war, wie die gut bekannten großen Moore im atlantischen Flachland des mittleren Nordamerikas, so den ,,Great Dismal Swamp", liegen nicht in den Tropen, im Winter kann es sogar sehr kalt dort sein. Unter diesen Umständen lagen die Vergleichs- punkte mit den Pflanzen der Karbonmoore natur- gemäß ziemlich fern. Jetzt haben wir aber durch die Entdeckung des Sumatra-Tropenmoores einen erfreulichen ersten Einblick in die Lebensart einer Tropenmoor- Vegetation gewonnen und sind nun- mehr in der Lage, auf diejenigen Merkmale der paläozoischen Floren zu achten, die im Vergleich mit denjenigen der heutigen Floren für die Moor- natur der Steinkohlenlager des Paläozoikums sprechen. Die Vergleiche zwischen der rezenten Tropen- Sumijfflachmoorflora und der Karbonflora habe ich in der genannten Abhandlung gezogen; es würde hier zu weit führen, darauf näher einzu- gehen, und es sei daher nur kurz darauf hinge- wiesen, daß der Gesamtcharakter der Karbon- pflanzen, ihre Größe und Üppigkeit unbedingt demjenigen von Flachmoortypen entsprechen: die Hochmoorpflanzen sind klein und tragen, so auf- fällig es scheint, Merkmale von Pflanzen, die trockene Gelände bewohnen. Auch sei daran erinnert, daß sich bis jetzt im Paläozoikum noch keine Moosreste gefunden haben, überhaupt nichts, das sich mit einiger Wahrscheinlichkeit so deuten ließe. Die Epoche der Moose mag allerdings noch in weitem F'elde gelegen haben, andererseits ist aber nicht zu vergessen, daß, wenn bereits Moose vorkamen, sie wie heute in den mit un- seren Tropenmooren zu vergleichenden fossilen (Steinkohlen-)Mooren eventuell ebenfalls nicht ihre eigentliche Wohnstätte halten. In unseren heu- tigen Hochmooren jedoch spielen die Moose (in erster Linie die Sphagnen) unter allen Pflanzen- typen die Hauptrolle. Diese Moose sind aber nordische Pflanzen, unsere Flachmoorpflanzen hin- gegen weisen auf den Süden. Die Calamariaceen des Paläozoikums sind als Bestände riesige „Röhrichte" gewesen, und unsere heutigen Röhrichte im weitesten Sinne sind in N. F. IX. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. erster Linie Flachmoor- Verlandungs-Sumpfpflanzen- beslände. Audi die übrigen Ptlanzengruppen der Karbonmoore, deren heutige nächste Verwandte durchschnittlich kleinere Formen aufweisen, waren zur Karbonzeit vielfach baumförmig, so eine An- zahl von P'arnen, Lepidodendraceen und Sigillaria- ceen. Die Sphenopliyllaceen dürften ihrer ganzen Ausbildung nach mit iiiren oberen Teilen schwim- mende Wasserpflanzen gewesen sein. So spricht alles für die Sumpfpflanzen- und Moornatur der Karbonpflanzen und eine Anzahl anderer Tat- sachen für ihre Tropenpflanzennatur. Von diesen letzteren sei nur eine einzige hier als Beispiel herausgeiioben. Wie die tropischen Holzgewächse vermöge des günstigen Klimas nicht selten ein stetiges Dicken Wachstum haben und somit oft der durch ein periodisches Wachstum bedingten Jahresringe entbehren, so fehlen Jahresringe den Holzgewächsen des Kar- bons durchweg. Diese Tatsache ist ferner ein Hinweis darauf, daß den uns bekannten Karbon- pflanzen ständig genügend Wasser zur Verfügung stand , wie das in Sumpfmooren der F'all ist. Denn in den heutigen Tropen steht eine Zu- wachszonenbildung in Beziehung zu einem Wechsel von nassen Perioden mit trockenen, wie in un- serer mittleren gemäßigten Zone zu dem Wechsel eines das Pflanzenwachstum wesentlich unter- brechenden Winters mit einem warmen Sommer. Die besonders reichliche Moorbildung im Kar- bon und Tertiär erklärt sich in erster Linie aus der Tatsache, daß diese Formationen die Zeiten hervorragender Gebirgsbildung gewesen sind, wo- durch Täler geschaffen wurden und große, ins- besondere durch Meeresküsten angezeigte Senkungs- gebiete, die für Moorbildungen außerordentlich günstige Örtlichkeiten waren. Bei einer ständigen und fast stetigen Landsenkung mußten an vielen Stellen große Moore entstehen, die oft von alloch- thonen Sedimenten bedeckt und so durch Gestein- zwischenmittel getrennt wurden. Es ist wiederholt die Frage aufgeworfen, be- jaht und von anderen Seiten wieder verneint worden, ob die Reihenfolge Torf, Braunkohle, Steinkohle, Anthrazit den natürlichen Entwick- lungsstadien des Humuskaustobioliths entspreche, d. h. ob aus Torf Braunkohle, aus dieser Schwarz- kohle (Steinkohle), und aus dieser Anthrazit im Verlaufe der Zeiten und bei der weiteren Um- bildung des Gesteins werde. Nach Maßgabe der Selbstzersetzung, die, wie sich aus den Exhala- tionen von C0._, und CHj ergibt, stattfindet, wird der Kaustobiolith immer sauerstofiärmer und reicher an Kohlenstoff; danach ist gegen die an- gegebene Reihenfolge, die in chemischer Hinsicht der genannten Tatsache durchaus gerecht wird, nichts einzuwenden. Sie wird durch alle übrigen Tatsachen unterstützt, die schlagend klarlegen, daß die Braun- und Steinkohlenlager Moore wie die heutigen Torflagerstätten gewesen sind. Trotz- dem hat die Ansicht etwas Berechtigtes, daß aus Braunkohle der Tertiärzeit nicht ganz genau das- selbe Material werden kann wie die Steinkohle der Steiiikohlenformation. Das liegt an folgendem: Die Pflanzenwelt hat sich im Verlaufe der geologischen Formationen von einfacheren zu verwickeiteren Bauverhält- nissen umgestaltet. Manche Eigeniümlichkeiten, die wir an heutigen Pflanzen sehen, und die ihnen nützlich sind, fehlten noch den Gewächsen des produktiven Karbons. Hier ist es besonders ein hervorzuhebender interessanter Unterschied zwi- schen der Vegetation des produktiven Karbons einerseits und der Tertiärformation andererseits, nämlich der, daß viele Pflanzen der Tertiärforma- tion harzausscheidende Organe besaßen, die den Pflanzen der Steinkohlcnformation noch gänzlich fehlten oder die dort jedenfalls ganz wesentlich zurücktraten. Die Harze sind für die Pflanzen Mittel zum Wundverschluß. Wo durch Wind- bruch, Tierfraß usw. eine Wunde entsteht, die den Atmosphärilien zugänglich ist und der Pflanze leicht Verderben bringt, wird sie von den harz- absondernden Pflanzen luftdicht abgeschlossen, so daß Nässe, Feuchtigkeit und sonstige störende Umgebungsbedingungen in ihren schädlichen Wirkungen beseitigt werden. Eine stark harz- haltige Flora ergibt aber naturgemäß einen an- deren Kaustobiolith wie eine Flora, deren che- mische Materialien so gut wie ausschließlich Kohlenhydrate sind, umsomehr, als Harze für unsere Begriffe so gut wie unzersetzbar sind und sich daher bei der weiteren Selbstzersetzung der Kaustobiolithe anreichern. Das kaustobiolithische Endprodukt von Karbonpflanzen und Tertiär- pflanzen muß daher verschieden ausfallen. Liptobiolithe. — Diese Betrachtung führt uns zu der dritten Gruppe der Kaustobiolithe: zu den Liptobiolithen. Der Name soll andeuten, daß die so bezeichnetenKaustobiolithe zurückgeblieben sind. Das ist in dem Sinne zu verstehen, wie es eben angedeutet wurde. Wo Landpflanzenreste, die stark harz- oder wachsharzhaltig sind, sich zer- setzen, werden die genannten Produkte sich schließlich so anreichern können, daß sie fast allein zurückbleiben. Dafür haben wir ein gutes Beispiel aus der Jetztzeit. In Südafrika kommt eine Pflanzengattung vor, die mit den bekannten Pelargonien verwandt ist; das ist die Gattung Sarcocaulon. Sie lebt in äul3erst trockenen Gebieten und besitzt zum Schutz gegen austrocknende Winde einen sehr starken Panzer aus Wachsharz. Die Pflanzen brennen daher wie Pech und Siegellack und werden u. a. Buschmannkerzen genannt. Ihren Panzer findet man häufig auf großen Strecken zahlreich herumliegend vor, während die gesamte übrige Pflanzensubstanz infolge von Verwesung vollständig verschwunden ist. Wo solches Panzer- material durch Wind und Wasser zusammen- gedriftet zur Ablagerung gelangt, liegt eine Ab- lagerung von Liptobiolith vor. Eine solche rezente Ablagerung, von der freilich die Pflanzen, die hier das Material geliefert haben, nicht bekannt sind, lO Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. I findet sich am Tanafluß in Britisch-Ostafrika. Der hier abgelagerte Liptobiolith heißt Denhardtit. Die Genesis von Liptobiolithlagern scheint überhaupt gern bodenfremd (allochthon) zu sein, d. h. die Vorkommen befinden sich nicht dort, wo die pflanzlichen Urmaterialien entstanden sind, wo die Pflanzen lebten, sondern es hat ein Trans- port der Pflanzen oder Pflanzenteile und eine Ab- lagerung auf fremdem Boden stattgefunden. In dieser Beziehung besteht ein Gegensatz zu den Humusgesteinen, bei denen die Moore bodeneigen, an Ort und Stelle entstanden sind, wo auch die Pflanzen lebten. Bei einem Transport wird die Zersetzung organischer Substanzen naturgemäß stark unter- stützt und beschleunigt; denn bei der stetigen Bewegung des Wassers und der transportierten Teile kommt mit ihnen ständig der die Zersetzung befördernde Sauerstoff in Berührung. Gerade hierbei wird also in harz- oder wachsharzhaltigen Pflanzen das liptobiolithische Material schnell an- gereichert und muß schließlich allein zurück- bleiben. Einzelne Harzstücke, die das Driftgut enthält, können zur Einbettung gelangen, was an das Bernsteinvorkommen im Samlande und an andere Vorkommnisse fossiler Harze erinnern würde. Ein anderer Liptobiolith, der Py ropissi t des Weißenfels-Zeitz-Altenburger Braunkohlenbezirks, verdient noch besondere Erwähnung. Bekanntlich gründet sich auf sein ehemals reiches Vorkommen die Schwelindustrie in dem genannten Revier. Die in seinem südlichen Teile vorkommende Braunkohle ist eine Harzkohle, d. h. eine Humus- kohle, die mit Harz zum Teil so auffällig ver- mengt ist, daß die einzelnen Stücke davon aus der Kohle herausgelesen werden können. So zeigt sich schon dem bloßen Auge, daß die Braunkohle von einer sehr harzreichen Flora gebildet worden ist, und zwar ist sie, wie die meisten rezenten und fossilen Humuslager überhaupt, autochthon. Später jedoch, und zwar in diesem Falle bis in die Diluvialzeit hinein, ist diese autochthone Kohle von den Wassern zum Teil angegriff"en und umgelagert worden. Bei einer Wanderung durch die Gruben des Bezirks in nordwestlicher Rich- tung trifft man nämlich immer häufiger auf Braun- kohle, die durch die Zerkleinerung ihres Materials bis zu Pulverform zeigt, daß sie erst als Kohle hierher transportiert worden ist. Bei einem Transport der beschriebenen Harz- kohle muß jedoch bei den verschiedenen spezi- fischen Gewichten der Kohle und des von ihr eingeschlossenen Haizes eine Trennung beider, eine Separation, eintreten, und so findet sich denn in der Tat, je weiter wir nach Nordwesten vor- dringen, ein immer häufigeres Auftreten von Pyropissit, der weiter nichts als die zusammen- geschwemmte Harzmasse ist, — oder vielmehr: in dieser Weise war es einst zu beobachten, denn die Masse des früher vorhandenen Pyropissits ist abgebaut; nur kleinere Schmitze stehen noch an, die aber vollkommen genügen , um zur Auf- klärung in der angedeuteten Weise zu dienen. Man könnte sich auch vorstellen: ein autoch- thones Kohlen- oder Torflager fiele durch Ände- rung der Bedingungen so stark der Zersetzung anheim, daß nunmehr Pyropissitlager oder allge- meiner gesagt, Liptobiolithlager zurückblieben, die dann autochthon wären ; allein dieser Fall ist noch nicht beobachtet worden bzw. hat sich auf Grund der vorliegenden Tatsachen nicht deuten lassen.^) ') Auf das Weißenfels-Zeitz-Altenburger Revier bezieht sich meine Abhandlung ,,Zur Genesis der Braunkoblenlager der südlichen Provinz Sachsen" fjahrb. d. Kgl. Preuß. Geolog. Landesanstalt für 1908). Kleinere Mitteilungen. Neuere Forschungen auf dem Gebiete der Lungenschwindsucht. — Nachdem die Lungen- schwindsucht eine Reihe von Jahren hindurch lediglich vom Standpunkte der Infektionskrankheit behandelt wurde und man speziell für die Prophy- laxe die Bekämpfung und Ausrottung der Tuberkel- bazillen ausschließlich in den Vordergrund gestellt hatte, ist man in neuerer Zeit wieder zu der Er- kenntnis gekommen, daß die individuelle Dispo- sition als Hauptbedingung für die Entstehung der Lungenschwindsucht nicht außer acht gelassen werden darf Es ist das hauptsächlich auf die immer wiederholten Äußerungen über die anato- mischen Grundlagen für die Disposition zurück- zuführen, die Hüppe, v. Hansemann u. a. zur Grundlage besonderer Studien gemacht hatten. Speziell für die Lungenschwindsucht kam nun ein Umstand hinzu, der von der allergrößten Bedeu- tung ist und noch für die Zukunft zu werden verspricht. Schon vor langen Jahren hatte W. A. Freund nachgewiesen, daß die Disposition der Lungenspitzen für eine phthisische Erkrankung zurückzuführen sei auf eine besondere Form der obersten Rippen, und er nannte das die Stenose der oberen Brustapertur. Diese sehr sorgfältigen Untersuchungen Freunds waren aber vollkommen in Vergessenheit geraten. Durch die Arbeiten von Birch-Hirschfeld über den Beginn der Lungenschwindsucht und speziell von Schmorl über Druckfurchen an den Lungen sind nun diese Untersuchungen wieder aufgenommen worden. Zunächst hat I-'reund selber seine damaligen An- gaben revidiert und in mehreren interessanten Aufsätzen und Vorträgen festgelegt. Im weiteren hat dann besonders C. Hart dieses Thema aus- führlich bearbeitet, umfangreiche und genaue Messungen an Leichen und an Lebenden vorge- nommen und dadurch das Krankheitsbild der Stenose der oberen Brustapertur sehr gefördert und wesentlich klarer gestellt. N. F. IX. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. I I Bei diesen Untersuchungen hat noch ein zweites Krankheitsbild eine große Rolle gespielt, nämlich das Kmphj'sem. Das Lungenemphysem (Lungen- blähung) stellt, was auch der Entdeckung P"reund's zu verdanken ist , gewissermaßen das Gegenteil von dieser Disposition zur Lungenschwindsucht dar, indem dabei der Brustkorb ungewöhnlich weit wird und in dieser Erweiterung einen starren Zustand annimmt. Freund hatte nun gleich bei seinen ersten Veröffentlichungen vor über 40 Jahren die Möglichkeit in Aussicht genommen, hier ope- rative Eingriffe zu machen, und darauf ist er nun in neuerer Zeit mit voller Energie zurückgekom- men, hl Wirklichkeit ist auch bereits jetzt schon eine größere Zahl von Operationen mit sehr gutem Erfolge ausgeführt worden, besonders bei dem Lungenemphysem. Über Operationen bei Lungenschwindsucht liegen noch wenig Erfahrun- gen vor. Die Methodik muß erst noch weiter ausgearbeitet werden und die Erkenntnis der zur Operation geeigneten Fälle geklärt werden. Daß dieser Weg für die Zukunft gangbar sein wird und gute Aussichten verspricht, läßt sich schon jetzt mit ziemlicher Sicherheit sagen. In richtiger Erkenntnis dieser Tatsache hat die deutsche Ge- sellschaft für Chirurgie für ihre nächste Tagung im Frühjahr beschlossen, diese Fragen besonders zur Diskussion zu stellen, und es ist daher eine wesentliche Klärung der Angelegenheit zu er- warten, sowie eine Anregung, die Bedeutung der Operation bei diesen Krankheiten zu studieren. V. Hansemann. Über modernen Heilmittelschwindel. Ein Mahnwort. — Mundus vult decipi, ergo decipiaturl Skrupellose Arzneimittelfabrikanten haben sich dieses Wortes in bezug auf den Vertrieb neuer .Arzneimittel und die Empfehlung neuer Heil- methoden des öfteren bedient. Und wie ein Heuschreckenschwarm ergießt sich denn auch über das Volk das Heer neuer „Heilmittel". Nur wenig Brauchbares und die wissenschaftliche Er- kenntnis Förderndes ist darunter, desto mehr aber allerlei zweckloses Anorganisches und Organisches aus dem Gebiete der Chemie. Wohl selten hat sich im Laufe der Jahrhunderte das Kurpfuscher- tum so breit gemacht, wie heutzutage, aber selten wohl auch fand es ein so leichtgläubiges und auf- nahmebereites Publikum wie das unserer Zeit. Spaltenlang im Inseratenteil der Tagesblätter be- gegnet man Ankündigungen von Arzneimitteln, die gegen mehrere Krankheiten zugleich unfehlbar rettend und heilend wirken sollen. Ja sogar die Stellen der Zeitungen „unter dem Strich", wo man bisher harmlose Feuilletonartikel, Novellen oder Romane zu finden gewohnt war, hat die zahlende Arzneimittelreklame mit Beschlag belegt, und unter dem Deckmantel wissenschaftlicher medi- zinischer Auseinandersetzungen lugt dann der Pferdehuf der Empfehlung irgendeines Mittels hervor. Dem Laien fehlt natürlich das Augenmaß dafür, was reelle chemische Fabriken an einwands- freien Präparaten auf den Markt bringen und durch Arzte befürworten lassen, oder was den Stempel des Schwindels an der Stirne trägt. Es gibt kein Leiden, keine Krankheit, kein LTnbehagen , gegen welches moderne Heilmittel- fabrikanten nicht ein Kräutlein hätten wachsen lassen oder ein Tablettlein geformt hätten. Gegen Tuberkulose, Magen- und Darmkrankheiten, Asthma, Bronchitis und Keuchhusten, gegen Migräne, Rheumatismus, Harn- und Blasenleiden, gegen Dyspepsie und rote Nasen , Flechten und Fett- leibigkeit, Zuckerkrankheit und Epilepsie, gegen Hämorrhoiden und Furunkeln und was der mensch- lichen Gebrechen mehr sind — finden sich in angesehenen Tageszeitungen zu hunderten An- preisungen von Mitteln , nach denen der Kranke oder der durch Krankheitsbeschreibungen ängst- lich gemachte wie nach einem Hoffnungsanker greift, der ihn dem nahegeglaubten Abgrund ent- reißen soll. In unserer nervösen Zeit ist besonders das An- gebot von nervenstärkenden Präparaten ein häu- figes und aufdringliches, doch die Erfolge bleiben, wie nicht anders erwartet werden kann , hinter den Versprechungen und den dadurch entstande- nen hochgeschraubten Erwartungen in der Regel zurück. Gratis und franko erhält der Wißbegie- rige und Heilungsuchende auf Wunsch Proben von nervenstärkenden Mitteln zugesandt, und ein bekannter Trick ist es, als hinkenden Boten nach wenigen Tagen ein Nachnahmepaket dem vor- eiligen Frager zuzustellen und ihm dafür klingende Münze abzunehmen. Die Fabrikanten rechnen damit, daß es Gimpel gibt, die eine Zurückweisung der unerbetenen Sendung für unzulässig erachten. Ja, unerbetene Überweisungen von Arzneimittel- proben haben in der Neuzeit nichts Auffälliges mehr, und nur so ist es zu erklären, daß unter dem Deckmantel eines Mittels gegen Nerven- oder Männerschwäche unlängst in Wien einem Ahnungs- losen ein todbringendes Gift in verbrecherischer Absicht in die Hände gespielt werden konnte. Nicht minder verwerflich ist der üppig blühende Handel mit ,, Mitteln gegen die Blutstockung bei F"rauen", worunter fast immer sich Fruchtabtrei- bungsmittel verbergen, denen man nur das zum Ruhme anrechnen kann, daß sie meist unschäd- lich und — unwirksam sind. Bedenken erregen die Anerbietungen von Mitteln zur Vergrößerung des weiblichen Busens. An- preisungen dieser Art in unzähligen Varianten kann man in den gelesensten Tageszeitungen finden. Nährpulver werden empfohlen , um „üppigen Busen und volle Körperform" zu er- langen. Nach dem Gebrauch von einem dieser Mittel" heißt es: „die Brust wölbt sich und schwillt zu vollendeter Rundung. Wie durch P'eenhände hervorgebracht 1 In 1 5 Minuten eine Schönheit." Als ,, einzig sicher wirkende" Mittel werden „japanische Busencreme und Busenwasser" empfohlen. Büstenwasser, Busenbalsam, Busen- 12 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. I restaurator — sind Grazinol, Büsteria, einige Na- men für „Busenmittel", für die es gewiß an Ab- satz nicht fehlt. Zu den betrügerischen Arzneimitteln gehören die stetig unter neuen Namen auftauchenden Mittel gegen die Trunksucht. Mir in letzter Zeit aus London zwecks Untersuchung zugesandte Präparate dieser Art bestanden im wesentlichen aus Natriumbikarbonat, das mit etwas ätherischem Ol parfümiert war. Man fragt sich erstaunt, wie ist es möglich, daß in unserem aufgeklärten naturwissenschaft- lichen Zeitalter so ein starkes Überwuchern des Heil- mittelschwindels eintreten konnte. Die Straf- gesetze versagen vielfach und können dem rapid um sich greifenden Übel der Überflutung des Volkes mit „Heilmitteln", durch deren Anpreisungen falsche Tatsachen vorgespiegelt werden , nicht steuern. Die Gesetzgebungsmaschine auf diesem Gebiete arbeitet langsam. Das für Deutschland vorgesehene, im Entwurf vorliegende Kurpfusche- reigesetz, welches, wenn auch nur in bescheidenem Maße, Wandel zu schaffen verspricht, harrt noch seiner Durchberatung im Reichstage. Die war- nenden Stimmen der Fachleute, besonders auch der Ärzte verhallen wie im Winde. Ja, man kann nicht leugnen, daß die Ärzte die Abstellung der auf dem Heilmittelmarkt beobachteten Übel- stände vielfach dadurch erschweren, daß die Ver- treter der Schulmedizin ihre Ordinationen nicht mehr individuell gestalten, sondern sich nicht gar selten auch der fertig abgepackten Arzneiformen, der sog. Spezialitäten für die Krankenbehandlung bedienen. Darin besteht aber eine Gefahr für das Ansehen des Arztes. In einem unlängst ge- haltenen Vortrage „Arzneimittelfabrikation in alter und neuer Zeit" habe ich mich in dieser Hinsicht eingehend ausgesprochen. Je mehr der Arzt darauf verzichtet, einfache Arzneistoffe zu Arzneien zusammenzufügen, je mehr er sich bei seinen Ordinationen der fertigen Kompositionen bedient, desto mehr wird seine In- anspruchnahme durch das arzneibedürftige Publi- kum geringer werden, denn dieses wird mit Um- gehung der Diagnose des Arztes eine Selbsthilfe suchen, die durch die fertig abgepackten und mit Anwendungsvorschriften versehenen Arzneiformen der Fabriken außerordentlich erleichtert ist. Der Arzt ist nun zwar in der Regel in der Lage, zwischen einem reellen Arzneimittel, auch wenn es sich in einer besonderen Zubereitung befindet, und einem Geheim- bzw. Schwindel- mittel zu unterscheiden, der Laie kann dies je- doch nicht. Es liegt daher im Interesse einer ordnungsgemäßen Arzneimittelversorgung des Vol- kes, daß dieses den vielfach schwindelhaften An- preisungen der Heilmittel in der Tagespresse nicht blindlings Glauben schenkt, sondern sich wieder mehr des Rates und der Hilfe der Schulmedizin, des Arztes, bedient. Die naturwissenschaftlich gebildeten Männer und P>aucn sollten in dieser Hinsicht aufklärend und warnend auf die breiteren Volksschichten wirken, und zwar nicht nur nach unten, sondern auch nach oben, und in Wort und Schrift dafür eintreten, daß das Vertrauen des Volkes zu den Ärzten sich wieder mehr befestige. Letztere wer- den sich des großen Verantwortlichkeitsgefühles, das das Vertrauen der Leidenden und Hilfe Suchenden ihnen auferlegt, voll bewußt sein. Als Nichtmediziner kann ich den vorstehenden Mahnruf ergehen lassen, ohne in den Verdacht zu kommen, pro domo zu sprechen. Prof. Dr. H. Thoms, Berlin-Steglitz. Dir. des Pharm. Inst. d. Universität. Nicht-hybride Zwischenformen bei Farnen. — Ein verhältnismäfjig häufig gefundener ..F'arn- bastard" (Standortsangaben bei Luerssen , P'arn- pflanzen, und AschersonGraebner, Synopsis) ist das zuerst von AI. Braun gesammelte ,,Aspidium remo- tum", eine ausgesprochene Zwischenform von NephrodiumFilix masRich., Fig.i, undN.spinulosum Desv., Fig. 2. Die Pflanze ist meist, aber nicht immer, unter den ,, mutmaßlichen Eltern" gefunden wor- den; ihre Bastardnatur ist jedoch fraglich, d. h. es mögen manche Stöcke durch Kreuzung, andere — anderswie entstanden sein. Zuweilen wurden Kig. 1. Nephrodium Fili.s Fig. 2. Nephrodium spinulosum mas in ',5. (Aus Potonic-, in ' -. (.\us Potonic. Flora 5. Aufl ) Flora s. Aufl.) die Sporen verkümmert gefunden — das beweist nichts für Bastardnatur, da wir seit De Vries' Mutationstheorie wissen, daß auch Mutationen in verschiedenem Grade steril sein können; in an- deren Fällen (vgl. unten) fruktifizierten die Wedel normal und reichlich — das beweist nichts gegen die Kreuzung, weil nach Wettstein (Wi es n er- Festschrift) auch Bastardpflanzen mit der Zeit fertil werden können. Sporenaussaaten des N. N. F. IX. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 13 remotum sind zuvor wohl kaum gemacht; Ver- suche, die I'flanze durcli Kreuzung zu erhalten, schlugen fehl, hn August 1908 von mir an zwei Stellen in den Vogesen gesammeltes, sehr sporen- reiches Material hat sich nun in der Kultur recht eigenartig verhalten : die Sporen des einen Stockes waren überhaupt nicht zur Keimung zu bewegen, die des anderen keimten äußerst reichlich , er- zeugten auch viele junge Pflänzchen, aber ledig- lich auf dem Wege der Apogamie (näheres vgl. im Oktoberheft der Berichte d. Deutsch. Botan. Ges., 1909). Die weitere Entwicklung der z. Zt. noch sehr kleinen Pflänzchen ist weiter zu ver- folgen. — Eine ganz andere Zwischenform zwi- schen denselben Hauptarten fand ich 1902 bei Blankenberg a. d. Sieg. : N. Filix mas var. deltoi- deum Moore. Hat N. remotum den Wedelumriß von N. Filix mas und die Stachelspitzen von N. spinulosum, so zeigt umgekehrt die var. deltoideum die typische Spreitenform von N. spinulosum, die Fiederchen sind aber stumpf gezähnt, wie bei N. Filix mas. Der Stock war leider völlig steril, in den Garten verpflanzt erwies er sich im folgenden Jahre als reines N. Filix mas, ohne irgendwelche Abweichung von der Stammform. Hier lag also ohne Zweifel eine nicht -hybride Zwischenform vor, die wenigstens das beweist, daß solche ohne ohne Kreuzung entstehen können. Wenn nun auch N. remotum als Zwischen- form nicht-hybrider Art entstehen kann, besonders am gemeinsamen Standort der „mut- maßlichen Eltern", so drängt sich die hVage auf: wie kann das geschehen? Daß „der Stand- ort die Pflanze schaffe", ist — cum grano salis natürlich — eine nicht ohne Grund bei den Bo- tanikern verbreitete Ansicht; dürfen wir annehmen, daß die Eigenart des Standortes, der zwei ver- wandte Pflanzenarten beherbergt, imstande sei, Zwischenformen hervorzubringen ? Hugo Fischer. Die Wüsten der Urzeit. — Vor einigen Jahren galt es allgemein als ein feststehender Satz, daß unter dem Kambrium, dessen wunder- barer Fossilreichtum so weitverbreitet ist, direkt die kristallinischen Gesteine des sogenannten Ur- gebirges lagerten. Da gelang es Walcott, in Nord- amerika zu zeigen , daß sich zwischen beide Schichtensysteme eine mächtige Reihe von Trüm- mergesteinen einschalten, welche nach oben wie nach unten durch eine deutliche Diskordanz begrenzt werden. Obwohl nur vereinzelte Spuren organischer Reste darin zu erkennen waren, zögerte Walcott doch nicht , dieses wohlunter- scheidbare System nach einem Indianerstamm als Algonkium zu bezeichnen. Bald fanden sich in Skandinavien und Nord- schottland ähnliche Verhältnisse, und auch aus vielen anderen Gegenden lernte man präkambri- sche Gesteine kennen, die wegen ihrer deutlichen Trümmerstruktur nicht zum kristallinen Grund- gebirge gerechnet werden dürfen. Die im Nordwesten von Schottland auftreten- den Torridon-Sandsteine hat man früher für Devon (Oldred) gehalten. Die Bergabhänge zeigen hier prächtige Aufschlüsse in einem meist diinkelroten Sandstein, der durch seine rasch auskeilenden Bänke, seine Trockenrisse und Netzleisten, seine Diagonalschichtung und seinen P'ossilmangel leb- haft an unseren deutschen Buntsandstein erinnert. Bei einer Gesamtmächtigkeit von 4000 m lagern die Torridonsandsteine auf einem gefalteten Gneis und werden selbst wieder von fossilreichem Unter- kambrium (mit Olenellus) überlagert. Trümmerhalden mit riesigen Blöcken bedecken die Abhänge der algonkischen Täler; aus den Gehängebreccien entwickeln sich Konglomerat- züge, die weit zwischen die Sanddecken ein- greifen, und vereinzelte Gerolle sind noch mitten im Sandstein häufig. Zahlreiche Bruchstücke von unzersetztem Feldspat geben dem Torridonsand- stein vielfach den Charakter einer bunten Arkose. Neben eckigen Trümmern und runden Geschieben finden sich sandgeschliffene Gerolle mit blatter- narbiger Oberfläche, und ein 20 cm langer präch- tiger Dreikanter ergänzt die Fülle der Windschlifle. Neben den vom Winde bearbeiteten und ver- frachteten Massen sehen wir überall die Wirkung stürmischer Wasserfluten. Eben gebildete Sand- bänke sind durch erneut darüber stürzende Wasser- fluten zerschnitten und zerfurcht, Geröllzungen breiten sich in langen Rinnen aus, und dünnge- schichtete rote Letten zeigen uns vergängliche Seen oder rasch versickernde Lachen des algon- kischen Festlandes. Die Lettenschichten sind in der Regel von hochroter Farbe, und sogar in die Klüfte des liegenden Gneises kann man den roten Schlamm verfolgen. Rippelmarken von allen Dimensionen und Formen bedecken die Sandplatten ; ihre Breite er- reicht oft mehrere Meter, bei einer Höhe bis 60 cm. Besonders auffallend war mir in einigen Aufschlüssen die senkrechte Böschung derselben im Lee. Lockerer Sand würde niemals so steile Winkel bilden, wohl aber könnte ein Gemenge von Sand und Schnee zwischen den Böschungen der Sanddünen und Schneewehen vermitteln. Nirgends sind Spuren organischen Lebens zu fin- den , und da auch die Letten keinerlei Humus- bestandteile enthalten, müssen wir annehmen, daß selbst die Ränder der vergänglichen Seen vege- tationslos waren. Die Beobachtungen im Torridongebiet werden ergänzt durch die Untersuchung der merkwürdigen Sparagmite, welche in Norwegen und Schweden unter dem Kambrium lagerten, bis sie durch eine gewaltige Überschiebung in ihre heutige, gestörte Lagerung gekommen sind. Wiederum begegnen uns die feldspatreichen Arkosen, die vielformigen groben Trümmergesteine, die ich mit dem Namen „Buntwacken" bezeichnen möchte. Rascher Wechsel in Schichtung und Korngröße, geringe Sortierung des Schuttes, ver- 14 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. I schiedenartige Transportwege und Kräfte charak- terisieren die seltsamen Gesteine. Ihnen ist, be- sonders am Mjösensee, ein Kalksteinlager einge- schaltet, das nach dem Städtchen Biri genannt, lOO km breit und 250 km lang, bei einer Mäch- tigkeit von 50 — 170 m die Sparagmite gliedert. Der Birikalk erinnert an manche Gesteine in unserem deutschen Wellenkalk, ist ausgezeichnet geschichtet und muß in einem oft abtrocknenden Seebecken gebildet worden sein, denn grobe Schlammwülste und schöne Netzleisten bedecken seine Schichtflächen. Sehr merkwürdig ist eine 2 m mächtige Einschaltung einer aus großen Kalkscheiben und Scherben mit kalkigem Binde- mittel verkitteten Bank, die uns erkennen läßt, daß eben verfestigter Kalkbrei zertrümmert und nach kurzem Transport seiner Schollen wieder verfestigt worden sein muß. Auch der Birikalk hat trotz eifrigen Suchens bisher noch keine Fossilien geliefert, obwohl sein Gefüge vermuten läßt, daß zerfallende Kalkgewebe an seinem Aufbau beteiligt waren. Zur Spara- gmitformation gehört endlich die wunderbare Moräne, welche am Varangerfjord auf geschramm- ter Unterlage aufgeschlossen ist. Die Verbreitung der älteren Kaustobiolithe läßt uns deutlich erkennen, daß bis an das Ende der Devonzeit zwar das Meer von zahlreichen Pflanzen bewohnt war, daß aber erst in dieser Periode jene wunderbare Einwanderung in die uralten Festländer erfolgte, welche im Laufe der Folgezeit zu einer immer reicheren Besiedelung des trockenen Landes führte. Seit dem Tertiär hat die so anpassungsfähige Formenwelt der Gräser und Blütenpflanzen auch die Wüsten- und die Steppen- länder besiedelt und dringt von den Trockentälern sogar in die ödesten Wüsten hinein. Wohlgeschützt gegen die starke Verdunstung, durch wasserführende Gewebe und lange Wurzeln auch dem trockenen Samum gegenüber widerstandsfähig, sendet die rezente Flora ihre Pioniere überall hin, wo eine Spur von Grundwasser, gelegentlicher Regen, oder seltener Tau vegetabilisches Leben möglich machen, und nur die zunehmende Versalzung des Bodens schreckt auch die mutigsten Einwanderer ab. So bietet unsere heutige Erde nur an wenigen Stellen die seltsamen Klimaverhältnisse und litho- genetischen Umstände, welche in der Urzeit auf den meisten Landflächen herrschten: Wolkenbrüche und Schneestürme, starke Temperaturkontraste und durch sie gebildete mächtige Decken von lockerem Schuttboden, der nirgends durch Pflanzenwurzeln befestigt war. Vielleicht geben uns die Schilderungen Sven v. Hedin's aus den Wüsten Innerasiens eine Vorstellung jener uralten Zeiten. Er beschreibt uns, wie seine Kamele bis zum Hals im roten Schuttboden versanken , wie tägliche Hagelstürme über die Hochebenen jagten, wie weite Sandfelder mit wandernden Dünen, ge- waltige Flüsse mit verdunstendem Unterlauf, ver- gängliche oder wandernde Seen das unwirtliche Gelände charakterisierten. Hier, wo sich die kli- matischen Verhältnisse des eisigen Polargebietes und der lebensfeindlichen Sahara vermählen, können wir uns ein schwaches Bild machen von den Um- ständen, unter denen in den Urwüsten der Urzeit Gebirge eingeebnet wurden und weite Senken im Schuttmeer ertranken. So klingt das Bibelwort „und die Erde war wüst und leer" in uns nach, und erscheint wie eines eltsame Vorahnung der Ansichten, zu denen uns die moderne Geologie durch die Methoden der vergleichenden Lithologie führt. Prof. Johannes Walther, Halle a. S. Kommt die Undulationstheorie des Lichts und die Hypothese vom Lichtäther ins Wanken? — Noch im Jahre 1902 schrieb Chwolson über den Äther: „Die Wahrscheinlich- keit der Hypothese von der Existenz dieses einen Agens grenzt außerordentlich nahe an Gewißheit." Aber das Schicksal schreitet schnell. Auf der Salz- burger Naturforscherversammlung (1909) wurde die Ätherhypothese durch Einstein als ein über- wundener Standpunkt bezeichnet. Als nächste Phase der Entwicklung der theoretischen Physik wurde die Ausarbeitung einer Theorie des Lichts bezeichnet, welche sich als eine Art Verschmel- zung von Undulatlons- und Emissionstheorie auf- fassen läßt. Und das ist nicht etwa eine ver- einzelte Behauptung, sondern fand in der Ver- sammlung keinerlei Widerspruch, ja ein Mann wie Planck gab rückhaltlos zu, daß wir mit der Strahlungstheorie nicht weiter kommen, „ohne daß wir die Energie in gewissem Sinne in Quanten teilen, die als Wirkungsatome zu denken sind". Unwillkürlich fragt' der im felsenfesten Ver- trauen auf die Richtigkeit der Undulationstheorie Aufgewachsene nach denjenigen Erfahrungstat- sachen, die zu einer so revolutionären Gärung unter den Physikern geführt haben. Darauf läßt sich nun aber nicht gar viel antworten, wie es denn überhaupt nicht möglich ist, dem in die betreffenden Gedankengänge nicht eingelebten Laien ohne weites Ausholen ein klares Bild von den Kernfragen, um die es sich hierbei handelt, zu geben. Denjenigen, die den Versuch machen wollen, dem schwierigen Gegenstande näher zu treten, sei die übersichtliche Darstellung empfohlen, die Einstein in dem Salzburger Vortrage „über die Entwicklung unserer Anschauungen über das Wesen und die Konstitution der Strahlung" ge- geben hat. Der Vortrag ist in der physikalischen Zeitschrift vom 10. Nov. 09 (S. 817) ausführlich wiedergegeben. Hier möge nur das Folgende mitgeteilt werden. Den Ausgangspunkt der neuen Probleme bildet die F"rage, ob der Äther bei den Bewegungen der materiellen Körper mitgeführt werde oder nicht. Ein von Fizeau zur Entscheidung dieser P>age angestellter Interferenzversuch führte zur Annahme einer allerdings nur teilweisen Mit- führung des Äthers durch bewegte Körper. Die N. F. IX. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 15 auf Grund dieser FeststelUing zu erwartenden Einwirkungen der nach Richtung und Geschwin- digkeit wechsehiden Erdbewegungen auf optische Erscheinungen ließen sich nun aber durch keine Mittel nachweisen. Nun stellte Lorentz 1895 eine Theorie auf, die unter Zugrundelegung eines ruhenden .\thers alle bis dahin beobachteten Er- scheinungen erklärte, jedoch mußte, um auch einen von Michelson und Morley angestellten Interferenzversuch zu verstehen, angenommen werden, daß alle Körper ein wenig ihre Gestalt ändern, wenn sie relativ zum Äther bewegt werden. Das L^nbefriedigende derartiger Annahmen soll nun durch das ,, Relativitätsprinzip" beseitigt werden, d. h. durch die \''orraussetzung, daß alle Erscheinungen relativ zu einem gleichförmig be- wegten System nach denselben Gesetzen verlaufen, wie relativ zu einem in bezug auf den Äther ruhenden System. Eine Wirkung der absoluten Bewegung könnte dann ja gar nicht erwartet werden. Im Anschluß an dieses Postulat gelangt nun Einstein dazu, das Licht nicht als I-'olge von Ätherzuständen aufzufassen, sondern als etwas wie die Materie selbständig Bestehendes. Die Licht- aussendung eines Körpers vermindert seine träge Masse, die Masse des absorbierenden Körpers nimmt zu. Er hofft, daß diese neue Auffassung manche bisher unerklärbare Tatsachen begreiflich machen wird, z. B. warum nur die Farbe, nicht die Intensität dafür bestimmend ist, ob photo- chemische Reaktion eintritt, warum ferner die Geschwindigkeit der lichtelektrisch erzeugten Kathodenstrahlen von der Intensität des Lichts unabhängig ist, und warum erst bei hoher Tem- peratur die Aussendung kurzwelliger Strahlen beginnt. Natürlich müßte die neue Lichtquanten- theorie, die auch von Stark, Wien u. a. vertreten wird, vor allem auch sämtliche Interferenzerschei- nungen befriedigend zu erklären vermögen. Und wenn dies auch von Einstein nicht für eine wesentliche Schwierigkeit gehalten wird, so liegt doch eben bisher eine ausgearbeitete Theorie noch nicht vor. Die neuen Vorstellungen be- finden sich noch im Keimungsstadium und es wird sicherlich sehr zahlreiche Physiker geben, die dem Keimling ein weniger günstiges Prog- nostikon stellen und vorläufig noch keinen Anlaß sehen, die auf Grundlage der Ätherhypothese wohl ausgebaute Wellenlehre aufzugeben, die im vorigen Jahrhundert so Glänzendes geleistet hat, daß man ihr fast dasselbe Vertrauen schenkte, wie der kopernikanischen Lehre. Vielen wird es ein unbehagliches Gefühl verursacher, daß alle Fundamente der Physik in neuester Zeit ins Wanken geraten sind, und daß es für nicht mitten in der wissenschaftlichen Forschung stehende Outsider kaum noch möglich ist, mit den von jetzt tonangebenden Gelehrten ausgesprochenen Ansichten klare Vorstellungen zu verbinden. Der Skeptiker wird daher den Tagesdiskussionen ziemlich mißtrauisch gegenüberstehen und betonen. daß das, was für uns Menschen Wahrheit sein soll, doch wohl in erster Linie klar vorstellbar und begrifflich erfaßbar sein muß. Und dieser Standpunkt wird so lange auch seine Berechti- gung haben, bis die Verfechter jener sublimen, aber kaum verständlichen Wissenschaft eklatante Erfolge auf experimentellem Gebiete aufzuweisen haben werden. Kbr. Bücherbesprechungen. i) F. Doflein, Lehrhuch der Protozoen- kunde. Eine Darstellung der Naturgeschichte der Protozoen mit besonderer Berücksichtigung der parasitischen und pathogenen Formen. Zweite Auflage der „Protozoen als Parasiten und Krank- heitserreger". Mit 825 Abbildungen im Text. Jena 1909, Gustav Fischer. — Preis 26,50 Mk. 2) F. Doflein, a. o. Professor der Zoologie an der Universität München, Probleme der Protisten - künde. I. Die Trypanosomen. Ihre Be- deutung für Zoologie, Medizin und Koloniahvirt- schaft. Jena 1909, Gustav Fischer. — Preis 1,20 Wk. Wieder haben wir Gelegenheit zu betonen, wie wichtig in der heutigen übermäßig schreibfreudigen Zeit die lehr- und handbuchmäßige Zusammenfassung bestimmter engerer Disziplinen ist. Doflein's prächtiges Lehrbuch der Protozoenkunde ist eine solche sehr dankenswerte Zusammenfassung von einem dazu berufenen Forscher , der seinen Gegenstand durch eigene Forschung auf dem Gebiete gründlich kennt. Bei dem nicht nur theoretischen Interesse der Protozoenkunde, sondern ihrer Wichtig- keit auch für die Medizin ist das Buch nicht allein wichtig für Biontologen, sondern auch für Mediziner, aber wegen Tierkrankheiten, die mit Protozoen zu- sammenhängen, u. a. auch für Fischzüchter. In dem Prospekt des Buches wird treffend angegeben : Für die zahlreichen Praktiker, die sich neuerdings der Protozoenkunde widmen, wird es willkommen sein, die Ergebnisse der Forschungen über parasitische und pathogene Protozoen im Rahmen unserer allgemeinen Kenntnisse über die Naturgeschichte der Protozoen dargeboten zu finden, um den unbedingt notwendigen Zusammenhang der zahlreichen praktischen Fragen mit den zugrunde liegenden Forschungsergebnissen lebendig zu erhalten. Das Buch umfaßt einschließlich eines sorgfältigen Autoren- und Sachregisters nicht weniger als 914 Seiten. Es ist zum Teil auf Kunstdruckpapier gedruckt, so daß die vielen schönen Abbildungen trefflich zur Geltung kommen. Ausführliche Literatur- nachweise, die den einzelnen Kapiteln angehängt sind, machen das Werk für den Spezialisten, der auf dem Gebiete arbeiten oder sich eingehender über einen bestimmten Fall unterrichten will, ganz besonders wertvoll. Gegenüber der früheren Auflage hat die zweite eine ganz bedeutende Erweiterung erfahren, gemäß den großen Fortschritten, die in den letzten Jahren auf dem Gebiet zu verzeichnen sind. Das Buch zerfällt in zwei Teile, nämlich i. Allge- meine Naturgeschichte der Protozoen und 2. Spezielle Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. I Naturgeschichte. Der erste Teil beschäftigt sich nach einer Einleitung mit der allgemeinen Morphologie, der allgemeinen Physiologie, der Fortpflanzung, der Biologie und dem System der Protozoen, sowie end- lich mit der Technik der Protozoenuntersuchung. Das Heft über die Trypanosomen , jene jetzt so bekannt gewordenen Krankheitserreger , bietet einen Vortrag des Verfassers, den er auf der 70. Versamm- lung Deutscher Naturforscher und Ärzte gehalten hat. Doflein betont im Vorwort, er habe die Gelegenheit ergriffen, das Trypanosomenproblem im Zusammen- hang darzustellen, um seinen besonderen Auffassungen mehr Gehör verschaffen zu können, als in seinem Lehrbuch der Protozoenkunde, in welchem er „ob- jektiv bleiben und daher den Auffassungen, deren Richtigkeit noch nicht entschieden ist, gleiches Recht zukommen lassen mußte". Anregungen und Antworten. Was ist denn im weitesten Sinne Monismus? Wovon geht der philosophische Monismus im letzten Ende aus? Was ist seine Grundlage? Auf solche und ähnliche mehrfache Fragen aus dem Leserkreise, die seit unserer letzten Beantwortung p. z^2' wieder gtstelll worden sind, fügen wir ergänzend und zum Teil noch ele- mentarer ausgeführt nach einem vom Unterzeichneten im Deutschen Monistenbund in Berlin gehaltenen Vortrag noch das folgende hinzu. Monismus bedeutet ja Einheitslehre; sie zielt ab auf eine \'ercinheitlichung in unserer Betrachtung der Welt. Der Monismus möchte die Welt womöglich nur unter einem ein- zigen Gesichtspunkte ansehen im Gegensatz zu einer Trennung in mehrere mehr oder minder unvereinbare, jedenfalls sehr verschiedenartige Stücke. Der Einheitslehre steht daher die Mehrheitslehre gegenüber, die nun — je nach der größeren oder geringeren Anzahl von unvereinbaren Stücken, in die die Welt geleilt wird — zerfällt in die Zweiheitslehre (den Dualismus) und die Vielheitslehre (den Pluralismus). Das Streben nach Vereinheitlichung in unserem Denken ist ein ganz allgemeines. Welches ist sein Sinn? Nun, um einer besseren Übersicht willen in der zunächst verwirrenden Mannigfaltigkeit des uns Entgegentretenden suchen wir nach einer Vereinfachung, denn mit einer Vereinheitlichung ist eine wesentliche Erleichterung des Verständnisses verbunden. Der Charakterzug der Einheitslehre, des Monismus, ist also Zu- sammenfassung, und diese Tendenz wurde schließlich dahin führen, nur einen einzigen Gedanken für das Weltganze, für das All zu suchen. Der älteste Denker, den die Geschichte üblicherweise als Philosophen bezeichnet, nämlich Thaies aus Milet (um 600 vor unserer Zeitrechnung) hatte für sich einen solchen Gedanken gefunden. „Alles ist Wasser": das war bekanntlich das Ergebnis seines Nachdenkens über die Welt. Die älteste Philosophie, von der wir wissen, ist demnach eine durchaus monistische. Allein nur durch den Gegensatz zu etwas anderem be- steht etwas in seiner Eigenheit, in seiner Besonderheit. Will man das All nur in einem einzigen Gedanken fassen und jeden anderen Gedanken daneben zur Erfassung der Welt beseitigen, dann hat das All keinen Charakter, keine Besonderheit mehr, von der es sich abheben könnte; sobald wir es charakterisieren, ist es nicht mehr das .AU, denn charakterisieren heißt unter- scheiden, irgend etwas abheben von etwas anderem, und dieses andere gehört doch auch zum All. Charakterisieren wir dem- nach das A\\ oder die Welt oder wie wir es sonst nennen mögen, so denken wir uns stillschweigend daneben noch etwas anderes. Es ist also ganz gleichgültig, ob wir an Stelle des Wortes All sagen : alles sei im Grunde genommen Wasser oder, wie ein anderer Philosoph meinte, alles sei Feuer oder dgl., denn das bedeutet logisch weiter nichts als ein anderes Wort für das A\\, für das Seiende setzen — im Gegensatz zu Nichts, zu dem Nichtseienden. Wollen wir uns daher überhaupt etwas Bestimmtes, wohl Charakterisiertes denken, so bedürfen wir stets dazu noch etwas anderes, was sich da- von unterscheidet. So besteht denn alles nur durch den Ver- gleich : Die Unterscheidung, die Trennung, macht erst die Eigenart aus. Vereinheitlichende und trennende Triebe be- wegen daher unser ganzes Denken und Fühlen, oder, um in der Sprache des Empedokles (geb. 490 v. uns. Zeitrechnung) zu reden, Liebe und Haß, oder, in .Anwendung unserer heuti- gen Ausdrucksweise, monistische und dualistische bis plura- listische Triebe liegen unserem ganzen Denken und Dasein zugrunde — Vereinigung und Trennung! Die Mannigfaltig- keit des uns Entgegentretenden, des Erfahrbaren wird von uns geordnet, und zwar werden je nach Mafigabe unserer Bedürfnisse oder Tendenzen gewisse Einzelheiten aus der Summe des Vorhandenen vereinigt und andere werden ge- trennt. So verhält sich in seinem .Mltagsleben der Mensch : auch der eingefleischteste Monist oder Dualist. Beim philo- sophischen Monisten ist der eine dieser beiden Triebe — eben der Zusammenfassende — ganz besonders stark ausge- prägt. Freilich wäre es aber eine Täuschung, zu meinen, er liärae allein mit diesem aus; vielmehr braucht er auch die trennende Seite, die in Übertreibung oder Überschätzung zum philosophischen Dualismus oder Pluralismus führt. Zum philosophischen, sage ich, denn rein naturwissenschaftlich, d. h. kritisch -beobachtend betrachtet, verlieren Monismus, Dualismus und Pluralismus ihre Unvereinbarkeit : es sind dann keine Glaubensbekenntnisse mehr , sondern es handelt sich einfach um das für unsere Lebenshaltung notwendige Ein- heits- und Trennuni;sbedürfnis. Schon die einfachste Begriffs- bildung ist die Grundlage des Monismus. Wenn ich Stuhl sage, d. h. hiermit viele vorhandene Einzelheilen, nämlich alle auf der Erde vorhandenen einzelnen Stühle in einen Begriff Stuhl zusammenfasse, so tue ich dies aus praktischen Gründen, um sie von anderen Dingen, z. B. Tischen, zu unterscheiden. Vereinheitlichung und Schei- dung sind also zusammengehörige Begriffe, die sich gegenseitig unbedingt verlangen. Man pflegt anzunehmen, daß die Vereinigungs- oder Scheidungsgründe in der Natur der Sachen selbst liegen. Es ist aber nicht so , denn zu All und Jedem , ohne Ausnahme, gehört als Gegenstück der Mensch. Auf diesen kommt es wesentlich mit an, auf dessen ganze Veranlagung, wie wir einteilen, das will sagen : wie wir vereinigen und wie wir trennen. Es besteht eine gegenseitige Abhängigkeit zwi- schen dem Menschen und seiner Umgebung und niemand kann sich von dieser Abhängigkeit frei machen. Trennendes und Ähnliches hat danach bei Verschiedenen auch einen ganz verschiedenen Wert; je nach Umständen eine kleine oder große Bedeutung. Freilich ist aber dabei zu berücksichtigen, und das ist von ganz besonderer Wichtigkeit, daß den- jenigen Ant wo rte n der größere Wert b ei zu messen ist, die all mensch lieh werden können, die so aus- fallen, daß sie die Mehrzahl der Menschen zu befriedigen vermögen, und solche Antworten sind es, die die wahre Wissenschaft zu erzielen bemüht ist. P. Zusatz zum .Aufsatz von Ed. Brückner über die glazialen Züge im .Antlitz der .Alpen. Das Kärtchen Fig. 4 auf S. 7SS ist mit Bewilligung der Schweize- rischen Landestopographie nach dem offiziellen Kartenwerk bearbeitet. Inhalt: Dr. Wilhelm Bernd t: Das Stereoskop als Hilfsmittel der Biontologie. — H. Potonie: Über das Wesen, die Bildungsgeschichte und die sich daraus ergebende Klassifikation der Kaustobiolithe. — Kleinere Mitteilungen: V. Hansemann: Neuere Forschungen auf dem Gebiete der Lungenschwindsucht. — Prof. Dr. H. Thoms: Über modernen Ileilmittelschwindel. — Hugo Fischer: Nicht-hybride Zwischenformen bei Farnen. — Prof Johannes Walther: Die Wüsten der Urzeit. — F. Koerber: Kommt die Undulationstheorie des Lichts und die Hypothese vom Lichtäther ins Wanken? — Bücherbesprechungen: i) F. Doflein: Lehrbuch der Protozoenkunde. 2) F. Dof- lein: Probleme der Protistenkunde. — Anregungen und Antworten. Verantwortlicher Redakteur: Prof. Dr. H. Potonie, Groß-Lichterfelde-West b. Berlin. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck von Lippert & Co. (G. Pätz'sche Buchdr.j, Naumburg a. S. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Neue Folge IX. Haml ; der ganzen Reihe XXV, Band. Sonntag, den 9. Januar igro. Nummer 3. Atomistik als Weltanschauung und als Arbeitshypothese. ;Nachdruck verboten.] Von Wolfra Wenn es für den Naturwissenschaftler von Fach eine Pflicht ist, so muß es für den natur- wissenschafiUcli gebildeten Laien und für den Naturfreund eine zwar nicht ganz leichte, aber sicherlich eine dankbare und lohnende Aufgabe sein, von Zeit zu Zeit der Beobachtung und Untersuchung der konkreten Tatsachen den Rücken zu kehren, um den Blick etwas mehr nach innen zu richten auf jene Quelle alles Wissens, auf die Philosophie. Eine Pflicht, meine ich, weil sie, die Philosophie, als die Mutter nicht nur aller Wissenschaften, sondern jeder Kultur, soweit sie in unserem Geistesleben verarbeitet wird, allein imstande ist, den innigen Zusammenhang der einzelnen Zweige und Systeme menschlichen Wissens, Fühlens und Strebens vor Augen zu bringen, weil sie mit ihrem alles umfassenden Blick die einzelnen Gebiete auf ihre gemeinsame Wurzel zurückführt und so ihre Übereinstimmungen und Verschiedenheiten schon in den Prinzipien und Grundlagen auseinandersetzt, wodurch jeder Teil menschlicher Geistesarbeit sich klar von den an- deren abhebt, und zwar ganz bewußt sich abhebt, wodurch er aus seiner Isolierung heraustritt, um im Zusammenhang des Ganzen erst in die richtige Beleuchtung zu kommen. Selbst eine an sich so fesselnde und interessante Disziplin wie die Natur- wissenschaft kann einen erheblichen Teil ihrer kulturellen Bedeutung verlieren, wenn sie an- dauernd und prinzipiell auf jene Selbstbestimmung verzichtet. Im Ernst ist das auch gar nicht mög- lich, denn, man mag ausgehen von welchem Punkte man will, immer wird man irgendwo auf philosophischem Gebiete landen. Gehen wir unseren wissenschaftlichen Anschauungen und Methoden als solchen auf den Grund, so kommen wir notwendig zu erkenntnistheoretischen Fragen ; verfolgen wir den Gang der Wissenschaft historisch zurück, so sehen wir, wie sie sich immer mehr in Spekulationen auflöst und endlich in der griechischen Philosophie endet. Die Verfolgung beider Gedankenreihen ist außerordentlich inter- essant und wichtig, besonders auch deshalb, weil sich dadurch öfters manche landläufige Ansicht, die zwar auf den ersten Blick begreiflich ist, als ein Irrtum ergibt. Einer dieser Irrtümer ist die vielfach ausgesprochene Behauptung, daß schon die Griechen, wenigstens in den Grundzügen, unsere moderne Atomtheorie gehabt hätten. Leicht begreiflich ist diese Ansicht deshalb, weil man, ohne einen wesentlichen F"ehler zu begehen, die griechische und die moderne Auffassung über Atome beinahe mit denselben Worten formulieren m Haehnel. kann. Doch ist hierbei zu beachten, daß diese Formulierung eben durch keine mathematische oder chemische Pormel gegeben wird, deren In- halt eindeutig durch sie bestimmt wäre. Es handelt sich vielmehr um einen Satz, der eine ganz verschiedene Bedeutung gewinnt, je nach dem Standpunkt, von dem aus man ihn betrachtet. Im folgenden soll in großen Zügen die Ent- wicklung des antiken und des modernen Atom- gedankens gegeben werden, nicht aus historischem Interesse, also auch nicht unter historischen Ge- sichtspunkten, sondern lediglich in der Absicht, beiden Theorien gegenüber einen klaren Stand- punkt zu gewinnen und um damit zugleich ein Mittel an die Hand zu bekommen, die Bedeutung unserer heutigen Atomistik in richtiger Weise werten zu können. Daß der Atombegriff der Griechen nur einem rein philosophischen Boden entwachsen sein konnte, ist von vornherein festzustellen ; denn von einer methodisch betriebenen, systematisch beob- achtenden Naturwissenschaft kann in jenen Zeiten gewiß nicht die Rede sein. Wie konnte nun aber jener Atombegrifif entstehen, wie mußte er sich bilden? Sein Auftauchen in den Gedanken- reihen einer rein spekulativen Philosophie möchte man beinahe notwendig nennen, seine Heraus- bildung in irgendeiner Form ist im Entwicklungs- gange einer durch und durch metaphysischen Weltanschauung kaum zu vermeiden. — Die Jugend der Menschheit stand, als sie anfing, in der Welt ein Problem zu sehen, vor einem fast unentwirrbaren Durcheinander von Tatsachen, vor einem wahren Chaos von Erfahrungen. Zwei Sätze waren es, die man allein glaubte mit Sicher- heit aussprechen zu dürfen: Es existiert etwas und es geschieht etwas. Sein und Geschehen, das waren die beiden Begriffe, die allem übrigen zugrunde zu liegen schienen und die daher in erster Linie eine klarere Fassung zu erhalten hatten. In der Tat finden wir die älteste Epoche griechischer Philosophie, die Vertreter des naiven Hylozoismus, damit beschäftigt, die Begriffe des Seins und des Werdens zu fixieren, ersteren durch die Annahme von Wasser oder Luft als Urmaterie, letzteren unter dem Bilde von Verdünnung und Verdichtung. Die Annahme eines allem zugrunde liegenden Weltstoffs mit der erfahrungsgemäßen ständigen Bewegung und Veränderung der Dinge in Einklang zu bringen, war ihnen noch nicht als Problem erschienen und den Widerspruch, der in ihrer 7\nschauung lag, aufzudecken, war die not- wendige Aufgabe einer zweiten Periode. — Es i8 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. 2 gibt ein ewiges, unveränderliches Sein, hatten die Hylozoisten gesagt. Es gibt Bewegung und Ver- änderung, sagen die Sinne. Beides sciiien unver- einbar; doch konnte eine Entscheidung erst er- folgen, nachdem jeder .Standpunkt einmal für sich und unter Negierung des anderen konsequent zu Ende gedacht war. An diesem Punkte mußte sich also der Weg der Philosophie teilen. Die Eleaten bauten ihr System auf das Sein als eine gegebene Realität, während sie alle Bewegung, alles Geschehen und Werden für Schein erklärten. Ganz entgegengesetzt ist der Standpunkt Heraklits. Ihm scheint das Bemühen, den Begriff einer ein- heitlichen Weltsubstanz zu bestimmen, gänzlich aussichtslos. Nichts ist beständig und alles fließt. Will man von einem Bleibenden reden, so kann dies nur das Gesetz des Werdens und Geschehens selbst sein. — Beide Theorien wurden mehr oder weniger gewaltsam, oft mit den denkbar größten Ansprüchen an die Abstraktion zu Ende geführt und standen sich schließlich ohnmächtig gegen- über. Keine von ihnen hatte ein befriedigendes Ergebnis gezeitigt und das einzige positive Resultat war die Einsicht, daß auf diesem Wege eine brauchbare Naturauffassung nicht zu ge- winnen sei. Damit war die Grundlage für die Atomistik geschaffen. Was Heraklit und die Eleaten ge- trennt behandelt hatten, mußte man wieder ver- einigen. Daß diese Vereinigung aber nicht auf die Bahn des früheren Hylozoismus zurückführen durfte, darüber war man sich auch klar. Was also sollte man tun? Es blieb kein anderer Weg als dieser: Die von den beiden einander feind- lichen Schulen entwickelten Begriffe des Seins und des Geschehens beide als Realitäten anzu- nehmen und ihre gleichzeitige Berechtigung da- durch zu ermöglichen, daß man — und dies ist die neue Wendung — die Kontinuität des Welt- stoffs aufhob. Die zusammenhängende Urmaterie der Eleaten wurde gleichsam in kleine Teilchen zerschlagen, die, an sich ewig und unveränderlich, ungeworden und unzerstörbar, das Phänomen der Bewegung dadurch bedingen, daß sie im Raum zerstreut sind und sich nun aneinander vorbei- schieben. Jedem dieser einzelnen Teilchen kommen die Eigenschaften zu, die man früher dem Grundstoff gegeben hatte: Sie sind in sich gänzlich gleichartig, begrenzt und unteilbar. Wegen dieser letzteren Eigenschaft nannte man sie Atome. — Dieser Gedanke findet sich in mannigfacher Weise variiert. Doch ist die leitende Idee stets dieselbe: Es gibt eine Mehrheit von Seienden, die zwar an sich absolut konstant sind, die aber dennoch durch ihr Vermögen, sich zu bewegen, die Pluralität der Dinge und ihre Ver- änderung konstruieren. Rein zufällig ist es, daß Leukipp — man möchte sagen, von einer natur- wissenschaftlichen Ahnung getrieben, — den Ge- danken seinerzeit in eine P''orm faßte, welche die griechische Atomistik den modernen Theorien er- staunlich nahe zu bringen scheint: Die Atome begegnen sich im Weltall, prallen aufeinander und erzeugen auf diese Weise Drehbewegungen, welche die leichteren Teilchen nach außen werfen, die schwereren nach innen ziehen. So entstehen Wellen, die sich gleichzeitig im Räume bewegen und möglicherweise durch einen Zusammenstoß sich gegenseitig vernichten können. — Wie modern diese Sätze auch klingen mögen, wir dürfen nie vergessen, daß sie nichts anderes dar- stellen, als eine sehr geistreiche, aber vollkommen metaphysische Spekulation , basierend auf jenem Grundgedanken, der selbst wieder rein deduktiv gewonnen wurde als Fundament und Ausgangs- punkt einer IVIetaphysik, die sich mit dem un- mittelbar gegebenen, dem Sein und dem Geschehen abfinden wollte und welche die Erklärung des Wesens der Welt zur Aufgabe hatte. Ganz anders, diametral entgegengesetzt, ist der Entwicklungsgang unserer modernen, natur- wissenschaftlichen Atomistik. Ihre Grundlage ist einzig und allein das Experiment, welches in seiner quantitativen Form für chemische Zwecke erst möglich wurde, als Lavoisier den Gebrauch der Wage in die chemische Untersuchungsmethode einführte. Als eigentlicher Begründer der Atom- Iheorie hat Dalton ^) zu gelten. Folgendes ist, kurz gefaßt, der Weg, auf welchem er zu ihrer Aufstellung gelangte: Zwei bekannte Verbindungen, Methan und Äthylen, von denen man wußte, daß sie beide aus Kohlenstoff und Wasserstoff bestehen, wurden von Dalton auf ihre zahlenmäßige Zu- sammensetzung hin untersucht. Dabei wurde in jedem Falle gefunden , daß stets auf dieselbe Menge Kohlenstoff im Methan gerade doppelt soviel Wasserstoff vorhanden ist als im Äthylen. Analysierte man beispielsweise i6 g Methan, so fand man 12 g Kohlenstoff und 4 g Wasserstoff, während 14 g Äthylen 12 g Kohlenstoff und 2 g Wasserstoff enthielten. Ein anderer P"all : Zwei Gase, Kohlendioxyd und Kohlenoxyd, bestehen beide aus Kohlenstoff und Sauerstoff"; aber wieder enthält die erste Verbindung auf dieselbe IVIenge Kohlenstoff doppelt so viel Sauerstoff wie die zweite. Ganz analoge Regelmäßigkeiten wurden bei vielen anderen Verbindungen entdeckt, die, in ihrer Beschaffenheit verschieden, sich aus denselben Elementen aufbauen. Nichts lag begreiflicherweise näher, als die Vermutung, daß diese Regelmäßig- keiten vielleicht ein Gesetz ausdrücken könnten. Dieser sich beim ersten Anblick der Verhältnisse aufdrängende Gedanke wurde durch eine große Menge von weiteren Bestimmungen verifiziert, und als ersten Schritt zu seiner Atomhypothese konnte Dalton auf Grund dieser Erfahrungen sein be- rühmtes Gesetz der multiplen Proportionen aus- sprechen : Wenn sich verschiedene Mengen eines ') John Dalton wurde geboren am 6. September 1766 zu Eaglesfield (Cumberland) als Sohn eines WoUwcbers; er wirkte als Lehrer der Physik nnd MathemLitik an einem College in Manchester, wo er die Karbenblindheit entdeckte. Er starb am 27. Juli 1S44 in Manchester. N. F. IX. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 19 Elementes mit jeweils derselben Quantität eines anderen chemisch verbinden, so stehen jene Mengen in einfachen Verhältnissen zueinander, die sich durch ganze Zahlen ausdrücken lassen ; oder anschau- licher, an unserem Beispiel illustriert: Wenn wir eine bestimmte Menge KohlenstotT, etwa 12 g, mit Wasserstoff verbinden wollen, so können sich die 12 g Kohlenstoff mit verschiedenen Mengen Wasserstoff zu verschiedenen N^erbindungen ver- einigen ; aber diese verschiedenen Mengen Wasser- stoff müssen in ganzzahligen Verhältnissen zuein- ander stehen. Wir können in diesem Falle drei solche Verbindungen erhalten: i). 12 g Kohlen- stoff -f- I g Wasserstoff, 2). 12 g Kohlenstoff -|- 2 g Wasserstoff und 3). 12 g Kohlenstoff -(-4 g Wasserstoff. Die Wasserstoffmengen, die sich also mit derselben Menge Kohlenstoff verbinden können, stehen in ganzzahligen Verhältnissen zu- einander: 1:2:4. — Soweit die Tatsachen und die sie zusammenhaltende Gesetzlichkeit. Und nun kommt der entscheidende Schritt: Es ist für uns angenehmer, bequemer, zuweilen sogar von großem Nutzen, wenn wir uns solche Gesetzlich- keiten, die in der oben ausgeführten Form zuerst etwas abstrakt klingen, in ein anschauliches Bild zu fassen vermögen, oder, was durchaus nichts anderes heißen will, wenn wir sie erklären können. Eine solche Erklärungsmöglichkeit bot sich nun Dalton durch die Annahme der Atomhypothese. In der Tat: Wenn wir annehmen, daß die ein- zelnen Elemente aus lauter kleinen Partikelchen zusammengesetzt sind, daß die Vereinigung zweier Elemente darin besteht, daß sich zwei oder mehrere solcher Partikelchen zusammenlagern, dann haben wir ein schönes greifbares Bild der eben geschilderten Vorgänge vor uns. Ein Atom Kohlenstoff kann sich mit einem Atom Wasser- stoff verbinden, auch mit zwei oder mit vier Atomen Wasserstoff. Da die einzelnen Atome jeder Sorte gleichartig sind, so liegt auf der Hand, daß sich auch die Gewichte der verschiedenen Wasserstoffmengen verhalten müssen wie die Zahl der Atome. Es ist fernerhin klar, daß diese Ge- wichte in ganzzahligen Verhältnissen stehen müssen, da ja die Atome unteilbar sind, also Bruchteile der Partikelchen gar nicht in Aktion treten können. Die beiden Sätze, in welche sich alle diese Überlegungen zusammenfassen lassen, sind folgende: i. Jedes Element besteht aus gleichartigen, gleichschweren und unveränderlichen Atomen. 2. Eine chemische Verbindung entsteht durch Vereinigung von Atomen verschiedener Elemente nach einfachsten Zahlenverhältnissen. Dies sind also die Grundlagen der modernen Atomtheorie. Daß diese Grundlagen seit jener Zeit bis auf unsere Tage eine riesige Erweiterung erfahren haben, daß wir heute den primitiven Ausdruck jener Anschauungen zum Teil verlassen mußten, ist wohl klar. Doch kommt es für unseren Zweck auf diese Spezialfragen nicht mehr an, denn die Methode der Forschung, welche an den Dalton'schen Untersuchungen klar werden sollte, ist heute noch genau dieselbe wie damals. Um den Gedanken dessen, was gemeint ist, noch besser hervorzuheben, sei nochmals ganz be- sonders scharf darauf liingewiesen, was der Natur- wissenschaftler unter „Erklärung" versteht. Nicht dies: Das Wesen der Dinge zu beschreiben, oder diesem Wesen auch nur irgendwie nahe zu kommen; — sondern: Die Erscheinungen in möglichst einfacher und übersichtlicher Weise, doch unter Berücksichtigung aller Momente, dar- zustellen und zu erfassen. Wenn also Dalton, um das Gesetz der multiplen Proportionen zu er- klären, zur Atomhypothese greift, wenn er sich von da an die Materie aus kleinsten, unteilbaren Partikeln bestehend denkt, so heißt das nicht etwa: So ist die Welt — sondern : So stellt sie sich uns dar; unter diesem Bilde können wir sie am einfachsten begreifen. So spitzfindig diese Unter- scheidung klingen mag, so wenig ist sie es. Und gerade hier liegt der Unterschied zwischen der griechischen und der modernen Atomauffassung, der nun unter Voraussetzung des Gesagten zu möglichst deutlicher Formulierung gelangen soll: Der Grieche stellt auf Grund rein spekulativer Geistesarbeit den Satz auf: Die Welt besteht aus Atomen. Experimentiert hat er nicht und in Er- mangelung erkenntnistheoretischer Bildung scheint ihm der Inhalt dieses Satzes durch den Maßstab seiner geistigen und körperlichen Beschaffenheit als unumstößliche und unmittelbare Wahrheit erwiesen. Es ist seine Weltanschauung. — Der moderne Naturwissenschaftler sagt ebenfalls: Die Welt besteht aus Atomen. Das heißt aber: Wie die Welt ist, was die Welt ist, davon haben wir keine Ahnung. Unter menschlichen Gesichts- punkten lassen sich aber experimentell eine Reihe von Gesetzlichkeiten konstatieren. Um uns von diesen eine klare Anschauung zu schaffen, machen wir die Annahme, die Hypothese, daß die Welt aus Atomen bestehe. Wir benutzen diese Hypo- these, weil sie uns zweckmäßig scheint, legen aber auf ihren absoluten Inhalt keinen Wert; sie dient uns als Arbeitshypothese. Selbstredend liegt auch für den Naturwissen- schaftler die Gefahr nahe, daß ihm seine Arbeits- hypothese, die ihm als ständiges Werkzeug dient, schließlich zum Dogma, zur Weltanschauung wird. In diesem Moment aber ist aus dem Naturwissen- schaftler ein Metaphysiker geworden, dem sich nun sofort und mit Recht die Erkenntnistheorie in den Weg stellt, welche derselben These, sofern sie als Weltanschauung auftritt, eine Menge un- widerlegbarer Einwände entgegenhält, die gegen den Satz als Arbeitshypothese gänzlich haltlos sein würden. Obwohl für eine erschöpfende Behandlung der Atomvorstellung noch eine Reihe anderer Gesichts- punkte in die Diskussion gezogen werden müßte, so ist es doch für eine gerechte Würdigung der modernen Atomtheorien einerseits und der antiken Atomistik auf der anderen Seite unerläßlich, sich des Grundgedankens der obigen Überlegung be- wußt zu bleiben. 20 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. 2 Kleinere Mitteilungen. über das „Fliegen" der fliegenden Eid- echsen. — ,,Die Drachen oder fliegenden Eid- echsen Ostindiens und der größeren Sundainseln sind wohl die interessantesten lebenden Reptilien; sie durchflattern die Luft mit Hilfe flügelartiger Häute, die sich beiderseits am Körper befinden und durch dünne Knochenfortsätze der vordersten sechs falschen Rippen aufgespannt werden. Wenn das Tier sie nicht benutzt, legt es sie flach an den Körper, und dann sind sie kaum wahrzuneh- men; ausgebreitet bilden sie aber eine runde, unten offene Düte, deren obere Fläche meist sehr hübsch rot und gelb gesäumt ist. Mit Hilfe dieses Fallschirmes kann das Tier bis zu 30 Fuß von einem Baum zum anderen springen, wobei es an- fangs in schräger Richtung fällt, dann aber, seinem Ziel nahe, ein wenig aufsteigt und mit dem Kopfe nach oben ankommt. Diese Tiere sind sehr klein, ohne den langen, dünnen Schwanz nicht mehr als 2 bis 3 Zoll lang, und wenn die Flügel aus- gespannt sind, gleichen sie mehr einem sonder- baren Insekte, als einem Reptil." So beschreibt Wallace in der „Tropenvvelt" die fliegenden Eid- echsen , die er mit Recht die interessantesten lebenden Reptilien nennt. Vielleicht eine der merkwürdigsten Tatsachen ist es aber, daß die vorstehende, fast' ganz unrichtige Darstellung des „Fliegens" dieser Tiere solange unwidersprochen geblieben ist. Es kann kein Zweifel darüber herrschen, daß die Schilderung von Wallace zum Teil sich auf Beobachtung gründet. Das geht daraus hervor, daß er ganz richtig die bogenför- mige Bewegung des Tierkörpers während des Fluges beschreibt. Gänzlich unrichtig ist dagegen die Darstellung über den Flugapparat des Tieres — die fallschirmartige Benutzung der Rippen — wie sie sich außer bei Wallace auch in allen anderen Beschreibungen dieser Tiere findet. Während meines Aufenthaltes auf derMolukken- insel Buru hatte ich wiederholt Gelegenheit die Tiere auch im Fluge zu beobachten. Es ist ja, wenn man ein solches Tierchen näher betrachtet, ganz klar, daß die sehr stark verlänger- ten Rippen bei dem „Fliegen" eine Rolle spielen müssen. Ihre Stellung ist höchst auffallend , da sie keinen geschlossenen Brustkorb bilden, sondern, von lockerer Haut umgeben, breit nach der Seite oder besser gesagt schräg nach hinten vorstehen. Um sich aber davon zu überzeugen, daß das Schweben nicht durch ein schirmartiges Ausspannen der Rippen zustande kommen kann, braucht man sich nur den Körper eines Drachen genauer an- zusehen, um sofort zu erkennen, daß es ihm un- möglich ist, durch irgendeine Vorrichtung seine schlaffe Bauchhaut flach auszuspannen. Außerdem würde auch die von der Kehle herabfallende Hautfalte für ein solches Fliegen ein weiteres Hindernis darstellen. Man beachte ferner, wie sich auf einer .Abbildung, wie z. B. in Brehm's Tierleben, der Eingevveideteil des Körpers abhebt. Da er ja nicht von Rippen umschlossen ist, müßte wenigstens eine sehr eigentümlich ausgebildete Muskulatur vorhanden sein, die hier die Bauch- haut straff gegen die Eingeweide spannt. Zufällig hatte ich Gelegenheit, zweimal Drachen aus dem Fluge zu fangen und diese boten nun ein ganz anderes Bild, wie es die bekannten Ab- bildungen mit den fallschirmartig ausgebreiteten Rippen darstellen. Die Bauch- und Kehlhaut war nämlich straff gespannt und zwar dadurch , daß das zierliche Tierchen durch Aufnahme einer be- trächtlichen Luftmenge zu einem länglichen, flachen Ballon aufgetrieben war. Schematische Darstellung des Querschnittes des Körpers von Draco während des Fluges nach der bisherigen Annahme. nach meiner Beobachtung. Die Rippen hatten dabei ausschließlich die Funktion, dem Luftball eine breite Stütze zu bieten. Wir würden also das schwebende Tier- chen mit einem Luftschiff halbstarren Systems vergleichen können. Nachdem ich das Tier ge- fangen hatte, begann es in meiner Hand die Luft, welche die Haut aufblähte, auszustoßen und bald war die Haut schlaff zusammengesunken und der Körper mit den noch immer breit abstehenden Rippen ganz flach geworden. Die Tierchen sind ja ganz außerordentlich leicht gebaut. Dadurch, daß sie noch eine beträchtliche Menge von Luft aufnehmen , wird ihr spezifisches Gewicht noch mehr vermindert. Da nun der kleine Ballon außerdem noch eine verhältnismäßig breite Fläche bietet, wird den Tieren ein Gleitflug auf verhältnis- mäßig große Entfernung ermöglicht. Das Schwe- ben beruht also bei ihnen im wesentlichen auf einem anderen Prinzip wie wir es sonst im Tier- reich antreffen. Abgesehen von den wirklichen Fliegern ist das Prinzip des Fallschirmes im Tierreich ziemlich weit verbreitet. Wir finden es bei dem Schweben der fliegenden Eichhörnchen (Pteromys) und fliegenden Halbaffen (Galeopithecus) verwandt, und auch die fliegenden Fische, deren Fliegen ja auch nur ein Gleiten durch die Luft ohne eigent- liche Flugbewegung darstellt , wären hierzu zu rechnen. Unter den F"röschen gibt es ferner eine Familie der Flugfrösche (Racophorus), welche auf den großen Sundainseln vorkommt. Bei diesen Tieren sind die Zehen und die zwischen diesen ausgespannten „Schwimm"häute außergewöhnlich stark entwickelt und ermöglichen den Tieren einen Gleitflug. Da nun Frösche allgemein im- stande sind, ihren Körper durch Aufnahme von Luft beträchtlich aufzublasen, halte ich es nicht für unwahrscheinlich , daß die Rhacophorusarten diese Fähigkeit zur Unterstützung ihres Gleitfluges N. F. IX. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 21 ausnutzen. Es wäre ganz interessant, wenn diese Vermutung durch die Beobachtung bestätigt würde. Solclie Beobachtungen sind aber sehr vom Zufall abhängig, da wohl auch das Leben dieser Tiere wie das der fliegenden Eidechsen sich vornehm- lich in den Bauml;; 9 cm groß , für wenige Pfennige zu haben, die hierzu sehr ge- 24 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. 2 eignet sind. Die matte, dünne, weiße Abart D des Lentapapiers ist vorzuziehen. Carl Breuer. Vereinswesen. Deutsche Gesellschaft für volkstümliche Naturkunde (E.V.). — Nach der Ruhepause des Sommers nahm die Gesellschaft am IVIittwoch, den 6. Oktober, mit einer Exkursion nach Veiten ihre Tätigkeit wieder auf. Die Exkursion, an der' sich ungefähr 70 Damen und Herren beteiligten, galt der Besichtigung der dortigen Tonwaren- industrie und der zurzeit in dem genannten Orte veranstalteten Keramischen Ausstellung. Am Bahnhof wurden die Teilnehmer von dem Führer der Exkursion, Herrn Rektor Haselberger, empfangen. Wegen des regnerischen Wetters mußte von einem Besuch der Veltener Tonberge Abstand genommen werden. Diese liegen im Westen des Ortes und sind wahrscheinlich so entstanden , daß ein von Norden kommender Nebenfluß des vorgeschichtlichen mitteldeutschen Urstromes die durch Kohlensäure, Wärme, Kälte und Wasser aus einem nördlich gelegenen Ab- lagerungsgebiet abgelösten Alkalien, Kalke, Mag- nesia, Eisenoxyde hier abgesetzt hat. Der Ton lagert i — 3 m unter der Erde in einer Mächtig- keit von 2 — 5 m und wird durch Tagbau ge- wonnen. Naturgemäß enthält der Ton allerlei Verunreinigungen in Gestalt von Wurzelresten, Tierversteinerungen, grobem Sand, Steinen usw., die — soweit es möglich ist — schon hier entfernt werden. Der weitere Hergang konnte in der Ofenfabrik des Herrn Netzband verfolgt werden, wo der Inhaber der Firma in liebenswürdiger Weise die nötigen Erklärungen gab. Der Ton wird in der Schlämme bearbeitet. Die Schlämme besteht aus einem kreisrunden, gemauerten Bassin von 5 — 6 m Durchmesser und r m Höhe mit einer Spindel in der Mitte, an der sich 4 große Harken mit eisernen Zähnen befinden. Hier wer- den die verschiedensten Arten der Tone mit Wasser zu einem Brei gerührt und — soweit der dortige Ton kalkarm ist — mit kalkhaltigen Sub- stanzen vermischt. Das Schlämmgut läuft nach einem Sandfange und von hier aus durch Siebe und in Rinnen nach den Tonkästen. In diesen sondert sich der Ton vom Wasser. Letzteres wird abgelassen , und der Ton trocknet an der Luft. Sobald kleine Risse entstehen , wird der Ton mit einem Haken in ca. 30 cm lange Qua- drate gerissen. Wenn der Ton die nötige Steife besitzt, wird er nach dem Tonkeller gebracht. Vor der Verarbeitung läßt man ihn noch durcii den Tonschneider gehen. Dieser, einer großen Fleischhackmaschine ähnlich, soll den Ton noch einmal gehörig durchkneten, damit er in allen Teilen gleiche Plastizität besitzt. Mittels eines Aufzuges wird nun der Ton in die Werkstätten geschafft. In der Kachelwerkstatt konnte die Herstellung der Kachel im Handbetrieb und durch die Kachelpresse verfolgt werden. Bei ersterem wird die Kachel aus 2 Teilen zusammen- gesetzt. Das Blatt wird von einem Tonblock durch Draht abgeschnitten, und der Rumpf wird in der Rumpfpresse gewonnen. Es ist besonders zu beachten, daß beide Teile aus gleich feuchter Masse bestehen, weil sonst die Formlinge beim Trocknen nicht gerade bleiben. Die Kachelpresse ist eingerichtet wie eine Wurststopfmaschine. Die heraustretende Masse wird in eine abnehmbare Form gedrückt. Sollen die Kacheln gemustert werden, so kommen sie unter eine besondere Presse, in der die Verzierungen eingedrückt wer- den. Die gewonnenen Kacheln ruhen auf Latten, bis sie lederhart geworden sind, und kommen dann in den heißen Trockenraum, wo sie einige Tage liegen müssen, bis jede Feuchtigkeit aus ihnen verschwunden ist. In der Gesimswerkstatt ist jeder maschinelle Betrieb ausgeschlossen. Der hier arbeitende Töpfer schlägt den Ton mit der Faust in die Gipsform, sorgt dafür, daß die Masse nie dicker liegt als i cm, versieht das Stück hinten mit Leisten aus Ton und kippt es aus. Bei größeren Stücken muß besondere Sorgfalt auf das Trocknen verwendet werden. Man ver- deckt die äußeren Teile, damit der Trockenprozeß von der Mitte aus beginnt und die äußeren, noch weichen Teile herangezogen werden. Die Formen für die Gesimsstücke verursachen dem F"abrikanten nicht unbedeutende Gcldkosten, weil hier der jeweiligen Geschmacksrichtung Rechnung getragen werden muß. Das ausgedehnte P'ormenlager war hierfür ein sprechendes Zeugnis. Die ausgetrock- neten Kacheln und Gesimsstücke kommen nun in den Brennofen (Flammenofen), der im Innern 4 m lang, 3 m breit und 2'., m hoch ist. Hier werden sie 30 — 36 Stunden einem Holzfeuer aus- gesetzt, bis sie „gar" sind. Man nennt diesen ersten Brand auch Schrüh- oder Schriebrand. Diejenigen Gesimsstücke, die nicht glasiert wer- den sollen, kommen gleich in das Simslager. Die anderen und die Kacheln werden glasiert. Der Veltener ist stolz auf seine haarrißfreie Schmelz- glasur. Der Grundton derselben ist weiß, sie er- hält aber durch farbige Oxyde die verschiedensten Farbtöne. Auf die Herstellung wird besondere Sorgfalt verwendet. Man nimmt i Teil Zinn und 4 Teile Blei, schmilzt es zusammen und rührt die Legierung bei mäßiger Rotgluthitze so lange, bis sie durch den Sauerstoff der Luft vollständig oxydiert und in ein schv^eres gelbes Pulver ver- wandelt ist. Bei diesem „Äschern" wird aus i kg Blei 1,08 kg Bleioxyd und aus i kg Zinn 1,27 kg Zinnoxyd. Dieser „Ascher" wird mit Sand und Salz (Feldspat, Porzellanscherben, Kaolin, Mag- nesit, Salpeter, Borax, Pottasche) vermischt oder versetzt. Das Gewonnene heißt Versatz. Das Verhältnis der einzelnen Ingredienzien ist Geheim- nis eines jeden einzelnen Fabrikanten und muß für jede einzelne Tonart besonders erprobt wer- den. Im allgemeinen rechnet man auf 100 Teile N. F. IX. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 25 47% Äscher, 31",, Sand, 1 1 "0 Kaolin, 15",, Salz. Der Versatz kommt in den Schmelzofen, wo er ca. 30 Stunden einem starken I-'euer aus- gesetzt wird. Man erhält eine zähe, dickflüssige iVlasse, die erhärtet herausgemeißelt werden muß. Die Glasur wird nunmehr in der Glasurmühle zerstückelt und zu einer mehligen, in Wasser lös- lichen Masse zermahlen, mit der die Glasurstücke begossen werden. Nach dem Glasieren werden die Kacheln dem zweiten Brande, dem Glatt- brande, unterworfen. Sollen die Kacheln dekoriert werden, so wandern sie in die Malerstube, wo sie von Künstlern verziert und darauf zum 3. Male in der Muffel gebrannt werden. Neuerdings sind Versuche mit altdeutscher Glasur gelungen, einen Glattbrand ohne vorherigen Schriebrand zu er- reichen. Diese Versuche wurden dadurch ver- anlaßt, daß andere Orte diese Herstellungsart haben und dadurch billiger liefern können. Die nunmehr fertigen Stücke kommen in das für sie bestimmte Lager, von wo aus sie mit der Bahn, mit dem Wagen oder auf dem Wasserwege ver- sandt werden. Mit herzlichem Danke verabschiedeten sich nunmehr die Teilnehmer der Exkursion von Herrn Netzband, der alle durch seine sachlichen Aus- führungen gefesselt hatte, und suchten die Kera- mische Ausstellung in der Turnhalle auf, die vom 29. September bis 12. Oktober dauerte und von der Ortsmuseumsverwaltung veranstaltet worden war. Der leitende Gedanke bei der Aus- stellung war, zu zeigen, daß die Ofenfabrikation in bezug auf moderne Leistungsfähigkeit in Be- herrschung der Farben und F"ormen durchaus auf der Höhe steht. Diese Anschauung wurde erreicht durch Auslegung von Einzelteilen der Öfen und Musterbücher. Sodann aber sollte dar- getan werden , was alles aus Veltener Ton ge- arbeitet werden kann, um daraus irgendeinen neuen Industriezweig begründen zu können. Natur- gemäß trat da der fertige Ofen in den Hinter- grund. Ein besonderer Teil der Ausstellung war die Wanderausstellung des Kunst gew erbe- museums zu Berlin. Sie zeigte die verschie- densten Gebrauchs- und Luxusgegenstände, die aus Ton verfertigt und aus allen Teilen Deutsch- lands gesammelt waren. Auch die Königliche Porzellanmanufaktur in Berlin war durch einzelne Gegenstände vertreten. Die Fachschule der Ber- liner Töpferinnung hatte Zeichnungen ausgestellt, und auch die Veltener junge Fortbildungsschule hatte zum ersten Male den Schritt in die Öffent- lichkeit gewagt und Zeichnungen und Modellier- arbeiten der "Töpferklasse gezeigt. Die Veltener Fabrikanten hatten Wandfliesen, Majolikasachen, Glasurmalereien , Dekoration der Flächen durch Abziehbilder, durch Sandgebläse, Ätzen, Lauf- glasuren, glasierte Kacheln ohne Schriebrand aus- gestellt. Besonders fielen auf die Waren, die nach Cadiner Art in Veiten hergestelh werden. Der solange wenig geachtete rotbrennende Ton liefert Gegenstände, die den Fabrikaten aus der Kaiser- lichen Besitzung in Cadinen an die Seite gestellt werden können. Aus allem war ein eifriges Stre- ben nach Vervollkommnung zu erkennen. Nach Besichtigung der Ausstellung wurde noch dem O r t s m u s e u m ein Besuch abgestattet, das sich in der Knabenschule befindet und sonn- täglich von 2—3 Uhr geöffnet ist. Es ist in 11 Räumen untergebracht. Wir finden dort Prunk- öfen, wie sie ehemals von Liebhabern gefordert wurden, Kacheln in allen Größen mit jeder Glasur und jedem Bildschmuck, Ornamente, Figuren, Vasen , Terrakotten. In einem Raum sind die einzelnen Glasurbestandteile, ein Modell des Ton- bergs, die F"undobjekte aus dem Tonberg, wie Bernstein, Steinbeile usw. untergebracht. Ein anderer Raum zeigt Bücher, Zeitschriften, Muster- bücher, Albums usw.; kurz, man bekommt ein deut- liches Bild von dem, was in Veiten geschaffen worden ist und von dem, was in Veiten geschaffen wird. Mit Eintritt der Dunkelheit kehrte man in den Ausstellungsraum zurück, wo Herr Rektor Hasel- berger noch einen Projektionsvortrag hielt über die Ofenindustrie in Veiten. Die Bilder führten die Arbeit in den Tonbergen, auf dem Fabrikhof, in der Fabrik vor und zeigten, wie der Versand erfolgt. Der typische Kachclwagen ist jedem Berliner wohlbekannt. Wenn der Kanal erst Veiten mit dem Großschiffahrtsweg verbindet, werden die Waren bequemer ihr Ziel erreichen. Die erste Verwendung des Tones erfolgte in Veiten im Jahre 1S28, als hier eine Scheiben- töpferei entstand. 1835. wurde die erste, 1848 die zweite, 1858 die dritte und vierte Ofenfabrik gegründet. Seit 1870 hat sich die Zahl bis auf 37 gesteigert. In neuerer Zeit ist dem Kachel- ofen in der Zentralheizung ein ernster Konkurrent erwachsen, und gar scharf geht man mit unserem Kachelofen ins Gericht. Aber: „Was ihm von seinen Gegnern als nachteilig nachgesagt wird, zerfließt bei objektiver Beobachtung und fach- männisch kritischer Beleuchtung ebensogut in nichts als die angeblichen, mit dem größten Auf- wände der Reklame ausposaunten Vorteile der anderen Öfen und Heizsysteme, speziell des eiser- nen Ofens und der Zentralheizung. Die Vorzüge des Kachelofens sind weder durch die Kritik des praktischen noch des theoretischen Heiztechnikers, des Hygienikers oder des Raumästheten ^ anzu- greifen oder zu bezweifeln und weisen dem Kachel- ofen für alle Zeiten den ersten Platz dort an, wo es auf billige, gesunde und vernunftgemäße Be- heizung angenehmer, stimmungsvoller Wohnräume ankommt,' gleichviel, ob es sich um die beschei- dene Wohnung des Arbeiters, die einfache Stube des kleinen Landwirtes oder um gediegene Pracht- räume vornehmer Schlösser handelt" (C. Melhardt). Am' II. Oktober 1909 eröffnete der erste Vorsitzende, Herr Geheimer Regierungs-Rat Prof Dr. Kny im Hörsaal VI der Kgl. Land- Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. 2 wirtschaftlichen Hochschule die wissenschaftlichen Vorträge des Winters, indem er die zahlreich er- schienenen Mitglieder herzlich begrüßte und ihnen die erfreuliche Mitteilung machte, daß die neue Aula der I.andwirtschaftlichen Hochschule, welche etwa loo Sitzplätze mehr als dieser Hörsaal ent- halten wird, sich ihrer Vollendung nähert. Wir dürfen hoffen, daß uns dieselbe vom Rektorate unter ähnlich günstigen Bedingungen zur Ver- fügung gestellt werden wird, wie es bisher bei diesem Vortragssaalc der F"all war. Der Vorsitzende ging dann zum Thema seines Vortrages über. Dasselbe lautete: „Über Schutz- mittel der Pflanzen". Die Pflanzen befinden sich den schädlichen Einflüssen gegenüber, welche ihre Existenz be- drohen, in ungünstigerer Lage als die Tiere, da ihnen auf den höheren Stufen die Fähigkeit der Ortsbewegung mangelt. Sie bedürfen also be- sonders gut ausgebildeter ständiger Schutzmittel. Gegen die großen Gefahren, welche ihnen aus dem Mangel unentbehrlicher Nährstoffe im Boden erwachsen, gibt es keinen direkten Schutz; doch ist die Fortexistenz der Arten auf indirekte Weise dadurch gewährleistet, daß Sporen und Samen meist in sehr großer Menge erzeugt werden und daß der Transportmittel so viele sind, daß eine genügende Anzahl von Individuen auf geeignetem Boden erwachsen können. Von klimatischen Bedingungen hob Vortragender die hohe Wichtigkeit einer aus- reichenden Wasserversorgung hervor. Um die Verdunstung innerhalb angemessener Grenzen zu halten, bedecken sich alle jungen Pflanzenteile frühzeitig mit einem zarten Häutchen aus Korkstoff', der Cuticula. Wo in einem warmen und trockenen Klima das Bedürfnis nach stärkerem Verdunstungsschutz vorhanden ist, greift eine partielle Verkorkung auch auf die nächst unteren Membranschichten (Cuticularschichten) über oder umfaßt sogar die gesamten Außen-, Seiten- und Innenwände (viele Proteaceen Neuhollands). Zur Verkorkung tritt sehr häufig noch eine Wachs- einlagerung und Wachsausscheidung der Außen- wände. Wird das primäre Hautgewebe (Epider- mis) beim Dickenwachstum von Sproßachsen und Wurzeln abgestoßen , so tritt an seine Stelle ein sekundäres Hautgewebe, das Periderm, dessen Zellwandungen ebenfalls ganz oder zum größten Teile verkorkt sind. Wiederholt sich die Neubil- dung von Peridermzonen in bestimmten Ab- ständen von außen nach innen, so entsteht die Borke. Ihre beiden Modifikationen, die „Ringel- borke" und die „Schuppenborke", gehen mannig- fach ineinander über. Um die Verdunstung, welche zu den wich- tigsten Funktionen der lebenden Pflanze gehört, in entsprechender Weise zu regulieren, ist die Oberhaut oberirdischer jugendlicher Pflanzenteile mit ,, Spaltöffnungen" versehen. Während die- selben bei Pflanzen regenreicher Klimate meist im Niveau der übrigen Epidermiszellen liegen, sind sie bei Bewohnern trockener Klimate meist in grubige Vertiefungen versenkt, um windstille Vorräume zu schaffen. Bei gewissen Steppen- gräsern wird derselbe Zweck durch Einrollung an der Unterseite erreicht. In Knospen schützen sich die jugendlichen Teile vielfach durch reich- liche Aussonderung von Gummischleimen und Harzen gegen zu starken Wasserverlust. Schleimige Säfte spielen bei vielen, starker Trockenheit ausgesetzten Pflanzen auch als Be- standteile des Zellinhaltes eine wasser- speichernde Rolle (Aloe- und Agave Arten, Cac- tecn usw.). Bei vielen Wüstenpflanzen treten an ihre Stelle hygroskopische Salze, besonders Chlor- natrium und Chlorammonium. Bei gewissen Holzgewächsen wird die Ver- dunstung durch Verkleinerung der Blatt - spreiten herabgesetzt, wie bei jenen australischen Arten der Gattung Acacia, welche ihre Blätter zu ,,Phyliodien" umwandeln. Das Extrem nach dieser Richtung bieten die Cacteen dar, bei denen jeder Dorn einem metamorphosierten Blatte ent- spricht. Wenn der Hochsommer lange Trockenzeiten bringt, schützen sich unsere sommergrünen Holz- gewächse durch vo r zeit i g e n Laubfall. Auch der herbstliche Laubfall ist eine ähnliciie Scliutz- vorrichtung. Im Winter würden die Wurzeln nicht imstande sein , das durch reichliche Ver- dunstung verlorengehende Wasser durch die Wur- zeln aus dem gefrorenen Boden zu ersetzen. Den vollsten Schutz gegen Trockenheit ge- nießen jene Pflanzen, welche die Fähigkeit be- sitzen, bei Rückkelir feuchter Witterung wieder aufzuleben, wie die meisten Flechten und die in Mexiko heimische Selaginella lepidophylla. Gegen Temperaturschwankungen sind die Pflanzen unserer Breiten widerstandsfähiger als gegen starke Trockenheit. Bei vielen Pflanzen der Hochalpen dient als Schutzmittel gegen schroffe Temperaturänderungen eine reichlicliere Behaarung. Durch dieselbe wird die Luft, welche bekanntlich ein schlechter Wärmeleiter ist, ener- gisch festgehalten. Die in Thermen lebenden Algen vertragen Temperaturen, welche nahe an den Gerinnungspunkt des Eiweißes heranreichen. Die Sporen des Heubaziilus können sogar kurze Zeit die Einwirkung der Kochtemperatur ver- tragen, ohne ihre Keimfähigkeit einzubüßen. Das Licht ist eine notwendige Bedingung für die normale Entwicklung der grünen Pflanzen; doch zerstört es bei übergroßer Intensität den Chlorophyllfarbstoff. Unter den Mitteln, die schädlichen Wirkungen zu starker Besonnung zu paralysieren, treten besonders zwei hervor: erstens die Fähigkeit vieler Blätter, unter solchen Um- ständen ihren Rand der Lichtquelle zuzukehren (Profilstellung), und die Orts- bzw. Formänderung der Chloropliyllkörper. Gegen die Tierwelt, welche in ihrer Er- nährung, in den Wüsten und Steppen z. T. auch in der Gewinnung des Wassers, auf die Pflanzen N. F. IX. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 27 angewiesen ist, schützen sich die Pflanzen teils durch äußere Vorrichtungen (Dornen, Stacheln, steife Haare und Brennhaare), teils durch harte, an ihren Enden zugespitzte innere Zellen (Idio- blasten), durch spiesförmige Kristalle (Raphiden) und durch Gifte. Lebenskräftige Pflanzcnteile besitzen in hohem Maße die Fälligkeit, Wunden gegen starken Ver- dunstungsverlust zu schützen und sie zu heilen. In erster Linie dient hierzu der Wundkork, in zweiter Linie der Verschluß der geöffneten Holz- gefäße durch Wundgummi oder Harz und das Hineinwachsen der benachbarten Holzparenchym- zellen (Thyllen). Das gegenüber den höheren Tieren sehr stark entwickelte Regenerations- vermögen bewirkt überdies, daß das durch Verlust einzelner Teile gestörte Gleichgewicht im Gesamtbau nach Möglichkeit wiederhergestellt wird. Gegen die Parasiten, welche zu den schlimmsten Feinden des Pflanzenlebens gehören, entbehren die befallenen Nährpflanzen eines unbe- dingt wirksamen Schutzmittels. Es kann dies nicht anders sein, da die Parasiten ja auch Or- ganismen sind, welche ebenso wie die Nährpflaiizen die Fähigkeit der Anpassung an die Außenwelt besitzen. Das Verhältnis beider erinnert an den Kampf zwischen Panzerplatten und gezogenen Kanonen. Jede Vervollkommnung auf der einen Seite gibt den Anstoß zu Verbesserungen auf der anderen Seite. Das beste Mittel, die Schädigung der Kulturgewächse durch ihre Schmarotzer zu vermindern, wird die Züchtung solcher Varietäten sein, welche sich am widerstandsfähigsten erweisen. Am Schlüsse wirft Vortr. die Frage auf, in- wieweit bei den Organismen, speziell bei den Pflanzen, das Prinzip der Zweckmäßigkeit durchgeführt ist. Solange sich wie gegenwärtig ein gewisses Gleichgewicht zwischen den Organismen untereinander und mit den Kräften der unorganischen Natur hergestellt hat, dürfen wir die Frage mit Einschränkungen bejahen. Bei Eintreten tief- gehender klimatischer Änderungen, wie sie in den Perioden der Eiszeit stattfanden, versagt aber ein großer Teil der Schutzmittel. Die Pflanzen wer- den zu Wanderungen gezwungen, wobei einzelne zugrunde gehen und durch andere ersetzt werden. Was in solchen geologischen Epochen im Großen geschehen ist, vollzieht sich gegenwärtig fort- dauernd im Kleinen. Rivalisierende Arten machen sich ihren Platz streitig und führen einen stummen Vernichtungskrieg. Anderenfalls wäre die Welt der Organismen zur Unveränderlichkeit verurteilt. Eine Fortentwicklung vom Niederen zum Höheren ist nur dann gewährleistet, wenn die Wirksamkeit der Schutzeinrichtungen keine absolute ist. I. A.; Prof. Dr. W. Greif, I. Schriftführer, Berlin SO 16, Köpeaickerstraße 142. Bücherbesprechungen. Die Süßwasserfische von Mittel-Europa. Her- ausgegeben von Wilhelm Grote, Barmen f, verfaßt von Prof. Dr. Carl Vogt, Genf 7 und Prof. Dr. Bruno Hof er, München. Verlag W. Engelmann Leipzig. 2. Bände. — Preis 300 Mk. Der Munifizenz des 1900 gestorbenen Groß- industrieilen Wilhelm Grote aus Barmen, der ein begeisterter Liebhaber der Fischerei war, ist es zu danken, daß wir über die Süßwasserfische Mittel- europas jetzt ein Werk erhalten haben, das in bezug auf Genauigkeit der Darstellung der Formen in Wort und Bild und auf glänzende Ausstattung einen ersten Platz in der zoologischen Literatur beanspruchen darf In 18 jähriger .Arbeit ist es vollendet, ein Textband von 5 58 Quartseiten und ein Atlas von 31 großen farbigen Tafeln. Der Text ist zum Teil von Carl Vogt und zum Teil von Bruno Hofer verfaßt, die Zeichnungen sind von Wilhelm Winter und seinem Sohn Fritz Winter gemacht und in der berühmten lithographischen Anstalt von Werner und Winter hergestellt. Der Text behandelt Anatomie, Biologie, Syste- matik, Variabilität, Bastardierung, Fischkrankheiten, Schutz, Zucht, Mißbildungen u. a. Grote wollte ein gemeinverständliches Werk schaffen, und so ist auch der Text einfach, aber klar, für jeden verständ- lich gehalten und anatomische Einzelheiten, wie Schuppen, Schlundzähne u. a. durch vorzügliche und sehr genaue Textabbildungen erläutert. Der systematische Teil behandelt nicht nur die Arten, sondern auch die Varietäten, Rassen und Formen in gründlicher Weise und berücksichtigt auch die bei uns aus dem Ausland eingeführten Süßwasserfische. Wenn in einigen Kapiteln besonders im systematischen Teil manche veraltete Anschauung vorhanden ist, so liegt dieses daran, daß Hof er diese Kapitel bereits von Vogt fertig verfaßt vorfand und den Text von Vogt aus Pietät möglichst festhalten mußte. Trotzdem erkennt man aber, wie Hof er sich bemüht hat, nicht nur in den von ihm allein verfaßten Abschnitten über Fischkrankheiten, Schutz, Vermehrung, Zucht, sondern auch in den anderen den neuesten Stand unserer Kenntnisse durch .Änderungen und Zusätze zur Geltung zu bringen und so ein Werk zu schaffen, das nicht nur für Fischzüchter und Liebhaber der Fischerei, sondern auch für den Zoologen eine Fülle von interessantem und wichtigem Material bietet. Das Wertvollste des Werkes sind die bewunderns- werten Tafeln. Wir kennen von der Firma Werne r und Winter schon viele herrliche Proben ihrer Leistungsfähigkeit, aber diese Tafeln zeigen sie auf einer Höhe, die kaum sich übertreffen läßt. Was sie so wertvoll macht, ist nicht nur die hohe Technik, sondern auch die naturgetreue Darstellung der Form und Farben und dabei die peinliche Genauigkeit in den anatomischen Einzelheiten. W'er den leider viel zu früh gestorbenen W' i 1 h e 1 m Winter in dem letzten Jahrzehnt seines Lebens besucht und einen Einblick in diese Arbeit erhalten hat, der mußte seine Freude daran haben zu sehen, mit welcher Begeisterung und Geduld er die Fische im Leben selbst beobachtete und genaue Skizzen machte, und wie er mit ganzer Kraft strebte, die vom Maler vom lebenden Fisch entworfenen Aquarelle auch anatomisch richtig zu ge- 28 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX Nr. 2 stalten und Vollendetes zu bieten. Wie oft sind wohl die Zeichnungen Winter's zwischen München und Frankfurt gewandert und der Kritik Hofer's und Winter's unterworfen worden, bis sie endlich das Imprimatur erhalten haben ! Und wie der Vater, so hat auch sein Sohn Fritz Winter, der schon mit den Zeichnungen der Tiefseefische der Val- d i via- Expedition eine glänzende Probe seines Könnens abgelegt hat, mit der gleichen Liebe und Geduld und dem gleichen zoologischen Verständnis sich dem Werk gewidmet. So ist ein Werk entstanden, das dem Herausgeber, den Verfassern und Mitarbeitern sowie der Firma Werner und Winter zum dauernden Ruhme ge- reichen wird und deutsches Arbeiten und Können in bestem Lichte zeigt. Prof. A. Brauer (Berlin). Prof. Carl Oppenheimer, Die Fermente und ihre Wirkungen. Dritte, völlig umgearbeitete Auflage. Spezieller Teil. Leipzig 1909, F. C. W. Vogel. — Preis 16 Mk. Das bewährte Werk wird immer umfangreicher. Der Verfasser hat es in zwei Bände zerlegt, in einen speziellen und einen allgemeinen Teil. Der vor- liegende spezielle Teil umfaßt jetzt allein schon nicht weniger als 491 Seiten. Verfasser kann sich darauf gefaßt machen — falls nicht diesmal eine größere Auflage gedruckt worden ist — , daß bald wieder eine neue Auflage nötig sein wird, denn er mußte sein Werk in Verfolgung der schnellen Fortschritte auf seinem Gebiete völlig umarbeiten und jeder ernstlich an dem Werk Interessieite muß das Buch daher wieder beschaffen, auch wenn er eine ältere Auflage besitzt. Verfasser hat den Versuch gemacht, eine „natürliche Ordnung" der Fermente einzuführen. Nachahmungswert ist die Angabe des Druckdatums auf jedem einzelnen Bogen, was sich in unserer Ge- drucktes so übermäßig viel produzierenden Zeit empfiehlt, um mancherlei, z. B. das Fehlen eines be- stimmten Literaturzitats zu erklären, wenn das be- treffende Stück während der Drucklegung erschienen ist. Verfasser disponiert nach dem Prinzip einer natürlichen Ordnung, wie wir schon sagten. Diese ist die folgende. A. Hydrolasen (hydrolytische Fermente). I. Ester- asen: Einfache Ester spaltende Fermente. Echte Lipasen. IL Karbohydrasen : Disaccharasen, Tri- saccharasen und Tetrasaccharasen, Glykosidasen, Poly- saccharasen. III. Amidasen und Proteasen : Einfache Amidasen inkl. Urease, Arginase, Kreatinase, Adenase, Guanase usw. Peptasen und Ereptasen, Nuklease und Phytase, Tryptasen. Die Autolyse der Gewebe. Pepsinasen. IV. Koagulasen : Thrombase, Chymase, Anhang: Mucinase, Pektase. — B. Oxydasen (inkl. Peroxydasen): Alkoholoxydasen (inkl. der O.xydations- gärungen), Aldehydasen, Purinoxydasen (Xanthoxydase, Uricase), Phenolasen, Tyrosinasen u. Ä. — C. Zy- masen (Gärungsenzyme). Milchsäuregärung, Zymase und Laktazidase. — D. Katalase. Literatur. Haase, E. : Die Erdrinde. Einführung in die Geologie. (VII, 170 S. m. Abbildgn. u. 3 färb. Taf.) gr. 8°. Leipzig '09, Ijuelle & Meyer. — Geb. in Leinw. 2,20 Mk., m. .Anh. (\I[, 170 u. 84 S.) 2,80 Mk. Prowazek, Dr. S. v. : Tasclienbuch der mikroskopisclien Technik der Proüstenuntersuchung. 2. umgearb. Aufl. (87 S.) kl. 8». Leipzig '09, J. A. Barth. — Geb. in Leinw. u. durchsch. 2,50 Mk. Anregungen und Antworten. Herrn Dr. H. in Reutlingen und Herrn Privatdoz. Dr. K. in München. — Kann Psychisches auf Physisches einwirken? (Vgl. Naturw. Wochenschr. Nr. vom 21. Nov. 1909 p. 751.) — Die Physik zeigt in verhältnismäßig ein- fachen Versuchen, daß eine tönende Stimmgabel oder eine tonende Glocke die sie umgebende Luft in Schwingungen ver- setzt und daß diese Schwingungen sich mit einer Geschwindig- keit von etwa 333 m in der Sekunde nach allen Richtungen hin ausbreiten. Der Phonograph vermag sogar die von einer Musikkapelle erzeugten Tonmassen oder die von einem Redner gesprocliencn Worte ,, festzuhalten" und immer wieder von neuem ,, hervorzubringen". Treffen die Schallwellen unser Ohr, so pflanzen sie auch hier sich weiter, zunächst zum Trommel- fell und zu den Gehörknöchelchen, dann durch das ovale Fenster und die Labyrinthtlüssigkeit zu den zahlreichen Enden des Hörnerven. Aber auch jetzt kommt der durchaus phy- sische Vorgang nicht zum Stillstande. Vielmehr breitet sich der Reiz mit verringerter Geschwindigkeit und in veränderter Form weiter und weiter bis zu einer bestimmten Gehirnregion, der oberen Windung des Schläfenlappens. Selbst hier braucht er keineswegs zu erlöschen, sondern vermag auch noch durch Vermittlung von zahlreichen Fasern auf andere Hirngebiete sowie auf die motorische Peripherie des Körpers auszustrahlen. Die Physiologie gibt für die Reizleitung innerhalb des Körpers die mannigfaltigsten Beweise. Ein Schnitt durch den llörnerv hebt alle akustischen Empfindungen auf, es sei denn, daß der mit dem Hirn noch verbundene Nervenstrang mechanisch, elektrisch oder sonstwie gereizt werde. Eine Störung im Schläfenlappen, beruhe sie auf einer zufälligen äußeren Ver- letzung oder auf einem operativen Eingriffe, oder beruhe sie auf irgendeiner Erkrankung der Zell- oder Fasersubstanz, ändert die Gehörempfindungen ab oder hebt sie ganz und gar auf. Die Erscheinung der auditorischen Aphasie, wo ein Patient ein bestimmtes Wort, wenn es vorgesprochen wird, nicht nachzusprechen vermag, wohl aber dann, wenn es ihm gedruckt oder geschrieben vorgezeigt wird, beweist, daß das nervöse Hörzentrum mit anderen Ilirngebieten sowie mit motorischen Organen des Körpers verbunden ist. Was von den Schallempfindungen gilt, gilt auch von den Gesichtsempfindungen, ja von Em]>findungcn jeder Art, und selbst die feinsten Gefühle und die flüchtigsten und verschwommensten Vorstellungen wird man nicht aus- schließen wollen. Wie man jeder Gehörsempfindung einen akustischen Reiz zuordnen darf, so einer jeden Gesichtsempfindung einen op- tischen Reiz; ja es liegt nahe, für jede Empfindung, für jedes Gefühl und selbst für die flüchtigste und verschwom- menste Vorstellung einen physiologischen Prozeß vorauszu- setzen. Es erscheint demnach die Auffassung berechtigt, daß ein jeder psychische, nur von mir selbst erlebte Vorgang von einem physischen Vorgang, einem Vorgang lihysikochemischer Art, begleitet werde. ') Wir bezeichnen, wie schon aus dem Vorangehenden zu ersehen ist, den der Physik und Physiologie zugänglichen objektiven Vorgang als den Reiz, das subjektive Er- lebnis — etwa eines bestimmten Tones — als den psychi- schen Vorgang oder als die Empfindung. Die Reize selbst teilen wir weiterhin ein in physikalische, sobald sie Vorgänge der uns umgebenden Außenwelt, und in physio- logische, sobald sie Vorgänge in unserem eigenen Körper sind. Die physiologischen Reize werden ferner in ') Über „Psychisches und Physisches" siehe Naturwiss. Wochenschr. Jahrg. 1908, S. 623, ferner Jahrg. 190;;, S. 33 — 43. N. F. IX. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 29 periphere und zentrale unterschieden, ,,je nachdem sie in den verschiedenen Körperorganen außerhalb des Gehirns oder in solchen im Gehirn selbst bestehen. In zahlreichen Fällen ist eine Empfindung von diesen dreierlei Reizungsvor- gängen begleitet. In vielen l'ällcn kann aber der physikalische Reiz fehlen, während der physiologische in seinen beiden Formen vorhanden ist; und in anderen Fällen kann sogar der zentrale Reiz allein vorhanden sein. Demnach ist der zentrale Reiz der einzige, der konstant die Emplindung begleitet; der periphere muß sich aber mit dem zentralen , und der physi- kalische muß sich sowohl mit dem peripheren wie mit dem zentralen Reiz verbinden, wenn Empfindung entstehen soll." (Wundt, (Irundr. der Psychologie.) Physische und psychische Prozesse gehen somit neben- einander her. Freilich behaupten wir lediglich, daß ein psy- chischer Prozeß von einem physischen begleitet sei, keines- wegs haben wir irgendein Recht, auch das Umgekehrte zu behaupten. Zwischen den physischen Vorgängen, mögen sie nun physikalischer oder physiologischer Art sein, besteht ein Zusammenhang, der seine Formulierung im Kausalprinzip ge- funden hat, noch vollkommener jedoch im Prinzip der Ein- deutigkeit. Letzteres wird von J. Petzoldt in seiner „Einführung in die Philosophie der reinen Erfahrung" so ausgedrückt : ,,Für jeden Vorgang lassen sich Bcstimmungsmitlel auf- finden, durch die er eindeutig bestimmt ist, derart, daß man zu jeder Variation dieses Vorgangs, die man durch dieselben Mittel bestimmt denken wollte, mindestens noch eine finden könnte, die dann in gleicher Weise bestimmt, ihr somit gleich- wertig wäre und also gleichsam dasselbe Recht auf Verwirk- lichung hätte wie jene." Solche Bestimmungsmittel sind Raum- und Zeitgrößen, Massen, Gewichte, Geschwindigkeiten, Be- schleunigungen, Wärmemengen, Temperaturen, elektrische Po- tentiale, Stromintensitäten, Widerstände, Atomgewichte, Schmelz- punkte, Valenzen usw. Keine einzige Tatsache aus dem Gebiete der Physik und Chemie widerspricht diesem Prinzipe; wir können es demnach als ein gesichertes bezeichnen. Ja wir müssen geradezu auf seine Gültigkeit drängen, wenn wir nicht die Grundlage unseres theoretischen und praktischen Verhaltens untergraben wollen. Wir fühlen uns ferner genötigt, auch das psy'chische Ge- schehen dem Eindeutigkeitsprinzipe zu unterwerfen. Nun, dieser Nötigung können wir leicht nachkommen. Wir brauchen ja einen jeden psychischen Vorgang einfach von einem physischen abhängen zu lassen. Aber so leicht werden wir uns nicht zu einem solchen Schritte verleiten lassen. Zuvor werden wir doch erst, wie das ja die Ge- schichte der Philosophie zum Ausdruck bringt, untersuchen, ob nicht etwa das Psychische auch eine Eigengesetz- lichkeit besitze. Und wenn wir daran denken, daß der Wille in eigenartiger Weise unser Tun zu bestimmen scheint oder daß bestimmte Vorstellungen den Gang unseres Handelns zu beeinflussen scheinen, so werden wir auch die Frage er- örtern müssen, ob nicht psychische Vorgänge rein physische wenigstens auszulösen vermögen. Sehr alt sind die Versuche der Psychologen, das gesamte geistige Leben in Ideenassoziationen aufzulösen. Aber diese \'ersuche machen durchweg den Eindruck höchster Un- voUkommenheit. Selbst die fundamentale Tatsache des Wiedererkennens, geschweige denn die schöpferische Tätigkeit der , .Phantasie", bleibt der Assoziationstheorie unzugänglich. Schon Fr. A. Lange wandte sich energisch gegen die Lehre von der strengen Gültigkeit der .\ssoziationsgesetze. .\m Schlüsse seiner Einwendungen {Geschichte des Materia- lismus) sagt er: ,,\Vir haben einige sehr allgemeine Sätze, welche auf sehr unvollständiger Induktion ruhen, und mit diesen wird nun in breit ausgeführten .Analysen das F'eld der psychischen Erscheinungen durchwandert, um zu sehen, was sich auf jene angeblichen (iesetze der .Assoziation zurück- führen läßt. Will man aber, statt bloß die allgemeinen Be- griffe psychischer Erscheinungen zu analysieren, an das Leben herantreten und den Vorstellungswechsel in bestimmten Fällen zu begreifen suchen , wie sie sich etwa dem Irrenarzt, dem Kriminalisten oder dem Pädagogen darbieten, so kommt man über.all keinen Schritt vorwärts, ohne auf die ,, unbewußten Vorstellungen" zu stoßen, welche ganz nach den Ge- setzen der Assoziation in den Vorstellungsverlauf eingreifen. wiewohl sie eigentlich gar keine Vorstellungen sind, sondern nur Hirnfunktionen von derselben Art wie diejenigen, welche mit Bewußtsein verknüpft sind." Und H. Gomperz sagt in seinem trefflichen Werke ,,über das Problem der Willensfreiheit" : ,,\Ver über eine Frage nachdenkt und einen Entschluß faßt, Gründe gegeneinander abwägt, einen Einfall hat, eine Phantasiegestalt schafft, tut jedenfalls etwas ganz anderes, als daß er bloß Erinnerungen aneinanderreihte; ja über einen Menschen, der nur dies tut, der sich also gänzlich dem Spiele seiner Assoziationen überläßt . , . pflegen wir zu urteilen, er befinde sich in einem Zustande geistiger Verwirrt- heit, wenn nicht gar in einem fortgeschrittenen Stadium der Verblödung." ') Auch die mannigfaltigen .Apperzeptionstheorien ^) vermögen nicht dem geistigen Geschehen zu genügen, zumal wenn sie zu einer Seele, zu einem substanziierten Bewußtsein, zu einem Willen, zu rätselhaften Fähigkeiten und Kräften oder gar zu einer unbewußten ,, Psyche" ihre Zuflucht nehmen. Damit wollen wir jedoch weder den Assoziations-, noch den Apperzeptionspsychologien jeden Wert absprechen. Sie haben mannigfaltige .Aufklärungen gegeben, sie haben namentlich zur Aufdeckung bedeutsamer Regeln gelührt, von Regeln, die dem Pädagogen, Psychiater und Kriminalisten die ausge- zeichnetsten Dienste leisten und selbst dem eingefleischten Psychophysiker nützlich genug sind. Jede Psychologie, die an eine eigene psychische Gesetz- mäßigkeit glaubt, ist in einer verzweifelten Lage. Über eine lediglich naive Kausalauffassung kommt sie nicht hinaus; was sie Gesetze nennt, sind in Wirklichkeit nur Regeln. Kein Wunder 1 Die psychischen Erlebnisse sind der e.\aklen Messung durchaus unzugänglich; wenn sie auch gewisse In- tensitäten zeigen, nach denen sie sich ordnen lassen, so bilden doch die Reihen solcher nach der Intensität geordneten Empfindungen und Gefühle keine festen Skalen etwa nach .Art der Temperaturskala.') Nirgends zeigt eine seelische Tatsache Merkmale, die energetisch gedeutet werden könnten. Zwar behaupten manche Popularphilosophca hin und wieder, daß zwischen Lust und Unlust eines und desselben Menschen oder gar zwischen Lust und Unlust eines menschlichen Verbandes eine feste Be- ziehung bestehe, aber jede eingehende Analyse zeigt, daß von einer Att Erhallungsgesetz auf psychischem Gebiete nicht im geringsten die Rede sein kann. Da psychische Tatsachen durchaus keine Merkmale zeigen, die als arbeitsbestimmend gedeutet werden könnten, so ist auch nicht einzusehen, wie sie physikalische oder chemische Tatsachen auslösen sollen. Hiermit kommen wir zu der zweiten, oben aufgestellten Frage, nämlich zu der Frage, ob nicht psychische Vorgänge phy- sische wenigstens auszulösen vermögen. Ehe wir sie definitiv beantworten, wollen wir uns zu demjenigen Prinzipe wenden, welches als das gesichertste der Wissenschaft gilt, zum Energieprinzjp. Energie ist bekanntlich die Fähigkeit eines körperlichen Systemes, .Arbeit zu leisten. Die Arbeit selbst ist das Produkt aus dem Gewichte eines Körpers und der Höhe, um die der Körper gehoben wird, oder das Produkt aus der Kraft und dem V\'eg, den der An- griffspunkt der Kraft in der Richtung dieser Kraft be- schreibt. Noch schärfer und durchaus einwandfrei bezeichnet W. Thomson (M. Planck, „Das Prinzip der Energie", 2. Auflage) als Energie eines materiellen Systemes in einem bestimmten Zustande „den in mechanischen Arbeitseinheiten gemessenen Betrag aller Wirkungen, welche außerhalb des Systems hervorgebracht werden, wenn dasselbe aus seinem Zustande auf beliebige Weise in einen nach Willkür fi.xierten Nullzustand übergeht." Das Prinzip der ,, Erhaltung der Energie" läßt sich dann folgendermaßen ausdrücken: „Der in mecha- nischen Arbeitseinheiten gemessene Betrag (das mechanische Äquivalent, der Arbeitswert) aller Wirkungen, welche ein ') Siehe Naturw. Wochenschr. Jahrg. 1909, S. 661—667. ') Siehe Naturw. Wochenschr. Jahrg. 1908, S. 591 u. 592. **) Die Temperaturskala ist nicht etwa eine Zuordnung zu subjektiven, sondern zu durchaus objektiven Tat- sachen. Sie mißt nicht die Wärme e m p find ungsintensität, sondern nur die Änderungen des Volums einer und derselben Quecksilbermasse. Freilich gehen neben diesen .Änderungen Variationen der Wärmeempfindung her. 3° Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. 2 materielles System in seiner äußeren Umgebung hervorbringt, wenn es aus einem bestimmten Zustand auf beliebige Weise in einen nach Willkür fixierten N'uUzustand übergeht, hat einen eindeutigen Wert, ist also unabhängig von der Art des Über- ganges." In einer weniger allgemeinen, aber um so anschau- licheren Weise wird das Prinzip der Erhaltung der Energie oft so ausgedrückt: Finden in einem Systeme bei Ausführung eines Prozesses nur innere Wirkungen statt, so ändert sich dessen Energie durchaus nicht. — Nun hängt die Energie eines Systems von zwei allgemeinen Umständen ab, von Be- wegung und Konfiguration; w-ir reden daher von kinetischer und potentieller Energie als den Grund- formen der Energie. Einem Körper erteile ich z. B. dadurch einen Zuwachs an kinetischer Energie, daß ich seine Ge- schwindigkeit vermehre, dagegen einen Zuwachs an potentieller Energie, daß ich ihn auf ein höheres Niveau bringe, oder daß ich ihn deformiere (so beim Spannen einer elastischen Feder). Geschwindigkeits- und Konfigurationsänderungen können unter mannigfaltigen Umständen erfolgen- Man zerlegt daher die allgemeinsten Formen der Energie, die kinetische und poten- tielle, wieder in eine Reihe besonderer Formen. An der Frage, ob wir von allen in der Natur vorkommenden Energie- formen Kenntnis haben, ob nicht die eine oder andere der uns bekannten noch in einfachere zerlegbar ist, haben wir hier kein besonderes Interesse. Wenn es auch schwierig, ja in vielen Fällen durchaus unmöglich ist, den Zustand eines körperlichen Systems bis ins Einzelne zu analysieren, so können wir doch im allge- meinen die Parameter angeben, von denen der Zustand des Systems abhängig zu denken ist. Die größten Schwierig- keiten bereiten uns jedenfalls die lebenden Körper, deren Zellen die mannigfaltigsten Formen und Funktionen haben. Formen und Funktionen, deren Analyse die Kenntnis der nach Jahrmillionen zählenden Geschichte der .\hncnreihe voraussetzt. Immerhin haben die sorgfältigen Untersuchungen der Physiologen — ich nenne nur Rubner — ergeben, daß auch die lebenden Körper ganz im Sinne des Energieprinzipes tätig sind. Wie schon La place ausgesprochen hat, enthält der gegenwärtige Zustand der Welt alle diejenigen Fak- toren, die auch den Zustand eines jeden späteren Momentes bestimmen, so daß nur scheinbar das Vergangene im Ver- ein mit dem Gegenwärtigen den Zustand eines toten oder lebenden Körpers bedingt. Der lebende Körper zeichnet sich vor dem toten außer anderem dadurch aus, daß in seinen Zellen und Zellvcrbänden beträchtliche Mengen potentieller Energie enthalten sind, die durch den geringsten Impuls ausgelöst werden können. Gibt es nun nicht etwa psychische Impulse? Oder vermag nicht das Psychische selbst Impulse auszuteilen? Ein psy- chischer Impuls ist ein Widerspruch. Denn ein Irnjinls ent- hält eine wenn auch noch so geringe Menge kinetischer Ener- gie, ist also durchaus an einen physischen Bestandteil ge- knüpft. Das Psychische kann aber auch keinen Impuls er- teilen, da es dann selbst ein auf ein Physisches einwirkendes Physisches wäre. Dem widersprechen aber die prinzipiellen Verschiedenheiten zwischen Psychischem und Physischem. Wenn etwa eine Vorstellung oder ein W^ille einen physikochemischen Vorgang auszulösen \ ermöchte, so hieße das nichts anderes als daß eine physikalische Null die Energie eines Systemes um eine ,, willkürliche*' Größe vermehrte, also Energie aus Nichts schaffte. Wir müssen uns somit der Auffassung Spi- nozas anschließen, daß die Seele den Körper nicht zur Be- wegung oder Ruhe oder sonst etwas zu bestimmen vermag. Wenn daher der mit der Biologie der Spinnen so ver- traute Zoologe Dahl auf Seite 639, 640 der Naturw. Wochen- schrift, Jahrg. 190S, behauptet, daß die Erfahrungs ta t sa c h e u uns zwingen, die Einwirkung eines psychischen Vorganges, z. B. eines Gefühles, auf die physiologischen Vorgänge im Gehirn in irgendeiner Weise anzuuehmen, so können wir ihm nicht zustimmen. Dahl konnte zeigen, daß Spinnen, ,,die noch nie eine Biene gesehen hatten, sich vor Bienen fürchteten und flüchteten. Daß bestimmte Farben und be- stimmte Gerüche sie nicht zur Flucht veranlaßlen, konnte e.xperimentell gezeigt werden. ,,Es konnte also nur das Bild der Biene (oder der bienenähnlichen Fliege) im Auge der Spinne die Flucht bewirken. — Meel\anisch könnten wir das Verhalten' der Sjjinne nur dann verstehen, wenn entweder be- stimmte Farben in dem Bilde die Ursache der Flucht wären oder aber, wenn das Bild immer genau das gleiche wäre und immer genau dieselben Teile der Netzhaut träfe ... Es ist also klar, daß das verschiedene Verhalten der Spinnen, einer- seits bienenähnlichen Tieren und andererseits gewöhnlichen Fliegen gegenüber, weder durch Tropismen noch durch das assoziative Gedächtnis zu verstehen ist. Leicht verständlich aber ist es, wenn wir etwas aus unserem eigenen Bewußt- sein heranziehen, wenn wir bei den Spinnen einen starken Widerwillen gegen bienenartige Tiere annehmen. Ein solcher Wideiwille kann erfahrungsgemäß vererbt werden und muß sich deshalb, wenn er für die Erhaltung der -Art nützlich ist, durch Naturzucht immer mehr steigern." Zunächst ist zu beachten, daß, wenn auch die Farbe und der Duft der Biene nicht die Spinne zur F'lucht veranlaßlen, doch noch keineswegs der experimentelle Beweis geliefert ist, daß andere Faktoren außer Betracht kommen. Nicht nur Farbe und Duft charakterisieren die Biene, sondern noch manche andere Umstände, so Farbenkombinationen, räumliche Formen, namentlich aber die in den Bewegungen sich kundgebenden charakteristischen Merkmale. Der physische Reiz hängt von einer ganzen Summe von objektiven Um- ständen ab. Man müßte schon, um mit Erfolg zu experimen- tieren, den Spinnen täuschend ähnliche Bienenmodelle ent- gegenhalten und diese Modelle dann solche Bewegungen aus- üben lassen, die dem tatsächlichen Verhalten der Biene mög- lichst nahe kommen. Aber auch ein geerbtes Gefühl, ein ge- erbter Widerwille muß 'doch einmal zuerst in Gegenwart einer Biene ausgelöst werden. Die auslösenden Momente müssen aber als Reize bestimmte objektive Merkmale haben. Nehmen wir an, der Mensch besitze einen angeborenen Abscheu vor Schlangen, so muß dieser Abscheu doch, um sich zu verwirk- lichen, in Gegenwart einer Schlange geweckt werden. Warum sollen nun nicht die objektiven Merkmale der Schlange solche nervöse Vorgänge auslösen, deren Ab- hängige eben jener Abscheu ist? Warum sollen die ob- jektiven Merkmale einer schwärmenden Biene, die von den- jenigen einer schwärmenden Fliege deutlich unterschieden sind, nicht Reize zu einem nervösen Zentrum senden, von dem ein Widerwille abhängt, während in Gegenwart einer Fliege ein derartiger Reiz unterbleibt? Kann nicht die physio- logische Disposition sich ebensogut vererben wie der Widerwille selbst? Daß psychische Vorgänge mit nerven- physiologischen verknüpft sind, ist nicht zu bezweifeln. Daß rein physiologische Vorgänge in großer Zahl sich vererben, ist gleichfalls außer Zweifel. Daß nun auch ne r venphysio- logische Vorgänge sich vererben , würde damit im Einklang stehen. Wenn wir nun psychische Fähigkeiten sich ver- erben lassen, so müssen wir doch damit die physiolo- gischen ebenfalls sich mitvererben lassen. Nach Dahl geht die mechanistische Theorie von der Voraussetzung aus, daß nur eine Energiequelle auf den Verlauf eines Vorganges einwirken könne. Er wendet sich gegen diese Auffassung und sagt; ,,Eine rollende Kugel wird nicht nur durch eine auf sie einwirkende Kraft, sondern auch durch eine feste W'and, wenn sie auf diese stößt, in eine andere Bahn geleitet. Es kann also auch das Psychische, ohne eine Energiequelle zu sein, einwirken, es kann ent- scheiden, wenn durch verschiedene Leitungswege im Gehirn ein verschiedenes Handeln herbeigeführt werden muß." Hier erhebt sich die Frage; Was ist eine Energie- quelle? Offenbar eine Quelle, aus der Arbeit entwickelt werden kann. Nun kann aber eine solche Arbeit nicht nur durch einen bewegten Körper — eine stoßende Kugel — sondern auch durch einen elastisch deformierten Körper — der elastisch deformierten festen Wand des Billards — ge- wonnen werden. Freilich in dem Momente, wo der elastisch deformierte Körper einem anderen Körper Energie , .mitteilt", ist er selbst ein ,,b e w e gte r" Körper. Damit erklärt es sich, daß man nicht etwa nur dem stoßenden Körper, sondern auch der gelroffenenWand eine, .Kraft" einlegt. Der stoßende Körper leistet zunächst eine Arbeit an der Billardwand, er verliert einen Teil seiner eigenen Bewegungsenergie und verwandelt sie in poten- tielle Energie der Wand, diese aber setzt sich alsbald wieder in kinetische Energie um, die großenteils wieder auf die Kugel übergeht. — Es ist also nicht die bloße Gegenwart der Wand, die die Kugel in eine neue Bahn lenkt, sondern viel- N. F. IX. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 31 mehr die Gegenwart einer mit Klaslijität ausgestatteten Wand, einer Wand die Energie aufzunehmen und zur „linergiei|ueUe" geworden, wieder abzugeben vermag. Einer unelastischen Wand gegenüber würde sich die Kugel ja ganz anders verhalten. Es geht demnach noch weniger an, die bloße Gegenwart eines Psychischen als ausreichend zu er- achten, um einen physischen Prozeli auszulösen. Auch bei Dennert findet sich in dessen ,, Weltbild und Weltanschauung" die Meinung, daO ,,die bloße Gegenwart der unveränderlichen göttlichen Energie" die Stoffe und Kräfte in .Aktion setze. Er stützt seine .Ansicht durch die Tatsache der Kontaktwirkung. Einzig und allein die Gegenwart des glühenden Platin-. \sbcsles soll die Vereinigung von schwefliger Säure und Sauerstoff zu Schwefclsäureanhydrid bewirken I') Wir wenden uns nun zu einigen Beispielen, die uns zwei Leser unserer Zeitschrift zur Beurteilung gegeben haben. So soll CS ,,ein objektiver Nachweis" der Einwirkung des Psy- chischen auf den menschlichen Körper sein , ,,wenn die Zahl der Pulsschläge sich von 70 auf 90 hebt infolge einer ange- nehmen oder unangenehmen Nachricht oder einer Vorstellung". Auch das ,, Erröten" oder der ,, Durchfall" könne eine Eolge bestimmter Vorstellungen sein. Selbst bei Tieren finde man .Ähnliches. ,, Vogelzüchter warnen davor, sehr scheue, be- sonders zarte Vögel mit der Hand aus dem Vogelbauer herauszuholen, da sie zuweilen plötzlich an einem Herzschlag sterben. Die Speicheldrüsen eines Hundes zeigen verstärkte Absonderung, also veränderte Innervation vom Gehirn aus, lediglich infolge der Vorstellung von Futter . . . Auch der Tod eines Papageis (eines sog. Inseparable) nach dem Tode des Genossen gehört vielleicht hierher. Doch , wenn auch bei Tieren die Deutung solcher Vorgänge nicht ganz einwand- frei sein mag, beim Menschen kann über den rein psychischen Ursprung mancher objektiven Körpervciänderungcn kein Zweifel sein." — Der zweite Leser macht auf die Fälle von hypnotisch erzeugter Brandblasenbildung aufmerksam , ,,die doch wohl einer psychischen Einwirkung auf den Körper ihre Entstehung verdanken müssen. Die letzten Versuche von Kreibich (Monatshefte für praktische Dermatologie, 1906, Nr. II) und von Heller iS: Schulz (Münchner mediz. Wochenschrift, 1909, S. 21 12) lassen sich doch kaum durch die Betrugshypothese erklären." Der menschliche Körper oder allgemeiner jeder lebende Körper kann als ein System bezeichnet werden, in welchem ,, nicht einfache Massenteilchen, sondern verschiedene Prozesse sich gegenseitig im Gleichgewicht halten". Wir finden ,,die tierische Organisation von dynamischen Einrich- tungen beherrscht, welche einer erhaltungsgemäßen Orientierung des Gesamtkörpers und seiner Glieder im Räume dienen, und es ist in ihr das mechanische Problem tatsächlich gelöst: eine Dynamik dauernd dadurch zu unterhalten, daß durch ihre eigenen Arbeitsprodukte ihre nicht in Berührungsnähe befind- lichen Komplementärbedingungen fort imd fort in Berührungs- und .Aneignungsnähe gebracht werden." (C. Hauptmann, Die Metaphysik in der modernen Physiologie.) Dieser Auf- gabe dienen verschiedene Leibessysteme, von denen wir hier nur das Muskel- und das Nervensystem herausheben wollen. Jenes bewegt den gesamten Tierleib oder kleinere .Abschnitte desselben, dieses löst die mannigfaltigsten Be- wegungen aus und ordnet sie. Ganz besonders interessiert uns der zentrale Teil des animalischen Systems, das Gehirn; ist doch mit dessen ,, Verrichtungen" gerade das seelische Leben verbunden. Seine Bedeutung für die Erhaltung des Organis- mus ist allbekannt. Sehr geringe mechanische Verletzungen des Hirns oder Einführung winziger chemischer Agcntien ver- ') Von diesem Standpunkte aus könnte man auch sagen: Die bloße Gegenwart eines nach dem Newton'schen Prinzipe wirkenden Körpers A „setzt" einen Körper B „in Bewegung". Aber in Wirklichkeit ist es nicht die bloße Gegenwart des Körpers A, sondern die Gegenwart eines so und so weit vom Körper B befindlichen und mit der und der Masse versehenen Körpers A, oder: es ist der Körper A selbst, der „auf Grund" besti mm ter Merkmale dem Körper B eine ,, Bewegung erteilt". — Auf die in den ange- führten Sätzen enthaltenen anthropomorphen Elemente können wir jetzt nicht eingehen. mögen in kürzester Zeit den Tod eines Lebewesens herbei- zuführen. Kleinste Reize lösen oft die gewaltsamsten Be- wegungen der Gliedmaßen aus oder bewirken durch Vermitt- lung des Sympathicus die heftigsten Reaktionen der Drüsen und Eingeweide. Das Gehirn besteht wieder aus den mannigfaltigsten Teil- systemen. Wir lassen es dahingestellt sein, ob diese räumlich geschieden sind, ob sie sich gegenseitig durchdringen, ob sie gemeinsame Bestandteile haben oder nicht, ob sie scharf ab- gegrenzt oder verstreut angeordnet sind usw. , jedenfalls ver- binden sie sich funktionell zu Systemen höherer und immer höherer Ordnung. In ihren Formelemcnten spielen sich, wie schon Cl. Ber- nard als charakteristische Eigenschaft aller lebenden Körper erkannt hat, zwei Grundfunktionen ab, eine aufbauende und eine zerstörende, oder eine assimilatorische und eine dissimila- torische. Halten sich in einem Teilsysteme beide im Gleich- gewicht, so bezeichnen wir seinen Zustand mit R. Avena- rius als Systemruhe. Der geringste Reiz, dessen Aus- breitung wir als einen rapid fortschreitenden Protoplasma- zerfall, dem aber alsbald wieder ein schneller, wenn auch nicht immer gleich vollständiger Aufbau folgt, auffassen dürfen, stört jedoch das Gleichgewicht und bedingt eine so- genannte Vitaldifferenz. Die 'Vitaldifferenz besteht ent- weder darin, daß der auf bauende Faktor sich im Verhältnis zum zerstörenden vergrößert, oder daß umgekehrt der zer- störende sich im Verhältnis zum aufbauenden vergrößert, oder daß beide sich gleichzeitig divergierend verändern. Eine Änderung der Systemruhe bezeichnet R. Avena- rius als Systemschwankung; sie findet ihr Ende erst mit völliger Herstellung der Systemruhe. In jedem Mo- mente hat das Nervensystem in seiner Gesamtheit einen bestimmten B'rhaltungswert, der aber der Zu- und Ab- nahme fähig ist. Die Systemänderungen mannigfaltigster Art, von Beginn einer Schwankung bis zur Wieder- herstellung der Systemruhe, bilden nun eine Reihe von Vor- gängen, welche trotz Verminderung des vitalen Erhaltungs- wertes des Nervensystems doch eine Behauptung, ja meist sogar eine Weiterentwicklung desselben bedeutet. Avenarius nennt jene Reihe von Vorgängen, die sich zwischen den mannigfaltigsten Teilsystemen abspielen können, eine Vital - reihe, und zwar eine unabhängige Vitalreihe im Gegen- satze zu der Gruppe der sie begleitenden psychischen Vorgänge, der abhängigen Vitalreihe. Zu bemerken ist noch, daß nur die eben eingetretene Systemruhe als günstigster Zustand aufzufassen ist, nicht die starre, an- haltende Ruhe, die, wie es im Wesen des Organischen liegt, geradezu den Untergang des Systemes herbeiführen würde. Regelmäßig geübte Reihen sind Erhaltungsbedingungen für das ergrift'ene nervöse Gebilde. Solche Vitalreihen , die völlig im Sinne vorangegangener häufiger Übung ab- laufen, heißen Vitalrcihen erster Ordnung, solche, die diese Eigentümlichkeit nicht besitzen und verwickelter .Art sind, heißen Vitalreihen höherer Ordnung. Vitalreihen erster Ordnung dürften kaum einmal psychische Begleiterscheinungen haben; je stärker eine Tätig- keit eingeübt ist, um so weniger wird sie mit Bewußtsein ausgeübt, um so mehr vollzieht sie sich automatisch. Ja Funktionen, die durch ungezählte Generationen hindurch geübt sind und vererbbar geworden sind , vollziehen sich oft genug unabhängig vom Gehirn und beanspruchen nur noch das Rückenmark. So können Tiere, die des Hirnes beraubt sind, wie Tauben und Frösche, noch mancherlei ,, zweckmäßig" erscheinende Verrichtungen ausüben. (Goltz' sehe Versuche!) Trotzdem sind wohl alle Lebensvorgänge nicht gänzlich von den Funktionen des Gehirns losgelöst, selbst die zahlreichen vegetativen Prozesse sind doch noch irgendwie mit ihm ver- knüpft. Je mehr sich aber die Lebensbedingungen verwickeln, je mehr sie den Menschen zu neuen Verhaltungsmaßregeln und Tätigkeiten zwingen, um so mehr wird die Gehirnarbeit gesteigert und um so mehr heben sich Bewußtseinsvorgänge wie Wahrnehmen, Sicherinnern, V\'ollen, Urteilen usw. ab. Nehmen wir nun einmal an, einem Vater werde eine Depesche überreicht mit den Worten: ,,Ihr Sohn ist beim Klettern gestürzt und hat sich schwer verletzt." Die. Schrift- zeichen werden zwar nur eine kaum meßbare Quantität strahlender Energie den Enden des Sehnerven zuführen; , aber 32 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. 2 die Impulse sind hinreichend, um zunächst die optische Sphäre zu erregen und besonders ein solches Teilsystem, in welchem sich beträchtliche Mengen von Energie aufgespeichert haben, nämlich dasjenige Teilsystem, das sich während der innigen Lebensbeziehungen zwischen Vater und Sohn im Laufe von vielleicht 20 Jahren ausgebildet hat. Das Hirnleben ist ja die feinste und bewundernswerteste Anpassung des Menschen an die engere und weitere Umgebung. Das väterliche Hirn ist ganz und gar darauf eingestellt, solche Handlungen auszulösen, die dem Sohne Gesundheit, eine sorgfältige Erziehung und eine Ebnung aller zu Selbständig- keit und Macht führenden Wege sichern. Durch jene Reize wird demnach einem vielgcübten Teilsysteme eine starke Vitaldifferenz gesetzt, eine lange und erhebliche Vitalreihe wird eingeleitet, die sich auf eine Reihe anderer Teilsysteme ausbreitet. Als subjektive Abhängige dürfen wir zunächst eine lebhafte, fast visionäre Vorstellung des abgestürzten, schwerverletzten Sohnes annehmen. Gleichzeitig werden, indem ein bedeutsames Teilsystem sich rasch und beträchtlich aus der Systemruhe entfernt, heftige Unruhe, Angst und Entsetzen erlebt. Die Schwankung greift aber auch auf andere Teil- systeme über, besonders auf motorische und sekretorische. Von letzteren gehen vorwiegend durch Vermittlung des Sympathicus Impulse auf die Muskulatur der Tränendrüsen, des Herzens, des Darms usw., von jenen auf die Muskeln der Sprechwerkzeuge und durch Vermittlung des Rückenmarks auf die Arme und Beine. Doch ich überlasse es dem Leser, sich die weiteren Vorgänge selbst auszumalen. Nur soviel bemerke ich , daß die mit dem Lesen der Depesche eingeleitete Vitalreihe, in die sich noch zahlreiche Vilalreihen niederer Ordnung ein- schalten, erst dann etwa zum Abschlüsse kommt, wenn der Vater zum verletzten Sohne gereist ist und nun die Wahr- nehmung gemacht bat, daß die Verletzung weniger schwer ge- wesen ist und eine völlige Genesung bald wieder eintreten werde. Indem die erregten nervösen Teilsysteme sich wieder der Systemruhe annähern, stellen sich als psychische Begleit- erscheinungen Gefühle der freudigen Hoffnung, der Beruhi- gung usw. ein. Der bedeutungsvollste Versuch, eine auf den gesicherten Forschungsergebnissen der Physiologie beruhende Vorstellung der objektiven Vorgänge im Nervensystem zu geben und gleichzeitig die psychischen Abhängigen zu bestimmen, rührt vom Philosophen R. Avenarius her. Wir können hier nicht auf den Inhalt seiner ,, Kritik der reinen Erfahrung" ein- gehen, empfehlen aber das Studium dieses Werkes dringend. Eine wertvolle ,, Einführung in die Philosophie der reinen Er- fahrung" hat J. Petzoldt geschrieben; er hat nicht nur die Lehren des genannten Philosophen revidiert, sondern auch noch vertieft. Wir haben gesehen , daß wir die psychischen Erlebnisse abhängig denken dürfen von der Beschaffenheit der den nervösen Teilsystemen gesetzten Schwankungen. Was die Empfindungen betrifft, so hängt ihre Qualität jedenfalls von der Form der nervösen Prozesse, ihre Intensität von der Stärke derselben ab; hinsichtlich der Gefühle be- schränken wir uns auf diejenigen der Unlust und Lust, die dann eintreten, wenn sich ein wichtigeres, häufig bean- spruchtes zentrales Teilsystem mit einer nicht zu geringen Geschwindigkeit aus der Systemruhe entfernt oder aber sich der Systemruhe wieder annähert. Die Bestimmung der übrigen Gefühle und gefühlsartigen Zustände müssen wir übergehen. Endlich wird man auch die hypnotisch erzeugte Brand- blasenbildung schwerlich als psychische Einwirkung bezeichnen dürfen. Wird unsere Aufmerksamkeit intensiv auf irgend- ein Gebiet des Leibes, etwa auf unseren Fuß, gelenkt, so hält es nicht schwer, mancherlei schwache Empfindungen wahr- zunehmen, die unter anderen Umständen durchaus unbewußt bleiben. Bei Personen, die, wie Hysterische, zur Hyperästhesie neigen, können sich diese Empfindungen beträchtlich steigern. Wir dürfen uns wohl den objektiven Vorgang so veranschau- lichen : Mit dem Hören des Wortes ,,Fuß" oder mit dem Sehen des ,, Fußes selbst" pflanzt sich ein Reiz zu einem Hirn- gebiet fort, das auf alle am Fuß sich vollziehende physischen \'orgänge eingestellt ist. Eine sehr starke Inanspruchnahme einer nervösen Sphäre ist nun aber, wie die tägliche Er- fahrung lehrt, immer mit einer gleichzeitigen Ausschaltung anderer Sphären verknüpft. Wer in eine Arbeit sehr vertiett ist, hört und sieht nur wenig von dem, was um ihn herum vorgeht; der kämpfende Soldat merkt kaum seine Verwundung. Die eigenartige Kette von Reizen, die zur Hypnose führt, vermag aber in ganz besonderem Grade nervöse Gebiete aus- zuschalten , um dafür irgendein anderes ganz hervor- ragend zu beanspruchen. Steigert sich nun in diesem die Reizung mehr und mehr, so erhalten schließlich auch wieder motorische und sekretorische Bahnen Impulse, die zu kräftigsten Kontraktionen der Skelett-, Haut- und Drüsen- niuskulatur führen. Besonders leicht werden reflektorisch verlaufende Vorgänge ausgelöst. Indem Impulse auf den Sympalliicus übergehen und die peripherischen Bahnen ein- schlagen, kommt es zu Entleerungen des Urines und Kotes, zu Gähnen und Niesen usw., aber, wie es scheint, auch zu Hautrötungen und stärkeren V^eränderungen des Hautgewebes. Verworn meint, daß das Verhalten in der Hypnose von dem im wachen Zustande nicht prinzipiell abweiche. Das dürfte auch im allgemeinen durchaus zutreffen. Trotzdem möchte ich behaupten, daß die in der Hypnose sich ab- spielenden Vorgänge vielleicht doch eine solche Intensität er- reichen können, wie wir sie beim wachen normalen Menschen nicht beobachten. Namentlich mögen die von einer intensiv beanspruchten Sphäre auf den Sympathicus überspringenden Reflexe, die hier der Regulierung durch das Groß- hirn fast ganz entzogen sind, auffallend kräftige Wir- kungen, vielleicht gar Gewebsveränderungen hervorrufen. Ob man solche Veränderungen freilich Brandblasenbildungen nennen darf, erscheint recht fraglich. Doch wir wollen den Streit, ob es sich um irrtümliche Deutung oder gar um Betrug handle, den Physiologen überlassen. Wenn wir uns auch selbst in dieser Sache skeptisch verhalten , so glauben wir doch keineswegs, daß die uns berichteten Wahr- nehmungen irgendwie zugunsten einer psychischen Ein- wirkung sprechen. Um nicht der Metaphysik zu verfallen , haben wir über die Art und Weise des Zusammenhanges von Physischem und Psychischem keine Hypothese aufgestellt. Wir verhalten uns durchaus im Sinne der Statistik, die jene Verbindung einfach in tausend und abertausend Einzelfällen aufgezeichnet hat und nunmehr verallgemeinert. Wir befolgen die von Newton, J. R. Mayer, Kirchhoff, Avenarius, Mach, Duhem und anderen als einzig wertvoll empfohlene und geübte Methode der Beschreibung oder der begrifflichen Analyse.') Danach behaupten wir, daß jede Empfindung, jedes Gefühl, jede Vorstellung, jede Willensregung von ner- vösen Vorgängen begleitet ist, ziehen aber nicht, wie viele moderne Monisten, den Schluß, daß nun auch umgekehrt jedem physischen Vorgange ein psychischer entspreche. Wir verzichten auf eine geistige Substanz, wir verzichten ferner auf die Vorstellung, daß Physisches und Psychisches nur zwei Modi einer und derselben Substanz seien, wir legen keinen Wert auf jenes vielgebrauchte, aber wenig sagende Bild, wo- nach Physisches und Psychisches vergleichbar seien der Höh- lung und Wölbung einer und derselben Kugelschale, der inneren und äußeren Krümmung eines und desselben Kreises. Wir behaupten zwar, daß das ob j e kti v e Geschehen eine un- unterbrochene Kette oder besser ein vielverschlungcnes, aber durchaus zusammenhängendes Netzwerk bilde, behaupten aber keineswegs eine Kontinuität des Psychischen. Ganz entschie- den aber weisen wir jeden Einfluß des Psychischen auf das Physische ab. Angersbach. ') S. Naturw. Wochcnschr. 1908, S. 225 — 229. InhaCt; Wolfram Haehnel: Atomistik als Weltanschauung und als .^rbeitshypothese. — Kleinere Mitteilungen: Dr. K. Deninger: Über das „Fliegen" der fliegenden Eidechsen. — Wilhelm Kurz; Neues aus der organischen Chemie. — Carl Breuer: Ein ,, paradoxes" Verfahren zum .Abklatschen von Zeichnungen, Schriftstücken usw. — Vereins- wesen. — Bücherbesprechungen: Prof. A. Brauer: Die Süßwasserfische von Mittel-Europa. — Prof. Carl Oppen- heimer: Die Fermente und ihre Wirkungen. — Literatur: Liste. — Anregungen und Antworten. Verantwortlicher Redakteur: Prof. Dr. H. Potonie, Groß-Lichtcrfelde-West b. Berlin. Verlag von Gustav Fischet in Jena. Druck von Lippert & Co. (G. Pätz'sche Buchdr.), Naumburg a. S. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Neue folge IX. Hand; der ganzen Reihe XXV. Band. Sonntag, den i6. Januar igio. Nummer 3. Über Geologie und Paläontologie an den deutschen Hochschulen. Von Prof. Dr. Es ist begreiflich, daß Wissenschaften, die einen überreichen Arbeitsstoff zu bewältigen haben, für historische Betrachtungen über ihren Werde- gang noch kein Interesse betätigen. Aber Ent- wicklungswege lassen Richtungen erkennen, die für den weiteren Ausbau der Fächer maßgebende Bedeutung haben und deshalb hier und da ins Auge gefaßt werden sollten. Das erscheint be- sonders wichtig in Wissenschaften wie der Geo- logie und Paläontologie, die sich ihre Stellung im Rahmen der Naturwissenschaft noch nicht fest erkämpft haben und zum Teil auf den Raum be- schränkt sind, den ihnen andere Fächer zufällig frei ließen. Die Geologie ist aus den theoretischen Grund- lagen des Bergbaues hervorgegangen, und wir Deutschen dürfen stolz sein, daß unser Landsmann Gottlob Abraham Werner in F"reiberg nicht nur innerhalb imseres Vaterlandes, sondern auch im Auslande als Vater des Lehrfaches der Geologie angesehen wird. Er hat wie Linne in der Zo- ologie und Botanik das Tatsachenmaterial in der Geologie gesichtet und in ein System gebracht; wie jenen hinderte auch ihn der Starrsinn des Systematikers an der vorurteilslosen Behandlung allgemeinerer theoretischer Gesichtspunkte. Für talsächliche Feststellungen bot sich in der Geologie auch ein zunächst unerschöpfliches Material in dem Ausbau der Formationskunde. Alle Tat- sachen, die geeignet waren, das Bild der Erde und ihres Lebens in früheren Erdperioden zu klären und zu vervollständigen, wurden in Deutsch- land als das wesentlichste Gebiet geologischer Forschungen betrachtet. Ernst Beyrich, der mit seiner exakten For- schungsmethode den Höhepunkt dieser Entwick- lungsphase bezeichnete, ließ bis an seinen Lebens- abend — er starb 1896 — eine andere Richtung kaum aufkommen. Männer wie Eduard Sueß und M. Neumayr in Wien, galten ihm als reine Theoretiker, als sie und ihre Forschungen in an- deren Ländern und namentlich in Frankreich schon längst eifrige Anhänger zählten, die Gebirgs- bildung und Erdbeben studierten, die jetzige Erd- oberfläche als ein Gewordenes aus geologischen Zuständen zu erklären suchten und sich sogar über das Innere der Erde den Kopf zerbrechen wollten. Als Dames, der Beyrich noch vertrat, in Berlin Anfang der neunziger Jahre eine all- gemeine Geologie zu lesen unternahm, schien das, was andere längst trieben, in der Reichshaupt- stadt zunächst als ein höchst modernes Unter- fangen. Otto Jaekel. Die lange Zurückdrängung dieser allgemeinen Seite geologischer Wissenschaft hat uns gegen- über anderen Nationen wie Franzosen, Schweizern, Österreichern, Engländern und Amerikanern ins Hintertreffen gebracht, aber seit 1900 ist auch bei uns der Umschwung vollzogen. Die tatsächlichen Feststellungen in der historischen Geologie hatten nach und nach in dem Maße ihren Reiz verloren, als die sich aus ihnen ergebenden höheren Resultate allmählich in anderen Ländern gezogen wurden, und weitere Feststellungen nur mehr Bekanntes bestätigten. Aber bis diese Erkenntnis allgemein zum Durchbruch kam, war nicht nur vieles ver- säumt, sondern auch mancherlei gründlich ver- fahren. Die historischen Geologen hatten es in Deutschland als ihre reizvollste Aufgabe betrachtet, die Tierwelt früherer Erdperioden zu beschreiben, die ihnen als P'ossilien aus den Erdschichten zu- erst in die Hände kamen. Sie hatten ihre Freude an der systematischen Betrachtung der Tier- und Pflanzenwelt der einzelnen Erdschichten und folgten willig den Bedürfnissen, die ihnen diese Aufgabe stellte, und suchten sich recht und schlecht, so gut es ihre V^orbildung hierzu erlaubte, in zo- ologische und botanische Gesichtspunkte einzu- arbeiten. Während sich anderwärts vorzugsweise Zoologen und Botaniker diesen Aufgaben zu- wandten — ich erinnere an Namen wie Cuvicr, Agassiz, Huxley, Owen, Cope, Marsh, Loven, Brongniart — wurde die Paläontologie in Deutsch- land seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts fast ausschließliche Domäne der Geologen. Abgesehen von dem später noch zu berührenden Nachteil für die Paläontologie hatte diese Beschäftigung die deutschen Geologen mehr und mehr von ihren eigentlichen geologischen Aufgaben abgelenkt. Das große Gebiet des Vulkanismus wurde nur vereinzelt von den F'achvertretern unserer Wissen- schaft behandelt, die Gebirgsbildung vorwiegend von französischen, schweizer, österreichischen und amerikanischen Geologen gepflegt. Unseren deutschen Geologen war über der schwierigen Einarbeitung in die Paläontologie die P'ühlung mit der Mineralogie und der Gesteinskunde größtenteils verloren gegangen, die beide zur Behandlung der Fragen des Vulkanismus und der Schicht- und Gebirgsbildung unbedingt erforder- lich waren. So gerieten wichtige Kapitel der Geologie, wie der Vulkanismus, vielfach in die Hände der Mineralogen, die zur Pflege dieses überaus interessanten Gebietes gewiß viel bei- tragen konnten, denen aber doch die entschei- 34 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. 3 denden geologischen Gesichtspunkte jener Pro- bleme ferner lagen, so daß sie sich zumeist auf die systematische Beschreibung vulkanischer Ge- steinsarten beschränkten. Das Antlitz der Erde, das Eduard Sueß so genial als Resultat geologischer Vorgänge zu schildern begonnen hatte, wurde von den wenigen Geologen, die sich in Deutschland mit der Obcr- flächengeologie befaßt hatten, in das Wissens- gebiet der Geographie übergeleitet. Wenn es Ferdinand von Richthofen dabei gelungen ist, der modernen Geographie eine ganz neue, wesentlich geologische Richtung anzubahnen, so beweist das zunächst nur, daß die Geologen es versäumt hatten, sich mit diesem die Menschheit natur- gemäß besonders interessierenden Arbeitsgebiete zu befassen; aber nicht daß die Geographen ihrem Studium nach eher als die Geologen berufen seien, diese nur auf geologischer Unterlage lös- baren Probleme zu behandeln. Die Nachteile einer von der Oberfläche ausgehenden Beurteilung der Erdkruste machen sich, wie den Geologen scheint, hier nach dem Rücktritt der geologischen Begründer dieser Richtung der Geographie schon jetzt deutlich bemerkbar. Dabei wird auch von Geographen nicht geleugnet, daß die starke Bevorzugung geomorphologischer Studien in der Geographie die Pflege anderer Gebiete dieser großen Wissenschaft in ungünstiger Weise beein- flußt. Auch die Forschungen über den Zustand des Erdinnern und das wichtige Gebiet der Erdbeben- forschung haben sich die Geologen bei uns aus den Händen nehmen lassen. Hierzu fehlten ihnen, die sich größtenteils mit organischen Studien be- schäftigten, die physikalisch-chemischen und die mathematischen Vorkenntnisse. Es bedarf aber keiner Begründung, daß beide Gebiete und namentlich die immer wichtiger werdende Erd- bebenforschung nur in engster Fühlung mit dem Studium der Erdkunde eine praktische Bedeutung erlangen können, und alle Geologen an den Er- gebnissen dieser Forschungen den lebhaftesten Anteil nehmen sollten. Es liegt auf der Hand, daß bei dieser Sach- lage eine Änderung in der Organisation der geologischen Forschung erforderlich ist. Nun könnte man einwenden, daß die Anstalten für die geologische Landesaufnahme in Preußen und an- deren Bundesstaaten geeignet seien, die berührten Mängel auszugleichen, falls sie wie in den ver- einigten Staaten von Nordamerika so erweitert würden, daß sie auch zu Nachbarfächern in engere Beziehung treten könnten. Aber dem wäre ent- gegenzuhalten, daß die geologischen Landes- anstalten ganz bestimmte praktische Aufgaben vor allem der Kartierung, der Untersuchungen für Bergbau, Technik, Forst- und Landwirtschaft haben, und daß die freie wissenschaftliche Forschung in Deutschland von jeher an die Universitäten ge- bunden war. Im Rahmen der letzteren ist auch die gerade für die Forschung unerläßliche Fühlung zu den Nachbarwissenschaften wie Mineralogie, Chemie, Physik, Astronomie, Geographie und Paläontologie von selbst gegeben, während sie in den geologischen Landesanstalten fehlen würde. Wenn nun aber der Geologie bzw. den Geologen an unseren Universitäten die Möglich- keit geschaffen werden soll, ihr Fach wieder in vollem Umfange zu versehen und zu fördern, so kann man wohl kaum im Zweifel sein, nach welcher Seite eine solche Entlastung in erster Linie eintreten müßte. Der Bau der Erde ge- hört in das Gebiet anorganischer Wissenschaften und ist in erster Linie verknüpft mit der Ge- steins- und Mineralkunde, dann mit der Chemie und Physik und schließlich mit der Geographie und Astronomie. Alle diese Wissenschaften bauen sich auf chemisch - physikalischer Grundlage auf, sie stehen alle miteinander in engstem Konnex und erfordern ähnliche persönliche Begabung und Ausbildung. Diese P'ächer in dem Studium und der individuellen Forschung zusammenzufassen, ist also durchaus naturgemäß. Nur die in früherer Zeit gerade in Deutsch- land fast allein gepflegte F"ormationskunde bedarf innerhalb der Geologie noch einer weiteren Hilfs- wissenschaft, die für sie allerdings unerläßlich ist, der Paläontologie, der Kenntnis der Faunen und Floren früherer Erdperioden. Ohne Vorstellungen von dem Charakter dieser P'loren und Plannen und der sog. Leitfossilien ist weder eine Alters- bestimmung noch eine Beurteilung des einstigen geographischen Charakters und der Entstehung der einzelnen Schichtgesteine möglich. Diejenigen aber, die sich mit diesem Forschungsgebiet be- schäftigten, würden der Geologie im eigentlichen Sinne viel größere Dienste leisten, wenn sie sich vor allem in die faunistischen und floristischen Gesichtspunkte einarbeiteten, statt daß sie wie bisher ihre Hauptaufgabe in der Erforschung von Organisationsverhältnissen fossiler Formen suchen. Zu einer solchen durchaus zoologischen bzw. botanischen Forschung gehören eben vor allem eingehendste Vorstudien auf dem großen Gebiet organischer oder biontologischer Wissenschaften nicht nur in der systematischen Zoologie und Botanik, sondern auch in der vergleichenden Morphologie, der Physiologie und Biologie, sowie der verschiedenen Forschungsgebiete der Ent- wicklungslehre. Eine gründliche Ausbildung in diesen Wissen- schaften ist aber für den einzelnen unvereinbar mit einer für die Geologie notwendigen Vorbe- reitung in den oben genannten anorganischen Wissenschaften. Die bisher in Deutschland üb- liche Verquickung dieser unvereinbaren Forschungs- gebiete hat naturgemäß nur eine Halbheit erzeugt, die nicht nur, wie wir sahen, der Geologie zum schweren Schaden gereichte, sondern auch die Paläontologie bei uns nie recht aufkommen ließ. Dem einzelnen Geologen genügte natürlich das, was er eben von Paläontologie wußte, und wenn man heute eine Rundfrage bei unseren Geologen N. F. IX. Nr. T, Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 35 anstellen würde, so würden wahrscheinlich die meisten mit mehr Stolz auf ihre Leistungen in der Paläontologie als auf die in der Geologie zurückblicken. Das Ministerium hatte aber seiner- seits keine Veranlassung Veränderungen vorzu- schlagen, deren Notwendigkeit den maßgebenden Fachvertretern kaum zum Bewußtsein kam. So ist in Deutschland die Paläontologie weit hinter deren Förderung in anderen Ländern zu- rückgeblieben , trotzdem durch ausgezeichnete .-\rbeiter wie K. v. Zittel in München vor zwei Dezennien der Boden für eingehendere paläon- toiogische Studien bereitet war und der Erfolg deutscher Gründlichkeit auch auf diesem Gebiete dem Ausland hohe Achtung abgerungen hatte. Damals hatten wir, wenigstens eine Stelle in Deutschland, die durch Zittel's rein paläontologische Neigungen dieser Wissenschaft zugute kam, frei- lich dort in München auf Kosten der Geologie. Nachdem nun aber in dieser Stelle an sich be- rechtigterweise wieder die Geologie zu Wort ge- kommen ist, scheint die Paläontologie in Deutsch- land staatlicherseits ein seliges Ende finden zu sollen — sie vegetiert eben nur als Nebenfunk- tion der Ordinarien für Geologie. Wenn man von der einen Kustodenstelle am Museum für Geologie und Paläontologie in Berlin absieht, die hauptsächlich der Ordnung paläontologischer Sammlungen dient, aber durch diese Tätigkeit auch ganz erfüllt wird, so haben wir in Preußen auch nicht eine einzige Stelle, deren Inhaber sich voll und ganz der Förderung der Paläontologie widmen könnte. Das ist ein des Deutschen Reiches unv>;ürdiger Zustand, nicht nur, weil die Paläontologie in unserem Lande früher so eifrig betrieben wurde, oder weil sie in anderen Ländern seit vielen Jahren unvergleichlich besser geför- dert wird, sondern vor allem, weil sie allerorten für die Beurteilung des or- ganischen Lebens auf unserer Erde eine grundlegende Bedeutung erlangt hat. Zu dem zweiten dieser Punkte noch einige Belege. In den Vereinigten Staaten von Amerika zählte schon 1905 ein amtlicher Katalog der wissenschaftlichen Institute 16 etatsmäßige Ordi- nariate für Paläontologie auf. Seitdem sind das gewaltige Carnegie-Institut und manche kleineren hinzugekommen, an denen dieser in Amerika so überaus geachteten und populären Wissenschaft vortrefflich ausgestattete Arbeitsplätze zur Ver- fügung gestellt sind. Der Präsident des riesigen American Museum of Natural History in New York ist ein Paläontologe, ebenso derjenige des gleichen Museums in Buenos Ayres, das wie die nordamerikanischen Museen herrliche Schätze der ausgestorbenen Tierwelt birgt. Der Gipsabguß seines Diplodocus, den uns Carnegie geschenkt hat, hat wohl auch bei uns einiges Interesse für dieses in unserem Lande fast unbekannte Fach eingeflößt, aber nur der Kenner weiß, welche wissenschaftlichen Kräfte und Hilfsmittel bis zur Aufstellung eines solchen Objektes mobil gemacht werden müssen. 16 Präparatoren beschäftigte schon vor 5 Jahren der genannte Präsident des Museums für Naturkunde in New York in seiner Abteilung, in Berlin ist in dem entsprechenden Museum eine einzige Präparatoreiistelle dafür ein- gerichtet, die aber auch hier wieder gleichzeitig der Geologie dient. In den herrlichen paläon- tologischen Galerien des britischen Museums in London ist ein ganzer Stab von Gelehrten zur Durcharbeitung der riesigen Schätze der Vorwelt angestellt. Mit Erstaunen betreten Reisende und Fachgenossen in unserer Reichshauptstadt den einen Saal, der fossilen Tieren und Pflanzen zu- sammen gerecht wird, wenn sie jene Fluchten von Sälen in London oder die imponierenden Sammlungen von Paris, Brüssel, Haarlem oder Kopenhagen durchwandert haben. In den Samm- lungsschätzen, die doch in erster Linie das Arbeitsmaterial der Forschung bilden, wird selbst in Deutschland Preußens Hauptstadt noch von München, Stuttgart und Tübingen weit über- troffen, und was die Professuren betrifft, die der Forschung und dem Nachwuchs im Fache dienen, so weist z. B. auch Wien außer verschiedenen Stellen am Hofmuseum und einer Professur für Paläobotanik zwei etatsmäßige Professuren für Paläozoologie an der Universität auf, die alle aus- schließlich zur Pflege der Paläontologie berufen sind. Also die Paläontologie verdiente es schon, für sich allein endlich auch in unserem Vaterlande eine selbständige Förderung zu finden, auch wenn die Entlastung von ihr nicht auch für die Geo- logie in Deutschland eine Lebensfrage geworden wäre. Hoffentlich wird dieser Appell an die Öffentlichkeit endlich dazu führen, daß zunächst wenigstens an einigen Universitäten Deutschlands eine Trennung der Geologie und Paläontologie durchgeführt wird, und diesen beiden wichtigen Wissenschaften damit auch bei uns die erste und nächstliegende Möglichkeit zu innerer Konsolidie- rung und gedeihlicher Entwicklung geboten wird. Die experimentellen Grundlagen der Atomtheorie. II. Teil.*) (Nachdruck verboten] Vnn Werner Mecklenburg. III. Die Brown'sche Bewegung. machte der englische Botaniker Brown bei 21. Allgemeines. — Im Jahre 1827') einer Untersuchung über die Befruchtung der ') Ich folge hier den geschichtlichen Angaben von Sved- berg und v. Smoluchowski. *) „Die experimentellen Grundlagen der Atoratheorie. I. Teil" siehe Nalurw. Wochcnschr., N. F. Bd. VIII, S. 769 ; 1909. 36 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. -. Pflanzen die merkwürdige Beobachtung, daß in Wasser aufgeschlämmte Pollenkörner von Clarckia pulchella bei der Betrachtung unter dem Mikroskop eine deutliche Eigenbewegung erkennen ließen. Eine analoge Bewegung zeigten auch die Pollen- körner anderer Substanzen, aber die Erscheinung war, wie Brown ebenfalls bereits feststellte, nicht durch das in den Körnern vorhandene Leben be- dingt, denn das Phänomen war auch bei toten Pflanzenteilen, bei anderen organischen und auch bei anorganischen Stoffen, wie Mineralien, Erden, Metallen usw. wahrzunehmen. Andere Forscher bestätigten die Brown'schen Versuche, aber nie- mand gab sich die Mühe eine hinreichende Er- klärung der Erscheinung zu suchen. Erst sehr viel! später, i. J. 1863, sprach Chr. Wiener auf Grund sehr sorgfältiger Untersuchungen die Meinung aus, daß das Phänomen von äußeren Umständen unabhängig wäre, und daß ,,die Ur- sache in der Flüssigkeit an und für sich zu suchen und inneren, dem Flüssigkeitszustande eigentüm- lichen Bewegungen zuzuschreiben" sei.') Wiener hatte in der Tat, wie die nachfolgen- den Untersuchungen besonders von Cantoni, Gouy und F. Exner gezeigt haben , das Wesentliche der Erscheinung richtig erfaßt. Alle genügend kleinen Teilchen lassen, wenn sie in einem flüssigen oder gasförmigen Medium suspen- diert sind, vollkommen unabhängig von ihrer chemischen Natur die charakteristische, in der Hauptsache in einem zitternden Hin und Her, in einem Wimmeln im unregelmäßigen Zickzack bestehende Brown'sche Bewegung erkennen. Äußere Umstände, wie Erschütterung der Lösung oder ihre Belichtung, haben, wie aus einer großen Reihe sorgfältiger Untersuchungen hervorgeht, keinen i,influß. Auch die Zeit spielt keine Rolle; die Bewegung hört nicht auf; sie findet die Ur- sache zu ihrer Erneuerung in dem Medium selbst. Chemische oder physikalische Vorgänge, wie etwa die, die das Tanzen eines kleinen Kampherstück- chens auf Wasser verursachen, können zur Er- klärung auch nicht herangezogen werden, denn selbst die in den Hüssigkeitseinschlüssen mancher Mineralien enthaltenen mikroskopisch kleinen Gas- bläschen eilen fieberhaft hin und her, obwohl sie mit ihrer Umgebung schon seit Jahrtausenden im physikalischen und chemischen Gleichgewichte sind. Schließlich ist auch, wie Experiment und Theorie übereinstimmend dartun, die Annahme von Wärmeströmungen in der Flüssigkeit zur Deutung des Phänomens unzulässig. 22. Die el ektrische Theorie derBrown- schen Bewegung. — Die Ursache der Er- scheinung muß also in der Natur des Systems selbst liegen, in dem sich die beschriebenen \^or- gänge abspielen, eine Folgerung, die den Aus- gangspunkt für zwei einander gegenüberstehende Theorien, die elektrische und die Molekularstoß- theorie, bilden. ^) Zitiert nach Svcdberg. Die elektrische Theorie stützt sich auf die Tatsache, daß alle die Teilchen, die die Brown- sche Bewegung erkennen lassen, eine elektrische Ladung besitzen, denn sie wandern unter dem Ein- flüsse hochgespannter elektrischer Ströme teils mit dem Strom, teils gegen ihn; und zwar nimmt sie an, daß die Erscheinung sich auf Anziehung oder Abstoßung zwischen den einzelnen Teilchen zu- rückführen lassen müsse. Diese Theorie ist in- dessen unhaltbar, denn erstens kann durch an- ziehende oder abstoßende Kräfte nur ein Gleich- gewichtszustand, eine besondere Gruppierung der Teilchen, aber nicht deren dauernde Bewegung verursacht werden, und zweitens kann sie, wie neuerdings The Svedberg gezeigt hat, direkt experimentell widerlegt werden. Wie nämlich Burton gefunden hat, wird die an sich negative Ladung der Teilchen kolloidaler Gold- oder Silber- lösungen bei sehr vorsichtigem Zusatz winziger Quantitäten einer verdünnten Aluminiumsulfat- lösung schwächer und schwächer, passiert einen neutralen, den sog. ,, isoelektrischen" Punkt und geht dann in eine positive Ladung über. The Svedberg hat nun die allmähliche Umladung ultramikro- skopisch verfolgt und festgestellt, daß die Inten- sität der Brown'schen Bewegung von der Stärke der elektrischen Ladung vollkommen unabhängig ist und daß sie insbesondere bei dem isoelek- trischen Punkt selbst ihren Wert unverändert bei- behält. 23. Die Molekularstoßtheorie der Brown'schen Bewegung. — Die Molekular- stoßtheorie erklärt das Brown'sche Phänomen durch die Annahme, daß die Moleküle des Me- diums gegen die in ihm suspendierten Teilchen stoßen und sie dadurch in Bewegung setzen. Gegen diese Theorie wird man zunächst geltend machen und ist auch tatsächlich geltend gemacht worden, daß die Stöße, die von allen Seiten gleichmäßig auf das Teilchen nieder- prasseln, sich in ihrer Wirkung aufheben müssen. Dieser Einwand ist indessen, wie v. Smoluchowski gezeigt hat, nicht haltbar, denn er berücksichtigt nur die große Zahl der Stöße, aber nicht deren außerordentlich kurze Dauer. Denken wir uns daher die Zeiteinheit, die Sekunde, in lauter kleine Zeitelemente zerlegt, deren jedes gleich der Dauer eines Stoßes ist, so ergibt sich, daß die Zahl der Stöße, die das Teilchen während eines Zeit- elementes erleidet, zu gering ist, als daß deren Wirkungen sich aufheben könnten. Nach dem ersten Zeitelement wird also das Teilchen eine gewisse, wenn auch nur kleine Eigenbewegung erlangt haben. Im zweiten Zeitelement wird, da es sehr unwahrscheinlich ist, daß in ihm die bereits vorhandene Bewegung gerade vollständig vernichtet wird, die Geschwindigkeit ein wenig wachsen, und dies Spiel wird sich so lange fortsetzen, bis das Teilchen eine bestimmte Maximalgeschwindig- keit erreicht hat. Die Begrenzung der Geschwin- digkeit ist dadurch bedingt, daß das Teilchen, so- bald es einmal in Bewegung ist, mehr Stöße von N. F. LX. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 37 vorn als von hinten empfangen wird und nur diese die Geschwindigkeit erhöhen, während jene hemmend wirken. Eine Aufhebung der verschie- denen Stoßwirkungen wird erst nach einiger Zeit eintreten, und zwar nicht so, daß das Teilchen überhaupt zur Rulie kommt, sondern nur so, daß es nach langem Hin und Her scliließlich an seinem alten Platze in dem IVIedium wieder anlangt. 24. Das,,Gesetzder gleichen Energie- verteil u n g". — Die mittlere Geschwindigkeit V, die die großen Teilchen von der Masse M durch die Stöße der Moleküle mit der Geschwindigkeit v und der Masse m annehmen müssen, ist nach dem bereits früher von uns benutzten Gesetz be- stimmt, daß im Gleichgewichtszustande die kine- tischen Energien der Teilchen und der Moleküle gleich sein müssen : ' mv-= ' MVl 2 2 Durch dieses Gesetz, das auch als , .Gesetz der gleichen Energieverteilung" bezeichnet wird, ist die Brown'sche Bewegung in vollkommene Parallele zur Wärmebewegung der Moleküle gestellt. Ebenso wie sich die Moleküle einer gelösten Substanz in ihrem Lösungsmittel bewegen, bewegen sich die suspendierten Teilchen in ihrem Medium. Nehmen wir nun die prinzipielle Gleichheit beider Erschei- nungen, der Brown'schen Bewegung und der Be- wegung der gelösten Moleküle, an, so sind wir gezwungen, für beide Erscheinungen dieselben Gesetze anzunehmen. Wir müssen also die nach \'^an't Hoff auch für die Lösungen geltenden Gas- gesetze') auch auf die kolloidalen Lösungen und die Suspensionen übertragen. 25.Perrin's Nachweis des osmotischen Druckes in Emulsionen. — Die Richtigkeit dieser wichtigen Übertragung ist durch experi- mentelle Untersuchungen von Perrin und Sved- berg bewiesen worden. Perrin stellte folgende Überlegung an. -) Wenn sich in einem Zylinder eine wäßrige kolloi- dale Lösung oder eine Emulsion befindet, deren Teilchen etwas schwerer als Wasser sind, so wäre zu erwarten, daß die Teilchen sich nach einiger Zeit absetzen, daß also im Gleichgewichtszustande sämtliche Teilchen am Boden des Gefäßes liegen. Wenn aber die Teilchen nicht träge, tote Massen sind, sondern ebenso wie die gelösten Moleküle in ihrem Lösungsmittel einen osmotischen Druck ausüben, so müssen andere Verhältnisse eintreten. Beginnen nämlich die ursprünglich in der ganzen Flüssigkeit gleichmäßig verteilten Teilchen sich abzusetzen, so nimmt ihre Zahl in den unteren Partien des Zylinders zu und damit steigt auch an denselben Stellen der von ihnen ausgeübte os- ') „Die verdiinnlen Losungen", Naturw. Wochenschrift, N. F. Bd. II, S. 15; 190203. *) Es sei hier auf eine hübsche populäre Darstellung von J. Perrin verwiesen, die vor kurzem in deutscher Übersetzung in der „Zeitschrift für L'.leUtrochemie-', B. 15, S. 209 (igoyj, erschienen ist. motische Druck, denn dieser ist ja der Zahl der in der Volumeinheit enthaltenen Moleküle propor- tional; in den oberen Teilen des Zylinders hin- gegen, wo die Zahl der suspendierten Teilchen abnimmt, sinkt der osmotische Druck. Der höhere Druck unten sucht sich natürlich mit dem ge- ringeren Druck oben auszugleichen, indem er die nach unten gesunkenen Teilchen wieder nach oben zu heben sucht. Gleichgewicht wird dann ein- treten, wenn die nach unten ziehende und die nach oben hebende Kraft einander gleich sind. Nach unten zieht die Schwerkraft, für die aber nicht das ganze Gewicht der Teilchen, sondern nur der Bruchteil ihres Gewichtes in Frage kommt, um den sie schwerer als ein gleich großes Volumen des Wassers sind; nach oben hebt die Differenz der osmotischen Drucke zwischen oben und unten. Die Sachlage ist also hier genau dieselbe wie bei der Verteilung der Luft in den verschiedenen Höhen über der Erdoberfläche. Der Erdanziehung, die, wenn sie allein wirksam wäre, die ganze Luft- hülle zu einer dünnen Schicht auf der Erdober- fläche zusammenziehen würde, wirkt der Gasdruck entgegen ; an jedem Punkte über der Erdober- fläche sind die nach unten ziehende Gravitation und der nach oben hebende Gasdruck im Gleich- gewicht. Die Verteilung der suspendierten Teil- chen in den verschiedenen Höhen des Zylinders muß also demselben Gesetz gehorchen, wie die Verteilung der Luftteilchen in den verschiedenen Höhen über der Erdoberfläche. Denken wir uns jetzt den Raum über der Erdoberfläche oder den Zylinder in sehr viele horizontale Schichten geteilt, deren Dicke so ge- ring sein soll, daß in jeder Schicht die Dichte der Teilchen, d. h. ihre Zahl in der Volumeinheit als konstant angesehen werden darf, und bezeichnen wir den osmotischen oder Gasdruck in der untersten Schicht mit p^, in der zweitimtersten Schicht mit p., usw. und nennen wir schließlich die Dichte, d. h. die Teilchenzahl im Kubikzentimeter, in der untersten Schicht dj, in der zweituntersten Schicht d.j usw., so ist, wenn h die Höhe der Schichten ist, der Druckunterschied zwischen der untersten und zweituntersten Schicht dadurch hervorgerufen, daß auf die unterste Schicht die ganze Atmo- sphäre, auf die zweitunterste Schicht aber nur die um die erste Schicht verminderte Atmosphäre drückt: Pi — p.2=hd,. Ebenso gelten die anderen Gleichungen : p., — p.j = hd., P:; — Pi == hdg P4 — Ps = hdi usw. Nun ist die Dichte d jeder Schicht umgekehrt proportional ihrem Volumen v: Konst. V unter Anwendung des Boyle-Mariotte'schen Ge- setzes pv = Konst. erhalten wir also : 38 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. 3 £ = Konst. oder auch = Konst. = A. d p Also ist: ^=^=^= =A Pi P2 Ps Wir erhalten somit aus den obenstehenden Glei- chungen durch Division durch pj, p.,, p., usw. die folgenden Gleichungen : , Pä Pi Ls P2 P3 h^=.h.A Pi u ^2 . ~ P2 Pa usw. h-A h-A = .. . = K Folglich ist: P2 ^ P3 ^ P4 Pi P2 Ps und damit auch: p.3 = PiK; p3 = p.,.K = PiK^ p^=p3K = p,Kä usw., d. h., wenn die Höhen in arithmetischer Reihe wachsen, so nehmen die Drucke in geometrischer Progression ab. Perrin hat nun in einer sorgfältig hergestellten Emulsion von Gummigutt in Wasser, nachdem Gleichgewicht eingetreten war, die Teilchen in verschiedenen Höhen des Zylinders gezählt. Er erhielt die folgenden (relativen) Zahlen: 100 n6 146 170 200. Diese Zahlen stehen nun tatsächlich im Verhält- nis einer geometrischen Reihe: ioo{i,i9)<' 100(1,19)' 100(1,19)'^ 100(1,19)^ 100(1,19)-' = 100 119 142 169 201, denn die Abweichungen liegen weit innerhalb der Fehlergrenzen. Dies überraschende Resultat be- weist mit voller Sicherheit, daß die suspendierten Teilchen, dank der Brown'schen Bewegung, tat- sächlich einen — seiner Kleinheit wegen direkt nicht meßbaren — osmotischen Druck ausüben, und ist eine der stärksten Stützen für die Theorie von der Wesensgleichheit der Brown'schen Be- wegung der suspendierten Teilchen mit der Be- wegung der gelösten Moleküle im Lösungsmittel und den Bewegungen der Moleküle im Gasraum. 26. Der von einem einzelnen Molekül ausgeübte osmotische Druck und die Berechnung der Losch midt'sch en Zahl aus Perrin's Versuchen. — Mit dieser Fest- stellung ist aber das Interesse der Perrin'schen Versuche noch keineswegs erschöpft. Die Ver- teilung der Teilchen in den verschiedenen Höhen des Zylinders hängt, wie wir gesehen haben, von der Anziehung durch die Erde, also von der Kon- stanten g, der Beschleunigung durch die Erd- anziehung, der Masse m der Teilchen, ihrem spezifischen Gewicht s, dem spezifischen Gewicht des Mediums — dieses ist im Falle des Wassers gleich I — und dem osmotischen Druck ab. Diese Abhängigkeit läßt sich mit Hilfe der höheren Mathematik leicht in eine matliematische Gleichung fassen. Bezeichnen wir nämlich mit n„ und n die Zahl der Teilchen in den Höhen o und h des Zylinders, und mit p den osmotischen Druck, der von einem einzelnen Teilchen ausgeübt wird, so gilt: 2,3 Iog1^ = p-mgh(l ■h\ In dieser Gleichung können wir n^, und n durch Zählen feststellen; die Höhe h im Zylinder können wir direkt messen; die Konstante g der Erd- anziehung ist bekannt und das spezifische Gewicht des suspendierten Stoffes kann leicht, wenigstens annähernd, bestimmt werden. Wenn wir jetzt noch m, d. h. die Masse eines einzelnen Teilchens ermitteln können, so können wir den von einem einzelnen Teilchen ausgeübten osmotischen Druck p berechnen. Die Bestimmung von m ist nun in der Tat möglich, und zwar mit Hilfe eines von Stokes aufgestellten Gesetzes. Kleine Kugeln vom Radius r und dem spezifischen Gewicht s fallen unter dem Einfluß der Schwere g in einem Medium vom spezifischen Gewicht s' und der inneren Reibung ij mit der Geschwindigkeit v = -g,(s — s) — . Nun hat Perrin, nachdem er sich von der An- wendbarkeit dieser Formel auf seinen besonderen Fall noch durch besondere Experimente überzeugt hatte, die Geschwindigkeit, mit der die Gummi- gutlkügelchen (lange vor Erreichung des Gleich- gewichtes) im Wasser untersinken, direkt mikro- skopisch gemessen und dann mit Hilfe der obenstehenden Gleichung, in der er g, s, s' und i] ja kannte, den Radius r und aus diesem das Volumen und mit Berücksichtigung des spezifischen Gewichtes s die Masse m eines Kügelchens aus- gerechnet. Nachdem er so die Kenntnis von m erlangt hatte, konnte er endlich den osmotischen Druck p, den ein einzelnes Teilchen ausübt, be- rechnen und fand dafür die Zahl p =: 360- lO"'" absol. Einheiten. Nun kann man andererseits aus der allgemeinen Gasgleichung RT PV = RT oder P = y - in der P den Druck, V das Volumen, in dem ein Grammolekül des Gases enthalten ist, T die ab- solute Temperatur und R die allgemeine Gas- konstante bedeutet, den von einem einzelnen Gasmolekül ausgeübten Druck p' leicht berechnen, indem man beide Seiten durch die aus der kine- tischen Gastheorie bekannte Zahl N der in einem Grammolekül enthaltenen Moleküle dividiert: ,_P RT P~N""VN" N. F. IX. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 39 N^6,7- IO-" Dies hat Perrin getan und für den von einem einzchien Gasmolckiil ausgeübten Druck den Wert p' = 343-iO~"' absei. Einheiten erhalten. Die beiden Werte für p und p' stimmen also innerhalb der Fehlergrenzen der \^ersuche miteinander überein, ein Ergebnis, durch das die prinzipielle Gleichheit von Gasdruck, osmotischem Druck und dem durch die Brown'sche Bewegung bewirkten Druck von neuem bestätigt wird. Setzt man hingegen in der Gleichung P _RT N~VN für den Quotienten P/N den tatsächlich gefundenen osmotischen Druck p -^ 360-10^'" absol. Ein- heiten ein, so kann man aus ihr umgekehrt die Zahl N der in einem Grammolekül enthaltenen Einzelmoieküle, also die Loschmidt'sche Zahl be- rechnen und den auf diese Weise ermittelten Wert mit demjenigen vergleichen, zu dem uns die kine- tische Gastheorie geführt hat. Das Ergebnis ist in den folgenden Zeilen enthalten : Loschmidt'sche Zahl nach Perrin : Loschmidt'sche Zahl nach der kinetischen Gastheorie : N = 0,95 • lO-'l Die Übereinstimmung ist geradezu verblüffend. 27. Das Diffusionsvermögen suspen- dierter Teilchen. — Die wesentliche Gleich- heit im Verhalten gelöster Moleküle und suspen- dierter Teilchen zwingt uns zu der Annahme, daß ebenso wie die gelösten Moleküle in ihrem Lösungsmittel die suspendierten Teilchen in ihrem Medium von Orten höherer zu Orten niedrigerer Konzentration diffundieren müssen. Nun ist in der Tat seit langem bekannt, daß die diskreten Teilchen kolloidaler Lösungen Diffusionsfähigkeit besitzen, hatte doch schon der Begründer der Kolloidchemie, Graham, die Diffusionsgeschwindig- keit einer Reihe typischer Kolloide gemessen. Ihre große Bedeutung aber hat die Diffusion der Kolloide erst in neuester Zeit gewonnen, nachdem vollkommen unabhängig voneinander zwei mathe- matische Physiker, Einstein und v. Smolu- chowski, auf verschiedenen Wegen zu einer bis auf den Zahlenwert der Konstanten identischen Theorie der Diffusion diskreter Teilchen in einem homogenen Medium gelangt waren und etwa gleichzeitig ein Chemiker, The Svedberg, auf rein experimentellem Wege einige wichtige Ge- setze für die Bewegung kolloidaler Teilchen ent- deckt hatte, die, wie sich nachträglich herausge- stellt hat, in nuce in der Einstein - v. Smolu- chowski'schen F'ormel enthalten sind. Auch von anderen Seiten sind die Forderungen der Einstein- v. Smoluchowski'schen Theorie experimentell als richtig bestätigt worden. 28. Die Einstein- V. Smoluchowski- sche Formel für den Dif fusi onskoeffi- zienten. — Die Berechnung des Diffusionsver- mögens bietet keine Schwierigkeiten.^) Wir denken uns einen mit der Suspension ge- füllten, horizontal liegenden Zylinder, in dem die Konzentration der suspendierten Teilchen in der Richtung von links nach rechts abnehmen soll, und betrachten jetzt eine senkrecht stehende Schicht der Flüssigkeit von der Dicke 1 und dem dem Querschnitt des Zylinders gleichen Quer- schnitte q. Die Menge x der suspendierten Teil- chen, die in der Zeit t durch den Querschnitt der Schicht von links nach rechts wandern, ist natürlich um so größer, je größer die treibende Kraft K, je größer der Querschnitt q, je länger die Versuchsdauer t und je kleiner die Reibung F ist, die ein Mol der diffundierenden Teilchen in dem Medium erfährt: K.q.t k. In dieser Gleichung ist k eine Konstante. Die treibende Kraft K kann leicht näher bestimmt werden, denn sie ist nichts anderes als das Gefälle des osmotischen Druckes in der Richtung von links nach rechts, d. h. sie ist gleich dem Unter- schiede der osmotischen Drucke an zwei auf der Zylinderachse liegenden, um die Strecke i vonein- ander entfernten Punkten. Bezeichnen wir daher den osmotischen Druck am linken Ende unserer Schicht mit p,, und den am rechten Ende mit p, so ist das Druckgefälle oder die treibende Kraft K, da die Dicke der Schicht 1 genannt ist, durch die Gleichung gegeben: K: Po 1 Die Drucke p,, und p lassen sich nach der allge- meinen Gasgleichung pv = RT leicht ausdrücken : RT ^ RT p = - und Po == V V(| und wenn wir berücksichtigen, daß die Volumina V und Vg umgekehrt proportional den Molekular- konzentrationen c und C(, sind : V ^ , c ^ - und V,, = -, c., ^= — , C V " C V(, so erhalten wir p = RTc und Pi, =: RTC|, und damit ^ ^ RTcq — RT c ^ ^^ ^ojizf _ Setzen wir diesen Wert für K in die Diffusions- gleichung ein, so nimmt sie die Form an : X— p q-t j -K. Machen wir jetzt die auch früher immer gemachte Annahme, daß die Moleküle Kugeln sind, so ') Unsere Darstellung schließt sich ziemlich eng an die von Einstein gegebene ,, elementare Theorie der Brown'schen Bewegung" (Zeitschr. f. Elektroch., Bd. 14, S. 235 ; 1908) an. 40 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. 3 können wir F noch genauer definieren. Wie nämlich Stokes nachgewiesen hat, ist die Reibung, die eine Kugel vom Radius r in einer P'lüssigkeit von der inneren Reibung )] erfährt, gleich 6 TT i; r. Bezeichnen wir nun die absolute Zahl der in einem Grammolekül enthaltenen Moleküle mit N, so ist die Reibung F = 6 iT ?; r • N und wir erhalten, wenn wir diesen Wert in un- sere Diffusionsgleichung einführen R • T • q • t Co — c , ÖTtrjrN 1 Setzen wir jetzt die Werte für c„ — c 1 k. q, t und gleich I, so wird x gleich dem Diffusionskoeffi- zienten D, denn der Diffusionskoeffizient ist die Menge des diffundierenden Stoffes, die bei dem Konzentrationsgcfälle i in der Zeiteinheit durch die Einheit des Querschnittes des Diffusionszylin- ders geht. Wir gelangen also schließlich zu der Gleichung N 6 TT j/ r Das ist die wichtige Gleichung für den Dififu- sionskoeffizienten, die etwa gleichzeitig auf ver- schiedenen Wegen von Einstein und v. Smolu- chowski abgeleitet worden ist. Die Verschieden- heit in der Art der Ableitungen macht sich nur in einer Verschiedenheit der Konstanten k geltend; diese hat nämlich nach Einstein den Wert] i, nach v. Smoluchowski den etwas abweichenden Wert = 2,37. Also ist nach Einstein D = KT N 6 TT (, r und nach v. Smoluchowski ^ RT I ^ = ^■37 IT- 67^^- Für unsere weiteren Betrachtungen wollen wir zunächst von der allgemeineren Formel ausgehen. 29. Svedberg's erster Experimental- beweis der Einstein- v. Smoluchowski- schen Formel. — Vergleichen wir zwei Suspen- sionen oder kolloidale Lösungen mit Teilchen von dem Durchmesser r, und r.,, so verhalten sich bei gleichem Lösungsmittel oder Medium, also bei gleichem /;, bei gleicher Temperatur und bei gleicher Anzahl N von Teilchen in einem Mol die beiden Diffusionskonstanten D, und Dj um- gekehrt wie die Radien : Dj __ N önrjT^ r^ D, ~ RT I ~ ~' 7, N RT _i. N 6 TT jy r^ oder Djrj = D., -r.,. Die Gültigkeit dieser Beziehung ist von The Sved- berg an kolloidalen Goldlösungen mit ver- schiedener Teilchengröße geprüft worden, indem er die beiden Lösungen unter gleichen äußeren Bedingungen durch eine Pergamentmembran diffun- dieren ließ und die in beiden Fällen in gleicher Zeit diffundierten Goldmengen kolorimetrisch be- stimmte. Es zeigte sich nun in der Tat, daß die etwa zehmal kleineren Teilchen der einen Lösung zehnmal schneller als die zehnmal größeren Teilchen der anderen Lösung diffundierten. 30. Svedberg's zweiter Experimental- beweis der Einstein- v. Smoluchowski- schen Formel. — r Ferner hat Svedberg die Diffusionskonstante einer nach den Vorschriften Zsigmondi's hergestellten Goldlösung zu 0,27 absol. Einheiten gemessen und dann aus der Ein- stein - V. Smoluchowski'schen Gleichung die Teil- chengröße berechnet. Indem er für die allge- meine Gaskonstante R den Wert 8,31-10'' absol. Einheiten und für die Zahl N der in einem Mol enthaltenen Moleküle den Wert N = 7-10=-' an- nahm, erhielt er für die Versuchstemperatur von 11,7" C oder 284,7" absol., bei der die innere Reibung 1, des Wassers 0,012 absolute Einheiten beträgt, folgende Zahlen: nach Einstein r = 0,47 /((( und nach v. Smoluchowski r = 1,08 /<((, während nach Zsigmondi der Radius gleich 0,5 /(/( zu setzen ist, „eine überraschend gute Überein- stimmung". 31. S vedberg's dritter Experi mental - beweis der Einstein- v. Smoluchowski- schen Formel. — Schließlich benutzte Sved- berg noch die Diffusionsformel, um aus den in der Literatur angegebenen Diffusionskoeffizienten für einige wäßrige Lösungen von Gasen und ähn- lichen Stoffen den Radius der Moleküle selbst zu berechnen. Die Resultate sind in der neben- stehenden Tabelle 'j zusammengefaßt. (Tabelle siehe nächste Seite.) „Auch in diesem Falle ist die Übereinstimmung bemerkenswert gut". 32. Die Berechnung der fortschreiten- den Bewegung suspendierter Teilchen. — Die weiteren experimentellen Bestätigungen der Einstein -v. Smoluchowski'schen Theorie der Brown'schen Bewegung knüpfen an die Bestim- mung des in gerader Richtung gemessenen Weges an, den die Teilchen innerhalb einer gewissen Zeit auf ihrem Zickzackkurse zurücklegen. Die Berech- nting dieses Weges, der wie leicht ersichtlich im engsten Zusammenhange mit der Diffusionskon- stanten steht, bietet keine Schwierigkeiten.-) K *) Die von Svedberg angegebenen Werte der letzten Si^alle sind durch die entsprechenden Werte unserer „Tabelle zur kinetischen Gastheorie" ersetzt worden. '^) Auch im folgenden schließt sich unsere Darlegung der von Einstein gegebenen „elementaren Theorie der Brown'schen Bewegung" an. N. F. IX. Nr. ^ Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 41 Ka< ius cincb Mulekül;. Subs'au/^ .\b> '1. 'l\-iup. D in iiliMil. .Mali ;_ in absnl. Maß nach !■; in^tein \ . Sin nac ..lu> 1 liowski nacli der kinc- lischcn Gasllicorie 11. -'S ;" 3.75 24-üo-6ü 0,0 1 3 3- 10 9 cm S- 10- 9 cm 31,8-10 9 cm') l),. 29? 1.02 24 00 -60 0.010 10 23 23.9 a.. 285 1,22 24.60-60 0,012 10 ■:5 19.3 Hr., 285 2S5 0,8 24-60-60 CO 12 0,012 16 26 3S 60 24-60-60 ') Diese Zahl ist, wie bereits früher bemerkt wurde, sicher viel zu hoch. Wir betrachten wieder wie vorher unseren horizontalliegenden Diffusionszylinder vom Quer- schnitte q. Da die Teilchen infolge der Brown- schen Bewegung in allen Richtungen wild durch- einai|ider tanzen, so ist es natürlich ganz gleich- gültig, in welcher Richtung wir die gerade Strecke messen, die ein Teilchen innerhalb einer gewissen Zeit zurücklegt. Wir können daher, da wir freie Wahl haben, die der Achse des Diffusions- zylinders parallel laufende Richtung unseren weiteren Überlegungen zugrunde legen und wollen annehmen, daß die Strecke, die ein Teilchen inner- halb der Zeit t in der Richtung parallel zur Zylinderachse vorwärts rückt, _/ sei. Durch einen beliebigen Querschnitt t] des Zylinders können in der Zeit t nur diejenigen Teilchen in der Rich- tung von links nach rechts oder von rechts nach links wandern, die am Anfange der Zeit t von dem Querschnitt nicht weiter als die parallel der Zylinderachse gemessene Strecke J entfernt sind. Nun befinden sich in dem Räume q-_/ links vom Querschnitt n^ q _/ und rechts vom Querschnitt n q -^ Teichen, wenn in der Raumeinheit links im Durchschnitt n„ und rechts n Teilchen ent- halten sind. Die Teilchen bewegen sich in den beiden Räumen q _/ nach allen Richtungen gleich- mäßig. Denken wir uns jetzt, ebenso wie wir es bei der Ableitung der Gesetze des Gasdruckes aus kinetischen Vorstellungen getan haben, die Bewegungen der einzelnen Moleküle in drei auf- einander senkrechte Komponenten zerlegt, von denen zwei dem Querschnitt q parallel gehen, während die dritte senkrecht auf ihn zu oder senkrecht von ihm weg gerichtet ist, so kommen natürlich für die Diffusion nur die Teilchen in Betracht, die sich senkrecht auf den Querschnitt zu bewegen, und das ist der sechste Teil von allen in den Räumen q J enthaltenen Teilchen, also: Die Menge x, die in der Zeit t in der Richtung von links nach rechts durch den Querschnitt hin- durch wandert, ist gleich der Differenz der von links nach rechts und der in entgegengesetzter Richtung diffundierenden Teilchen: ^ q J(n„ — n). 6 q-^^o — (3 q-'n K Links und rechts vom Querschnitt nimmt die Zahl der Teilchen zu und ab, je weiter wir von q fortgehen. Die Mittelwerte n„ links und n rechts werden symmetrisch in der Entfernung J von q Hegen. Das Konzcntrationsgefälle K ist also durch die Gleichung gegeben: _n„ — n ^ n^^ n iJ-fiJ 'J ■ Führen wir den aus dieser Beziehung sich er- gebenden Wert n,, — n ^ K _/ in unsere Gleichung ein, so erhalten wir: X = ^ q K J-. 6 X ist die in der Zeit t diffundierende Menge; in der Zeiteinheit diffundiert also die Menge X , I q t ~~ Setzen wir jetzt wieder wie früher den Quer- schnitt q und das Konzentrationsgefälle K gleich i, so geht x', das sich ja bereits auf die Zeiteinheit bezieht, in den Diffusionskoeffizienten D über: X = ■ K J-. ö t D = I "6 I t Aus dieser Gleichung J fol gt: t'6Dt (] _/n, und qJn. und, wenn wir die beiden Werte für den Diffu- sionskoeffizienten einander gleich setzen : 42 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. 3 D 6 t RT N ' 6 TT j; r •K, schließlich die Beziehung i) UlCUllCU UIC iJCiiClluiig ; l^ ■ N ■ ÖTTTjr f' N ?r»;r • K. t>ny\x Die Richtigkeit dieser Gleichung, der „_/- Formel", ist von Seddig') undSvedberg be- stätigt worden. 33. Seddig's Experimentalbeweis der _/-Formel. — Seddig hat die Abhängigkeit der Brown'schen Bewegung von der Temperatur bestimmt, indem er das ultramikroskopische Bild der Teilchen zweimal kurz hintereinander photo- graphierte und in geeigneter Weise die Wege, die die Teilchen zwischen den beiden Aufnahmen — die Zwischenzeit betrug nur 0,1 Sekunde — zu- rückgelegt halten, auf der Platte ausmaß. Als Versuchsmaterial diente ihm eine Suspension von Zinnober in Wasser, die sich durch eine gleich- mäßige Korngröße auszeichnete. Da nun, wenn die selbe Emulsion bei verschiedenen Temperaturen untersucht wird, in der obenstehenden Gleichung für -/alle Faktoren mit Ausnahme der Temperatur T und des von der Temperatur abhängigen Koeffi- zienten )] der inneren Reibung des Wassers kon- stant bleiben, also in eine gemeinschaftliche Kon- stante K zusammengezogen werden können, so ergibt sich die einfache Beziehung d. h. die Verrückungen der Teilchen müssen der Quadratwurzel aus der absoluten Temperatur direkt und der Quadratwurzel aus der inneren Reibung des Wassers bei der betreffenden Temperatur um- gekehrt proportional sein. Die experimentellen Ergebnisse seiner Arbeit faßt Seddig mit folgen- den Worten zusammen: „Trotz der (im Mittel nicht ganz 6% betragenden) Abweichungen von der Theorie dürfen diese messenden Versuche wohl als eine direkte Bestätigung dafür gelten, daß die jetzt fast allgemein angenommenen An- schauungen einer kinetischen Wärmetheorie zu Recht bestehen. Die Brown'sche Bewegung der kleinen suspendierten Teilchen gibt also dem Auge direkt erkennbar ein vergröbertes Bild jener Wärmebewegung der Flüssigkeitsmoleküle, deren Folge sie ist." 34. Svedberg's Experimentalbeweis der J-Formel. — In anderer Weise als Seddig hat The Svedberg das schwierige Problem gelöst, die Verrückung J der Teilchen kolloidaler Lösungen zu messen. Denken wir uns, um das •) Einstein und v. Smolucliowski geben liier, indem sie die fortsclireitende Bewegung J der suspendierten Teilchen etwas anders definieren, den Wert J 1/ N 3 nr /; r 2) Vgl. Naturw. Wochenschrift, N. F. Bd. VII, S. 660 bis 661, 1908. Prinzip der Svedberg'schen Methode zu verstehen, ein zwischen zwei Punkten geradlinig hin und her pendelndes Teilchen werde senkrecht zu seiner Bewegungsrichtung verschoben, so erkennen wir ohne weiteres, daß die geradlinige Bewegung des Teilchens in eine Wellenlinie übergehen wird. Als nun Svedberg den ebenfalls auf geradem Wege hin und her tanzenden Teilchen seiner Lösung eine seitliche Bewegung erteilte, indem er die Flüssigkeit langsam strömen ließ, fand er, daß auch in diesem Falle Wellenlinien entstanden. Nun ist die Höhe der Wellen offenbar gleich dem geradlinigen Wege J, den das Teilchen in der Zeit t in ruhender Flüssigkeit zurückgelegt haben würde, wenn 2 t die Zeit ist, die das Teilchen für eine ganze Welle gebraucht. Die Höhe und die Länge der Wellen konnte Svedberg bei der ultra- mikroskopischen Beobachtung des Phänomens mit Hilfe einer Okularskala mit ziemlicher Sicherheit schätzen, und die Zeit 2 t, innerhalb deren das Teilchen eine ganze Welle durchläuft, ergibt sich dann leicht als Quotient aus der geschätzten Wellenlänge und der bekannten Strömungsge- schwindigkeit. Diese Untersuchungen, die Svedberg ohne Kenntnis der Einstein'schen und der v. Smolu- chowski'schen Arbeit angestellt hatte, führten ihn zu zwei wichtigen Erkenntnissen. Erstens zeigte sich nämlich, daß die Wellenhöhe direkt propor- tional der Schwingungsdauer ist, oder mit anderen Worten, daß der Quotient aus der Strecke J und der Zeit t, die zur Zurücklegung dieser Strecke erforderlich ist, einen konstanten Wert hat: -/ = Konst. t Diese Tatsache ist darum wichtig, weil aus ihr hervorgeht, daß die Brown'sche Bewegung nicht elastischer Natur ist, denn bei elastischen Oszilla- tionen ist bekanntlich ebenso wie bei den Pendel- schwingungen die Dauer, die eine Oszillation oder Schwingung erfordert, von der Größe der Am- plitude oder Schwingungsweite unabhängig, weil die Kraft, die das schwingende Teilchen in die Gleichgewichtslage zurückzubringen sucht, mit steigender Entfernung von der Ruhelage zunimmt. Bei der Brown'schen Bewegung ist im Gegensatz zu den elastischen Schwingungen, bei denen die Geschwindigkeit zwischen dem Werte o beim Umkehrungspunkt und einem Maximum in dem Augenblick, in dem das Teilchen die Gleichge- wichtslage passiert, kontinuierlich steigt und fällt, die Geschwindigkeit eine konstante Größe. Die zweite wichtige Tatsache, die Svedberg fand, ist die, daß das Produkt aus der Weglänge J und dem Koeffizienten <; der inneren Reibung des Mediums eine konstante Größe darstellt: /l .jl ^ Konst. Bevor wir zur Ableitung dieses Gesetzes aus der Einstein - v. Smoluchowski'schen Formel schreiten, wollen wir noch einen Blick auf die in der folgenden Tabelle zusammengestellten experi- N. F. IX. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 43 mentcllen Daten werfen, die Svedberg an kolloi- dalen l'latiiilösungen ') gewonnen hat. Lösungsmittel J t 1 J t -'■', Azeton 6,2-IO-4 o,pi6 3,2-io-3l38o. 10-4 0,020 .Ühylazetat 3.9 0,014 4,6- 10-3 2S0 0,018 .\mylazctat 2,9 0,013 5,9- 10-3 220 0,017 Wasser 2,1 0,006 10,2.10—3 320 0,021 n - Propylalkohol ■,3 0,005 22,6- 10-3 280 0,029 Die Konstanz der Werte (-/:t) und (Ji;) ist in Anbetracht der großen experimentellen Schwierig- keiten recht befriedigend. Wenden wir jetzt die Einstein- v. Smoluchowski- sche I'ormel ]l N jtriT an, so erhalten wir, da die Versuche bei der kon- stanten Temperatur von 19" C oder 292" absol. durchgeführt waren und die Teilchengröße, also r, in den verschiedenen Präparaten annähernd die- selbe war, in Anbetracht der selbstverständlichen Konstanz von R und N, die Gleichung =yA.K, in der alle konstanten Werte zu der einen Kon- stanten K zusammengezogen worden sind, und durch Umformung bekommen wir z/- = — K oder — ^ .. /; t r]J Nun muß nach der kinetischen Gastheorie die mittlere Geschwindigkeit der Teilchen (J:t) eine ') Die Gewinnung kolloidaler Lösungen von Metallen in organischen Lösungsmitteln ist Svedberg dadurch gelungen, daß er das betrefi'ende Metall in Form von Folie, in granu- liertem Zustande oder als in kleine Stückchen zerschnittenen Draht in dem organischen Lösungsmittel aufschlämmte und durch die Flüssigkeit unter Verwendung von Elektroden aus schwerzerstäubbarem Material (Eisen oder Aluminium) einen hochgespannten elektrischen Strom schickte (vgl. die Be- sprechung von Svedberg's Monographie über die Methoden zur Herstellung kolloidaler Lösungen in dieser Nummer S. 46. Konstante sein, wie auch tatsächlich aus den Ver- suchen von Svedberg hervorgeht; folglich muß auch das Produkt J t] konstant sein, was Sved- berg ebenfalls rein experimentell gefunden hat. Die beiden von dem schwedischen Forscher auf dem Wege des Versuchs entdeckten Gesetze sind also eine notwendige Folgerung aus der Einstein- v. Smoluchowski'schen Gleichung und damit auch aus der kinetischen Gastheorie. Wir können mit Svedberg noch weiter gehen : In der Einstein- v. Smoluchowski'schen Gleichung sind sämtliche Werte ihrem absoluten Betrage nach bekannt; wir können also aus ihr _/ berech- nen und diesen theoretischen Wert mit dem experimentell bestimmten Wert direkt vergleichen. Dies hat Svedberg getan und wenigstens hinsicht- lich der Größenordnung eine in Anbetracht der großen experimentellen Schwierigkeiten befrie- digende Übereinstimmung zwischen Theorie und Praxis gefunden. Auf die zum Teil schwierigen Einzelheiten dieses Beweises soll hier indessen nicht näher eingegangen werden. — 35. Die Brown'sche Bewegung in Gasen. — Ebenso wie in Flüssigkeiten muß natürlich auch in Gasen die Brown'sche Bewegung auftreten. Daß dies in der Tat der Fall ist, ist bereits von Bodaszewski an Rauch und an Dämpfen von Salmiak und von Säuren beobachtet worden. Auch Lehmann berichtet über einige Beobachtungen dieser Art. Genauer studiert worden aber ist die Erscheinung bei Gasen erst in neuerer Zeit, und zwar besonders von Ehren- haft. Als Versuchsmaterial dienten diesem Physiker Dämpfe von Edelmetallen, die er durch Zerstäubungen mit Hilfe des galvanischen Licht- bogens erhalten hatte, und zwar erhielt er die besten Resultate mit Silberdampf, dessen Teilchen an der Grenze ultramikroskopischer Sichtbarkeit lagen. Die Weglänge J wurde experimentell zu 4,6- 10 ^ cm/sec. bestimmt, während sich nach der v. Smoluchowski- schen Formel der Wert 4,8- 10^5 cm/sec. berechnete. (Ein in. Schlußteil dieser .Arbeit folgt binnen kurzem.) Kleinere Mitteilungen. Drei sagenhafte Pflanzen. — Wenn man die allen Folianten , deren Inhalt das Gebiet der Naturwissenschaften in den früheren Jahrhunderten zum Gegenstand hat, durchblättert, dann wird man sich oft beim Anblick der dargestellten Wunderdinge eines Lächelns nicht erwehren kön- nen. Besonders die Zoologie hat arg herhalten müssen, und die F"abeltiere, die auf den Kupfern und Holzschnitten paradieren, können heute noch eine gelinde Gänsehaut erregen. Und trotzdem, die Abbildungen eines Hieronymus Bock in seinem Kräuterbuche sind trotz aller Einfachheit von einer Richtigkeit und Präzision, die in der Tat erstaunlich ist. Allerdings Bock, Geßner und Brunfels waren ernst arbeitende Botaniker, denen die Tatsache über die Sensation ging und die sich befleißigten, in ihren Holzschnitten nur wirklich Geschautes zur Darstellung zu bringen. Wenn ihnen im Text Entgleisungen in das Reich der Phantasie, sowohl eigener wie fremder, vorkamen, so ist das eben nicht weiter verwunderlich, da sie einmal gewissen- hafterweise alles über die betreffenden Spezies Bekannte bringen mußten, andererseits sich aber selbst noch nicht ganz von dem Ballast des 44 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. 3 Aberglaubens freimachen konnten, dem noch ganz andere Geister in jener Zeit anhingen. Allerdings hat auch das Zeitalter Linne's noch viel blühenden Unsinn in die Welt gebracht. Als die Hauptmatadoren müssen in dieser Beziehung eine Anzahl Reiseschriftsteller gelten, die es sich zur Pflicht machten, die Welt mit Aufklärung zu versorgen, denen es aber im wesentlichen nur um Vielschreiberei zu tun war und denen es auf eine tüchtige Handvoll description eigenen Fabrikates nicht im mindesten ankam. Waren doch ihrer viele weitherzig genug, Objekte, die sie nur dem " (*""ll7 , — . 1 . ^.m f ^ . L.XXXU 4 ' \»y;. ' Namen nach kannten , von ihrer verräucherten Studierstube aus zu beschreiben und die Verdauung dieses Unsinns dem guten Magen eines p. t. Pu- blikums zu überlassen. Ob Herr Manesson Mallets, dessen „Beschrei- bung des gantzen Welt-Kreises" mir vor einiger Zeit in die Hände fiel, auch zu jenen Plagiatoren gehörte, ist so sicher nicht. Ganz rein ist sein Wissen jedenfalls auch nicht gewesen und die Drachen und das sonstige Getier, das er bildlich und wörtlich schauderös wiedergibt, hat er ganz sicher nicht selbst gesehen. Immerhin aber gibt der dickleibige Schweinslederfoliant einen inter- essanten Einblick in den Stand der Naturwissen- schaften zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts. „Zuschrift des Herrn Allain Manesson Mallets an den verstorbenen König Ludovicum XIV. in Frankreich. P'ranckfurt am Mayn, Verlegts Johann Adam Jung MDCCXIX." Das steht auf dem Titelblatt, woraus zu schließen ist, daß Herr Mallet offenbar dem Byzantinismu's nicht gerade abgeneigt war, da er doch zudem annehmen mußte, daß der tote roi soleil sich kaum um sein Opus kümmern würde. In diesem Buch nun spaziert Herr Mallet ge- mächlich durch die ganze Welt, läßt nichts unbe- schrieben „von denen Tungusen" bis zu „denen Drachen" und kommt schließlich auch zu den Kanarischen Inseln. Dort fesselt die ,,Insul Fer" insonderheit seine Aufmerksamkeit und zwar des- wegen, weil sie einen Baum beherbergt, den wir heute sicherlich als ausgestorben betrachten dür- fen. Herr Mallet schreibt darüber: ,,Die Insul de .Fer ist wegen der großen Dör- rung und wegen des vortrefflichen Mittels, wel- ches denen Einwohnern dieser Trocknung dienlich ist, berühmt. Denn sie bringt eine Gattung eines sonderbaren Baumes hervor, welcher etwas be- sonders in der .\atur, und denen Einwohnern eine unerschöpfliche Quelle süssen Wassers ist, und verhindert, daß diese Insul nicht wüste und un- bewohnet bleibt. Dieses ist ein Baum, welcher Garoe, oder Caroe genennet wird, dessen Stamm gantz gerade und über alle Massen dicke ist. Seine Blätter sind breiter als eines Nuß-Baumes, und die Aste sehr hoch, der Gipfel ist stets mit einer weissen, dicken Wolcken umgeben, welche sich oben so feste hält, daß kein ungestummer Sturm Wind dieselbige zertheilen , noch auch dem Baume Schaden zufügen kann. Die Wolcke löset sich von selbst in einen Regen auf, welcher auf die Blätter des Baumes herab trieffet. Von denen Blättern fället das Wasser in grossen Tropffen herunter in die dazu verfertigten Gefässe, daraus es hernach von denen Einwohnern abgehohlet wird. Die Spanier nennen diesen Wunder-Baum, den heiligen Baum, wegen der sonderbaren Eigenschafft und die Insul deswegen die Eisen- Insul, weil der Erd-Boden daselbst sehr hart ist. Die Dicke des Stammes soll zwölff Schuhe in sich begreiffen. Die Höhe von unten auf ist 40 Schuhe und die Äste breiten sich auf beiden Seiten auf i lO Schuhe weit aus. Die Frucht, so er traget, siehet einer Eichel fast gleich und hat einen gewürtzhafften Geschmack. Das Wasser wird in irdenen Gefässen fleissig von denen Ein- wohnern gesammlet und zum Getränck gebrauchet. Denn dasjenige, welches in das in einem Felsen unterhalb des Baumes gehauene Becken fället, hat bey weiten den Geschmack nicht, als das, welches in irdenen Geschirren gesammlet wird. Jenes wird nur vor das Viehe gebrauchet, selbiges zu trinken, wie auch zu Waschen und säubern. Der N. F. IX. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 45 Regen währet des Tages nicht länger als zwo Stunden, binnen welcher Zeit manchen Tag über 30 Tonnen gesammlet werden. Die beste Stadt hierinnen ist Hiero, wo eine Kirche, ein Kloster, so beyde dem heiligen Francisco gewidmet sind." So weit Herr Maiiesson Mallet. Welchen Raum er eigentlich meint, läßt sich hiernach gar nicht fest- stellen, da die unbestimmten Angaben eine Deter- mination nicht zulassen. Auch die Abbildung scheint mehr ein Phantasiegebilde zu sein , denn ein Porträt nach der Natur. Fs ist wohl möglich, daß es sich entweder um einen Baum mit leder- artigen glatten Blättern, offenbar um einen Xero- phyten handelt, der einen Regenschauer rasch wieder abfließen läßt; oder aber man könnte versucht sein, an einen Baum zu denken, der ähn- lich wie unsere Birken angebohrt werden kann. Allerdings dürfte dann seine Existenz bei einer derartig starken hianspruchnahme bald ein Ende gehabt haben. Es gibt wohl Arten, die lange Zeit erhebliche Mengen von Flüssigkeiten, die sie aber meist selbst produzieren , aufbewahren. So z. B. die riesigen ,, Kannen" der Nepenthes-Arten im ostindischen Archipel. Eine Verwandtschaft dieser Pflanzen mit der hier geschilderten ist aber ausgeschlossen und die Verantwortung für seine Mitteilungen muß dem kundigen Weltbeschreiber überlassen bleiben. Aber Herr Manesson Mallet hat noch ein weiteres Wunder in petto. Wenigstens spielt ein Wunder bei der Sache mit. ,,Von dem Garten in welchem von Alters her der Egyptische Balsam gewachsen ist. Dieser Garten ist gegen Orient von Cairo an einem Ort, Matarea genannt, gelegen. Ehe man in diesen Garten kommt, muß man durch einen Hof gehen, in welchem zur linken Hand ein kleines Bethauß der Türeken, il Makad, oder der Ort der Ruhe genennet, zu sehen ist, welches ein Bassa in Egypten namens Ibrahim, An. 1659 auf den Steinhauffen einer Kirche der Gopten, in welcher die Christen einige Fußstapffen des Kind- leins und seiner Mutter verehret haben, erbauet hat. In diesem Makad, welches wir haben durch lit. A bezeichnet, hat es einen kleinen Behälter, durch lit. B bemercket, welcher aus einem Marmel von vielerley Farben gehauen, und stets voller Wasser aus den Brunnen ist, den die Gopten den Wunderbrunnen nennen. Die Gopten sagen, daß die Heil. Jungfrau da- selbst die Windeln ihres lieben Söhnleins habe zu waschen pflegen und daß sie dasselbe, mittler- weil sie mit dieser Arbeit beschäfftiget gewesen, in ein Loch in der Wand des Makad geleget habe; allwo vor Zeiten die Lateinische Geistliche ihre Messe auf einem Altar, den man von einem Ort zum anderen hat tragen können, aus Andacht ge- lesen habe. . . . Die Pflantze oder der Baum, aus welchem vor Alters das Balsam gewachsen, war nur zween Schuhe hoch, und bliebe jederzeit grün, dessen Äste waren den Weinreben, die Blätter aber dem Basilien - Kraut ähnlich. Wenn man in dieses Bäumlein einen Schnitt thäte, so lieff ein rothes Wasser heraus, welches der rechte Balsam war. Die beste Zeit aber dergleichen Schiütte vorzu- nehmen, war der Anfang des August-Monaths. Diese Staude und die Gestalt des Gartens wird durch lit. D vorgestellet. Man hat auch wahr- genommen, daß dieser Baum gar wenig Safft von sich gegeben habe, wenn man unterlassen hat, dieselbe mit dem Wasser aus dem Wunderbrunnen zu begiessen. In eben diesem Garten war vor Zeiten der Baum Sicomorus zu sehen, so mit lit. E be- zeichnet, welcher sich durch ein Wunderwerck von einander getan haben soll, unsern Heyland '1'cr Bn!l::l C und seine Mutter für den Dienern Herodis zu verbergen." Der Beschreibung nach könnte es sich hier um den sog. echten Balsam von Gilead und Mekka (Balsamodendron gileadense) handeln, dessen Stammpflanze nur wenig Saft abgibt. Der Baum kommt indessen nur im steinigen Arabien vor, so daß er wohl von vornherein ausscheidet. Viel wahrscheinlicher ist es, daß die gewöhnliche Myrrhe Balsamodendron Myrrha Nees. gemeint ist. Sie kommt in ganz Nordostafrika vor, und der austretende Saft erhärtet zu einer rotbraunen Masse. Das Gummiharz der Myrrhe ist viel ver- breiteter und wohlfeiler als das des Mekkabalsams, 46 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. der übrigens kaum unverfälscht in den Handel kommen dürfte. Der letztere ergibt, wie schon erwähnt, an und für sich wenig Saft, und die Eigenschaft, nach einer Erfrischung aus dem Wunderbrunnen dessen mehr zu spenden, ver- dankt er lediglich der Phantasie Herrn IVlallets. Der Baum Sicomorus, den er zum Schluß erwähnt, ist nichts weiter als eine nahe Ver- wandte der echten Feige, Ficus carica L. Die echte Sykomore kommt ausschließlich in Ägypten vor, doch ist das Tribus noch in zahlreichen Formen in anderen Teilen Afrikas vertreten. Daß sie sich heutzutage noch ,, durch ein Wunderwerck" auseinander tun, hat kein Afrikareisender mehr beobachtet. B. Haldy. Bücherbesprechungen. Dr. Friedrich Schur, Grundlagen der Geo- metrie. 192 Seiten mit 63 Figuren. Leipzig, B. G. Teubner, 1909. — Preis geb. 7 Mk. Der durch seine erfolgreiche Mitarbeit an der Aufklärung der Grundlagen der Geometrie bekannte Verfasser bietet uns in einer trotz aller Knappheit durchsichtigen und leicht faßlichen Darstellung einen klaren Überblick über den gegenwärtigen Stand der auf den logischen Aufbau der Geometrie gerichteten Forschungen. Die an sich abstrakt logischen Unter- suchungen über die Unabhängigkeit und Widerspruchs- losigkeit der Axiome bzw. Axiomgruppen erscheinen hier größtenteils im Gewände geometrisch anschaulicher Überlegungen ; und der Leser, der an der Hand des Buches in die für den iVIathematiker wie den Philo- sophen gleich interessanten Probleme eindringen will, braucht keineswegs von vornherein den festen Boden seiner räumlichen Anschauung zu verlassen. Der Verfasser entwickelt zunächst in den ersten vier Paragraphen auf Grund der projektiven Postu- late (Postulate der Verknüpfung und Anordnung) und der Postulate der Bewegung unabhängig sowohl vom Parallelenpostulate wie vom Archimedischen die pro- jektive Geometrie; hieran schließt sich in ^ 5, ge- stützt auf die projektive Streckenrechnung , unter Einführung der charakteristischen Konstanten die Auf- stellung der metrischen Grundformeln der nicht- euklidischen, d. h. vom Parallelenpostulate unabhängi- gen Geometrie. Im sechsten Paragraphen wird 'das Euklidische Parallelenpostulat eingeführt und seine Unabhängigkeit von den vorhergehenden Postulaten dargetan, während der siebente dem Aufbau der ebenen Geometrie lediglich auf Grund ebener Postu- late gewidmet ist. Den Abschluß des Buches bildet die Einführung und Untersuchung des Archimedischen Postulates und die Darlegung der großen Tragweite dieses Postulates. Das Studium des vornehm ausgestatteten und mit guten Figuren versehenen Buches , für dessen Wert ja auch schon der Name des Autors bürgt , kann jedem Mathematiker warm empfohlen werden. Dr. P. Böhmer. Lord Kelvin, Vorlesungen über Molekular- dynamik und die Theorie des Lichts. Deutsch von B. Weinstein. 590 Seiten mit 132 Figuren. Leipzig, B. G. Teubner, 1909. — Preis geb. 18 Mk. Wie der Name des Autors schon anzeigt , gehört das vorliegende Buch zu den unvergänglichen Doku- menten der Forschungsarbeit eines der größten Genies, die das 19. Jahrhundert der physikalischen Wissenschaft geschenkt hat. Die Geschichte der Entstehung des Werkes ist interessant genug. Es' liegen ihm nämlich Vorlesungen zugrunde, die Verf im Jahre 1884 in der John-Hopkins-Universität vor einem Kreise amerikanischer Forscher über die Wellen- theorie des Lichtes gehalten, , Jedoch in der Absicht, mehr ihre Mängel hervorzuheben", als ihre wunder- baren Erfolge aufzuzeigen. Der Abdruck dieser Vor- lesungen nach einem von Hathaway niedergeschriebenen Stenogramm, obwohl schon 1885 begonnen, schritt jedoch wegen der beständigen Bemühungen des Verf, seine Entwicklungen zu vervollständigen und die Schwierigkeiten der, Ätherwellenlehre zu beheben, nur so langsam vorwärts, daß die englische Ausgabe des Werkes erst 1904 erschien. In dieser finden sich nicht nur eingeschaltete Ergänzungen der Vorlesungen von 1884, sondern 5 ganz neue Kapitel wurden auch hinzugefügt. Diese behandeln die Zahl und Größe der Molekeln, das Himmelslicht, die Theorie der Rel^exion und Polarisation (Metallreflexion), die Lösung des Widerspruchs zwischen Fresnel und Green , die Chiralität in Kristallen und anderes. Außerdem sind 12 Anhänge im Umfang von fast 200 Seiten ange- fügt. — Die deutschen Physiker werden es dem Herausgeber sehr danken, daß er ihnen, unterstützt von Dr. Levy, durch eine höchst sorgfältige Über- tragung beim Studium des sachlich so ungemein sublimen Werkes wenigstens die sprachlichen Schwierig- keiten aus dem Wege räumt. Daß das Buch gerade zu einer Zeit erscheint, in welcher von einzelnen Physikern die Ätherhypothese mitsamt der Wellen- theorie des Lichts zum alten Eisen geworfen wird, ist vielleicht deshalb von guter Wirkung, weil dadurch manchem erst die Summe von Geistesarbeit zum Be- wußtsein kommen wird, die in der bisherigen Lehre investiert ist und nicht kurzerhand aus der Welt ge- schafft werden kann. In dem 1900 verfaßten An- hang B verscheucht Kelvin zwei Wolken, die im neunzehnten Jahrhundert die rnechanische Theorie der Wärme und des Lichts eine Zeitlang verdunkelten. Hoffen wir, daß es einem lebenden Forscher vom Range des vor zwei Jahren verstorbenen Lord Kelvin gelingen wird, auch die im 20. Jahrhundert bereits recht drohend heraufgestiegene Wolke zu zerteilen. Kbr. Dr. The Svedberg, Die Methoden zur Her- stellung kolloider Lösungen anorgani- scher Stoffe. Ein Hand- und Hilfsbuch für die Chemie und Industrie der Kolloide. XII und 507 Seiten mit 60 Abbildungen im Text, drei Tafeln und zahlreichen Tabellen. Verlag von N. F. IX. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 47 'l'heodor Steiukopft', Dresden 1909. — PVeis geh. 16 I\Ik., geb. iS Mk. The Svedberg hat sich durch die Veröftentlichung des vorliegenden Buches, das in den Kreisen der Kolloidchemiker sicherlich eine weite Verbreitung finden wird, ein großes Verdienst erworben. Denn die Literatur über die Gewinnung kolloidaler oder, wie man neuerdings sagt , kolloider Lösungen ist sehr umfangreich und auch recht weit zerstreut, ihre genaue Kenntnis aber ist für alle die unentbehrlich, die sich , sei es aus wissenschaftlichen , sei es aus praktischem Interesse, mit kolloidchemischen Fragen beschäftigen. Die Darstellung kolloidaler Lösungen kann auf sehr verschiedenen Wegen erfolgen. Da die Kolloide der Teilchengröße nach zwischen den Kristalloiden und den Suspensionen oder Emulsionen stehen , so kann man sie entweder durch Kondensation mole- kularer Komplexe oder durch Zerlegung größerer Aggregate erhalten, und dementsprechend unterschei- det Svedberg zwei große Gruppen von Darstellungs- methoden , die „Kondensationsmethoden" und die „Dispersionsmethoden". Beispiele für die Kondensationsmethoden sind die Gewinnung kolloidaler Gold-, Silber- oder Platin- lösungen durch Reduktion geeigneter Salze dieser Metalle mittels Wasserstoff, Kohlenoxyd, Phosphor, organischer Reduktionsmittel usw. , die Darstellung kolloidalen Schwefels durch Oxydation des Schwefel- wasserstoffs mit Hilfe von schwefliger Säure , die Bereitung kolloidaler Hydroxyde durch Hydrolyse geeigneter Salze, sowie die Methoden, die auf che- mischen Umsetzungen in hinreichend verdünnten Lösungen beruhen, wobei die gebildeten unlöslichen Stoffe sich nicht abscheiden, sondern kolloidal gelöst bleiben. Zu den Dispersionsmethoden gehören die Pepti- sierungen, bei denen ein in fester, unlöslicher Form vorliegender Stoff in geeigneter Weise angeätzt wird, so daß die ursprünglich vorhandenen groben Teil- chen verkleinert und damit zur Bildung kolloidaler Lösungen befähigt werden, und ferner die interessanten elektrischen Dispersionsmethoden, über die hier noch einige wenige Worte gesagt werden sollen, da sie in neuerer Zeit gerade durch die Arbeiten von Sved- berg eine besondere Bedeutung erlangt haben. Bekanntlich kann man , wie Bredig gezeigt hat, wäßrige kolloidale Metalllösungen dadurch erhalten, daß man zwischen Drähten des betreffenden Metalles unter Wasser einen Gleichstromlichtbogen von 5 bis 10 Ampere und 30 bis 11 o Volt erzeugt. Durch die übergehenden Funken wird das Metall, und zwar hauptsächlich das der Kathode, so fein zerstäubt, daß die gebildeten Teilchen sich nicht absetzen, sondern kolloidal gelöst bleiben. Versucht man nun aber, diese Bredig'sche Methode auch auf organische Flüssig- keiten zu übertragen, so stößt man darum auf große Schwierigkeiten, weil die organischen Flüssigkeiten durch den Gleichstromlichtbogen in sehr beträcht- lichem Maße zersetzt werden. Dieser Schwierigkeiten ist The Svedberg in folgender Weise Herr geworden. Zunächst steigerte er die Zerstäubungsfläche, indem er das Metall in Form von Folie oder von zerschnittenem Draht oder in granulierter Form unter die Flüssigkeit tauchte und es durch (nicht zerstäubbare) Eisen- oder Aluminiumelektroden mit hochgespanntem Wechsel- strom von geringer Stromstärke in Verbindung brachte. „Bei Schließung des Stromes beginnt ein heftiges Funkenspiel, die Flüssigkeit färbt sich, und in wenigen Minuten ist ein tiefdunkles Sol entstanden." Indem wegen der experimentellen Einzelheiten auf Svedberg's Buch verwiesen sei — die genaue Untersuchung des Phänomens zeigte, daß es sich um oszillatorische Entladungen handelt und daß man die beste Ausbeute an Kolloid bei geringster Zersetzung des Lösungs- mittels dann erhält, wenn die Kapazität des Entl*iungs- kreises möglichst groß, Selbstinduktion, Ohm'scher Widerstand und Funkenlänge möglichst klein sind — , sei hier nur bemerkt, daß es Svedberg gelungen ist, nicht nur die kolloidalen Lösungen der üblichen Me- talle in Äther, Methyl-, Äthyl-, n-Propyl- und Isobutyl- alkohol usw., sondern auch unter besonderen Vor- sichtsmaßregeln die kolloidalen Lösungen der Alkali- metalle in Äther, in Pentan, ja sogar in flüssigem Methan (Siedepunkt — 164'^' C) darzustellen. Wir kehren nach dieser Abschweifung zu dem zur Besprechung stehenden Buche zurück. Jedem der sechs großen Kapitel i. Reduktionsmethoden, 2. 0.\ydationsmethoden, 3. Hydrolysemethoden, 4. Son- stige Kondensationsmethoden, 5. Mechanisch -chemi- sche Dispersionsmethoden und 6. Elektrische Disper- sionsmethoden ist ein sehr eingehend behandeltes Literaturverzeichnis vorausgeschickt. Dann kommt ein allgemeiner und geschichtlicher Teil und da- rauf ein spezieller Teil, in dein die Herstellung der einzelnen Kolloide mit den Worten der Entdecker selbst in Form sehr ausführlicher Literaturauszüge angegeben wird. Jedes Kapitel schließt mit einer großen Tabelle, in der das in dem betreffenden Ka- pitel behandelte Material übersichtlich zusammen- gefaßt ist. Die Literatur ist bis Mitte des Jahres 1908 berücksichtigt worden. In Svedberg's Werke liegt also ein außerordent- lich wertvolles Quellenwerk vor, das gerade seiner Ausführlichkeit wegen das Zurückgehen auf die Ori- ginalliteratur in den meisten Fällen überflüssig machen dürfte. Die Ausstattung des Buches ist gut. Clausthal i. H. Werner Mecklenburg. Literatur. Hegi, Priv.-Dez. Dr. Gust.: Illustrierte Flora v. Mittel-Europa. Mit bcsond. Berücksicht. v. Deutschland, Österreich u. der Schweiz. Zum Gebrauch in den Schulen u. zum Selbst- unterricht. (Illustriert unter künstler. Leilg. v. Dr. Gust. Dunzinger.) 2. Bd. (405 S. m. 35 färb. Taf.) Lex. 8". München ('09), J. F. Lchmann's Verl. — 17 Mk., geb. in I.einw. 20 Mk. Hennig, Assist. Dr. Edwin: Erdbebenkunde. Eine Übersicht üb. den gegenwärt. Stand der Erdbebenforschg., die wich- tigsten Erdbeben-Hypothesen und den internationalen Erd- heben-Beobachtungsdienst. Mit 24 Abbildgn. (IV, 176 S.) Leipzig '09, J. A. Barth. — Geb. in Leinw. 4. Ratze], weil. Prof. Dr. Frdr. : Anthropogeographie. I. T. : Grundzüge der Anwendg. der Erdkunde auf die Geschichte. 48 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. 3 }., unverUad. Aull. (XVI, 400 S.) Stuttgart '09, J. Enscl- horn. — 15 Mk. — aus Samen heranzuziehen. In den großen Orchideen-Hand- büchern findet man über diese Fragen kaum eine Angabe; das liegt aber daran, daß diese Werke fast ausschließlich die Kultur der tropisclien Formen im Gewächshause berücksichtigen. H. Harms. Erfolgt die Lösung der Stärkekörner von Zea Mais durch Einwirkung des Speichels von innen oder außen? Ist eine (gleichzeitige Lösung von innen und außen möglich und wie wäre sie zu erkennen? G. in Zürich. Auf Tafel VlI des bekannten Buches von Arthur Meyer: Anregungen und Antworten. Herrn W. in D. — Seelische Werte, die wir zusammen- gefaßt als Seele bezeichnen, werden allerdings bekanntlich von manchen .'Tutoren bei sämtlichen < »rganismen angenommen. Darüber ist aber das Folgende zu sagen: Geistige Werte kann der Einzelne nur in sich selbst beobachten. Für das Vorkommen geistiger Werte in seiner Umgebung, in anderen Untersuchungen über die Stärkekörner (Jena, G. Fischer) fia Organismen, ist der Einzelne ausschließlich auf Annahmen j^^ gj^ ^^ ^^^ Figuren P I bis P 7 Stärkekörner von Zea angewiesen. Die seelischen Vorgänge in meinem Neben- Mays in verschiedenen Lösungsstadien vom i. bis 20. Tage menschen vermag ich nicht zu erfahren, sondern ich kann nur auf sie schließen, wenn ich bestimmte Vorgänge an mei- nem Nebenmenschen beobachte, die mit ähnlichen in Einklang stehen, wenn ich bestimmte seelische Werte dabei gleichzeitig in mir empfinde, in mir als Tatsachen wahrnehme. Wir sind also hier von vornherein ausschließlich auf Analogieschlüsse angewiesen, d. h. auf Schlüsse auf Grund von sonstigen Über- einstimmungen. D. h., weil alle übrigen beobachtbaren Merk- male so weitgehend übereinstimmen, nehmen wir ohne weiteres auch bei unseren Mitmenschen eine Seele an. Die Analogie ist hier so groß, daß es uns unlogisch erscheinen würde, bei Mitmenschen keine seelischen Werte anzunehmen. Aber auch zwischen den Menschen einerseits und den höheren Tieren andererseits geht doch die Analogie noch so weit, daß es un- wissenschaftlich wäre, hier nicht ebenfalls auf das Vorhanden- sein von seelischen Werten zu schließen. Je weiter wir dann aber freilich die Tierreihe zu den immer einfacher gebauten Gestaltungen abwärts schreiten, schwindet gleicherweise mit ^ ^^^ ^ der Abnahme der komplizierteren Verhältnisse in ihrem Bau Speichel das gleiche Bild ergibt, wäre noch zu unle: die Analogie immer mehr, mit anderen Worten: Es wird ^^ j^^ ^^^^^ wahrscheinlich, da die Wirkung der Dia bei den einfachsten Tieren äußerst bedenk schließlich schon lieh, auch hier auf eine Seele zu schließen. Nun aber gar die Pflanzen damit bedenken zu wollen, ist ein Unterfangen, dem keine exakte Wissenschaft zu folgen vermag. Verlassen wir den Boden der vernünftigen Analogie, sondern treiben sie so weit, daß wir schließlich , wie unsere Urvorfahren, als sie zu denken anfingen, alles beseelt finden, die Quellen als Najaden, die Bäume als Dryaden u. dgl., oder wenn wir, wie die Philosophen pantheistischer Richtung, das All als Gott bezeichnen, so steht das auf demselben logischen Boden, wie die Annahme, alles sei Wasser. Dann gibt es ja keinen Gegensatz mehr zu Nicht-Beseeltem, dann kann man die Eigen- art des Beseelten nicht mehr charakterisieren, dann hat es keine Eigenheilen mehr. Diese behält es nur, wenn wir von den körperlichen Äußerungen ausgehen, die erfahrungsgemäß bei uns stets mit seelischen Werten verknüpft sind. Und wenn wir dies tun, so kommen wir sehr bald auf Organismen, bei denen der erwähnte Analogieschluß nur noch mit Gefahr anwendbar ist, und zwar ist ein diesbezüglicher Unterschied zwischen den einfacheren und niedersten Tieren einerseits und den Pflanzen andererseits nicht vorhanden. P. Herrn Dr. St. in L. — Sie fragen an: Was ist über die Zucht einheimischer Orchideen aus Samen be- kannt? — Herrn Oberinspektor F. Ledien (Dahlem bei Berlin, Bot. Garten) verdanke ich den Hinweis auf eine kleine Schrift, in der obige Frage behandelt wird: Alexander Würtenberger, Unsere heimischen Orchideen, ihre Kultur und Verwendung im Garten und als Topfpflanzen; München, Georg D. W. Callwey 1892; 32 S. Ein eigenes Kapitel be- handelt die ,, Anzucht der (jrchideen aus Samen", Es sind hier genaue Anweisungen gegeben bezügl. des Einsammelns der Samen, der Erde, Behandlung der Sämlinge und Beete usw. Inwieweit Erfolge nach dieser Methode erzielt sind, ist mir unbekannt. Darüber müßten erfahrene Gärtner zu Rate gezogen werden, die es versuclit haben, unseie Erdorchideen abgebildet. Allerdings lagen diese Stärkekörner nicht in Speichel , sondern in einem bakterienfreien (mit Chloroform versetztem) Malzauszuge. Im allgemeinen erfolgt die Lösung der Maiskörner weit schneller, als in 20 Tagen, wenn man nämlich trockene Stärke verwendet, die bereits rissig ist. Hier kann das stärkelösende Enzym natürlich rascher angreifen, weil eine größere Oberfläche vorhanden ist. In dem von A, Meyer abgebildeten Fall handelt es sich um Stäikekörner aus frischem, noch unreifem und ungetrocknetem Endosperm. Sie ersehen aus den Abbildungen, daß sich zunächst radiale Risse bilden, die nicht immer von der Peripherie auszugehen brauchen. Diese Risse erweitern sich zum Teil zu ziemlich weiten Kanälen und im Inneren entsteht auf dem in der Fig. P. 6 abgebildeten, Stadium schließlich ein großer Hohl- raum. Im letzten Stadium bricht der Kern auseinander. Die äußeren Konturen bleiben ziemlich unverändert; man kann also wohl sagen, daß die Lösung hier im wesentlichen von nnen nach außen erfolgt. — Ob sich bei Einwirkung von rsuchen ; astase im allgemeinen ähnlich der des Speichels ist. — Die sogenannte Skelettbildung vieler Stärkekörner durch Speichcleinwirkung ist bei Maisstärke eine unvollkommene. Alles Nähere über den Bau, die Bildung und die sonstigen interessanten Eigen- schaften der Stärke finden Sie in dem sehr reichhaltigen Mcyer'schen Werke. Wächter. Herrn F. in München. — Eine bei technischen Unzu- länglichkeiten für alle Beleuchtungsarten gleichermaßen zu- treffende Schädigungsmöglichkeit der Augen ist: Zeitweiliger Nachlaß der Intensität des Lichtes; Unterbrechung der Leucht- kraftciuellen bei elektrischen, Druckschwankungen bei Gas- licht, ungenügender Luftzutritt bei Petroleumlicht. (Zucken, Flackern"; Intermittieren des Verbrennungsvorganges.) Für das durch angestrengte Tagesarbeit ermüdete, zu Überblendung neigende Auge ist ruhiges Petroleumlicht am zuträglichsten, sofern die zugleich entwickelte Wärmestrahlung nicht störend wirkt. Bei wohlabgewogenem Verhältnis der Art der Sehbe- schäftigung (Lesen, Schreiben, Handarbeit, Konversation) mit der Stetigkeit und Intensivität des Lichtes sind wohl alle modernen Belcuchtungsarten gleichwertig. Schädigungen des Auges, die ihre Ursachen nur m einer bestimmten Beleuchtungs a r t haben, gibt es nicht. — Ent- scheidend ist immer .lie Quantität des Lichtes in Beziehung zur Qualität der Augen. Dr. med. H. Kbr. Herrn M. in Budapest. — Ihre Anfrage ist uns nicht klar. Wünschen Sie lediglich die technische Ausführung von Diapositiven nach von Ihnen zu liefernden Negativen, so macht dies jede beliebige ordentliche Photohandlung. Han- delt es sich dagegen um Erwerbung des Bildermaterials von woandersher, so kämen wohl nur wenige Firmen in Betracht: vielleicht die Firmen Ica Akt.-Ges,, Dresden, Schandauerstraße, oder Eduard Liesegang, Düsseldorf. zur Herstellung kolloider Lösungen ano'rganischer Stoffe. — Literatur: Liste. — Anregungen und Antworten. Verantwortlicher Redakteur: Prof. Dr. H. Po touie , Groß-Lichterfelde-West b. Berlin. VerUg von Gustav Fischer in Jena. Druck von Lippert & Co. (G. Pätz'sche Buchdr.), Naumburg a. S. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Neue hülge IX. Band; der ganzen Keihe XXV. Band. Sonntag, den 23. Januar igio- Nummer 4. Sammelreferate und Übersichten über die Fortschritte in den einzelnen Disziplinen. Neues aus der allgemeinen Chemie.') — Die Bedeutung-, die die Fortschritte der allge- meinen Chemie nicht nur für die Erweiterung und Vertiefung der rein naturwissenschaftlichen Erkenntnis im allgemeinen,-) sondern auch für das Verständnis spezieller Probleme der ange- wandten Naturwissenschaft, der Technik, und für deren Weiterentwicklung gewonnen hat, kann kaum hoch genug gewertet werden, und wenn sich wohl auch nicht jeder der neuerdings aus- gesprochenen Ansicht anschließen wird, daß die Chemie in Zukunft unter allen anderen Natur- wissenschaften als Zentralwissenschaft die unbe- dingt führende Rolle spielen wird, so wird doch niemand bestreiten, daß die Chemie schon jetzt, wo sie erst im Anfange ihrer exakt wissenschaft- lichen, ihrer mathematischen, Lebensperiode steht, für den Mann der reinen Wissenschaft ebenso wie für den Mann der Technik eine unentbehrliche Beraterin ist, deren Lehren niemand ungestraft vernachlässigt. Ein besonders schönes Beispiel für den günstigen Einfluß, den die Chemie auf Theorie und Praxis der Naturwissenschaft gleich- zeitig auszuüben vermag, bildet die Lehre von den Metallen. „Die Bedeutung der pysikalischen Chemie für die Metallurgie" war das Thema, das die Deutsche Bunsengesellschaft auf ihrer dies- jährigen Hauptversammlung zu Aachen besonders eingehend behandelt hat, und über „Die physi- kalische Chemie der Metalle" soll im folgenden im Anschluß an die Aachener Vorträge,'') aber auch mit Benutzung einiger anderer neuerer Publi- kationen berichtet werden. I. Die jetzigen Anschauungen über das Wesen des metallischen Zustan des. — Eine einheitliche Theorie des metallischen Zu- standes aufzustellen, eine einheitliche Erklärung der charakteristischen Eigenschaften der Metalle, ihrer ausgezeichneten Leitfähigkeit für Wärme und Elektrizität, ihrer Undurchsichtigkeit und ihres hohen Reflexionsvermögens, des „Metall- glanzes", zu geben, hat erst neuerdings die glänzende Entwicklung der Elektronentheorie ') Vgl. Xaturw. Wochenschrift, N. F. Bd. VUl, S. 261 ; 1909. '') Vgl. das schöne Werk von Emil Baur „Chemische Kosmographie", München und Berlin 1903, dessen Lektüre nicht warm genug empfohlen werden kann. •■"j Den ausfuhrlichen Bericht über die Aachener Ver- sammlung findet man in der Zeitschr. f. Elcktrochem , Bd. XIV, S. 460—466, 473 — 489, 565—600, 617 — 657, 673—702, 725 bis 734, 769—781 ; 1909. Ein kürzerer Bericht ist in der Physikal. Zeitschrift, Bd. X, S. 508 — 534 (1909), veröffentlicht worden. möglich gemacht. Dank den experimentellen und theoretischen Untersuchungen von Riecke und Drude, von Lorentz und J. J. Thomson haben wir einen tiefen Einblick in die Natur der Metalle gewonnen, und wenn auch noch nicht alle Fragen beantwortet und alle Zweifel behoben sind, so darf doch das allgemeine Bild wenigstens in seinen wesentlichen Zügen als mit ziemlicher Sicherheit festgestellt angesehen werden. Die Elektronentheorie ') nimmt bekanntlich an, daß ebenso wie die Materie auch die Elektri- zität atomistisch gegliedert ist. Die Atome der negativen Elektrizität, die Elektronen oder Korpus- keln, haben materielle Massen, die annähernd zwei- tausendmal kleiner sind als die der kleinsten che- mischen Atome, der Wasserstofi'atome, und be- sitzen eine negative elektrische Ladung von 4,69-10"''' absoluten elektrostatischen oder 1,56- 10"'-'^ absoluten elektromagnetischen Ein- heiten. Den Elektronen analoge Atome der positiven Elektrizität, also positive Elektronen, sind bisher nicht mit Sicherheit bekannt; die Frage nach ihrer Existenz ist zurzeit noch nicht entschieden. Die Elektronen sind ein wichtiger Bestandteil der gewöhnlichen Atome, ist doch auf ihre Anwesenheit z. B. die Entstehung der charak- teristischen Spektren der Atome und Moleküle zurückzuführen. Von einem Atom, mag es nun frei für sich allein existieren oder einem Molekül- verbande angehören, können auf verschiedene Weise einzelne Elektronen abgetrennt werden, und zwar hinterbleibt bei der Abtrennung, da das Atom an sich als ein elektrisch neutraler Komplex anzuseilen ist, ein positiv geladener Atomrest, ein Atomion. Besonders leicht geben die Metalle ein Elektron ab — - schon die Bestrahlung eines Metalles mit ultraviolettem Licht genügt zur Los- lösung einer Korpuskel (Hallwachsphänomen) — , ja man ist sogar berechtigt, die leichte Auf- hebung der Verbindung zwischen dem Atomion und dem Elektron als charakteristiseh für die Metalle überhaupt anzusehen. Nach der Ansicht, die in ihrer gegenwärtigen Form von Drude in die Wissenschaft eingeführt, von Riecke seinem Aachener Vortrage über „Die jetzigen Anschau- ungen über das Wesen des metallischen Zu- standes" "') zugrunde gelegt worden ist und die ') Vgl. den demnächst in der NaturW. Wochenschrift er- scheinenden vierten, ,,Die Atomtheorie der Elektrizität" be- titelten Abschnitt des Aufsatzes über „Die experimentellen Grundlagen der Atomtheorie". ') Kiecke, Zeitschr. f. Elektrochem., -XV, S. 473; Physi- kal. Zeitschr., X, S. 508; rgog. so Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. 4 sich besonders auf Tatsachen der Optiic stützt, geht die Dissoziation der Elektronen von den Metallatomen mit solcher Leichtigkeit vor sich, daß in einem Metall schon bei gewöhnlicher Tem- peratur neben den im Atomkomplex ,, gebundenen Elektronen" noch ,, freie Elektronen" vorhanden sind, die mit den Metallatomen in dem Sinne im Temperaturgleichgewicht stehen, daß die kine- tische Energie der Elektronen mv" gleich der kinetischen Energie der Metallatome — MV^ ist, ^ 2 während J. J. Thomson *) die Anschauung ver- tritt, daß freie Korpuskeln nur vorübergehend, nämlich nur so lange, als trennende Kräfte wirk- sam sind, existieren, so daß sie keine Gelegenheit haben, sich mit den Metallatomen in Temperatur- gleichgewicht zu setzen. Beide Theorien, sowohl die Drude-Riecke'sche, wie die von J. J. Thomson geben uns über die wichtigsten Eigenschaften der Metalle in großen Zügen Auskunft. Nach der Auffassung, die die Existenz freier Elektronen in den Metallen annimmt und mit der wir uns im folgenden allein beschäftigen wollen, erklärt sich die Leitung der Elektrizität in folgen- der Weise: Die freien Elektronen bewegen sich, solange keine Kraft auf sie wirkt, wie Gasmole- küle im Räume zwischen den Metallatomen frei nach allen Richtungen gleichmäßig hin und her. Die elektrische Kraft bewirkt, daß eine Richtung ein wenig bevorzugt wird, so daß sich in ihr mehr Elektronen als in allen anderen Richtungen fortbewegen. Da nun die Elektronen negative elektrische Ladungen tragen, so wird in der be- vorzugten Richtung negative Elektrizität trans- portiert, d. h. in ihr fließt ein negativer elek- trischer Strom. Die Stärke des Stromes, der in der Zeiteinheit durch die Fläche eines Quadrat- zentimers geht, wenn als treibende Kraft das Potentialgefälle i tätig ist, also die elektrische Leitfähigkeit ;', ist durch die Gleichung '-) y = — ^NLu 4aT gegeben, in der e die auf einem einzelnen Elektron haftende elektrostatisch gemessene elektrische La- dung, N die Elektronendichte, d. h. die Zahl der in einem Kubikzentimeter des Metalles enthaltenen freien Elektronen, ') J- J- Thomson: Die Korpuskulartheorie der Materie, Braunschweig 1908, S. 47 — 100. ^) Auf die Ableitung der Gleichungen ist, da sie ais rein mathematische Probleme für den Physikocheniiker nur von sekundärem Interesse sind, an dieser Stelle verzichtet. Die Leser, die sich dafür interessieren, seien vor allen Dingen auf das bereits erwähnte Werk von J. J. Thomson „Die Korpus- kulartheorie der Materie" und ferner auf den Aachener Vor- trag von Riecke (1. c.) sowie auf einen älteren Vortrag des- selben Gelehrten ,,Über die Klektronentheorie des Galvanismus und der Wärme" (Jahrb. d. Radioakt. u. Elektronik, Bd. 3, S. 24 — 47; 1906) verwiesen. L die mittlere freie Weglänge, d. h. den Weg, den ein Elektron im Durchschnitt zwischen zwei Zusammenstößen frei zu- rücklegt, u die Geschwindigkeit eines Elektrons, «T ein Produkt aus der Konstanten u und der absoluten Temperatur T, die lebendige Kraft der molekularen Bewegung darstellt. Der Wert für die Konstante u ergibt sich leicht aus der kinetischen Gastheorie') zu 2,02 -lO"'". Aus derselben Theorie lassen sich auch die Werte für L und v berechnen, so daß die Gleichung, da Y, e und c bekannt sind, zur Ermittlung von N dienen kann. Die Elektronendichte ergibt sich so für die verschiedenen Metalle zu i bis 50- 10--"^); auf ein einzelnes Metallatom kommen im Durch- schnitt zwei bis drei freie Elektronen. Ebenso wie die Elektrizitätsleitung wird auch die Wärmeleitung von den Elektronen besorgt. Da nach der kinetischen Gastheorie, deren An- wendung auf die Probleme der Elektronentheorie Drude zu verdanken ist, die kinetische Energie eines Elektrons der absoluten Temperatur propor- tional ist ; mu- = aT = 2,02- lo'" T, so führen die von der wärmeren zur kälteren Stelle im Metall diffundierenden Elektronen mehr kinetische Energie und damit auch mehr Wärme mit sich, als die in umgekehrter Richtung diffun- dierenden „kälteren" Elektronen. Die kältere Stelle muß sich also erwärmen und die wärmere Stelle sich abkühlen. Die Wärmeleitfähigkeit K läßt sich mit Hilfe der kinetischen Gastheorie leicht berechnen ; K= ' a-N-L-u; 3 in dieser Gleichung haben die Buchstaben «, N, L und u dieselbe Bedeutung wie in der weiter oben gegebenen Gleichung für die Leitfähigkeit für den elektrischen Strom. Dividieren wir jetzt die beiden Gleichungen e''^ I y:= — =NLu und K^ «NLu 4«T 3 durcheinander, so erhalten wir K_4«-^^ /' 3 e- In dieser letzten Gleichung sind die Faktoren N, L und u, durch die sich die K- und /-Glei- chungen der einzelnen Metalle voneinander unter- scheiden, nicht mehr enthalten; der Wert des Quotienten enthält nur noch von den einzelnen Metallen selbst unabhängige Glieder, d. h. das Verhältnis des Wärmeleitungsvermögens zum ^) Vgl. das zweite Kaj^itel des vor kurzem in der Naturw. Wochenschrift erschienenen Aufsatzes über ,,Die experimen- tellen Grundlagen der .\tomistik" (Bd. VIII, S. 769; 1909). ') Vgl. die Tabelle weiter unten. N. F. IX. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 51 elcklrischen Leitungsvermögen hat einen für alle IVIetnlle gültigen konstanten Wert, und das ist das bekannte Gesetz von Wiedemann und Franz. Die folgende Tabelle ') enthält nach den Unter- suchungen von Jäger und Diesselhorst die Werte der Leitfähigkeiten verschiedener Metalle für Wärme und Elektrizität bei 18" C = 291" absei. Temp. und für 100" C = 373" absol. Temp. Metall K:;.' bei 1 S" C'K:y bei loo" C (lv:;'| bei 100" C [KM'j'bdTS" C Aluminium 636-108 844-108 1,32 Kupfer 665 862 ',30 Silber 686 88 1 1,2s Gold 727 925 1,27 Xickel 699 906 1,30 Zink 67z 867 1,29 Kadmium 706 905 1,28 Blei 715 935 I.31 Zinn 735 925 1,26 Platin 753 1013 '■35 Eisen S02 1061 1,32 Wismut 963 1077 1,12 = 1,28 Theoretisch berechnet sich der Wert des Quo- tienten K/;' bei iS'^ C nach Reinganum zu 710-10*; die experimentell gefundenen Werte für die einzelnen Metalle weichen zum Teil nicht unbeträchtlich von dem theoretischen Werte ab, ein Umstand, der auf einen von der chemischen Natur des Metalles ausgehenden und in der Drude- Riecke'schen Theorie nicht berücksichtigten Ein- fluß hinweist. Hingegen zeigt der Wert des Quotienten (K : ;') bei loo" C 273 -\- 100 (K : ;') bell 8" C' ~ 273+ 18 nicht nur, wie die Theorie erfordert, eine befrie- digende Konstanz, sondern der Mittelwert aus den experimentellen Daten 1,28 fällt sogar mit dem theoretischen Werte vollkommen zusammen. Das Wiedemann Franz'sche Gesetz gilt nur für die reinen Metalle; die Legierungen gehorchen ihm wenigstens zum größten Teile nicht. Eine Erklärung dieser Abweichungen im Sinne der Riecke-Drude'schen Theorie ist in neuester Zeit von R. Schenck gegeben worden, jedoch müssen wir zum Verständnis der Schenck'schen Unter- suchungen etwas weiter ausholen. Nach Guertler -) hat man zwei prinzipiell ver- schiedene Arten der elektrischen Leitung zu unter- ') Zitiert nach der ausgezeichneten Schrift von R. Schenck : „Physikalische Chemie der Metalle ; sechs Vorträge über die wissenschaftlichen Grundlagen der Metallurgie". Halle a. S. 1909. ') Vgl. die mit vielen Literaturnachweisen versehene zu- sammenfassende Darstellung des gegenwärtigen Standes un- serer Kenntnisse über die elektrische Leitfähigkeit der Legie- rungen von W. Guertler im Jahrbuch d. Radioakt. und Elek- tronik, Rd. 5, S. 17 — 18; 1908. scheiden, die „el e kt ro 1 ytisc h e Leitung" durch amorpiie Stoffe, z. B. durch Lösungen oder Schmelzen, und die „alytische Leitung" durch kristallisierte Stoffe, z. B. durch Metalle oder durch feste Salze. Die elektrolytische Leitung ist mit dem Transport wägbarer Materie verbunden, bei der alytischen Leitung wird die Fortführung der Elektrizität durch Elektronen besorgt. Ein wesentlicher Unterschied zwischen der Leitfähig- keit der Metalle und derjenigen anderer kristalli- sierter Stoffe von nicht-metallischem Charakter besteht demnach nicht, und in der Tat haben neuere Untersuchungen ergeben, daß die früher meist gemachte Annahme, die Leitfähigkeit der Metalle sei im Gegensatze zu der Leitfähigkeit anderer Substanz durch Zunahme des Widerstan- des bei steigender Temperatur charakterisiert, in dieser Allgemeinheit ausgesprochen den Tatsachen keineswegs entspricht; die Kurve, die die Leit- fähigkeit eines kristallisierten Körpers als Funk- tion der Temperatur darstellt, zeigt ein Maximum, das bei den Metallen meist bei sehr niedriger Temperatur, unter — 240", bei kristallisierten Nichtmetallen in der Regel sehr viel höher, bei der Kohle z. B. erst bei heller Weißglut liegt.') Bei den Metallen befinden wir uns daher, wenn wir die Leitfähigkeitsmessungen bei bequem zu- gänglichen Wärmegraden anstellen, auf dem ab- steigenden Aste der Kurve, d. h. bei wachsender Temperatur nimmt die Leittähigkeit ab und da- mit ihr reziproker Wert, der Widerstand, zu. Der Temperaturkoeffizient der Leitfähigkeit hat zwi- schen o und 100" C für alle reinen Metalle an- nähernd denselben Wert. Für die Legierungen gilt als allgemeine Regel, daß ihre Leitfähigkeit meist geringer, niemals höher ist, als sie sich aus der Leitfähigkeit der Komponenten nach der Mischungsregel berechnet. Im einzelnen besteht zwischen der Leitfähigkeit der Legierungen und ihrer chemischen Konstitu- tion, wie sie uns die Metallographie -) kennen lehrt, ein enger Zusammenhang. Fügen wir zu der Schmelze eines reinen elementaren Metalles geringe Mengen eines zweiten elementaren Metalles, so können, wenn wir die als vollkommen homogen vorausgesetzte Schmelze erstarren lassen, zwei Fälle eintreten: entweder kristallisieren die beiden Metalle neben- und unabhängig voneinander, so ') Aus der wesentlichen Gleichheit der Metalle und der Nichtmetalle hinsichtlich ihrer elektrischen Leitfähigkeit sowie ferner aus dem Umstände, daß die metallischen Eigenschaften der Metalloide erst bei höheren Temperaluren hervortreten, schloß R. V. liaßlinger in einer neuerdings erschienenen, sehr geistreichen Arbeit (Monatshefte der Chemie, Bd. 28, S. 173; 1907), ,,daß alle Elemente einer Reihe des periodischen Systems dadurch auf einen gleichen Grad metallischer Eigen- schaften gebracht werden können, daß man ihre Temperaturen entsprechend verschieden wählt. . . . Dann ist ein Metall nichts anderes als ein Element, dessen Temperatur zu hoch ist, um die Eigenschaften eines Nichtmetalls zu besitzen, und umgekehrt". (Zitiert nach Guertler.) '-) Vgl. Naturw. Wochenschrift, N. F. Bd. I, S. 213 und 238 (1901/02I, Bd. 111, S. 155 (1903/041, Bd. V, S. 33 u. 545 (1906) und den zweiten Abschnitt dieses Berichts. 52 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. 4 daß wir in der erstarrten Schmelze die den beiden Metallen entsprechenden Kristalle erkennen können, oder die beiden Kristallarten sind auch im festen Zustande unter Bildung von Misch- kristallen ineinander löslich,') so daß die erstarrte Schmelze nur eine Kristallart zeigt. Fügen wir jetzt zu dem ersten Metall immer größere Mengen des zweiten hinzu, so erweist sich die gegenseitige Löslichkeit der beiden Metalle im festen Zustande entweder als unbeschränkt — die beiden Metalle bilden eine ununterbrochene Reihe von Mischkristallen miteinander — oder die Lös- lichkeit hat eine Grenze, so daß, wenn die Kri- stalle des einen Metalles an dem zweiten Metall gesättigt sind, bei weiterer Hinzufügung des zweiten Metalles in der erstarrten Schmelze eine zweite, aus reinen Kristallen oder ebenfalls aus Mischkristallen bestehende Kristallart auftritt; die Reihe der Mischkristalle hat also in diesem Falle eine Lücke. Bilden die beiden Metalle mitein- ander eine oder mehrere chemische Verbindungen, so können diese miteinander oder mit den elemen- taren Komponenten jede der drei charakterisierten Erscheinungen, Nichtmischbarkeit, völlige Misch- barkeit oder partielle Mischbarkeit mit Mischungs- lücke darbieten. Tragen wir jetzt in üblicher Weise in ein Diagramm die elektrische Leitfähig- keit für die ganze Legierungsreihe von zwei Metallen A und B, zwischen denen die beiden Atomprozente — ^ Verbindungen A.,B- und AgB., existieren , als Funktion der Zusammensetzung der Legierungen ein , so erhalten wir das in der beifolgenden Zeichnung wiedergegebene Schema. F"ügen wir zu dem elementaren Metall B etwas A, so bildet sich, soweit das hinzugefügte B reicht, die Ver- bindung Ap.B- ; wenn sich die Kristalle von B und A.jB. im festen Zustande gegenseitig gar nicht auflösen, also völlige Nichtmischbarkeit vorliegt, so liegen die Leitfähigkeiten der Legierungen, die aus den beiden Komponenten B und A^B, be- stehen, annähernd auf einer Geraden, die die Leitfäiiigkeit des reinen A mit derjenigen des reinen Ä^B; verbindet. Setzen wir mehr A hinzu, als der Zusammensetzung AgB. entspricht, so bildet der Überschuß von A mit A^B- nach der Gleichung 2A3B7 + 15 A = 7A3B^ die Verbindung A.,B.j. Besteht zwischen den Kristallen von A.5B- und A.;B., im festen Zustande völlige Mischbarkeit, so sinkt die Leitfähigkeit anfangs rapide, darauf langsamer und steigt bei weiterer Hinzufügung von A, also mit zunehmender Menge der Verbindung A:.B.j, zur Leitfähigkeit dieser reinen Verbindung. Erhöhen wir die relative Menge von A über die Grenze AgB., hinaus, so löst sich der Überschuß von A zunächst in den Kristallen A.5B., auf, und die Bildung von Misch- kristallen gibt sich wieder durch ein außer- ordentlich rasches Fallen der Leitfähigkeit zu er- kennen. Bei einer Zusammensetzung der Legie- rung von 73 Atomprozenten A und 27 Atom- prozenten B ist die Aufnahmefähigkeit der AgB,- Kristalle für überschüssiges A erreicht; an dieser Stelle beginnt die Mischungslücke, welche bis zu 95 Atomprozent A und 5 Atomprozent B reicht. Bei 95 Atomprozent A sind soviele Kri- stalle von A vorhanden, daß sie imstande sind, die ganze vorhandene Menge der Verbindung A3B2 aufzulösen. Das Gebiet zwischen 95 und 100 Atomprozent A zeigt nur Mischkristalle und damit auch wieder das starke Ansteigen oder Abfallen der Leitfähigkeitskurve. Zwischen 73 und 95 Atomprozent A, also in dem Gebiet, wo gleichzeitig gesättigte Mischkristalle mit 73 und solche mit 95 Atomprozent A vorhanden sind, ändert sich die Leitfähigkeit, da wir abermals wie zwischen B und A.;B- zwei gegeneinander in- differente Kristallarten haben, wieder annähernd linear mit der Konzentration. Das Ergebnis unserer Betrachtung der Verhältnisse mit Hilfe des Diagramms läßt sich also kurz dahin zu- sammenfassen, daß die Bildung von Mischkristallen immer durch starkes Sinken der elektrischen Leit- fähigkeit charakterisiert ist,') während bei Nicht- mischbarkeit der Kristalle die Leitfähigkeit eine fast lineare Funktion der Konzentration ist. Die Leitfähigkeit der Verbindungen ist, soviel bis jetzt bekannt ist, stets kleiner als die des besser leiten- den Elementes, ein Ergebnis, das sich theoretisch kaum voraussehen ließ, das aber praktisch und technisch von großer Bedeutung ist, da es die Hoffnung, daß man einst die teuren gut leitenden Metalle durch billigere Legierungen werde er- setzen können, recht gering macht. Eine Erklärung der merkwürdigen Erniedrigung der elektrischen Leitfähigkeit können wir, wenn wir die Formel 4aT NLu betrachten, entweder in einer Verminderung der Elektronendichte N oder in einer Verkleinerung ') Über den Begriff der festen Lösungen vgl. Xaturw. Wochenschrift, N. F. Bd. VIII, S. 364; 1909. 1) Wie weit in einem derartigen Falle die elektrische Leitfähigkeit sinken kann, ergibt sich aus dem Vergleich der Leitfähigkeit des reinen Kupfers 57,4' I0-4 und des reinen Nickels 13. 39' 10-4, zwei Metallen von unbeschränkter Misch- barkeit im festen Zustande, mit derjenigen des Konstantans (6o''„ Cu -f 40% Ni) 2.0-1-I0 4. N. F. IX. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 53 des Produktes Lii suchen, denn die beiden anderen Faktoren e und « sind konstante Größen. Daß die Klektronendichte N in den Legierungen, be- sonders auch in denen, die aus IVIischkristallen bestehen, nicht wesentlich geringer als in den elementaren Metallen ist, läßt sich mit Hilfe ihres optischen und ihres thermoelektrischen Verhaltens direkt beweisen. Hin Lichtstrahl ist, wie die von Heinrich Hertz experimentell bestätigte elektromagnetischeTheorie des Lichtes von J. Cl. Maxwell lehrt, nichts an- deres als ein Zug elektromagnetischer Wellen. Eine Stelle im Raimie, mag sie nun mit wäg- barer Materie erfüllt sein oder nicht, durch die ein Lichtstrahl geht, ist durch das Vorhandensein eines elektromagnetischen Kraftfeldes von peri- odisch wechselnder Intensität gekennzeichnet. Befinden sich nun an dieser Stelle des Raumes wie z. B. in einer metallischen Masse freie Elek- tronen, so werden sie durch die Wirkung der ankommenden Welle oder richtiger gesagt durch die Wirkung des elektromagnetischen Kraftfeldes von periodisch wechselnder Intensität in eine hin- und herflutende Bewegung versetzt; ebenso wie die freien werden auch die gebundenen Elek- tronen zu Schwingungen veranlaßt, aber dieser Einfluß erreicht erst dann merkliche Beträge, wenn die Perioden der Eigenschwingungen der ge- bundenen Elektronen mit den Schwingungen des Kraftfeldes übereinstimmen. Auf alle Fälle muß aber das Licht, um die freien oder gebundenen Elektronen in Schwingungen zu versetzen, Arbeit leisten, und diese Arbeit kann es nur auf Kosten seiner In- tensität leisten, diese nimmt also ab, d. h. es findet eine Absorption des Lichtes statt. Von Drude und neuerdings genauer von Riecke sind zwei Formeln aufgestellt worden, die den als Maß für das Absorptionsvermögen dienenden Extinktionskoeffizienten und den Brechungs- exponenten der Metalle als Funktion der Elek- tronendichte, des elektrischen Leitvermögens, der Wellenlänge des einfallenden Lichtes sowie der Schwingungsart der gebundenen Elektronen und ihrer Anzahl im Kubikzentimeter und der üb- lichen Konstanten, Masse und Ladung der Elek- tronen und Geschwindigkeit des Lichtes dar- stellen. Die Berechnung der Elektronendichte sowie der Zahl der Elektronen, die auf jedes ein- zelne Mctallatom kommen , ergibt nach diesen Formeln ähnliche Werte wie die aus der Formel für das elektrische Leitvermögen.^) Wendet man, wie Bernoulli '-) es einem Vor- schlage von Schenck zufolge getan hat , die optische Methode für die Bestimmung der Elek- tronendichte in Legierungen an, so kommt man zu dem wichtigen Ergebnis, daß die Elektronen- dichte in den Legierungen nicht geringer ist als ') Vgl. die Tabelle weiter unten. ') Vgl. den .Aachener Vortrag von Bernoulli über ,,Die optischen Konstanten einiger fester metallischer Lösungen", Zeitschr. f. Elektroch., Bd. 15, S. 646 (1909); siehe auch Physik. Zeitschrift, Bd, 10, S. 532 (1909). in den reinen Metallen, ein Resultat, das, wie Guertler gelegentlich sehr treffend bemerkt, in Anbetracht des starken Metallglanzes der Legie- rungen aucii nicht anders zu erwarten war. Eine Bestätigung der optischen Messungen liefert schließlich auch die Messung der thermo- elektrischen Kräfte. Zwei Metalle haben im all- gemeinen eine verschiedene Elektronendichte; daher sucht sich der Unterschied in der Elek- tronenkonzentration auszugleichen, indem Elek- tronen von dem elektronenreicheren zum elek- tronenärmeren Metall hinüberdiffundieren. Da- durch lädt sich aber das elektronenreichere Metall, da es negative Elektrizität verliert, selbst positiv, während das elektronenärmerc Metall durch den empfangenen Überschuß von Elektronen eine negative Ladung erhält. Infolgedessen holt die positive Ladung durch elektrostatische Anziehung die entlaufenen Elektronen zurück, während die negative Ladung den weiteren Zustrom von Elek- tronen durch elektrostatische Abstoßung hindert. Eine größere Potentialdifferenz zwischen den beiden Metallen als diejenige, in der sich das Gleichgewicht zwischen dem Diffusionsbestreben und den entgegenwirkenden elektrostatischen Kräften ausdrückt, kann also nicht zustande kommen. Bilden wir aber aus den beiden Metallen nach Art eines Thermoelementes einen ge- schlossenen Stromkreis und stellen zwischen den beiden Lötstellen eine Temperaturdifferenz her, so muß aus leicht ersichtlichem Grunde ein elek- trischer Strom entstehen. An der höher tempe- rierten Lötstelle wird infolge der Temperatur- erhöhung der dem Gasdrucke analoge Druck der freien Elektronen erhöht, und zwar ist die Druck- erhöhung bei dem elektronenreicheren Metall größer als bei dem elektronenärmeren Metall. Der Elektronenüberdruck sucht sich auszugleichen, und zwar wird der Ausgleich nach der Seite er- folgen, die den geringeren Widerstand bietet, also nach der Seite mit dem geringeren Elektronen- druck, nach der Seite des elektronenärmeren Metalles, d. h. es werden von dem elektronen- reicheren Metalle durch die erwärmte Lötstelle hindurch Elektronen zu dem elektronenärmeren Metall gehen. Diese „heißen Elektronen" treiben durch elektrostatische Abstoßung die „kalten Elektronen" vor sich her, während gleichzeitig von dem positiv zurückbleibenden, an sich elek- tronenreicheren Metall von der kälteren Lötstelle her Elektronen durch das elektronenreichere Metall herangezogen werden. Es fließt also ein Strom durch das Thermoelement in der Richtung von dem elektronenreicheren Metall durch die erwärmte Lötstelle und das elektronenärmere Metall und die kalte Lötstelle zu dem elektronenreicheren Metall zurück. Ursache des Stromes ist demnach die durch die Ternperaturdifferenz bewirkte Druck- differenz der Elektronen und ihr Ausgleich auf dem Wege des geringsten Widerstandes. Nach Drude berechnet sich die thermoelektrische Kraft f nach der Gleichung: 54 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. 4 2« „, Na 3e Nb' in der e und a die weiter oben bereits an- gegebene Bedeutung haben und i^ die Temperatur- differenz zwischen den beiden Löstellen und der Ni Quotient -^;'- gleich dem Verhältnis der Elek- Nb tronendichte der beiden Metalle ist. Berechnet man aus dieser Gleichung das Verhältnis der Elektronendichten der verschiedenen Metalle, nach- dem man aus ihnen Thermoelemente gebildet und deren Kräfte bei gegebener Temperatur- differenz S- gemessen hat, so gelangt man zu dem Resultat, daß zwischen den Elektronen- dichten der einzelnen Metalle nur geringe Unter- schiede bestehen können, ein Resultat, das so- wohl mit der Bestimmung der Elektronendichte aus der Leitfähigkeit wie aus dem optischen Ver- halten in Widerspruch steht, denn diese ergibt, wie die nachstehende Tabelle zeigt, in beiden Fällen für die verschiedenen Metalle Elektronen- dichten von sehr verschiedener Größe. Bildung von Mischkristallen eine beträchtliche Vergrößerung des Produktes aus der freien Weg- länge L und der Geschwindigkeit u der freien Elektronen anzunehmen. Eine derartige Abnahme des Produktes u L ist nun, wie Schenck gezeigt hat, keineswegs un- wahrscheinlich, sondern findet in einer bekannten Erscheinung bei den Gasen, mit denen ja die Elektronen in der Drude-Riecke'schen Theorie verglichen werden, ihr Analogon. Die innere Reibung der Gase i] wird nach der kinetischen Gastheorie durch die Formel ') ,1 = 1 M u L ' 3 ausgedrückt, in der M die Masse eines Kubik- zentimeters des Gases ist und u und L wieder die Geschwindigkeit und die mittlere freie Weg- länge darstellen; die innere Reibung ist also dem Produkt u L proportional. Nun hat Graham ge- funden, daß die innere Reibung eines reinen Gases schon durch geringe Mengen eines zweiten Gases stark vergrößert wird, eine Erscheinung, E ektronendichleMetall Elektronendichic ucinimui ElektronendichteBlei Metall aus der elektri.^chen \ aus dem optischen nach Leitfähigkeits- [ nach optischen nach thermoelek- Leitfähigkeit Verhalten messungen , Messungen trischen Messungen AI 31,5-1022 40,4- 10-'- 6,6 2,6 0,991 Fe 6,0 19,7 1,2 1,3 1,21 8 Ni 7,2 18,8 1,5 1,2 0,774 Cu 52.5 25,5 10,9 1,6 1,016 Zn 19,8 36,8 4,1 2,3 1,028 Ag 53-4 16,6 II, I 1,05 1,025 Cd 15,0 22,7 3,1 1,4 1,031 Sn 10,8 21,6 2,3 1,4 0,995 Pt 6,6 24,1 1,4 1,5 0,993 Au 20,4 13,2 4,2 0,8 1,033 Pb 4.8 15,8 1,0 1,0 1,000 Ei 0,8 10,0 0,2 0,6 0,528 Diese Tabelle zeigt klar, daß die Elektronen- theorie der Metalle in der vorliegenden Form zwar ein rohes Bild der Wirklichkeit gibt, daß aber noch Faktoren eine Rolle spielen, die bisher nicht gebührend berücksichtigt worden sind. Wenden wir die thermoelektrische Methode auf die Bestimmung des Verhältnisses der Elek- tronendichte in reinen Metallen und in Legierungen an, so kommen wir wieder zu dem Ergebnis, daß die Elektronendichte in den Legierungen nicht wesentlich von der Elektronendichte in den ele- mentaren Metallen abweicht, also zu demselben Ergebnis, zu dem auch das Studium der optischen Erscheinungen geführt hat. Wir sind infolge- dessen gezwungen, zur Erklärung der auffallenden Erniedrigung der elektrischen Leitfähigkeit bei die, von Maxwell auch theoretisch begründet,-) sich ebenfalls nur auf eine Vergrößerung des Produktes uL zurückführen läßt.^) Geradeso wie die innere Reibung der Kohlensäure in seinem Medium, dem Räume, durch Hinzufügung einer kleinen Menge Wasserstoff erhöht wird, obwohl die innere Reibung des Wasserstoffs selbst sogar kleiner als die der Kohlensäure ist, ebenso wird ') Vgl. den zweiten Abschnitt des kürzlich in der Naturw. Wochenschrift erschienenen .\ufsatzes über die experimentellen Grundlagen der Atomtheorie (Bd. VIII, S. 769; 1909). '') Vgl. V. E. Meyer: Die kinetische Theorie der Gase, Breslau 1S99, S. 200 — 205. ') Die Werte für u und L haben in der Formel für den Reibungskoeffizienten, wenn es sich um Gasgemische handelt, nur noch die Bedeutung von Rechengrößen; eine einfache physikalische Bedeutung kann ihnen nicht beigelegt werden. N. F. IX. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 55 auch die Reibung des „Elektronengases" in seinem Medium, dem Metalle, durch Hinzufügung einer kleinen Menge eines zweiten Melalles vergrößert; die Erniedrigung der elektrischen Leitfähigkeit wird also von Schenck gerade im Sinne der Drude- Riecke'schen Theorie erklärt. Die starke Abnahme der Leitfähigkeit gilt indessen nur für den elektrischen Strom; die Wärmeleitfähigkeit ist bei Legierungen zwar auch geringer, als sich nach dem Mittel berechnet, aber der Abfall ist hier bei weitem nicht so groß. Daher hat der Quotient aus der Wärmeleitfähig- keit und der elektrischen Leitfähigkeit bei den Legierungen einen größeren Wert als bei den elementaren Metallen; das Gesetz von Wiedemann und Franz gilt für die Legierungen nicht mehr. Um diese auffallende Tatsache zu erklären, hat Schenck ') die Annahme gemacht, daß an der Wärmeleitung im Falle der Legierungen nicht nur die Elektronen beteiligt sind — denn dann müßte ja die Wärmeleitfähigkeit in ebenso hohem Maße wie die elektrische Leitfähigkeit sinken — , sondern auch die in dem einen Metall gelösten Moleküle des zweiten Metalls. Allerdings stellt sich Schenck den Einfluß der gelösten Moleküle nicht so vor, als ob diese selbst in der festen Masse wandernd den Transport der Wärme bewirkten, denn dazu ist ja ihre Diffusionsgeschwindigkeit zu gering. „Sehr wohl können sie aber in indirekter Weise einen Einfluß auf die Wärmeleitfähigkeit gewinnen, indem sie bei Zusammenstößen mit Elektronen ihre kinetische Energie an diese ab- geben und dadurch deren Weglänge und Ge- schwindigkeit ändern. Die Elektronen übertragen nach dieser Vorstellung nicht allein die eigene lebendige Kraft, welche an wärmeren Stellen eine größere ist als an kühleren, sondern auch noch die der gelösten Moleküle." Voraussetzung für diese Anschauung ist, daß ebenso wie die Elek- tronen auch die gelösten Moleküle den Gasgesetzen folgen. Nach Schenck's Ansicht wäre dann die Abweichung vom Wiedemann Franz'schen Gesetze ^ = 4^T y se- in folgender Weise zu klären : „Bei den festen metallischen Lösungen, in denen die Elektronen nicht nur ihre eigene kinetische Energie, sondern auch noch die der gelösten Moleküle — deren Zahl im Literbetrage N„ — übertragen, ist (wenn im Liter Ne Elektronen enthalten sind) der Betrag ^ . Ne+N„ , der von ihnen transportierten Energie — rj mal so groß als bei Abwesenheit von gelösten Mole- külen." Wir haben also in der obenstehenden Gleichung des Wiedemann-Franz'schen Gesetzes den Faktor « der kinetischen Energie mit ' ' - zu multiplizieren, um den Quotienten --- für die /' Legierungen zu berechnen. E'ür Legierungen nimmt das Wiedemann-Franz'sche Gesetz dem- nach die Form an : / Ne+ N,, y 3" e« Diese Theorie gestattet die Möglichkeit eines experimentellen Beweises der Schenck'schen Theorie. Dividieren wir den Quotienten K'/;'' der Legierung durch den Quotienten K/;' der reinen Metalle, so erhalten wir -r. K':/_/ Ne+N„ \- Y.:y \ Ne / oder Ne N. l/K':y' Aus dieser Gleichung können wir, da wir N„ durch die chemische Analyse kennen, die Zahl der Elektronen im Kubikzentimeter, die Elek- tronendichte Ne berechnen. Die auf diese Weise von Schenck und Hardebeck erhaltenen Zahlen stimmen mit den von Bernoulli an demselben Versuchsmaterial auf optischem Wege erlangten Werten ziemlich gut überein. (In dem vorstehenden Bericht haben wir uns im Anschlüsse an die Aachener Vorträge der Bunsengesellschaft, an die Elektronentheorie der Metalle in der von Drude und Riecke ausge- arbeiteten Form angelehnt; auf die bereits er- wähnte neue Thomson'sche Form der Theorie werden wir vielleicht bei späterer Gelegenheit zurückkommen.) — n. Die Konstitution der Metallegie- rungen. — Unsere Kenntnisse über die Kon- stitution der Metallegierungen verdanken wir in allererster Linie den von Tammann und seinen Schülern im Göttinger Institut für anorganische Chemie ausgeführten Arbeiten. Über das Wesen der Untersuchungsmethoden, die uns einen Ein- blick in den inneren Aufbau der Legierungen er- möglicht haben , über die sog. Metallographie, sind die Leser der Naturw. Wochenschrift bereits durch eine größere Reihe von Aufsätzen i) hin- reichend informiert, so daß wir uns an dieser Stelle in Anlehnung an den Aachener Vortrag von G. Tammann „Über die Konstitution der Metallegierungen" -) und vor allen Dingen auch mit Benutzung einer vor kurzem erschienenen, sehr wertvollen systematischen Übersicht über die Ergebnisse der metallographischen Forschungen von demselben Gelehrten ■') mit einigen Bemer- kungen allgemeiner Art begnügen wollen. Die metallographische Untersuchungsmethode ') Vgl. den .Aachener Vortrag von Schenck „Über die Abweichungen vom Gesetze von Wiedemann und Franz bei festen metallischen Lösungen", Zeitschrift f. Elektroch., Bd. 15, S. 648; 1909. Siehe auch Physik. Zeitschrift, Bd. 10, S. 530; 1909. •) Vgl. Naturw. Wochenschrift, N. F. Bd. I, S. 213 und 238 (1901/02), Bd. III, S. 155 (1903/04), Bd. V, S. 33 u. 545 (1906). -) Zeitschr. f. Elektroch., Bd. 15, S. 486 (1909), Physik. Zeitschrift, Bd. 10, S. 519 (1909). ■■') ,,Über die im GöUinger Institut für anorganische Chemie ausgeführten metallographischen Arbeiten", Zeitschr. f. Elektroch., Bd. 11, S. 789-804; 1908. 56 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. 4 beruht bekanntlich auf der Möglichkeit, bei Kenntnis der prozentualen chemischen Zusammen- setzung einer binären Legierungsreihe ') aus den physikalischen Eigenschaften, besonders aus dem Verhalten bei der Abkühlung der Schmelzen (,, thermische Analyse"), aber auch aus ihrer elek- trischen Leitfähigkeit, ihrer Magnetisierbarkeit usw., Schlüsse auf die Art und Menge der in der Legierung vorhandenen Strukturelemente und die Art ihrer Abscheidung (reine Kristalle eines ele- mentaren Metalles oder einer chemischen Verbin- dung, Mischkristalle, große Kristalle, kleine Kri- stalle, Eutektikumstruktur) zu ziehen und diese Schlüsse durch direkte mikroskopische Unter- suchung geschliffener und geätzter Probestücke zu bestätigen. Tragen wir in ähnlicher Weise, wie es im ersten Abschnitt dieses Berichtes bei Besprechung der elektrischen Leitfähigkeit der Legierungen geschehen ist, irgendwelche Eigen- schaften einer Legierung als Funktion ihrer Zu- sammensetzung in ein Koordinatensystem ein, so macht sich das Auftreten eines neuen Struktur- elementes stets durch eine diskontinuierliche Rich- tungsänderung der im übrigen ganz kontinuierlich verlaufenden Kurve bemerkbar; welche Eigen- schaft der Legierungsreihe man für die Unter- suchung wählt, ist im Prinzip gleichgültig, denn die Diskontinuitäten treten stets bei derselben Zusammensetzung auf, und wird nur durch prak- tische Gründe — leichte und bequeme Ausführ- barkeit der Untersuchung und vor allen Dingen die Deutlichkeit der Diskontinuität — bestimmt. Die wichtigsten Ergebnisse, zu denen das metallographische Studium der binären Legie- rungen bisher geführt hat, hat Tammann in einer Tabelle zusammengefaßt, die uns die Möglichkeit gibt, eine Reihe wichtiger allgemeinerer Regel- mäßigkeiten zu erkennen. Chemisch nahe miteinander verwandte Metalle, z. B. Kupfer, Silber, Gold oder Zink, Kadmium, Quecksilber bilden keine Verbindungen mitein- ander. Greifen wir ein beliebiges Metall heraus, z. B. das Magnesium, und betrachten sein Ver- halten zu den einzelnen Gliedern einer ganzen Gruppe verwandter Metalle, z. B. zu Zinn und Blei oder zu den Platinelementen, so finden wir, daß es entweder, wie mit Zinn und Blei, mit allen oder, wie bei den Platinelementen, mit keinem ') Bisher sind fast ausschließlich aus nur zwei elementaren Metallen bestehende Legierungsreihen untersucht worden. Über die Anwendunj; der thermischen Analyse auf ternäre Legierungen siehe v. Sahmen und v. Vegesack, Zeilschr. f. ßhysik. Chemie, Bd 59, S. 257 (1907) und v. Vegesacl; : Über die ternären Legierungen von Blei, Magnesium und Zinn, Zeitschr. f. anorgan. Chemie, Bd. 54, S. 367 — 416 (1907). Gliede der Gruppe Verbindungen liefert. Einige Ausnahmen von dieser Regel wird man aber bei genauerer Durchsicht der Tammann'schen Tabelle leicht bemerken. Von besonderer Bedeutung sind die Folge- rungen, die sich aus der stöchiometrischen Zu- sammensetzung der Verbindungen ergeben. Wir brauchen nur einen Blick auf die von Tam- mann zusammengestellten Formeln zu werfen, um zu erkennen, daß die Wertigkeiten, die wir sonst den Metallen auf Grund ihrer Salze zuschreiben, bei den Verbindungen, die sie mit- einander bilden, nicht mehr in F"rage kommen; nur etwa der vierte Teil der in die Tabelle auf- genommenen Verbindungen stimmt hinsichtlich der Valenzverhältnisse mit den aus dem Studium der Salze abgeleiteten Wertigkeiten überein. Ebensowenig läßt sich eine durchgreifende Regel- mäßigkeit erkennen, wenn wir die Formeln der Verbindungen, die ein Metall oder die Glieder einer Gruppe von Metallen mit den Gliedern einer anderen Gruppe von Metallen bilden, mit- einander vergleichen; Analogien treten auf, aber sie sind mehr zufällig. Die allgemeinen Regel- mäßigkeiten, die bei den Salzen und besonders auch für die Erforschung der Stoffe der organi- schen Chemie so wertvolle Dienste leisten, haben in dem neuerschlossenen Gebiete ihre Wichtigkeit verloren, und an ihrer Stelle sind die individuellen Eigenschaften der Elemente in den Vordergrund getreten, für die Lehre von der Valenz und damit für die theoretische Chemie überhaupt ein Resultat von grundlegender Bedeutung. Die Neigung der Metalle zur Bildung von Mischkristallen hängt einerseits von ihrer chemi- schen Natur, andererseits von der Kristallisations- temperatur ab. Im allgemeinen liefern chemisch nahe verwandte Elemente Mischkristalle, aber keine Verbindungen, und sich chemisch ferner stehende Elemente Verbindungen, aber keine Mischkristalle. Hinsichtlich der Temperatur gilt folgende Regel: Im allgemeinen lösen bei binären Gemischen die Kristalle des Elements mit dem höheren Schmelzpunkt mehr von dem Elemente mit dem niedrigeren Schmelzpunkt, als die Kristalle dieses von jenem, und zwar übt die Temperatur der Kristallisation auf die Fähigkeit der Elemente zur Bildung von Mischkristallen einen bestimmenderen Einfluß aus als ihre che- mische Analogie. — Über die weiteren Aachener Vorträge soll, sofern sie ein allgemeineres Interesse besitzen, in einem bald folgenden Bericht referiert werden. Werner Mecklenburg. Kleinere Mitteilungen. Welt und suchen ihr Schicksal. Der Zuschauer ') Als Ergänzung zu der Seite 699 des vorigen Jahrgangs „Große Männer".^) — Sowie von der weithin befindlichen Besprechung von Ostwald's neuestem Werk „Grofle j •■. 1 \\r ft. I V T.,1,.- „a.,o ct^Uc, M-inner" bringen wir hier Prof. E. Baur's ausführlicheres Re- drohnenden Werlt Jahr um Jahr neue stolze ,. , , ,. *• , ^ ^ ■,, , ■, j v k 1 ..;c„= ,„ hpt, 1. n/i 1 j • u terat, das die durch die Verleihung des Nobelpreises in den Schiffe in die Meere entlassen werden, so ziehen Vordergrund des Interesses gestellte Persönlichkeit Ostwald's in unabsehbarer Folge Ostwald's Werke in die und seine Bestrebungen treffend kennzeichnet. Red. N. F. IX. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 57 steht überrascht von dem Reichtum der Produk- tion und ist vielfach verblüfft von den neuen und unerwarteten Wendungen dieses unablässig arbei- tenden Geistes. Kaum haben wir uns an sein Wirken in einer Richtung gewöhnt, so sehen wir ihn schon in einer ganz anderen tätig. Die Philister erfüllt er mit Unbehagen, sie wissen nicht, was noch alles kommen kann und womit sie morgen vielleicht wieder gestört werden. Wer aber Ostwald kennt, ist wohl in der Lage, seine Arbeiten einigermaßen vorauszubestimmen. Denn Ostwald entwickelt sich mit vollkommener Konse- quenz und seine Ziele wechseln nicht unbestimmt, sondern wachsen auseinander hervor und finden sich von langer Hand her vorbereitet. Wer die Heimstätten von Ostwald's Ideen kennen lernen und verfolgen will, dem bietet sich dazu jede erwünschte Gelegenheit, wenn er die Bücher- besprechungen liest, die in den von ihm heraus- ' gegebenen Zeitschriften erscheinen. Diese ge- hören zu den schönsten und unterhaltendsten Lektüren, die ich kenne. Es wäre interessant, alle diese Besprechungen, die sich nun über zwanzig Jahre erstrecken, gesammelt heraus- zugeben. Wir hätten darin eine fast vollständige Geschichte der Wissenschaft in diesem Zeitraum. Selten findet sich ein Mann, der gleich Ostwald in der Lage ist, die wissenschaftlichen Bestrebungen einer Epoche so überlegen zu kontrollieren. Dazu gehört vor allem Fülle des Geistes. Auf Ostwald möchte man das Gleichnis anwenden, das Goethe auf Humboldt gemünzt hat: ,,Er gleicht einem Brunnen mit vielen Röhren, wo man überall nur Gefäße unterzuhalten braucht und wo es uns immer erquicklich und unerschöpflich entgegen- strömt." In der Tat gibt es wenig Dinge, die Ostwald nicht in ein interessantes Licht zu rücken wußte, indem er die Schlaglichter seines Ideenschatzes daraufspielen läßt. Und die unbestritten wunder- volle Plastik seiner Darstellung ist nur die Wir- kung dieser scharfen und bestimmt gewählten Beleuchtung. Diese Ideen selbst sehen wir in den Besprechungen k l'impromptu aufblitzen und können verfolgen, wie sie sich bei wiederholten Anlässen darbieten und sich dabei allmählich aus- gestalten. So ist auch das soeben erschienene Werk Ostwald's „Große Männer" von langer Hand vor- bereitet. Es mußte geschrieben werden, und wer den Autor kennt, der hat schon darauf ge- wartet. Das Buch enthält eine Samjiilung von Charakterköpfen hervorragender Naturforscher. Obwohl wir über dieselben mehr oder minder dickbändige Biographien haben, konnte man doch in der letzten Zeit fühlen, daß es nötig sei, diese Lebensbilder neu zu zeichnen und mit wenigen Worten mehr zu sagen. Die Forschung steht gerade vor dem Eintritt in ein anderes Lebensalter. Sie will sich selbst beherrschen lernen, ihr Reifealter naht heran. Da werden die Bedingungen des Forschers besonders interessant, und so hat man den Wunsch, den Lebensweg und die geistige Art der alten großen Forscher, die aus dem undeutlichen Strom der Geschichte aufragen, lebendig vor sich zu sehen. Kein Zweifel daher, daß Ostwald's neues Buch eifrigst und alsobald gelesen wird, denn er kommt dem Bedürfnis entgegen, wie denn seine Kraft ganz ähnlich derjenigen ist, über die Liebig ver- fügte. „Sie liegt", mit Ostwald's eigenen Worten zu reden, „in der Zusammenfassung von nahezu bereit liegendem Material zu einem glänzenden Ganzen" (S. 178). Dies bringt rnit sich, wie ich häufig an Leuten mit weniger sicherer Selbst- kritik bemerken konnte, daß bald nach der Lektüre die Meinung entsteht, man habe es längst zuvor gewußt, womöglich noch besser, was frei- lich zum Lachen ist. Wer es einmal selbst pro- biert hat, derartig gestaltend zu wirken, der weiß besser, um was es sich handelt. Von verschiedenen Seiten angesehen, war Ostwald der Berufene, um die Geschichte der F"orschung nicht allein, sondern auch die der Forscher zu schreiben. Zunächst hatte er dafür ein aufwühlendes Er- lebnis. Dies besteht in dem jähen "Verbrauch der Tatkraft beim Unterricht im Laboratorium. Ost- wald hat erkannt, daß es sich hier um eine all- gemeine Erscheinung handelt, der man scharf ins Gesicht schauen muß. Anläßlich Liebig's schil- dert er diese bedenkliche Sache mit den folgen- den treffenden Worten (S. 197): „Überlegt man sich, daß es sich darum handelt, täglich sich in den Gedankengang von mehreren Dutzend wissen- schaftlichen Arbeiten hineinzufinden, deren jugend- liche Inhaber die Annahme, der Professor wisse ganz genau, wo sie eben sind, als selbstverständ- lich empfinden, so erkennt man, welche Erschöp- fung diese tägliche Einstellung des intellektuellen Auges auf beständig wechselnde Gebiete mit sich bringen muß. Außerdem erfordern die Ratschläge jedesmal eine so intensive Versenkung in das Wesen der vorliegenden Arbeit, wenn sie mit gutem Gewissen erteilt werden sollen, daß die schöpferischen Fähigkeiten, diese am spätesten erworbenen und daher am ehesten verbrauchten Anlagen der Menschen, eine beständige, sehr starke Beanspruchung erfahren." Als Ostwald diese Erschöpfung an sich selbst erlebte, beschloß er, entsprechend der Entschieden- heit seines Naturells, zu handeln wie König Lear. Nachdem er sein Reich, will sagen sein Institut, wohl bestellt glaubte, verließ er es frei- willig. Man hätte erwarten sollen, daß ihm an der Stätte seines früheren Wirkens eine Ehren- professur angetragen worden wäre, doch war ihm dies nicht beschieden. Körperschaften sind selten großmütig. Der Demos vermag es nicht, Aus- nahmen hinzunehmen. Jene Publizität, wo jeder zum Aufpasser über jeden gestellt ist, will Gleich- heit. Das sind eben die modernen Ideen, die wir haben. Nur ein autokratisches Regiment kann frei verfahren. . . 58 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. iN. F. IX. Nr. 4 Doch kommen wir auf unser Buch zurück. Das geschärfte Auge für die physiologische Be- dingtheit der genannten und anderer Erschöpfungs- zustände im Leben großer Forscher ist eine der Lampen, mit denen Ostwald seine biographischen Essais beleuchtet. Dazu kommt nun die Kon- genialität überhaupt. Man darf nicht so ganz harmlos sein, wenn man das Leben eines Liebig oder Helmholtz schreiben will. Was Biographien überhaupt meistens verdirbt, das ist der Umstand, daß der Biograph selten in der Lage ist, zu wissen, wie es demjenigen zumute war, den er zu schildern hat. Und auch wenn er es ist, so glaubt er oft, seine Einsicht verhüllen zu sollen. Dann aber verliert die Mühe ihren ganzen Wert. Der Ge- schichtschreiber darf nicht panegyrisch — er muß zynisch sein. Historie, Psychologie, Medizin — alle Wissenschaft überhaupt muß schlechter- dings impertinent und schamlos genug sein, ihr LIntersuchungsobjekt zunächst zu entkleiden. Sonst kann aus der Untersuchung nichts werden. Wozu studieren wir denn Lebensbeschreibungen? Wir wollen erfahren, wo auch die Großen ge- scheitert sind, welche Unzulänglichkeiten sie er- tragen mußten, welche Schädlinge ihren Wuchs verkrüppelt haben und an welchem Punkte ge- ringeren Widerstandes die Verderbnis sie benagte. Wieviel äußere Widerstände und wieviel innere kann man überwinden , um eben noch zu großer Leistung gelangen zu können ? Was macht Über- bürdung, Ausschweifung, Vielseitigkeit, frühe Ab- stumpfung durch zuviel Eindrücke, verletztes Selbstvertrauen, mangelnder Mut und Blasiertheit? Und wo sind die Triebfedern ? — Th. Moore glaubte uns einen Dienst zu erweisen, daß er wichtige Dokumente aus Byrons Leben vernich- tete; Thayer ließ seine Beethovenbiographie un- vollendet, weil sie ihm zu fatal wurde. Da sind die F"ranzosen zu loben, deren Freimut unaufhalt- sam ist und ihre Literatur unersetzlich macht. ,,Je me suis ordonne d'oser dire tout ce que j'ose faire", sagt Montaigne, „et me desplais des pensees mesmes impubliables; la pire de mes actions et conditions ne me semble pas si laide, comme je treuve laid et lasche de ne loser advouer." Ostwald nun ist ganz der Mann dazu, seine Schriftstellerei auf solche Grundlage zu stellen. Dies macht sein neues Buch ganz besonders wert- voll und lehrreich. Ich habe die vierhundert Seiten fast in einem Zuge durchgelesen. Es sind sechs Chemiker und Physiker, deren Leben und Leistung analysiert wird: Davy, Rob. Mayer, Faraday, Liebig, Ch. Gerhardt, Helmholtz. Wie eindringlich ist die Darstellung und wie über- raschend wirkt Ostwald's allenthalben verbreitete Sachkenntnis , die es ihm gestattet, stets den Nagel auf den Kopf zu treffen. So finden wir fast auf jeder Seite köstliche Wendungen, über die man laut auflachen kann, wenn man es etwas versteht, Geist und glückliche Stilistik zu kosten. Allein dies macht natürlich noch nicht die Bedeutung des Werkes. Wenn Lebensgeschichten spannend sein sollen, so braucht man Ideen. Mit solchen ist das Buch reichlich versehen, und sie sind in einer Anzahl allgemeiner Kapitel, die den biographischen Essais angegliedert sind, einzeln abgehandelt. Sie beziehen sich auf die Klassifika- tion der Geister und auf praktische Fragen: die Schulfrage, die Erziehung und Versorgung der Ausnahmenaturen, ihre Jugend und ihr Alter. Ostwald benutzt schon seit längerer Zeit als Einteilungsprinzip der Charaktere der Denker zwei Kategorien, die er Klassiker und Romantiker nennt. Diese Einteilung ist vorzüglich und viel weiter tragend, als ich, wie ich bekennen muß, erriet, bevor ich die „Großen Männer" gelesen hatte. Man möchte freilich wünschen, daß Ostwald an- dere Namen gewählt hätte, als diese beiden ab- gegriffenen Ausdrücke, die in langer Geschichte sehr wechselnde Bedeutungen durchgemacht haben. Bei vielen Forschern findet man eine ausge- sprochene Vorliebe für Formvollendung in ihren Arbeiten, welche einhergeht mit dem Bestreben, sie nicht aus der Hand zu geben, ehe sie als ein völlig abgeschlossenes, unveränderliches Ganzes dastehen. Anderen fehlt diese Neigung. Die ersteren werden nun von Ostwald Klassiker ge- nannt, und die letzteren Romantiker, weil es zu- fällig noch in Erinnerung ist, daß das romantische Element der schönen Literatur um die Wende des i8. Jahrhunderts in Gegensatz zu dem klassi- schen getreten ist. Die Namengebung knüpft also mehr an Äußerlichkeiten an. In Wirklichkeit handelt es sich um die alten Temperamente : phlegmatisch und sanguinisch, mit ihren ge- steigerten Nebenformen melancholisch und chole- risch. Ostwald weist nach, daß der Gegensatz wesentlich ein solcher der mentalen Reaktions- geschwindigkeit ist. Die Klassiker sind langsam, blöd, scheu und schwerfällig. Die Romantiker sind geschwind, frech, blendend und leichtsinnig. Eine P'olge davon ist die Neigung der Klassiker zur Ungeselligkeit und die der Romantiker zur Geselligkeit. Die einen leben zurückgezogen, die anderen expansiv. Von jenen gilt das Wort der Inder: „Einsam wandelt der Weise wie das Rhino- zeros." Der Romantiker dagegen stellt das dar, was der Engländer ,,a bright boy" nennt. Er fesselt im Vortrag, glänzt in der Gesellschaft, ist schlagfertig in der Diskussion und geizt nach zentraler Machtstellung. Es ist klar: die vortreft- lichen Lehrer finden wir unter den Romantikern, während die Klassiker die tiefsten und unverwüst- lichen Spuren hinterlassen — eben als Rhinoze- ronten, wie die alten Inder sagten. Davy, Liebig, Ostwald sind Romantiker, Rob. Mayer, Helmholtz, Gauß, van't Hoff sind Klassiker. Ein weiteres vortreffliches Beispiel zur Illustration dieses Cha- raktergegensatzes liefert das Forscherpaar Victor Meyer und Ad. v. Baeyer, wofür auf das sehr lesenswerte Lebensbild Victor Meyer's aus der Feder seines Bruders Rieh. Meyer verwiesen sei, N. F. IX. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 59 das vor kurzem in den Berichten der deutschen chemischen Gesellschaft erschienen ist. Es fällt auf, daß gerade die großen Forscher am leichtesten zu klassifizieren sind. Die Misch- linge gedeihen schlechter, ihr weniger einheitliches Verhalten macht sie schwankend, wobei dann er- hebliche Tatkraft zu innerer Arbeit verbraucht wird, die für das Werk verloren ist. Ostwald verfolgt nun mit seinen Studien zur Naturgeschichte des Genies weitgehende kulturelle Ziele. Unser Wissen ist auf die Praxis gerichtet; es soll sofort angewandt werden zur Gestaltung der Zukunft. Wir leben in einer Zeit, welche sich mehr denn eine frühere der allgemeinen, der Menschheit vorgesetzten Aufgaben bewußt ist, und in der Gegenwart entbrennt ein Eifer, diese Ar- beiten im möglichst schnellen Tempo zu fördern und nach dem gemeinsamen Ziele der mensch- heitlichen Kulturentwicklung hinzueilen. Wir alle werden dazu aufgerufen, und Arbeit, positive Ar- beit ist das Losungswort. Eine Seite dieser Ar- beit ist die Wissenschaft. Sie braucht und ver- braucht eine sehr bedeutende Summe höchster Intelligenz, welche ein Kulturvolk, das an der Spitze marschieren will, eben aufbringen muß. Es ist dringend nötig, daß die mögliche Ernte auch ohne Verlust und Vergeudung voll einge- bracht werde. Daher erwächst als oberste Auf- gabe die Forderung, dem wissenschaftlich brauch- baren Talente die Wege zu ebnen. Tun wir auch alles, was hierzu nötig ist ? Dies ist die Erage, die Ostwald aufrollt. Da tritt uns nun die höchst bedenkliche Erscheinung entgegen, daß die höheren Schulen, welche der Knabe durchmachen muß, um zur wissenschaftlichen Laufbahn zu gelangen, der psychischen Veranlagung des Entdeckers keineswegs angepaßt sind. Die Mehrzahl der Natur- forscher waren schlechte, oft unbrauchbare Schüler, fast alle haben unter dem Druck der Schule ge- seufzt und sind dabei mehr oder weniger zu Schaden gekommen, wie das mancher von uns aus seiner Erfahrung bestätigen kann. Schuld daran ist vor allem das weniger entwickelte Ver- balgedächtnis, das dem erfinderischen Geiste, der in Anschauungen denkt, meist eigentümlich ist. So wendet sich denn Ostwald's ganze Leiden- schaft gegen das humanistische Gymnasium, als gegen einen Kulturfeind, der eine Kontraselektion schlimmster Art ausübt. In uns allen kocht noch der Groll gegen die bodenlose Langweilerei, an die wir bis zum i8. Lebensjahre gefesselt waren. Der Kampf gegen die alten Sprachen ist alt. Montaigne schrieb vor mehr als dreihundert Jahren : „C'est un bei et grand adgeneement sans doubte que le grec et latin, mais on l'achepte trop eher." Denselben Gedanken wiederholte Heine mit der bekannten Wendung: „Wenn die Römer hätten Latein lernen müssen, hätten sie nicht Zeit ge- funden, die Welt zu erobern." Damit ist alles ge- sagt; die alten Sprachen machen sich nicht be- zahlt. Dazu kommt, daß der geistige Gewinn, den wir von dort holen können, durchaus nicht an die Kenntnis der alten Sprachen geknüpft ist. Nie waren römische Charaktergröße und Gesin- nung, römischer Geschmack und Stilbildung leben- diger, nie vollkommener erreicht, als in Friedrich dem Großen. Und doch las derselbe den von ihm über alles geschätzten Cicero nur in franzö- sischer Übersetzung. Auch unsere deutschen Hellenisten, die Männer, in denen vor allem Griechentum sich in Tat und greifbare Wirklich- keit umsetzte, ein Winkelmann, Carstens, Goethe usf. — sie verstanden wenig oder gar kein Griechisch. Und was hat es schließlich mit dem klassi- schen Bildungsideale auf sich? Goethe, in vier Jahrtausenden lebend und sicher unparteiisch, äußert sich am 25. Nov. 1808 sehr kühl folgen- dermaßen gegen Riemer: „Schon fast seit einem Jahrhundert wirken Humaniora nicht mehr auf das Gemüt dessen, der sie treibt, und es ist ein rechtes Glück, daß die Natur dazwischen getreten, das Inter- esse aufsich gezogen und uns von dieser Seite den Weg zur Humanität geöffnet hat. Es ist keineswegs nötig, daß alle Menschen Humaniora treiben. Die Kenntnisse, historisch, antiquarisch, belletristisch und artistisch, die aus dem Altertum kommen und dazu gehören, sind schon so divulgiert, daß sie nicht unmittelbar aus den Alten abstrahiert zu werden brauchen, es müßte denn einer sein Leben hineinstecken wollen. Dann aber wird diese Kultur doch nur wieder einseitig, die vor jeder anderen nichts voraus hat, ja noch obendrein nachsteht, indem sie nicht produktiv ist und sein kann." Schaffen wir uns also das Gymnasium vom Leibe. Zwar ist es eigentlich faktisch unschäd- lich gemacht, seit wir die Gleichberechtigung mit der neunklassigen Realschule haben. Trotzdem kann man nicht aufhören, mit ihm zu kämpfen, weil es immer noch das Vorurteil des Publikums für sich hat und die Söhne der besseren Kreise aus Etikette dorthin geschickt werden. Einschneidender aber ist noch ein anderes Problem der Schulfrage. Besondere Begabung ist meist mit Frühreife verbunden. Auch dies weist Ostwald allgemein in den biographischen Studien nach. Für alle mehr oder weniger frühreifen Naturen bedeutet es aber eine höchst schlimme Knebelung, daß wir sie zwingen, mindestens bis zum 18. Lebensjahr die Schulbank zu drücken, während sie häufig mit dem 15. bis 16. Jahre reif sind, um ihre ernstliche Ausbildung und ihr Studium selbständig zu beginnen. Mit dem größten Neide lesen wir in so vielen alten Lebens- beschreibungen, daß es vor der Einführung des Abiturientenexamens mit seinem neunklassigen Pensum möglich war, mit 16 Jahren die L^niver- sität zu besuchen und mit 20 Jahren spätestens als fertiger Doktor dazustehen. Die frühe Ent- wicklung von Leuten wie Leibniz, Goethe, Alex, von Humboldt, Liebig und anderen ist erstaunlich. 6o Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. 4 Wie wäre sie möglich gewesen, wenn diese vier munteren Knaben, von denen die drei ersten über- haupt keine Schule über sich ergehen lassen mußten, der vierte aber ausbrach, hätten still sitzen müssen, bis sie mit i8 Jahren endlich zum Abiturium zugelassen worden wären ! Kaum aber sind wir der Schule entronnen, so kommt der Staat schon wieder von anderer Seite und schleppt uns in die Kaserne. Nun aber sind die frühesten Jahre die köstlichsten, und die verlorene Zeit rächt sich schlimm, da sie niemals wieder eingeholt werden kann. Hier also wäre es höchst nötig, daß allerlei Zwang aufgehoben und ein mehr liberaler Geist gepflegt würde. Namentlich müssen wir die Leute mit „unregelmäßiger Vorbildung" wieder humaner behandeln lernen. Anläßlich der Erneimung des 21 jährigen Liebig zum Professor in Gießen macht Ostwald die beherzigenswerte Bemerkung (S. 165): „Überlegt man sich, daß heute eine solche Er- nennung bei irgendeiner Universität den heftigsten Entrüstungssturm und unzählige Erklärungen wegen bedrohter akademischer Freiheit hervorrufen würde, falls überhaupt ein Unterrichtsminister den Mut fände, einen Professor zu ernennen, der nicht ein- mal das Abiturientenexamen bestanden hat, viel- mehr als „unfähig" vom Gymnasium entfernt worden war, so wird man gewahr, welchen großen Schritt nach dem Ideal chinesischer Zustände wir inzwischen in Deutschland zurückgelegt haben." Wie freiere Einrichtungen nun eigentlich zu treffen wären, müssen wir überlegen. Der beste Zustand wird nur immer dann zu erreichen sein, wenn sehr einsichtige Leute am Ruder sitzen und diesen erlaubt ist, jeden einzelnen Fall nach seiner Lage individuell zu behandeln, wozu sie vor allem Vertrauen brauchen und von der schäd- lichen Einmischung der unberufenen Öffentlich- keit und der Presse bewahrt bleiben müssen. Mit den vorstehend berührten Gesichtspunkten ist der Gedankeninhalt von Ostwald's „Großen Männern" keineswegs erschöpft. Der Leser, dem wir einige Hinweise gegeben haben, wird sehr viel mehr darin finden. In der Tat handelt es sich um sehr mannigfaltige Darlegungen, die ihres kulturellen Interesses wegen jedermann angehen und denen wir nur wünschen, daß sie willige Ohren und die breiteste Wirkung finden. Ostwald hat diesen Studien, wie schon mehr- fach in früheren Werken, die Gestalt von Vor- lesungen gegeben und kündigt ihre Fortsetzung in einem zweiten Bande an. Wie sehr wäre zu wünschen, daß dem Verfasser, der dazu geschahen ist, praeceptor generis humani zu sein, eine seinen Arbeiten und Zielen gemäße, philosophische Pro- fessur sich böte, damit er Vorlesungen nicht nur schreiben, sondern auch halten könnte. Emil Baur. Wetter-Monatsübersicht. Von der Strenge des Winters ließ der vergangene De- zember noch sehr wenig verspüren. Während seines größten Teiles war das Wetter in ganz Deutschland mild, dabei im allgemeinen trübe und außerordentlich reich an Niederschlägen. Fast allein um Mitte des Monats herrschte überall Frost, wo- bei es am 17. früh Marggrabowa und Bromberg auf 12, München auf 15" C Kälte brachten. Dagegen war es im Anfang des Dezember und besonders kurz vor und nach dem "[^tnitcmur-jT^initna einiger Ork im Deiemtor 1309 . Berliner Wettertui Weihnachtsfestc für die Jahreszeit ungewöhnlich warm. Im größten Teile des Binnenlandes wurden in diesen Tagen lo" C überschritten; das Theimoraeter stieg am 3. zu Stuttgart, am 23. zu Mülhausen i. E. bis auf 15° C und ging in der \acht zum 24. zu Mülhausou, Metz und Hannover nicht unter 10, zu Karlsruhe sogar nicht unter ll" C herab. r6i«Jci:s'c^ra3^q*^iin im D&j«mperl909. ^^ E. o &i rq *<^ X ij_ c^S ,Sg lc5-5 l. (/litllerer WeJ für Deulschland Monarssumme.» Dei 1909.08.07 06 05.0t. BtrIin.rW.ll.rb...... Die mittleren Temperaturen des Monats waren' 'überall zu hoch, und zwar wurden ihre normalen Werte in Nord- deutschland um reichlich 1 '/,; . '" Süddeutschland sogar um fast 3 Grad übertroffen. Dabei war die Zahl der Sonnen- scheinstunden, deren beispielsweise Berlin 36 hatte, in den meisten Gegenden ungefähr so groß wie gewöhnlich , da die trübe Witterung hauptsächlich in ^ der Mitte des Dezember N. F. IX. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 6i und nach dem 20. durch einige heitere Tage unterbrochen wurde. Die in unserer zweiten Zeichnung dargestellten Nieder- schläge waren besonders am .Anfang und gegen Ende des Monats sehr ergiebig. In seinen ersten Tagen gingen in ganz Westdeutschland außerordentlich starke Regen- güsse hernieder, die strichweise von Hagel, kurzen Ge- wittern und im Nordseegebiete von unheilvollen schweren Stürmen begleitet waren. Da der Regen auch auf den Bergen die in der zweiten Hälfte des November gclallenen großen Schncemassen zum raschen Schmelzen brachte, nach- dem in der .Niederung, bis zur Weichsel hin, die Schneedecke schon gänzlich geschmolzen war, wuchsen alle westlichen Flüsse beträchtlich an. Die Saale und Unstrut, die obere Weser und die Leine, die Ems, der Main, die Mosel und Ruhr traten an vielen Stellen aus ihren Ufern, ohne jedoch die Höhe eines mitileren Hochwassers zu überschreiten. Bis zum 10. Dezember hielten die Niederschläge, die in Südost- und Mitteldeutschland zuletzt in Schneefälle über- gingen, mit allmählich abnehmender Stärke in den meisten (iegenden an. Nach sieben größtenteils trockenen Tagen setzten in der Nacht zum iS. im Westen neue Regen- und Schneefälle ein, die sich mit stürmischen südwestlichen Win- den innerhalb 24 Stunden bis zur russischen Grenze weiter- verbreiteten. Das Wetter blieb dann bis zum Schlüsse des Jahres im allgemeinen regnerisch; namentlich gingen im süd- westlichen Deutschland , in der Rheinprovinz und Westfalen, ferner in CUdcnburg, Hannover, Schleswig-Holstein, Mecklen- burg und Ostpreußen öfter sehr große Regenmengen, ab- wechselnd mit etwas Schnee, Hagel oder Graupeln hernieder. -Am 23. Dezember wurden z. B. in Münster und Wilhelms- haven 27, in Neumünster 25, in Helgoland 24 mm, am 24. in Merael 21, am 25. in Karlsruhe 23, am 27. in Borkum 46 mm, am 29. wiederum in Helgoland 24 und am 30. in Memel 19 mm ^Niederschlag gemessen. Die gesamte Nieder- schlagshöhe des Monats betrug für den Durchschnitt aller berichtenden Stationen 77,2 mm und war größer als alle Be- träge, die die gleichen Stationen in den früheren Dczember- monaten der letzten beiden Jahrzehnte geliefert haben. Wie es die Menge der Niederschläge bereits vermuten läßt, waren für die Witterungsverhältnisse in Deutschland, wie im ganzen westlichen Europa, weit überwiegend umfangreiche atlantische Barometerdepressionen maßgebend, die in der ersten Zeit gewöhnlich zwischen Island und Schottland auf- traten. .Am 2. Dezember rückte ein sehr tiefes Minimum von den britischen Inseln über die Nordsee bis in die Mitte Deutschlands vor, ein noch tieferes, bei dessen Vorübergang das Barometer zu Shields an der englischen Ostküste auf den ungewöhnlich niedrigen Stand von "13 mm herabstürzte, eilte schon in der Nacht zum 3. nach der nördlichen Nordsee hin, schwenkte dann aber unter Verfiachung nach Norden ab. Am 12. Dezember drang ein hohes barometrisches Maxi- mum aus dem Innern Rußlands nach der skandinavischen Halbinsel vor, worauf sich in Deutschland alsbald scharfe Nordostwinde erhoben und eine bedeutende .Abkühlung ein- leiteten. Nach einigen Tagen wurde das Hochdruckgebiet durch neue, vom nördlichen Eismeere kommende Depressionen nach Süden und bald darauf nach Osten zurückgedrängt. Vom Atlantischen Ozean aber zogen zunächst aus niedrigen, dann immer höheren Breiten in rascher Aufeinanderfolge wieder sehr tiefe Barometerminima heran, die in ganz West- europa oft wiederholte Regengüsse verbreiteten und besonders in Spanien und Portugal in der Weihnachtszeit äußerst schwere Unwetter und Überschwemmungen herbeiführten. .Auch in Deutschland endigte daher der Monat, wie er ange- fangen hatte, mit sehr milden, feuchten, südwestlichen Winden. Dr. E. Lcß. Vereinswesen. Deutsche Gesellschaft für volkstümliche Naturkunde (E.V.). — Am Montag, den 18. Ok- tober, sprach im Festsaal des Rathauses zu Char- lottenburg Herr Dr. A. Sokolowsky über „C. Hagenbeck 's Tierpark in Stellingen bei Hamburg". Der Hagenbeck'sche Tierpark, so führte der Vortragende aus, der selbst als zoolo- gischer Assistent an diesem Institut tätig ist, muß von zwei Gesichtspunkten aus betrachtet werden. Auf der einen Seite ist es die große Handels- firma, die mit der ganzen Welt Beziehungen unterhält, auf der anderen Seite handelt es sich dabei um den Tierpark, der als öffentliches Schau- institut erst vor einigen Jahren der Besichtigung zugänglich gemacht wurde. Diesen beiden Ei^gen- schaften entsprechend, sind die verschiedenartigen Einrichtungen bei dem Ausbau des Tierparks ge- troffen worden. Das Hagenbeck'sche In- stitut mußte daher bei seiner Gründung den beiden Zwecken entsprechend aufgebaut werden; es zeigt daher einen eigenartigen, einzig dastehen- den Charakter. Mit den vorhandenen zoolo- gischen Gärten, die als wissenschaftlich systematisch e Tiersammlungen aufgebaut und geleitet werden, kann der Hagenbeck- sche Tierpark nicht verglichen werden, da er in seiner Eigenart ein ganz anderes Gewand trägt. Während die letzteren bestrebt sind, ihren Be- suchern möglichst viele Tierarten in lebenden Exemplaren vor Augen zu führen, bringt es der Tierhandel mit sich, daß häufig von einer Art mehrere oder sogar viele Exemplare im Hagen- beck'schen Tierpark gehalten werden. Wäh- rend z. B. in den zoologischen Gärten nur wenige Zuchtpaare von Löwen vorhanden sind, befinden sich im Stellinger Tierpark durchschnitt- lich 40 — 50 Löwen in den verschiedensten Alters- stufen. Obwohl die Anzahl der Tierarten den zoologischen Gärten gegenüber im Hagen- beck'schen Tierpark eine kleinere, so ist dieselbe aber keineswegs gering, so daß die Be- sucher auch in dieser Hinsicht reiche Gelegenheit haben, sich systematisch -zoologische Kenntnisse zu erwerben. Das Schwergewicht der Eigenart dieses Tierparks liegt nicht auf systematischem, sondern auf biologischem Gebiete. Das Bedürfnis des l'ierhändlers bringt es schon mit sich, dafür Sorge zu tragen, daß die zahlreichen frischimportierten fremdländischen Tiere möglichst gesunde Unterkunft finden und durch rationelle Pflege und Haltung auch in voller Gesundheit verbleiben. Herr Hagenbeck sah sich daher bei der Einrichtung seines neuen Tierparks vor die Aufgabe gestellt, Maßnahmen in der Unter- bringung der Tiere zu treffen, die diese Forde- rung, soweit es überhaupt möglich ist, erfüllen. Gestützt auf seine eigenen reichen Erfahrungen, sowie auf das auf seinen vielen Geschäftsreisen Erlebte und Erschaute, hat er sich seinen neuen Tierpark ausgebaut. Er ließ sich dabei von dem Wunsche leiten, den Tieren möglichst ihrer Natur entsprechende Aufenthaltsorte zu bieten. Aus dieser Idee heraus ist die große Anlage seines Tierparadieses entstanden. Es ist dieses eine große, einheitlich wirkende Felsenlandschaft, die sich in verschiedene, voneinander durch vertieft- 62 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. 4 gelegte Fußwege getrennte Abteilungen gliedert, in welcher zahlreiche wilde Tiere durcheinander laufen. Damit das Publikum die letzteren von- einander unterscheiden kann, sind an den die Anlagen umgebenden Gittern farbige Tierbilder angebracht, die mühelos ein Aufsuchen der ein- zelnen Tierarten ermöglichen. Tiere, die sich sonst im Leben ausschließen, wie die Eisbären und Meeressäugetiere, sind dennoch in einer großen Gesamtanlage, dem Nordland- panorama, untergebracht, wobei dieselben durch einen tiefen Graben voneinander getrennt sind, der durch geschickt angelegte Böschungen den Augen des Publikums entzogen wurde. In der Raubtierschlucht, einer Abteilung des Tier- paradieses, befindet sich eine Anzahl Löwen, die vom Publikum nicht durch Gitter, sondern durch einen 8 m breiten und 5 m tiefen Graben ge- trennt sind. Bei der Ausführung dieser wie an- derer Anlagen waltet das Prinzip vor, den ge- fangenen Tieren möglichst viele Bewegungsfreiheit zu gewähren und diese, soweit es für eine Anzahl Tierarten überhaupt möglich ist, an das nordische Klima zu gewöhnen. Zu dem Zwecke wurden verschiedene Tiergebäude des Tierparks nicht mit Heizanlagen, dafür aber mit Schutzdächern und verandenartigen Vorbauten versehen. Den In- sassen ist es, da die Türen dieser Tierhäuser offen bleiben, freigestellt, im Innenraum derselben zu verbleiben oder ins P"reie zu treten. Das ge- fangene Tier reguliert sich demnach sein Licht-, Luft- und Bewegungsbedürfnis nach eigenem Er- messen. So ist es gelungen, eine Reihe verschie- denartiger Tiere, von denen manche aus warmen und heißen Ländern stammen, an das nordische Klima zu gewöhnen, so daß sie auch im Winter im Freien sind und während der Nacht in unge- heizten Räumen der Ruhe pflegen. Auf diese Weise war es z. B. möglich, indische Mirschziegen- antilopen, afrikanische Säbelantilopen, Elenanti- lopen, Wasserböcke, afrikanische Strauße, ameri- kanische Strauße, indische Saruskraniche, afrika- nische Jungfernkraniche u. a. Tierarten mehr mehrere Jahre hindurch 7u überwintern, ohne daß sie Schaden an ihrer Gesundheit erlitten. Bei diesen Maßnahmen handelt es sich um Einge- wöhnungsexperimente, die nicht zu verwechseln sind mit dem Begriff der Akklimatisation. Akkli- matisiert ist ein Tier nur dann zu nennen, wenn es in freier Wildbahn in seiner neuen Heimat ohne die Fürsorge des Menschen seine Existenz findet. Die Prüfung der Wetterfestigkeit der ein- zelnen Tierarten dem nordischen Klima gegen- über ist eine interessante wissenschaftliche Auf- gabe, die auch für die Praxis, namentlich in Hin- blick auf den Import von fremdländischen Wild- arten, große Bedeutung hat. Im Hagenbeck'schen Tierpark werden solche Experimente seit mehreren Jahren ausgeführt. Diese Untersuchungen sind selbstverständlich keineswegs als abgeschlossen zu betrachten, sondern werden stetig fortgesetzt. Wenn es auch möglich war, für eine Reihe aus heißen Klimaten stammende Geschöpfe eine große Wetterfestigkeit nachzuweisen, so hat sich auch andererseits für andere Tierarten das Gegenteil herausgestellt. So will es z. B. bisher nicht ge- lingen, die anthropomorphen Affen einzu- gewöhnen. Bei einzelnen Tierarten ist die Ab- härtung nur bis zu einem gewissen Grade mög- lich. So erweist sich z. B. die Giraffe der Kälte gegenüber als empfindlich. Für eine Reihe an- derer Tierarten, z. B. für die aus den Tropen stammenden Reptilien, ist die Gewöhnung an das nordische Klima überhaupt unmöglich. Den fort- gesetzten Experimenten muß es anheim gestellt werden, die Wetterfestigkeit der verschiedenen Tierarten dem nordischen Klima gegenüber wissen- schaftlich zuverlässig nachzuweisen. Ein großer Teil der im Hagenbeck'schen Tierpark vorhan- denen Tiere ist magazinartig in kleinen Käfigen und Gelassen untergebracht. Dieses bringt teils der große Geschäftsverkehr, teils aber auch die Eigenart der Tiere mit sich. Der Tierhandel der Firma erstreckt sich auf verschiedene Gebiete. Auf der einen Seite liegt das Bestreben, nur zoologisch wertvolle Tierarten für die zoologischen Gärten, Menagerien usw. zu importieren und auf Lager zu halten, auf der an- deren Seite hat der Tierimport den Zweck, fremd- ländisches Jagdwild zu beschaffen, das zur Ein- führung in die einheimischen Jagdreviere zwecks Blutauffrischung dienen soll. Sibirische Rehe, asiatische Maralhirsche, Mongolfasanen u. a. Wild- arten mehr werden jährlich in größerer Anzahl für diese Zwecke aus Asien nach Stellingen über- führt. In den letzten Jahren hat der Haustier- h a n d e 1 der Firma große Ausdehnung genommen. Es handelt sich dabei um den Import fremd- ländischer Haustiere, wie indischer Büffel und Zebus, amerikanisch er Maul - tiere und spanischer Zuchtesel, die von Hamburg aus nach den verschiedensten Plätzen der Welt, nach Brasilien und Westafrika, sowie nach anderen Ländern des Auslandes ge- sandt werden. Von großer wirtschaftlicher Be- deutung sind die Bemühungen der Firma, für die Deutschen Kolonien geeignete landwirtschaftliche Zuchttiere zu beschaffen. Auch der Export ein- heimischer Viehrassen nach dem Ausland ist kein geringer. Bieten sich so im Gesamtgetriebe der Anstalt die verschiedenartigsten Probleme, deren Lösung von hohem wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Interesse ist, so bietet der Hagenbeck'sche Tier- park auch als Lehrinstitut reiches Studienmaterial. Abgesehen von der Schaustellung der zahlreichen Tiere, bietet sich den Besuchern im Sommer Ge- legenheit, das Tun und Treiben fremdländischer Völkerschaften dort kennen zu lernen. Auch für die lehrreiche Unterhaltung ist gesorgt, indem im Sommer in einer großen Dressurhalle täglich Vorführungen dressierter Tiere stattfinden. Am Schlüsse sei noch darauf hingewiesen. N. F. IX. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 63 daß als eine besondere Sehenswürdigkeit die Nachahmungen der Tiere der Vorwelt gelten müssen, die in naturgetreuer und lebensgroßer Ausführung auf dem neuen Terrain der Anstalt von Künstlerhand ausgeführt und aufgestellt werden. Im Anschluß an den Vortrag wurde die dies- jährige Haupversammlung abgehalten. Aus dem Bericht des I. Schriftführers ergibt sich, daß in dem Geschäftsjahre 190S stattgefunden haben: 22 Einzelvorträge, 1 1 Exkursionen und 2 sechs- stündige Vortragszyklen, insgesamt 45 Einzelver- anstaltungen. Von diesen Vorträgen wurden neben den 12 zyklischen 10 in der Kgl. Land- wirtschaftlichen Hochschule, 6 im F'estsaal des Charlottenburger Rathauses, 2 im Bürgersaal des Berliner Rathauses, 2 im großen Hörsaal des Kgl. Kunstgewerbe-IVIuseums, i im Kgl. Institut für Meereskunde und i im Kgl. Anatomisch-biolo- gischen Institut gehalten. Überall fand die Ge- sellschaft das gewohnte freundliche Entgegen- kommen. Mit ganz besonderem Danke muß da- bei das Interesse anerkannt werden , das der Magistrat von Charlottenburg für ihre gemein- nützige Tätigkeit sowohl durch Hergabe des Fest- saales des dortigen Rathauses wie auch durch Gewährung eines Jahresbeitrages bekundet hat. Als Vertreter der Stadt Charlottenburg hat Herr Bürgermeister Matting die Wahl in den Aus- schuß der Gesellschaft angenommen. Überaus erfreulich war auch die Teilnahme der Mitglieder an den Arbeiten der Gesellschaft, so daß zuweilen die Vortragsräume kaum ausreichten ; desgleichen erfreuten sich die beiden Zyklen, der des Herrn Prof. Dr. Loubier: ,,Die Verfahren des Bild- drucks" und der Zyklus „Die deutschen Kolonien", in dessen Leitung sich fünf der hervorragendsten Kenner unserer Schutzgebiete, die Herren Haupt- mann a.D. Ramsay, Geh. Reg.-Rat Dr. Busse, Dr. Hartmann, Prof. ühlig und Prof. Preuß geteilt hatten, eines recht regen Zuspruches. Eine eifrige Tätigkeit wurde in dem Berichts- jahre auch von dem Stettiner Zweigverein entfaltet, der 23 wissenschaftliche Sitzungen ab- hielt und 5 Exkursionen zur Weckung und Pflege des Natursinns unternahm. Nachdem der Schriftführer noch bemerkt hatte, daß ihm der ehrenvolle Auftrag zuteil geworden, aus Anlaß der Einweihung des Neubaues der Trep- tow-Sternwarte dem Direktor desselben die besten Wünsche der Gesellschaft zu überbringen, und daß vor wenigen Tagen der Vorstand die Freude gehabt habe, das langjährige und verdiente Aus- schußmitglied, Herrn Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Wittmack im Namen der Gesellschaft zu seinem 70. Geburtstage aufs herzlichste zu beglück- wünschen, gibt er noch dem lebhaften Bedauern Ausdruck, daß der frühere I. Vorsitzende, Herr Prof. Johannes Trojan infolge seiner Über- siedelung nach Warnemünde sich genötigt gesehen habe, seinen Austritt aus dem Ausschuß zu er- klären. Den Dank für das, was er in schwerer Zeit der Gesellschaft gewesen, kleidet der Schrift- führer in den herzlichen Wunsch, daß es dem verehrten alten P'reunde vergönnt sein möge, den Rest seines Lebens in ungetrübtem Glück in seiner Vaterstadt zu verleben und in dem Be- wußtsein, daß treue Liebe und Dankbarkeit ihm dorthin nachfolgen werde. Mit Worten des Dankes an alle, die zum Gelingen der Arbeit im Jahre 19c 8 so reichlich beigetragen haben, schließt der Schriftführer seinen Bericht. Der Herr Vorsitzende erteilt nunmehr das Wort dem Herrn Schatzmeister. Der Kassenbestand am I.Jan. 1908 betrug nach dessen Darlegungen2i75, 81 Mk., die Einnahmen im Jahre 1908 beliefen sich auf 3353.95 Mk., die Ausgaben auf 3150,61 Mk. So- mit ist am 31. Dezember 1908 ein Kassenbestand von 2379,15 Mk. zu verzeichnen. Von dem Kapital der Gesellschaft waren bei der Direktion der Diskonto-Gesellschaft am 31. Dezember 1908 auf Depositenkonto angelegt 2193,30 Mk. Im Anschluß an seinen Bericht weist der Herr Schatz- meister noch auf die Tatsache hin, daß von den Mitgliedern nur wenige den satzungsmäßig fest- gelegten Mindestbeitrag von 2 Mk. überschreiten, und bittet dringend um freiwillige Erhöhung des- selben. Außerdem bittet er um rechtzeitige An- gabe der Wohnungsveränderungen und macht noch Mitteilung davon, daß der Vorstand beschlossen habe, sämtliche Mitglieder gegen einen etwaigen Unfall bei einer der Veranstaltungen der Gesell- schaft zu versichern. Die Rechnungen sind von dem ordnungsmäßig berufenen Revisor, Herrn Kaufmann Gravenstein, und in Vertretung der behinderten Herren Rentier Martiny bzw. Geh. Sanitätsrat Dr. Ulrich von Herrn Sanitäts- rat Dr. Hildebrandt geprüft und richtig befunden worden. Dem Schatzmeister wird hierauf Ent- lastung erteilt. In den Ausschuß der Gesellschaft werden die seitherigen Vertreter en bloc wiedergewählt. Herr Prof. Johannes Trojan wird zum Ehrenmit- glied ernannt. Im Anschluß an die Hauptversammlung tritt der Ausschuß zur Neuwahl des engeren Vorstan- des zusammen. Es werden die seitherigen Mit- glieder des Vorstandes von neuem mit ihren Ämtern betraut. An Stelle des durch seine Be- rufung nach Jena ausgeschiedenen II. Schatz- meisters, Herrn Prof. Dr. Plate wird Herr Dr. Eduard Hahn gewählt. Die Vortragskom- mission wird gebildet aus den Herren Geh. Reg.- Rat Prof Dr. Kny, Prof. Dr. Börnstein und Prof. Dr. Greif. I. A. : Prof. Dr. W. Greif, I. Schriftführer. Berlin SO 16, Köpenickerstraße 142. Bücherbesprechungen. Emil du Bois-Reymond, Über die Lebens- kraft. Ein Glaubensbekenntnis. Herausgegeben von Erich Metze. Brackwede i. \V., Verlag von Dr. \V. Breitenbach. 1909. 36 S. — Preis 75 Pf. 64 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. 4 „Lebenskraft" ist eines jener Worte , das in den organischen Naturwissenschaften immer wie- der zur Erlcläiung der Lebensvorgänge verwandt worden ist. Man faßt die mit diesem Begriff arbeitenden Anschauungen unter dem Namen des Vitalismus zusammen. Auch heute leiden wieder viele Biologen unter vitalistischen Anwandlungen. Es ist daher wohl angebracht, Emil du Bois Reymond's scharfe Kritik solcher Vorstellungen, die er 1848 in der Vorrede zu den ,,LTntersuchungen" über tierische Elektrizität veröfTentlichte, in einer kleineren Broschüre gesondert abzudrucken und so einem größeren Publi- kum zugänglich zu machen. Das kleine Unternehmen ist verdienstlich um der Historie willen, deren Kennt- nisnahme sehr wichtig ist; denn viel zuwenig ist oft den heutigen Autoren das früher Geleistete und Ge- sagte bekannt. Was wird heute nicht als neu auf- getischt, was seit langem, oft schon besser , erledigt ist? Der Broschüre ist ein gut getroffenes Bildnis du Bois-Reymond's beigegeben. Dr. O. Th. Schulz, Entwicklung und Unter- gang des kopernikanischen Weltsystems bei den Alten. 143 Seiten mit Abbildungen. Bd. I der „Weltanschauungs - Fragen". Stuttgart, Verlag Neue Weltanschauung (F. Lehmann), igoq. — Preis I Mk., geb. 1,50 Mk. Die Schrift gibt eine leicht faßliche Darstellung der griechischen Gedanken über das Weltsystem, namentlich der Vorstellungen, die der kopernikanischen Lehre nahe kamen ; sie leidet aber an einer nicht begründeten Geringschätzung der orientalischen Kultur, die doch zweifellos für die Begründung naturwissen- schaftlicher Kenntnisse und Beobachtungsmethoden von der größten Bedeutung war und die griechischen Philosophen aller Wahrscheinlichkeit nach auch beein- flußt hat. Kbr. Dr. Rudolf Biedermann, C h e m i k e r - K a 1 e n d e r. Ein Hilfsbuch für Chemiker, Physiker, Mineralogen, Industrielle, Pharmazeuten, Hüttenmänner usw. In 2 Teilen. 31. Jahrgang. Verlag von Julius Springer, Berlin 19 10. — Preis in Leinen 4 Mk. Der I. Teil enthäk, außer einem Tagesnotizbuch, einen sehr umfangreichen Bestand an Tabellen und Daten aus der reinen Chemie (378 eng bedruckte- Seiten in Notizbuchformat), die das Arbeiten im La- boratorium sehr erleichtern. Es ist bei der großen Fülle des Gebotenen un- möglich , den gesamten Inhalt der praktischen Ver- öffentlichung vorzuführen. Es sei aber bemerkt, daß nicht nur eine Unmenge Tabellen über die Eigen- schaften chemischer Körper vorhanden sind, sondern daß in mehreren umfangreichen Abteilungen auch die Analyse in ihren verschiedenen Gebieten behandelt wird. Der 2. Teil bringt in trefflicher Auswahl eine Fülle von Materialien aus der Physik, der physikali- schen Chemie und aus der Mineralogie. Dann folgen Untersuchungsmethoden für technische Bedürfnisse. So sind unter anderem Kapitel vorhanden über Wasser, Brennmaterialien (Steinkohlen, Petroleum usw.), Leuchtstoffe, über das Gärungsgewerbe und über die Photographie. Auch beschäftigt sich eine Abteilung mit Unter- suchungen aus der physiologisch-chemischen Analyse, so mit dem Harn, dem Blut, der Milch usw. Das Buch verdankt seine Brauchbarkeit im weite- ren der peinlichen Sauberkeit, mit der es zusammen- gestellt wurde und der Exaktheit seiner Angaben. Literatur. Remsen, Prof. Dr. Ira : Anorganische Chemie. 4. Aufl. der autoris. deutschen Ausg., selbständig bearb. v. Geh. Reg.-R. Prof. Dr. Karl Seubert. (XVI, 513 S. in. 21 Abbildgn. u. 2 Taf.) gr. 8". Tübingen 09, H. Laupp. — 9,40 Mk., geb. 10 Mk. Reye, Prof. Dr. Thdr. : Die (icometrie der Lage. Vorträge. 111. Abllg. 4., umgearb. u. verm. Aufl. (VIII, 253 S. m. 3 .Vbbildgn.i gr. S". Leipzig '10, A. Kröner. — 8 Mk., geb. in Halbfrz, n. 10 Mk. Sbackleton, K. H. : 21 Meilen vom Südpol. Die Geschichte der brit. Südpol-Expedition 1907 — 1909, m. e. Beschreibg. der Reise zum magnet. Südpol v. Prof. T. W. Edgeworth David. Übers, u bearb. v. Frederik Becker. (In 40 Lfgn.) I. Lfg. (S. 1—32 m. Abbildgn. u. 6 [2 färb.] Taf.) gr. 8". Berlin ('09I, W. Süsserott. — Mk. 50. Strunz, Priv.-Doz. Dr. Frz. : Beiträge und Skizzen zur Ge- schichte der Naturwissenschaften. (VII, 192 S. m. I Ab- bildg.) gr. 8". Hamburg 'og, L. Voss. — 5. Mk. Wiener, Prof. Otto: Über Farbenphotographie u. verwandte naturwissenschaftliche Fragen. Vortrag. Mit Zusätzen, Literaturnachweis und 3 färb. Taf. (88 S.) gr. 8". Leip- zig '°9. J- A. Bartli. — 2.40 Mk. Anregungen und Antworten. Herrn Dr. K. — In welcher Weise bei der Intus krus- tation (,,e chten V ersteinerun g") der Ersatz der pflanz- lichen Membranen durch die versteinernde Substanz erfolgt, d. h. die Frage, ob ein chemischer oder physikalischer Prozeß vorliegt, ist noch nicht untersucht worden; da man jedoch kaum verstehen kann, in welcher Weise die mehr oder weniger frische , zersetzte oder inkohlende Membran bzw. die dabei sich bildenden Produkte auf das Versteinerungsmineral und umgekehrt einwirken sollten, insbesondere auf die so häufig IntUbkrustate bildende, so indifferente Kieselsäure, so wird es sich wohl um einen physikalischen Prozeß handeln, indem an die Stelle der mehr oder minderschncU durch Zersetzungs- prozesse verschwindenden Membranstückchen sich Versteine- rungssubstanz setzt. Von allergröl3ter Bedeutung für den Ver- steinerungsprozeß dürfte die Tatsache sein, daß selbst sehr stark zersetzte Holzstücke oder andere Pflanzenteile, die an der Luft alsbald zu einer mehr oder minder deformierten oder gar strukturlosen Masse zusammensinken würden , im wasser- haltcnden Gesteinsmedium enorm lange Zeiträume hin- durch selbst unversteint ihre Form und Struktur beibehalten (vgl. diese Zeitschr. V. Band, 1906, p. 330 ff.). W. Gothan. Inhalt: Sammelreferate und Übersichten: Werner Mecklenburg: Neues aus der allgemeinen Chemie. — Kleinere Mitteilungen : W. O s t wal d : ,, Große Männer". — Wetter-Monatsübersicht. — Vereinswesen. — Bücherbesprechun- gen: Emil du Bo i s- Rcy m on d : Über die Lebenskraft. — Dr. O. Th. Schulz: Entwicklung und Untergang des kopernikanischen Weltsyslems bei den .\lten. — Dr. R u d ol f B i e d e r m a n n : Chemiker-Kalender. — Literatur: Liste. — Anregungen und Antworten. Verantwortlicher Redakteu Prof. Dr. H. Potonie, Groß-Lichterfelde-West b. Berlin. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck von Lippert & Co. (G. Pätz'sche Buchdr.), Naumburg a. S. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Neue Folge IX. Uaiul ; der ganzen Keihe XXV. Band. Sonntag, den 30. Januar igio. Nummer 5. Bemerkungen zur Phylogenie der Monokotylen. [Nachdruck verboten. j Von Dr. Leonbard Lindinger. Die Frage nach dem Ursprung der Monoko- tylen ist in letzter Zeit mehrfach erörtert worden. Hingehend hat sich Sargant (i) damit befaßt, ferner Arber und Parkin(2) sowie Wettstein(3). Alle neigen der Ansicht zu, daß die Monokotylen gemeinsam mit den Dikotylen von dikotylenähn- lichen Vorfahren stammen, und bringen eine ganze Reihe von Gründen zur Unterstützung dieser An- nahme bei. Wettstein hat sich zu der beson- ders von Hall i er vertretenen Ansicht bekannt, daß der Zusammenhang zwischen Mono- und Dikotylen zwischen den Polycarpicae und den Helobiae zu suchen sei. Hai Her hat inzwischen seine Ansicht geändert und vertritt augenblicklich die Anschauung, daß eher an eine Beziehung zwischen Berberideen und der Liliacee Philesia zu denken sei (4). Es mag daran erinnert sein, daß auch Sargant Liliaceen als primitive Monokotyle betrachtet, wenn auch aus anderen Gründen als Hallier. Auch Zoologen haben sich mit der Frage be- schäftigt. So glaubt Simroth, daß Mono- und Dikotylen „getrennte Wurzeln bei niederen Pflanzen haben, womit nicht Nadelhölzer, sondern nur Gefäßkryptogamen gemeint sein können". Ihm „scheint die letztere Auffassung sich mit den Ergebnissen der Pendulationstheorie am besten zu vereinen, ohne damit eine tiefere morpholo- gische Begründung zu wagen" (5 p. 487). Es mag daher genug sein, seine Ansicht erwähnt zu haben. Beachtenswert erscheint mir aber die Auffassung Stein manns (6), auf die ich später zurück- kommen werde. In einer kürzlich erschienenen Untersuchung habe ich gleichfalls zum erwähnten Gegenstand Stellung genommen (7); meine Anschauung weicht von der Wettst einschen Auffassung erheblich ab. Untersuchungen der Wurzeln und der Stamm- organe der Monokotylen haben mich zur Über- ') Sargant, Ethel, The reconstruction of a race of pri- mitive .Xngiospcrms. Ann. of Bot. XXII. 1908. -) Arber, E. A. X. und Parkin, J., Der Ursprung der Angiospermen. Deutsch von O. Forsch, Österr. Bot. Zeilschr. I.VIII. 1908. ^) Wettstein, R. von, Handbuch der systematischen Botanik. II. 1907 — 190S. ■■) Hallier, H., Über Juliania, eine Terebinthaceen- Gattung mit Cupula, und die wahren Stammeltern der Kätzchcn- bliitler. (Buchausgabe) igcS. Nachtrag. •'') Simroth, H., Die Pendulationstheorie. Leipzig 1907. ") Stein mann, S., Die geologischen Grundlagen der Abstammungslehre. Leipzig 1908. ') Lindinger, L., Die Struktur von Aloe dichotoma L., mit anschließenden allgemeinen Betrachtungen. Beih. z. Bot. Centralbl. .XXIV. Abt. 1. 1908. Zeugung gebracht, daß es ganz unmöglich ist, die Monokotj'len auf den bisher begangenen Wegen von den Dikotylen abzuleiten. Die Gründe für meine Ansicht habe ich in den nachfolgenden Zeilen niedergelegt; ich beschränke mich dabei auf die Hauptpunkte und gehe auch auf die reich- haltige Literatur nur dann ein, wenn es unbedingt erforderlich ist; denn einmal hoffe ich, in nicht zu ferner Zeit das Beweismaterial in ausführlicher Weise veröffentlichen zu können, andererseits würde eine eingehendere Literaturberücksichtigung nur eine Wiederholung von Sargants eingangs erwähnter Studie bedeuten. Auch Wettstein, Arber und Parkin haben die verschiedenen Ansichten über die behandelte Frage genugsam erörtert. Arber und Parkin, Hallier, Sargant, Wettstein und alle anderen, welche die Mono- kotylen von den Dikotylen bzw. deren Vorfahren entspringen lassen, bekennen sich damit mehr oder minder deutlich zur Auffassung der Mono- kotylen als einer monophyletisch entstandenen Pflanzenklasse. Allerdings muß erwähnt werden, daß VVettstein auch die Möglichkeit einer polyphyletischen Entstehung ins Auge gefaßt hat. Für eine solche scheinen sich Scott und B r e b n e r (8) entschieden zu haben. Balfour hat folgende Fragen aufgestellt: ,,i. Haben die Mono- und die Dikotylen einen gemeinsamen Ursprung? a) Stammen die Mono- kotylen von den Dikotylen ab r b) Stammen die Dikotylen von den Monokotylen ab. 2. Sind die Mono- und die Dikotylen getrennten Ursprungs?" Balfour neigt im Gegensatz zur neueren An- schauung zur Bejahung der Frage 2, mehr noch tun das Campbell und Kny. Meiner Ansicht nach ist eine andere Frage wichtiger, die nämlich : „Sind die Monokotylen poly- oder monophyletisch entstanden?" Daran reiht sich naturgemäß eine weitere Frage. Im Fall einer polyphyletischen Entstehung sowohl wie einer monophyletischen ist zu untersuchen, ob man die ursprünglichen Formen bzw. die Ur- form der Monokotylen auf Grund der den leben- den Formen und dem fossilen Material entnehm- baren Merkmale rekonstruieren kann. Wie sahen diese F^ormen, wie sah diese Form aus? Erst dann, wenn sich diese letzte Frage beantworten läßt, ist meines Erachtens eine sichere Grundlage gewonnen, um an die Entscheidung der von den ') Scott, D. H., and Brebner, S., On the secondary tissues in certain Monocolyledons. Ann. of Bot. VII. 1893. 66 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. 5 Autoren in den Brennpunkt ihrer Betrachtungen gestellten Frage zu gehen : „Welche Beziehungen herrschen zwischen den Monokotylen und den Dikotylen:" oder allenfalls: „welche zwischen den Monokotylen und einer anderen Pflanzen- klasse r" Bei meinen Betrachtungen legte ich den Nach- druck auf die Morphologie und Anatomie der Stammorgane und der Wurzeln Auf die Be- deutung der Wurzeln hat nach einer Mitteilung von Potonie (9) schon Kny hingewiesen, aller- dings in ganz anderer Hinsicht. Die uns zur Verfügung stehenden Merkmale sind nun nicht gleichwertig; es ist streng zu unterscheiden zwi- schen solchen, welche auf die sogenannte An- passung zurückgeführt werden können, und solchen, bei denen das nicht möglich ist. Bei der Beur- teilung des Wertes der Merkmale richtete ich mich, nach zahlreichen Erwägungen, nach dem Beispiel von Wettstein's ,, Leitenden Gesichts- punkten bei der systematischen Anordnung der Angiospermen". Diese Erwägungen, die mir als Leitsätze dien- ten, sind folgende: 1. Je größer die Zahl der F'ormen, welche ein Merkmal gemein haben, desto größer ist der Wert dieses Merkmals. 2. Merkmale, die sich bei allen Monokotylen finden, sind als Erbteil einer bzw. der Urform zu erachten. 3. Merkmale, welche für die Beurteilung der Stammesgeschichte anderer Pflanzenklassen maß- gebend sind, müssen vorkommenden Falls auch bei den Monokotylen gleichsinnig bewertet werden, mit anderen Worten : Die Beurteilung der Mono- kotylen hat nach denselben Gesetzen zu erfolgen wie diejenige der Dikotylen, Gymnospermen und Pteridophyten. 4. Das Aufhören der Tätigkeit eines Bildungs- gewebes und die Umwandlung dieses Gewebes in eine Dauerform ist das abgeleitete, die Fort- dauer der Tätigkeit das ursprüngliche, also ältere Verhalten. 5. Der Besitz verschiedener Blattformen kenn- zeichnet abgeleitete Formen. 6. Ein Vergleich ist nur dann einwandfrei, wenn er zwischen völlig gleichwertigen, homo- logen Organen stattfindet. 7. Als unbedingt beweisend können nur Merk- male gelten, welche nicht auf biologische Verhält- nisse zurückgeführt werden können. Merkmale letzterer (biologischer) Art sind aber insofern wertvoll, als sie die Veränderungsbreite der nicht- biologischen Merkmale erkennen lassen. 8. Die Monokotylen sind vor allem durch die Monokotylen zu ergründen. Die Verhältnisse der Dikotylen sind für die Stammesgeschichte der Monokotylen im allgemeinen so wenig maßgebend wie für diejenige der Farne : man kann nicht den einen Beweis durch einen anderen, erst noch zu findenden führen. 9. Die zwei Pflanzenklassen gemeinsamen Merk- male dürfen nicht überschätzt werden auf Kosten derjenigen, welche sich nur bei einer Klasse finden. ") Potonit-, 1)., Liber die systematische (stammesge- schichtlichc) Bczicliunj; der Mono- zu den Dikotyledonen. Naturw. Wochensclir. XVII (X. F. Ij. 1902. Welche Pflanzen faßt man nun in die Klasse der Monokotylen zusammen ? Wettstein kennzeichnet die hierher gehörigen F'ormen folgendermaßen : „Keim mit i Keimblatte, das als Saugorgan fungiert, welches Nahrung aus dem Nährgewebe des Samens der jungen Pflanze zuführt. Anlage des Keimblattes in der Regel terminal. Die Anlage der Hauptwurzel entwickelt sich häufig nicht weiter, an ihre Stelle treten dann Neben - wurzeln und Adventivwurzeln. Sekundäres Dicken- wachstum der Wurzeln fehlt. Gefäßbündel des Stammes über die Querschnittsfläche zerstreut, geschlossen, dabei nicht in die Dicke wachsend. Gefäßbündel der Blattflächen häufig, wenigstens am Blattgrunde, + parallel verlaufend. An Seiten- achsen tritt das erste Blatt in der Regel an der der relativen Hauptachse zugewendeten Seite (adossiertes Vorblatt) auf Laubblätter zumeist mit breiter Basis dem Stamm aufsitzend. Die Perianthium- und Staubblattkreise sind vorherr- schend dreizählig." Wie man sieht, haben die Vegetationsorgane der Monokotylen hinsichtlich ihres Baues nur spärliche Berücksichtigung gefunden, ihre morpho- logischen Verhältnisse aber gar keine. Das ist übrigens allgemein so; keine Pflanzenklasse wird so vernachlässigt und dabei so verkannt wie die Monokotylen. Kehren wir nun zu unserer Betrachtung zurück und sehen zu, welche Schlüsse sich aus den Be- wurzelungsverhältnissen der Monokotylen ziehen lassen. Die erwachsenen Pflanzen der ganzen Klasse besitzen nur Adventivwurzeln, die Primär- wurzel — ich vermeide absichtlich die sonst üb- liche Bezeichnung Hauptwurzel — geht frühzeitig zugrund; auch in den Fällen, wo sie sich ver- hältnismäßig langlebig erweist, überdauert sie nicht die zweite Vegetationsperiode. Dabei ist noch zu bedenken, daß die Beobachtungen an Keimpflanzen größerer Formen meist in unseren Gewächshäusern gemacht werden, wo die Wachs- tumsenergie dieser Monokotylen viel geringer ist als in der Heimat dieser Pflanzen. Nachdem die Adventivwurzeln um so eher auftreten, je rascher eine Monokotyle wächst, handelt es sich in solchen Fällen um abnorme Verhältnisse. Bei einjährigen und unterirdisch überwinternden Formen vergeht die Primär Wurzel sehr rasch. Auch die Ver- zweigungen dieser Wurzel bleiben in keinem Fall erhalten. Nun gibt allerdings Reiche an, daß bei fipipetrum, einer Dioskoreaceengattung, aus dem Endc(?) der Keimwurzel ein langlebiger. N. F. IX. Nr. 5 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 67 knolliger, unterirdischer Körper entsteht ( i O p. 1 80 f.). Doch bedarf die Sache einer erneuten Prüfung, weil die Beschreibung nicht völlig klar und ein- wandfrei ist; Reiche stellt die Knolle mit den ganz andersartigen Knollen von Dioscorea discolor auf gleiche Stufe. Ich kann den Verdacht nicht von der Hand weisen, daß es sich um einen Teil der Achse, vielleicht um das Hypokotyl handelt. Betreffs der Bewurzelungsverhältnisse großer Monokotylenformen möchte ich auf eine Arbeit verweisen, welche ich vor kurzem veröffentlicht habe (11). Wenn wir nun die gänzlich wurzel- losen Formen außer acht lassen, so erhalten wir als erstes, allen Monokotylen ge- meinsames Merkmal das Fehlen der Pfahlwurzel und des von dieser aus- gehenden Wurzelsystems, und dessen Ersatz durch ein System von Adventiv- wurzeln, welche aus dem Stamm entspringen. Vergleichen wir damit die entsprechenden Ver- hältnisse in den anderen Abteilungen der Gefäß- pflanzen: Abteilung Pfalihvurzel- svätem Adventivwurzel- system Filicinac fehlt vorhanden Cycadofilices „ „ Equisetinae .. >. Lycopodiinae 1» ,, Lepidodendrales )) 11 Cordaitinae " CycadiQae*) • 11 Cycas Encephalartos Gingkoinae Coniferae Gnetinae Dicotyledones Monocotvledones vorhanden, schwach vorhanden vorhanden, schwach, auch fehlend felilt fehlt vorhanden *) Auf das erstmalige Auftreten der Pfahlwurzel bei den Cycadeen hat vor kurzem auch Lotsy hingewiesen. Für einen näheren Zusammenhang zwischen den Mono- und den Dikotylen ist dieser Befund gerade nicht beweisend, denn die eine Gruppe ist das gerade Gegenteil der anderen, soweit^es das Bewurzelungssystem betrifft. Nun besitzen ja gerade diejenigen Polycarpicae, von denen VVett- '") Reiche, K., Zur Kenntnis der Dioscoreaceen-Gattung Epipetrum Phil. Engl. Bot. Jahrb. XLll. igoS. "1 I.indinger, L., Die Bewurzelungsverhältnisse großer Monokotylenformen usw. Gartenflora LVII. 1908. stein u. a. die Monokotylen über die Helobiae von den Dikotylen ableiten, gleichfalls Adventiv- wurzeln, während die Primärwurzel an der er- wachsenen Pflanze nicht mehr vorhanden ist. Man könnte also, wenn man die gänzlich verschiedene anatomische Struktur und die Unwahrscheinlich- keit, daß sich die Monokotylen alle, auch die ge- waltigen Baumformen, aus kleinen Stauden her- ausgebildet haben sollen, nicht in Betracht zieht, schon auf den Gedanken einer Verwandtschaft kommen. Dann muß man aber auch z. B. die monokotylenähnlichen Eryngium-Arten an dieser Ehre teilnehmen lassen, denn auch sie besitzen die erwähnte Eigenschaft. Mit dem gleichen Recht kommen aber auch die sämtlichen Klassen der Gefäßkryptogamen und die Cordaitinen als Vorfahren der Monokotylen in Betracht, denn auch sie haben , soweit man die betreffenden Keimungsstadien kennt, eine wohlentwickelte Primärwurzel; und doch kommt bei ihnen kein von einer Pfahlwurzel ausgehendes Wurzelsystem zustande, sondern ein Adventivwurzelsystem. In der Tat ist die auf den Habitus gegründete Ähn- lichkeit zwischen den Helobiae und den Poly- carpicae nur eine scheinbare, sie ist durch biolo- gische Verhältnisse bestimmt, indem beide Gruppen vorwiegend aus Stauden bestehen, welche weit- gehende Anpassung an Klima und Standort zeigen. Wie verhalten sich die Adventivwurzeln der Monokotylen hinsichtlich ihrer Verzweigung? Wenn man ein Lehrbuch als die Quintessenz unseres Wissens zu Rate zieht, z. B. das bekannte Buch von Strasburger usw., so erfahren wir, daß diese Wurzeln ,,für gewöhnlich unverzweigt sind und sekundäres Dickenwachstum durch Kambium- tätigkeit nur in den wenigen Fällen aufweisen, wo ein solches auch im Stamm vorhanden ist". Das Dickenwachstum kann einstweilen unberück- sichtigt bleiben. Sind aber die Wurzeln tatsäch- lich für gewöhnlich unverzweigt? Wenn man unsere Monokotylenkenntnis hinsichtlich dieser Frage als mittel- und nordeuropäische Feld-, Wald- und Wiesenbotanik bezeichnen will, dann stimmt es im allgemeinen, nur müssen wir die Gramineen und Cyperaceen ausschließen, des- gleichen die Typhaceen und noch einige Familien, denn bei diesen sind die Wurzeln für gewöhnlich verzweigt. Was übrig bleibt, sind Stauden wie die schon genannten Pflanzen, nur finden sich viele Zwiebel- und Knollenpflanzen darunter, die eigentlich nur im F"rühling und Frühsommer im Wachstum sind und sich für die andere Zeit des Jahres zu stiller Sammlung zurückziehen. Grami- neen und die anderen schon genannten Gewächse, welche während eines großen Teiles des Jahres, bis in den Herbst hinein, die oberirdischen Organe behalten, besitzen auch reichverzweigte Wurzeln. Und in günstigeren Klimaten sind die Monokotylen meist immergrün und besitzen dann eine Wurzel- verzweigung, die oft geradezu unglaublich ist. Berechtigt aber vielleicht die Zahl der Mono- kotylen mit geringer oder fehlender Wurzelver- 68 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. 5 zweigung zu der genannten Annahme der Lehr- bücher? Die Familie der Palmen besitzt wohl keine Art mit unverzweigten Wurzeln, die der Araceen läßt einige hierher gehörige Gattungen, z. B. Arum, erkennen, die IVIehrzahl besitzt reich- verzweigte Wurzeln. Die größte Monokotylen- familie, die der Orchideen, zeigt die Korrelation zwischen Lebensdauer der assimilierenden Organe und der Wurzelverzweigung am deutlichsten. Die Arten, welche, wie unsere Orchis-Arten z. B., nur für kurze Zeit über der Erde erscheinen, haben gewöhnlich einfache, alle anderen Formen, beson- ders die Epiphyten, sehr reich verzweigte Wurzeln. Die gleiche Erscheinung läßt sich in den anderen Familien feststellen. Verzweigung oder Nicht- verzweigung hängt also nur von den klimatischen Einwirkungen ab, denen sich eine Pflanzenart unterworfen hat; unverzweigte Wurzeln sind also nicht als ein Merkmal der Monokotylen zu betrachten, sondern als eine biologische Anpassung inner- halb vieler Familien, zumal diese Wurzeln die ungünstige Jahreszeit nicht überleben. Die Regel sindvielmehrverzweigteWurzeln. Diese Erkenntnis ist wiederum nicht günstig für eine Ableitung der Helobiae von den Poly- carpicae bzw. der Mono- von den Dikotylen. Denn wenn wir schließen können, daß unver- zweigte Wurzeln angepaßte Formen kennzeichnen, so ist nur der eine Schluß richtig, daß sich diese Formen aus andersartigen Monokotylen heraus- gebildet haben, nicht aber aus Dikotylen bzw. dikotylenartigen Vorfahren ähnlicher Anpassungs- stufe. Damit möchte ich die Betrachtung der Monokotylenwurzel abbrechen und zum Stamm übergehen. Die Achse der Monokotylen ist dadurch aus- gezeichnet, daß sie nicht wie z. B. diejenige der Dikotylen einen Kreis von Gefäßbündeln aufweist, welcher das Mark von der Rinde trennt, sondern daß die Gefäßbündel über den Querschnitt zer- streut sind. Der Vegetationsscheitel besitzt die Fähigkeit , seine Querschnittsfläche durch die Tätigkeit eines Primärmeristems zu vergrößern, das in einiger Entfernung vom Urmeristem der Achsenspitze nach innen Bündel und Grundgewebe, nach ,_ außen (meist parenchymatische) Rinden- zellen erzeugt. Wie Schonte gezeigt hat, er- hält das Achsenorgan auf diese Weise die Gestalt eines umgekehrten Kegels und den eigenartigen Verlauf der Gefäßbündel. Ist der größte Durch- messer erreicht, dann nimmt er eine Zeitlang wieder ab, um darauf von neuem zuzunehmen, und so weiter in periodischen Schwankungen. Je dicker der Vegetationsscheitel und je kürzer die Internodien, desto deutlicher ist das Primär- meristem nachzuweisen. Bei den meisten Mono- kotylen erlischt das Meristem in einer gewissen Entfernung vom Vegetationsscheitel; hier findet sich dann Dauergewebe von verschiedener Aus- bildung. Sogenannter Sekundärzuwachs ist bei zahl- reichen Monokotylen — meist Liliifloren — nach- gewiesen, aber man sagt, es sei kein echtes sekundäres Dickenwachstum, da es nicht durch ein zwischen Holz- und Bastteil tätiges Kambium bewirkt wird. Nun dürfte es einigermaßen schwer sein, den Beweis für die Anschauung zu führen, das Dickenwachstum der Dikotylen sei allein echtes sekundäres Dickenwachstum; der alleinige Nach- weis, daß es älter ist als das der Monokotylen, da es sich zum mindesten schon bei den Gymnospermen findet, begründete erst dann die teilweise Berech- tigung der erwähnten Anschauung, wenn die Ab- zweigung der Monokotylen von den Dikotylen bzw. von dikotylenähnlichen Formen eben schon bewiesen wäre. Nachdem das aber bis heute noch nicht gelungen ist, muß man sich dazu verstehen, auch die Tätigkeit des Monokotylenmeristems als echtes sekundäres Dickenwachstum aufzufassen. Das sekundäre Dickenwachstum der Mono- kotylen besteht darin, daß eine Meristemzone, an der Peripherie des von den geschlossenen Gefäß- bündeln durchzogenen Stamminnern, des Zentral- zylinders, gelegen, nach innen Grundgewebe und geschlossene Gefäßbündel, nach außen aber nur Rinde bildet. Die nach innen abgegebenen Teile überwiegen die sekundäre Rinde an Masse ganz bedeutend; die Rinde braucht ja nur soweit er- gänzt zu werden, als sie von außen durch die Korkbildung in Anspruch genommen wird. Die Produkte dieses Sekundärmeristems sind in den Grundzügen die gleichen wie diejenigen des Primärmeristems, ferner ist eine Grenze zwischen beiden nicht vorhanden (7 ; mit Literaturnach- weisen). Nun finden sich bei den Monokotj-len, welche des Sekundärmeristems — die Bezeichnung hat nach den eben gemachten Ausführungen eigentlich keine Daseinsberechtigung, soll aber der Bequemlichkeit halber beibehalten werden — entbehren, verschiedenartig ausgebildete Grenz- schichten zwischen Rinde und Zentralzylinder, in vielen F"ällen sklerotischer Beschaffenheit, oft als Stärkescheiden, mitunter in Verbindung mit rings- laufenden Gefäßbündeln. Alle diese Gebilde sind vielfach untersucht worden, eine übersichtliche Zusammenstellung hat Müller gegeben (12); sie haben viele schöne Namen bekommen und sind schichtenweise zwischen Rinde und Zentralzylinder geteilt, mitunter auch bei der einen Pflanze für nicht identisch mit der gleichen Bildung bei einer anderen Art erklärt worden. Die Erkenntnis Schachts und Karstens aber, daß diese Schichten weiter nichts sind als der verholzte (bzw. andersartig veränderte und nichtmeristema- tisch gewordene mehrschichtige) Verdickungsring, ist damit verlassen und die Möglichkeit unter- bunden worden, den Zusammenhang zwischen den Achsenorganen der Monokotylen zu erkennen. Man hat sogar das Meristem des Sekundärzuwachses '-) Müller, II., Über die Metakutinisierung der \Vur/.cl- spitze und über die vcrkoikleii Scheiden in den Achsen der Monokotyledonen. Bot. Zeitung LXIV. 1906. N. F. IX. Nr. 5 Naturwissen.schaftliche Wochenschrift. 69 so erklärt, daß schon umgewandelte Zellen aufs neue meristcmatisch werden sollten, wobei das Meristem der Rinde zugeteilt worden ist. Der bündelfülirende Teil der betreffenden Achsen wäre also eine Zwitterbildung: der primäre Teil gehört zum Zentralzylinder, der sekundäre zur Rinde. Die Übereinstimmung der Produkte des Primär- und des sogenannten Sekundärmeristems sowie die Unmöglichkeit, beide Meristeme ausein- anderzuhalten, und der Übergang des Primär- meristems in Endodermis, Perikambium, Perizykel, Stärkescheide usw. beweist, daß die Mono- kot>Ten, welche nicht dauernd in die Dicke wa chsen, von solchen Formen abzuleiten sind, welche unbegrenztes Zuwachsvermögen besaßen, denn die Fortdauer der meristematischen Tätigkeit ist un- bestreitbar das Primitivere, Ältere, während die Umwandlung meristematischer Schichten in Dauer- gewebe bei allen Pflanzen, nicht nur bei den Monokotylen, den höher entwickelten Zustand kennzeichnet. Wenn gesagt worden ist, daß die Produkte der beiden Meristeme übereinstimmen, so bezieht sich das auf die Grundzüge: nach außen werden Rindenzellen, nach innen Grundgewebe und Ge- fäßbündel oder auch bündelerzeugende Prokam- biumstränge — dieselbe Ersclieinung in verschie- den rascher Entwicklung — abgegeben. Ein Unter- schied muß aber hervorgehobenwerden: die Gefäßbündel, welche aus demsoge- nannten Sekundärmeristem hervor- gehen, enthalten nur Tracheiden, keine Gefäße. Es ist das eine so auffällige Überein- stimmung mit der Tatsache, daß das sekundäre Holz der Gefäßkryptogamen und der Mehrzahl der Gymnospermen ebenfalls keine Gefäße be- sitzt, daß sie nicht übergangen werden darf Ich habe diese Verhältnisse nebenstehend zu- sammengestellt. Wettstein, der das Fehlen der Gefäße im Sekundärteil der Gefäßkryptogamen und Gymno- spermen besonders hervorhebt, hat es bei den Monokotylen nicht erwähnt, ja, auffallenderweise spricht er dieser Pflanzenklasse ein sekundäres Dickenwachstum überhaupt nicht zu. Alle Monokotylen stimmen darin überein, daß ihnen Achsen mit unbe- grenztem Längenwachstum fehlen. Durch die ganze Klasse finden wir nur Triebe mit be- grenztem Längenwachstum; allerdings können diese Triebe oft von gewaltiger Länge sein, wie bei Pandanus, Palmen und Bambusen. Hier hängt die Höhe, welche die betreffende Pflanze erreicht, von dem Querschnitt ab, den der Vegetations- scheitel in der aufsteigenden Periode seines primären Dickenwachstums erreichen kann. Ein weiteres gemeinsames Merkmal besteht im Auftreten von meristematischen Tei- lungen beim Anschluß einer Seitenknospe an den Zentralzylinder der betreffenden Achse und bei der Bildung einer Seiten- bzw. Adventivwurzel aus Stamm oder Wurzel. Das hierbei auf- tretende, lokal begrenzte Bildungs- gewebe stimmt in den Grundzügen mit dem schon erwähnten Primär m eristem überein. Weit verbreitet ist auch die pseudo- dichotome Verzweigung, so bei Liliaceen (Dracaena, Aloe), Pandanus, Iridaceen usw. Sie besteht darin, daß sich am Grund des jeweils endständigen Blütenstandes zwei Achselknospen gleich stark entwickeln. Häufig kommen mehr Äste zur Entwicklung, so bei Pandanus und Yucca vielfach drei, ausnahmsweise treten noch viel mehr auf, so berichtet Schröter, daß eine Dracaena draco vierzehn Seitenäste am Grund Sekundäres Höh ohne Gefäße bei : mit GeläÜen bei; Cycadofilices Sphenophyllaceae Protocalamariaceae Calamariaceae Lepidodendrales Isoetaceae Cordaitaceae Bennettitaccae Cycadaceae Gingkoaceac Coniferae Dicotyledones : Urimvs winteri Gnelinae Dicotyledones: alle anderen Maguoliaceae i Tetracentron y Trochodcndron Monocotyledoncs des (ersten) Blütenstandes getrieben hat (13). Kürz- lich habe ich die Pseudodichotomie auch bei Orchideen gefunden. Bletilla hyacinthina bildet an jeder Bulbe, ob nun der endständige Blüten- stand zur Entwicklung gekommen ist oder nicht, zwei gleichstarke Triebe aus; auch Epiphyten, z. B. Cattleya, Laelia u. a. verzweigen sich pseudo- dichotomisch, nur verharrt hier der eine Seiten- sproß meistens im Knospenzustand und kommt nur dann zur Entwicklung, wenn der andere Sproß gehemmt ist. Da die austreibenden Seiten- zweige abwechselnd auf der entgegengesetzten '*) Schröter, C, Eine Exkursion nach den Canarischen Inseln. Zürich igog. p. 62, Fig. 2. 70 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. 5 Seite stehen, erweckt das Ganze den Eindruck eines echten Sympodiums. Die Verzweigung von Hyphaene hat Seh oute kürzHch als echte Dicho- tomie aufgefaßt; mir erscheint es aber nach seiner Beschreibung und den Abbildungen, daß auch Pseudodichotomie vorliegt. Parallelnervige, ungestielte Blätter mit ge- schlossenen Bündeln, der einkeimblättrige Embryo, Dreizähligkeit der Blütenorgane sind gleichfalls bei allen oder vielen Monokotylen vorhanden. Abweichende Blattformen lassen sich leicht als aus dem ungestielten entstanden denken, zumal sie in vielen Familien selbständig auftreten. Die Dikotylenähnlichkeit des Dioscoreaceenblattes ist nur eine scheinbare, denn die Form und der Stiel sowohl stellt nur eine Anpassung an die Lebens- weise der oberirdischen Organe dar. Die unterirdi- schen Organe sind rein monokotyl. Wenn wir nun auf Grund der morphologisch- anatomischen Verhältnisse die Frage nach der Entstehung der Monokotylen beantworten , so bleibt uns nur übrig, im Hinblick auf die erörterten gemeinsamen und verbrei- tetenMerkmaleeinenmonophyletischen Urspru n g anzu nehmen. DieUrformbe- saß einen mit Zuwachsvermögen be- gabten oberirdischen Stamm, an dessen Grund ein Adventivwurzelsystem vor- handen war. Die Blattform war wahrscheinlich schwertförmig, das Blatt ungeteilt; alle Blätter waren gleich. Der Stamm verzweigte sich gabelig, indem am Grund des Blütenstandes zwei Seiten- knospen gleichstark austrieben. Der Sekundär- teil des Stammes enthielt keine Gefäße. Die Blüten waren zwitterig, in allen Teilen dreizählig, Perigon und Kelch nicht geschieden. Die Gefäß- bündel waren geschlossen. Unter den lebenden Monokotylen kommen die großen Formen der Gattungen Dracaena, Aloe, Yucca diesem Bild am nächsten. Die Wurzeln dieser Formen zeigen die Eigentümlichkeit, daß ihr Querschnitt eine große Ähnlichkeit mit dem des Stammes besitzt, indem auch ihr Zentral- zylinder über den Querschnitt zerstreute Gefäß- bündel besitzt. Auch läßt der Gefäßbündelkreis am Innenrand der Endodermis häufig deutlich erkennen, daß er sich aus einzelnen Bündeln zu- sammensetzt. Zudem besitzen die Wurzeln der Dracaena-Arten sekundäres Dickenwachstum wie der Stamm (14). Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir die großen, baumförmigen Dracaena-Arten als diejenigen Monokotylen betrachten, welche den Urtypus der Klasse am reinsten bewahrt haben. Die Tiieorie von einem Zusammenhang mit den Dikotylen ist unhaltbar. Ich teile die Ansicht Kny's, daß die Mono- kotylen unabhängig von den Dikotylen entstanden sind und auch mit den Gymnospermen, soweit wir sie kennen, nichts zu tun haben. Doch halte '■*) Lindinge r, L., Zur Anatomie und Biologie der Monokotylenwurzel. Eeili. z. Bot. Ceniralbl. XIX. .•\bt. II. (1905) 1906. ich es für müßig, auf Grund des geringen uns vorliegenden fossilen Materials eine Anknüpfung der Monokotylen an irgendeine andere Gruppe zu versuchen. Ein Punkt muß noch besprochen werden, die Übereinstimmung der Monokotylen mit den Diko- tylen hinsichtlich der Angiospermie. Es ist das tatsächlich der einzige Punkt, in dem die beiden Pflanzenklassen harmonieren. Nachdem man aber immer mehr zur Ansicht neigt, daß die Samen- bildung an sich ganz unabhängig bei verschiedenen Gruppen der fossilen Gefäßkryptogamen einge- leitet worden ist, liegt kein Grund vor, daran zu zweifeln, daß sich auch die vollendete Art der Samenbildung, wie sie bei den sogenannten Angio- spermen vorhanden ist, mehrfach selbständig her- ausgebildet hat. Diesem Gedanken gibt auch Steinmann Ausdruck, werm er annimmt, daß die jetzigen großen Pflanzenklassen polyphyletisch entstanden sind, indem sie gewissermaßen erstarrte Stufen der Entwicklung, vorstellen, welche die höheren Pflanzen eingeschlagen haben. Er nimmt vier Stufen an, die Sporenpflanzenstufe, die der Gymno- spermen, der Mono- und der Dikotylen (6 p. 129). Wenn man die beiden letzten als koordinierte Stufen betrachtet, so decken sich Steinmanns Stufen ungefähr mit der gegenwärtig verbrei- teten Anschauung, welche ja auch die höheren Pflanzen als aus den niedrigeren entstanden an- nimmt, neu ist nur die Annahme, daß sich das mehrfach ereignet habe. Ganz verfehlt sind die von Steinmann gegebenen Beispiele. Wenn er z. B. die Palmen mit Cycadeen in Zusammen- hang bringt, so haben zwar auch andere vor ihm, so Arber und Parkin, diesen Fehler begangen, aber nichtsdestoweniger bleibt es ein Fehler. Denn die Palmen sind echte Monokotyle, ob- wohl ihre Blattform scheinbar stark abweicht. Man kann deren Entstehung aber an jedem Palmkeimling verfolgen und die von Blatt zu Blatt vermehrte Teilstückzahl des zerreißenden Blattes feststellen. Das längsgefaltete Primärblatt ist ungeteilt und findet sein Gegenstück bei vielen anderen Monokotylen, bei Cyperaceen, Liliaceen, Amaryllidaceen, Orchideen, Cyclanthaceen. Ich bin zu dem Ergebnis gelangt, daß die Monokotylen eine monophyletisch entstandene Pflanzenklasse sind und daß Dracaena Arten den Urtypus wohl am reinsten bewahrt haben dürften. Ausdrücklich will ich aber hervorheben, daß ich nicht der Ansicht bin, daß die Gattung Dracaena nun den Ausgangspunkt der Monokotylen dar- stellt. Denn lebende Formen kann man wohl kaum in derartige Beziehung zueinander bringen. Ich stelle mir vielmehr, wohl etwas beeinflußt von Steinmanns Gedankengang, die sogenannte Abstammung der jetzigen Flora derart vor, daß alle jetzt lebenden Formen die Endglieder von langsam divergierenden Entwicklungsreihen sind; diese Reihen haben sich wohl zu verschiedenen Zeiten voneinander abgezweigt, aber keine der N. F. IX. Nr. 5 Naturwi.ssenschaftliche Wochenschrift. 71 jetzt lebenden Pflanzen ist ganz unverändert ge- weise sehr divergent entwickelt haben. Drei blieben; auch die Sporeiipflanzen sind es nicht, ihrer Merkmale reichen aber sicher Speziell die Monokotylen erwecken mir den P^in- über die Angiospermenstufe der druck, als seien sie zwar unter sich nahe verwandt, Gruppe zurück: das Be wurzelungs- aber ihre einzelnen Gruppen dürften sich schon System, der Sekundärzuwachs und der vor latiger Zeit voneinander abgezweigt und teil- oberirdische Stamm. Kleinere Mitteilungen. Professor Biers Hyperämiebehandlung. — ,,Die Geschichte zeigt, daß die .Anschauungen der Späteren immer wieder auf Punkte zurückkommen, welche die frühere Beobachtung schon erledigt zu haben glaubt" sagt Virchow in seinen ,, gesammelten Abhandlungen" im Jahre 1862, und stets aufs neue erkennen wir, wie wahr diese Worte gesprochen sind. Schwitzkuren, Schröpfköpfe, Brenneisen stehen von den Toten wieder auf, allerdings in veränderter Form ; was ehemals nur eine Lehre der praktischen Erfahrung war, häufig roh und ohne Verständnis der durch sie im menschlichen Körper bedingten Veränderungen angewandt wurde, ist heute, mit Bewußtsein und am richtigen Orte benützt, ein Heil für die leidende Menschheit. Daß erhöhte Temperatur dem Kranken dien- lich sei, ist in der X'^olksmedizin so eingewurzelt, daß Schwitzmittel in keiner Hausapotheke fehlen ; leider werden sie meist wahllos eingegeben, ob nun der arme Patient herzkrank oder kachektisch ist oder nicht, um die ,,materia peccans" aus dem Körper herauszutreiben. Starke Wärmezufuhr von außen zwingt den Körper zu Abwehrmaßregeln : Die Schweißdrüsen sezernieren stärker und verursachen so Ver- dunstungskälte; ferner wird die Blutzirkulation in den von der Wärme betroffenen Teilen erhöht ; das betreffende Gewebe wird von schnellfließcn- dem arteriellen Blut massenhaft durchflutet, das in seiner Wirkung einem Kühlstrom gleicht. Prof. Bier, Berlin, erkannte richtig, daß gerade auf letzteren Umstand großes Gewicht zu legen ist und in der Möglichkeit, Hyperämie an einer bestimmten Körperstelle nach Belieben hervorrufen zu können, ein wichtiger Heilfaktor für viele Krankheiten liegt. Der geniale Chirurg, der hierdurch nicht nur ein wichtiges Hilfsmittel für die Behandlung, son- dern auch vollständig neue Gesichtspunkte für die allgemeine Therapie und Pathologie geschaffen hatte, begegnete anfänglich großem Widerspruch von Seiten seiner Kollegen. Wollte man doch sogar die kühlende Wirkung des Blutstromes be- streiten. Er bewies sie, indem er zeigte, daß ein bedeutend geringerer Grad von Hitze (etwa 30" weniger) ertragen wird, wenn die Durchströmung des Gliedes mit Blut durch eine feste Binde und die dadurch entstehende Stauung verhindert wird. Ja, Hunde schwitzen überhaupt gar nicht sichtbar, auch nicht im Schwitzkasten, dafür ist die Hyperämie um so deutlicher. Was bedeutet Hyperämie? Es setzt sich zu sammen aus den beiden Worten L-irfQ und cuuu. vTTtQ entspricht dem Worte „über" und ahiu heißt Blut. Ein Körperteil wird aktiv hyperämisch ge- nannt, wenn er von mehr Blut durchflössen wird, passiv, wenn durch Stauung in den Venen sich in seinem Gefäßbezirk meiir Blut angesammelt hat. Eine aktive Hyperämie tritt also zum Bei- spiel bei einer leichten Verbrennung ein, eine passive bei der lockeren Unterbindung eines Gliedes, die zwar den Abfluß des Blutes durch die Venen, nicht aber den Zufluß durch die tiefer- liegenden Arterien hindert. Die aktive kann man auch arterielle, die passive venöse nennen, doch nicht immer: bei manchen Herzfehlern staut sich das Blut durch mangelhaften Verschluß der Herz- klappen in der Lungen-Herzvene; diese Vene enthält aber arterielles Blut, da es ja frisch ge- reinigt aus der Lunge dem Herzen zuströmt. Es ist also bei Klappenfehlern in dieser Vene und auch in der Lunge eine passive Stauung vor- handen, die zugleich arterieller Natur ist. Als Hyperämie erzeugende Mittel sind von alters her die sog. Rubefacienta und Epispastica bekannt. Man wußte allerdings noch nichts von Hyperämie und schrieb ihnen sogar eine ,,dekon- gestionierende" Wirkung zu; genug man verwandte sie und häufig mit Erfolg. Bei diesen Mitteln, zu denen vor allem das Senfpapier gehört (Oleum Sinapis, Senfteig, Papier Rigollot) , ist aber die Beschleunigung des Blutstromes nur vorüber- gehend. Viel werden heiße Sandsäcke und Schlammbäder ordiniert; sie sind manchmal durchaus am Platze, für unsere Zwecke lassen sie sich deswegen weniger gut verwenden, weil die schwere Materie durch den auf die kleinen Haut- gefäße ausgeübten Druck eine Verlangsamung des Blutstromes bedingt und so sich selber entgegen- wirkt. Zur Erreichung einer starken arteriellen Hyperämie ist heiße Luft am geeignetsten. Auch Wasser {4^^'n^) ist kein so gutes Medium, wie man sich leicht überzeugen kann, wenn man einen Arm in heißes Wasser, den anderen in einen Heißluftapparat bringt: der dem Einfluß der Luft ausgesetzte zeigt eine mehr hellrote Farbe, wäh- rend der andere mehr dunkelrot ist mit einem Stich ins Bläuliche, ein Zeichen, daß er mehr venöses Blut enthält, der Blutstrom also nicht mit derselben Kraft hindurchging. In das Jahr 1891 fällt die erste Anwendung von Heißluftapparaten. Der Erfinder hat in acht- zehnjähriger Arbeit ständig an ihrer Verbesserung gearbeitet, vor allem durch Versuche an sich 72 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. 5 selbst, seinen Assistenten und an Versuchstieren ihre Wirkung unter veränderten Lebensbedingungen studiert und durch theoretische Überlegung und viele Experimente Erfahrung über ihre Verwen- dungsmöglichkeit und Technik gesammelt. Heiß- luftapparate bestehen in ihrer einfachsten Form aus einem Kasten aus Pappel- oder Eichenholz, mit einer Öffnung für das zu behandelnde Glied und einem die heiße Luft zuführenden Rohre, dem Schornstein. Das zu dem Kasten verwandte Holz muß harzfrei sein, weil das Harz in der Hitze schmelzen und beim Herabtropfen auf dem Gliede Verbrennungserscheinungen hervorrufen könnte. Die Temperatur der Luft beträgt nämlich lOO — 114*'. Als Wärmequelle wird ein Bunsen- brenner benutzt, dessen Hitze durch eine rauch- fangähnliche Vorrichtung aufgefangen und in den Schornstein geleitet wird ; diesen läßt man am besten dicht über dem Boden des Kastens münden, um eine gleichmäße Hitze darin zu erzielen. Oben ragt aus dem Kasten ein Thermometer heraus. Die Temperatur kann geregelt werden durch Öffnen oder Schließen von Abzugslöchern und durch Regulierung der Wärmezufuhr. iVlit großer Erfindungsgabe hat man dem Kasten Formen zu geben gewußt, die sich den verschie- denen Körperteilen anpassen, so daß also auch Teile wie z. B. die Schulter oder das Becken isoliert mit heißer Luft behandelt werden können. Wenig vorteilhaft ist es, das Glied in Watte ein- zuhüllen, da sie sich bald voll Schweiß saugt und feuchte Luft nicht in so hoher Temperatur er- tragen werden kann wie die trockene, die Hj'per- ämie also keine so vollständige ist. Im Gegenteil werden in den Kästen vielfach flache Gefäße mit Chlorcalcium aufgestellt, das den verdunsteten Schweiß aufsaugen soll. Schließlich sei noch er- wähnt, daß die Öffnung, durch die das Glied in den Kasten ragt, dicht und weich mit Fries oder anderen Stoffen abgepolstert sein muß. Sehr beachtenswert ist die von Frey erfundene Luftdusche. Sie besteht aus einem elektrischen Heizkörper, durch welchen die Luft bis auf 200" erwärmt, und einem Kühlapparat, in welchem Luft bis auf — 10" abgekühlt werden kann. Ein Gebläse treibt die Luft aus beiden Kästen in ge- trennten Schläuchen heraus und kann nun nach Belieben auf jeden Körperteil geleitet werden. Außerdem kann der Apparat nach Art der schottischen Wechselduschen Verwendung finden. Den meisten Patienten ist die Behandlung mit heißer Luft angenehm. Noch eine bis mehrere Stunden nachher freuen sie sich über eine ange- nehme Wärme nicht nur in dem behandelten Glied, sondern des ganzen Körpers überhaupt. Genaue Messungen ergaben eine örtliche Tem- peratursteigerung von 1,1" — 1,7" sofort nach der Behandlung, 0,7" — 1,1" eine halbe Stunde später, 0,4" — 0,8" eine ganze Stunde nachher. Die ört- liche Schweißsekretion ist natürlich bedeutend, am größten bei einer Temperatur von etwa 90"; bei noch größerer Hitze scheint eine Erschlaffung der Schweißdrüsen einzutreten. Fettleibige Per- sonen schwitzen am ganzen Körper. Die Allgemeinerscheinungen sind bei sonst gesunden Personen gering. Bei anämischen Men- schen sind Herzklopfen , Kopfschmerzen eine häufige h'olge. Ich würde mich auch bedenken einem Potator strenuus, der zwar 30 Glas Bier aber keine Tasse Kaffee auf sein geschwächtes Herz vertragen kann, eine solche gerade an das Herz ziemlich hohe Anforderungen stellende Be- handlung zu ordinieren. Da aktive Hyperämie besonders zur Aufsaugung von Ödemen gebraucht wird, so ist es angezeigt, einiges über die resorptive Kraft des Blutes und die Erhöhung der Resorptionsfähigkeit durch Hyperämie mitzuteilen. Es ist noch nicht lange her, daß Prof Klapp, Bier's erster Assistent, end- gültig die resorbierende Kraft des Blutes bewies. Lag es doch viel näher die Lymphe, welche alle Gewebe umspült, sozusagen für den Abzugs- kanal zu halten, in den alle Verfallsprodukte ab- geführt werden. Nachdem Klapp den Ductus thoracicus, den Hauptstamm der Lymphgefäße, der in einen Zweig der oberen Hohlvene mündet, abgebunden hatte, injizierte er Milchzucker in die Bauchhöhle: er erschien ohne Rest im Harn wieder, wie mit dem Polarisationsapparat leicht nachgewiesen werden konnte, war also vom Blut vollständig resorbiert worden. Durch vielfache ähnliche Untersuchungen kam man zu dem Schluß, daß ebenso wie bei der Magen- und Darmverdauung die Resorption von Wasser und in Wasser löslichen Körpern (Kohlehydraten, Salzen, Peptonen und einigen löslichen Eiweißkörpern, z. B. dem in der Molke enthaltenen Laktalbumin) durch die Blutgefäße hindurch erfolge, während P"ette und feinkörnige Stoffe, z. B. Pigment, durch die Lymphe fortgeschwemmt werden. Durch einfaches Probieren konnte nun bewiesen werden, daß durch arterielle Hyperämie die eingespritzten Stoffe schneller resorbiert wurden als bei gewöhn- licher Zirkulation, und daß die Resorption be- deutend verlangsamt war, wenn durch Unter- bindung eine Stauung hervorgerufen wurde. Diese Erkenntnis ist praktisch verwertbar auch beim Biß giftiger Schlangen oder örtlicher Vergiftung z. B. durch zu große Dosen Morphium: Sofort das Glied abschnüren ehe man die Wunde aus- brennt oder ausschneidet. Die gewöhnlich darauf folgende Behandlung mit Alkohol und Kalium permanganicum ist dann manchmal ganz über- flüssig, denn wenn das Glied i — 1\'., Stunden fest abgeschnürt bleibt (länger hält man es wegen der heftigen, prickelnden Schmerzen nicht aus), ist in- zwischen das'Gift schon auf uns bis jetzt noch unbekannte Weise chemisch gebunden und neu- tralisiert oder (nach Kleine) allmählich in den Körper in sehr kleinen Mengen übergegangen, die keine sichtbare Schädigung hervorbringen konnten. Für jedes Gift nämlich wie für jede Arznei gibt es eine Minimaldose, unterhalb derer es keine Wirkung hervorzubringen vermag. N. F. IX. Nr. i; Naturwissen.sch.iftliche Wochenschrift. 73 Die stark resorptive Kraft des Blutes bei künstücii hervorgerufener Hyperämie vermag Ge- leiikknoten und Blutgerinnsel zu beseitigen. Man ist genötigt mit Buchner anzunehmen, daß das Blut eine starke auflösende Wirkung besitzt, die alles fremdartige verdaut: Catgutfäden, nekroli- sierendc (icwebsbestandteile, Bakterien. Es ist schon mehrfach die Abschnürung eines Gliedes erwähnt worden, so daß es an der Zeit ist nun auch von der passiven Hyperämie zu sprechen. Diese künstlich hervorzurufen war ein noch viel kühneres Unternehmen. „Unterbindung eines Gliedes ruft eben Ödem hervor und Nekrose, beides ist schädlich" sagten bis vor kurzem alle Arzte und auch jetzt noch manche Obstinente. Bier dagegen ging von dem Grundsatz aus: die Natur tut nichts umsonst; er studierte die älteren medizinischen Klassiker und fand, daß diese auf manchen Gebieten passive Hyperämie mit Erfolg verwandt hatten; er beobachtete, daß der Zahn- schmerz geringer wird, wenn die Backe anschwillt. Woran lag das? Jahrhundertelang hatte man geglaubt, der Entzündungsprozeß sei schädlich und verschlimmere noch das Übel. Bier lehrt das Gegenteil. Die Entzündung ist der Selbstschutz des Körpers und besteht wesentlich nur in einer Verlangsamung der Zirkulation. Welch ein Widerspruch lag doch darin, wenn man früher Schröpfköpfe verordnete ! Man bezweckte eine „Dekongestionierung" und erreichte das Gegenteil und heilte durch eben das, was man verhüten wollte. Stauungsbinden wurden von den älteren Ärzten bei Knochenbrüchen verwandt, die nicht ver- narben wollten. Bier hat diese Methode über- nommen und auf weitere Gebiete ausgedehnt. An Stelle der Schröpfköpfe verwendet er Saug- apparate, das sind große Glasgefäße mit einer C Öffnung zur Aufnahme des Gliedes. Durch Saug- ballon oder Pumpe wird nun die Luft im Glas- kasten verdünnt und dadurch bei schwacher Luft- verdünnung eine arterielle, bei stärkerer eine venöse Hyperämie hervorgerufen. Man nimmt stets Glas- kästen, um durch die Wand hindurch das Maß der erreichten Blutfüllung genau kontrollieren zu können. Hier nämlich gilt Ovid's Spruch: Nil' prodest quod non possit laedere idem. Leicht kann durch zu lange fortgesetzte Stau- ung ein Odem entstehen und das Übel noch ver- schlimmert werden. Dasselbe gilt auch von der Stauungsbinde. Nie dürfen durch sie Schmerzen entstehen , das behandelte Glied darf nie sich kälter anfühlen wie gesunde Körperteile und man muß die Arterie in dem abgeschnürten Gliede pulsieren fühlen. Man machte bald die Beobachtung, daß der äußere Luftdruck das Glied immer tiefer in den Saugapparat hineindrückt und nutzte diese Ent- deckung aus. Nehmen wir zum Beispiel einen Fall von Steifheit des Handgelenkes. In diesem Falle legt der Patient die möglichst zur P'aust ge- ballte Hand mit der Rückseite des letzten Innger- gliedes auf den Boden des Gefäßes, aus dem nun die Luft herausgepumpt wird. Der Luftdruck treibt das Glied nach vorn, die P'inger stoßen an die entgegengesetzte Wand und der stetig wachsende Druck bewirkt schließlich eine all- mähliche Beugung des steifen Gelenkes. Dies Verfahren ist fast ganz schmerzlos, da erstens der Luftdruck sehr sanft und gleichmäßig wirkt, an- dererseits die Hyperämie die Schmerzempfindlich- keit herabsetzt. Auch für die anderen Gelenke sind in ähnlicher Weise Apparate konstruiert worden, da sich diese Methode sehr gut bewährt hat. Die schmerzstillende Wirkung der Hyperämie läßt das Mittel auch ausgebreitete Anwendung finden bei tuberkulösen Erkrankungen der Ge- lenke, Neuralgien und rheumatischen Schmerzen, auch solchen, welche durch eine gonorrhoische Infektion bedingt sind und gerade am schmerz- haftesten sind. Früher schrieb man der Stauung im Gegenteil eine schmerzerregende Kraft zu, denn man beobachtete, daß in einem entzündeten Gliede, das man herabhängen läßt, ein klopfender Schmerz auftritt. Wie wir heut wissen, ist dieser aber nur vorübergehend, und die Hochlagerung, die man früher in solchen Fällen anwandte, war mindestens ebenso störend für die Kranken. Be- handlung mit Stauung aber läßt, nach einer kurzen Steigerung, die Schmerzen häufig ganz und auf längere Zeit verschwinden. Als Erklä- rung hierfür gibt Ritter die „seröse Durch- tränkung der Gewebe" an ; Bum meint, durch Vermehrung des Gelenkinhaltes werde eine Ver- minderung der Flächenberührung und Schonung der kranken Gelenkenden bedingt. Beide Er- klärungen halte ich nicht für ausreichend, denn arterielle Hyperämie erzeugt dieselbe Wirkung, wenn man auch aus verschiedenen Gründen meist die durch Stauung erzeugte wählt; bei ihr kann aber keine ,, seröse Durchtränkung" oder „Ver- mehrung der Gelenkflüssigkeit" eintreten wegen ihrer oben hervorgehobenen resorptiven Kraft. Ich erkläre es für beide P"älle durch den ver- mehrten Kohlensäuregehalt des Blutes. CO., ist nämlich ein örtliches Anästhetikum. Daß bei Stauung das im abgeschnürten Gliede befindliche Blut kohlensäurereicher ist, weiß jeder Laie. Es ist nun auch von Lesser nachgewiesen worden, daß in der Hitze des Heißluftapparates rote Blut- körperchen zugrunde gehen, verbrennen. Eines ihr«r Verbrennungsprodukte ist aber Kohlensäure. Der venösen Hyperämie wird auch bakterizide Wirkung zugeschrieben. So fremdartig dies auf den ersten Blick erscheinen möchte, so ist doch die Tatsache unbestritten, daß Abszesse, als deren Erreger Staphylococcus pyogenes nachgewiesen werden konnte, durch Heißluftbehandlung steril wurden. Buchner, Heller, Hamburger und viele andere haben versucht eine Erklärung hierfür zu ^finden. Der erste meint, daß durch die Hyperämie mehr Leukocyten, das sind weiße Blutkörperchen, die man sich als Abwehrkörper 74 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. 5 gegen Bazillen zu denken hat, dem bedrohten Orte zugeführt werden. Helbe ist der Ansicht, daß durch die Stauung des Blutes auch die Stoff- wechselprodukte der Bakterien zurückgehalten werden, die bekanntlich Gegengifte der Bazillen sind. Eine sehr gewagte aber recht plausible Erklärung scheint mir Hamburger abgegeben zu haben : Das gestaute Blut ist kohlensäurehaltiger, Kohlensäure aber tötet die Bakterien; CO,, ent- zieht ferner den roten Blutkörperchen Alkali, das in das Serum übergeht; Alkali aber ist der Ent- wicklung der Bakterien nicht günstig. Zum Schluß sei es mir gestattet hier auf meinen vorigen, S. 394 des vorigen Bandes dieser Zeitschrift erschienenen Aufsatz zurückzugreifen. Damals konnte ich keine Erklärung der Zomo- therapie geben, weil mir das Original nicht zu- gänglich war. Sie beruht im Prinzip auf der experimentell erhärteten Annahme, daß alkali- reiches Blut größere Widerstandsfähigkeit gegen Bazilleninvasionen besitze. Fleischnahrung aber erhöht die Alkaleszenz, während Pflanzennahrung sie vermindert. Besser über diesen Gegenstand informiert muß ich dann auch der Behauptung Petrick's, die ich damals wiedergab, in bezug auf den prophylaktischen Wert der Zomotherapie widersprechen. Ich möchte ihr wohl einen pro- phylaktischen Wert zusprechen und finde eine Bestätigung dieser Ansicht in der Tatsache, daß die Tuberkulose bei Proletariern, die sich zum großen Teil von Kartoft'eln nähren, viel häufiger auftritt als in anderen, besseren Ständen, anderer- seits unter ihnen aber die Kalkarbeiter, die einen großen Teil ihrer Zeit in stark kohlensäurehaltiger Luft arbeiten, eine Ausnahme bilden. Robinski. Biologie des javanischen Flugfrosches. — Interessante Beiträge zur Biologie des auf Java vorkommenden Flugfrosches Polypedates (= Rha- cophorus) reinwardtii bringt Siedlecki im Bio- logischen Zentralblatt (Bd. 29). Die Tiere haben sich an das Leben auf den Bäumen — ähnlich unserem Laubfrosche — gewöhnt und zeigen sehr merkwürdige Anpassungserscheinungen in Bau, Lebensweise und Fortpflanzung an diese Verhält- nisse. Um zwischen den Blättern vor Feinden geschützt zu sein, haben sie — ähnlich dem Cha- mäleon — die Fähigkeit des Farbenwechsels und sind auf ihrer Oberseite bei Tage hellbläulich- grün, am Abend dunkelgrün bis olivenbraun und zwar wird diese Änderung durch Verschiebung von zweierlei Chromatophoren, den Xantholeucophoren, die das Grün als Mischfarbe von Blau und Gelb und den Melanophoren, die den dunklen Ton er- zeugen. Sind die Tiere so schon durch ihre I'arbe geschützt, so ähneln sie auch in ihrer Form, wenn sie auf den Blättern sitzen, einem Blatte einer epiphytischen Pflanze. Um auf den viel- fach sehr glatten Blättern der tropischen Land- pflanzen besser zu haften, scheiden sie aus Drüsen der Bauchseite ein klebriges Sekret aus, durch das sie mittels Adhäsion sich auf der glatten Oberfläche festheften. So sitzen sie bei Tage ruhig im Innern einer Baumkrone geschützt und beginnen erst am Abend auf Beute auszugehen. Sie klettern auf den Bäumen umher, sind gute Schwimmer und können auch ,,im Fluge" Insekten erhaschen. Natürlich ist es kein Flattern, das sie ausführen, sondern mehr ein Schweben; und zwar kommt dies dadurch zustande, daß sie beim Ab- sprunge die Beine an den Körper anziehen und die Zehen auseinanderspreizen , wodurch die be- sonders entwickelten Schwimmhäute und zwei Hautfalten am Körper ausgebreitet werden und so als Fallschirm wirkend ein Schweben hervor- bringen. Auf diese Weise können die Tiere I —2 m weit springen, wobei allerdings die Höhe des Bogens nur 20 cm über dem Boden beträgt. Ebenso nehmen sie beim Herabspringen von hohen Bäumen diese Schwebestellung ein, so daß sie unter spitzem Winkel am Boden ankommen. Da- bei blähen sie, zur, Verminderung ihres spezifischen Gewichtes ihre Lunge auf. Natürlich können sie sich durch diese Fähigkeit auch vor ihren Ver- folgern (Baumschlangen, Marabu's) durch die Lüfte retten. Auch die Kopulation und Eiablage findet zwi- schen den Blättern statt. Das Weibchen mit dem auf seinem Rücken sitzenden Männchen befestigt sich mit seinen Vorderfüßen an einem Blatte und legt die Eier ab, die während des Hervorquellens von dem Männchen befruchtet werden. Gleich- zeitig wird um die Eier eine schleimige Masse abgelegt, die mit den Füßen zu einem Schaume geschlagen wird. Dann wird von dem Weibchen der Schaumklumpen mit den Eiern durch Betasten mit den Hinterbeinen zu einem regelmäßigen, ovoiden Ballen geformt und um ihn die Ränder des oder der Blätter gebogen, so daß der Laich geschützt ist. Die Eier selbst sind sehr groß (bis zu 3,25 mm) und pigmentlos. Sie sind noch von einer besonderen, inneren Schleimhaut um- geben und bei der Entwicklung wird von der schaumigen Substanz Wasser — aber nach Sied- Iccki's Angaben keine Nährstoffe — in die innere Schleimhülle gezogen, so daß die jungen Larven in einem leichtflüssigen Medium rotieren. Bald aber durchbrechen sie ihre EihüUe, wodurch wie- der Flüssigkeit in das Innere des Ballens gelangt und den Eischleim auflöst. Dadurch , daß nun alle Larven nach der Mitte sich drängen und hier in der Flüssigkeit herumschwimmen, während die äußere Hülle des Ganzen erhärtet und die Luft des Schaumes sich nach oben drängt, entsteht eine Art kleiner Behälter. In diesem müssen die Larven etwa 24 Stunden geblieben sein, bis sie zum Leben im freien Wasser befähigt sind. Aus Versuchen im Zimmer schließt Siedlecki, daß die Larven sich meist nicht selbst befreien, sondern dazu der Regen nötig ist, der ja auf Java fast täglich fällt. Dieser benetzt die Eierballen, öffnet sie und spült die Larven ab. Merkwürdigerweise N. F. IX. Nr. 5 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 75 sind nun die Eierballen großenteils recht weit ibis 60 Schritte) vom Wasser entfernt aufgehängt, so daß die jungen Kaulquappen gar nicht gleich in den nächsten Bach gelangen, sondern wahrschein- lich erst noch einige Tage in kleinen Tümpeln bleiben. Auch daß sie hier nicht zugrunde gehen, verdanken sie einer besonderen Anpassung; sie haben nämlich, wie Versuche im Uhrgläschen be- weisen, nur ganz wenige Tropfen Wasser zu ihrer Entwicklung nötig und beginnen auch erst am vierten Tage nach dem Ausschlüpfen Nahrung aufzunehmen. Erst ein größerer Platzregen schwemmt dann die Larven ins Wasser, in wel- chem sie ihre definitive Entwicklung durchmachen. So zeigt auch die Biologie dieses merkwürdi- gen Tieres, in wie hohem Grade sich die Lebe- wesen an besondere äußere Bedingungen anzu- passen vermögen. Dr. H. Balss, München. Himmelserscheinungen im Februar 1910. Stellung der Planeten: Merkur und Venus sind un- sichtbar, Mars steht im Walfisch und ist zuletzt abends noch 6 Stunden lang sichtbar, während Saturn in demselben Sternbild weiter südwesllicli steht und daher nur noch 4 bis 3 Stun- den lang gesehen werden kann. Jupiter steht in der Jung- frau und geht bereits vor Mitternacht auf. Lauf des Halley 'sehen Kometen: Jan. 25. «^i''i4ni53s, tV=-|-8''45', lgr=o,23io, lg_/=o,2i47 Febr. 4. o 59 9 8 14 0,1916 0,2410 14. o 47 22 7 58 0,1473 0,2617 24. o 38 5 7 54 0,0971 0,2743 März 6. o 30 10 7 57 0,0397 0,2779 Diese Daten sind der verbesserten Crommelin'schen Epheme- ride entnommen, welche den Periheldurchgang am 19. April annimmt. Es bedeuten lg r und lg-/ die Logarithmen der Entfernungen des Kometen von der Sonne, resp. Erde, wobei als Einheit die mittlere Entfernung der Erde von der Sonne genommen ist. Der Komet erschien bereits Anfang Dezember als ein Xebel von 40 bis 45" Durflhmesser, der etwa mit der Helligkeit eines Sterns II. bis 12. Größe leuchtete. Im Fe- bruar werden ihn daher voraussichtlich schon kleinere Fern- rohre, vielleicht auch gute Operngläser erkennen lassen. Algol-Minima finden statt am 18. um 9 Uhr abends und am 21. unr 6 Uhr abends. ^ Das Zodiakallicht ist Anfang Februar besonders leicht in den früheren .\bendsUinden am westlichen Himmel zu be- obachten. Aus dem wissenschaftlichen Leben. Emil Christian Hansenf. — Der Wohlklang dieses Namens in den Kreisen der Biologen und Gärungslechniker erfordert eine kurze Besprechung des Lebenswerkes dieses nun dahingegangenen F""orschers. Aus kleinen Anfängen hat sich der erfolgreiche Hefeforscher unter schwierigen finanziellen Verhältnissen emporgearbeitet. Geboren als Sohn eines Malermeisters zu Ribe in Jütland am S.Mai 1842, fühlte er schon frühzeitig den Drang in sich, Studien obzuliegen. Wegen bedrängter Verhältnisse konnte der Vater dem Wunsche nicht nachkommen; so trat denn der junge Hansen als Lehr- ling beim Vater ein und wurde mit iS Jahren Malergeselle. .Auf der Wanderschaft kam er 1861 nach Kopenhagen, um sich als Künstler auszubilden. Hier winkte aber auch Ge- legenheit zu wissenschafllichcr Ausbildung; Hansen bereitete sich zum Lehrerberuf vor und machte 1S64 sein Lehrer- e.\amen. Dann studierte er, als er durch Privatunterricht Ein- nahmen erhalten und auch ein Stipendium erlangt hatte, drei Jahre an der technischen Hochschule Naturwissenschaften, be- sonders Mykologie und Pllanzenphysiologic mit Chemie als Nebenfach. 1S76 erhielt er schon die goldene Universitäts- medaille für seine Arbeit über die dänischen Mistpilze. 1S77 wurde er von dem Brauereibesitzer Dr. Carl Jacobsen jun. in Ny-Carlsberg aufgefordert, chemische und physiologische Untersuchungen über Gärungspilzc vorzunehmen; in der Brauerei Ny-Catlsberg und zugleich in dem Carlsberg-Labora- torium (hier im Auftrag der kgl. dänischen Akademie der Wissenschaften) führte er seine wellberühmten Forschungen durch. 1S7S ging er ganz in die Dienste Jacobsen's über und am I.Januar 1879 wurde er als Direktor der physiologi- schen Abteilung des Laboratoriums des Carlsbcrgfonds ange- stellt. Er arbeitete Methoden aus, um die zahlreichen Hefe- arten voneinander zu unterscheiden, trat dann mit dem System der Hefereinzucht hervor, durch welches eine Umwälzung in der Bierindustrie hervorgebracht wurde. Letzteres geht von einer Flefezelle aus, welche durch Vermehrung ins Milliardcn- fache unter geeigneten Ernährungsbedingungen und unter .Aus. Schluß aller fremden Keime zur ,, Stellhefe" herangezüchlet wird. .Ms Anerkennung überreichte ihm der Carlsbergfonds 1S93 ^'° Ehrengeschenk von 20000 Kronen. Bekannt sind auch seine Untersuchungen über die .Artmerkmale der ver- schiedenen Hefen, welche besonders in der Sporenbildung und deren verschiedenen Bedingungen gesucht wurden. Analyti- sche Arbeiten über Wasser und Luft in den Brauereien, über Aufbewahrung lebender Hefe, Essigbakterien, Morphologie und Physiologie der Gärungs|)ilze, ihr .Auftreten in der freien Natur, folgten nach. Fast alle Arbeiten haben eine praktische Bedeutung gehabt. Die Studien über Variation der Hefepilze, welche noch in den letzten Jahren von H. ausgeführt wurden, erregten berechtigtes .Aufsehen. L'nsere Kenntnisse über die interessante Gruppe der Gärungspilzc sind zweifellos durch den genialen Forscher bedeutend vertieft und erweitert wor- den; die Gärungsindustrie verliert in ihm einen rastlos tätigen Mann , der mit 67 Jahren noch viel zu früh für alle Inter- essenten der gewaltig entwickelten Gärungsgewerbe aus dem Leben geschieden ist. Th. B. Bücherbesprechungen. R. Beyer, Professor am Andreas-Realgymnasium zu Berlin, Berliner Schul flora. Taschenbuch zum möglichst leichten und sicheren Bestimmen der um Berlin wild wachsenden und der häufiger angebauten Blüten- und Farnpflanzen. Gebrüder Borntraeger in Berlin, 1909. — Preis geb. 2,80 Mk. Im Jahre 1902 beteiligte sich Prof. Beyer auf Einladung der Verfasser der Flora des Norddeutschen Flachlandes, des Dr. P. Graebner und des Referenten an der Bearbeitung der in demselben Verlage er- schienenen Nordostdeutschen Schulflora.') Dies Buch erregte auch bei den Freunden der Verf. wegen der überreichlichen Verwendung von Abkürzungen (die auch in der B. S. noch recht zahlreich vorkommen) Bedenken und fand auch nicht den Beifall des Bran- denburgischen Schulkollegiums bzw. des betreffenden Dezernenten , dem es „zu wissenschaftlich", der Fas- sungskraft der Schüler nicht genügend angepaßt er- schien. Nach dessen Intentionen hat der Verfasser nun, wie er in der Vorrede mitteilt, diese neue Flora geschrieben. Was er aber nicht ei wähnt, ist die Tatsache, daß dies Vorgehen von seiner Seite und der des Verlegers vor den beiden früheren Mitarbeitern sorgfältig geheim gehalten wurde. Das Urteil über diese seltsame Handlungsweise, die gerade nicht von großem Vertrauen der Beteiligten auf die Gerechtig- keit ihrer Sache zeugt und deren Motiv schwer ver- ') Im folgenden mit N. S. , die Berliner Schulflora mit B. S. abgekürzt. 76 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. 5 ständHch ist, da wir, auch wenn wir gewollt hätten, dies Vorgehen nicht hätten hindern können , kann ich getrost dem Leser überlassen. Ich konnte diese Entstehungsgeschichte der B. S. nicht übergehen, weil sie erklärt, weshalb der Verf., um dem Vorwurf, die gemeinsame Arbeit von 1902 für seinen Zweck „ausgeschlachtet" zu haben, zu ent- gehen, so ängstlich bemüht war, womöglich alles anders zu machen als in der N. S. Ob besser: wird sich aus dem folgenden ergeben. In der Tat erinnert an die N. S. außer dem Format und der Druckeinrichtung fast nichts als etwa die doppelte Verwendung des deutschen Namens Strandling für Coriigiola und Litorella, die doch schon im Register der N. S. sich herausgestellt halte. Andere Nachlässigkeiten, die in einem für Schüler bestimmten Buch unangenehm auftauen, sind, daß die beiden Tagetes-Arten patulus und erecta heißen und daß die vier Arctium-Arten (welcher Name wohl im letzten Augenblick vor Lappa vorangestellt wurde) die weibliche Endung behalten haben. Ajuga repens und die falschen Akzente Üitica und Barbäraea wären auch leicht zu vermeiden gewesen. Verf. nennt in der Vorrede als hauptsächlich von ihm benutzte Vorbilder Mertens und Koch's Deutsch- lands Flora und Willkomm's Führer in das Reich der Pflanzen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. So vortrefflich diese Werke auch für ihre Zeit waren, so stehen sie doch jetzt nach 7 bzw. nach fast 3 De- zennien nicht mehr auf dem heutigen Standpunkt und diese Rückständigkeit, ja zum Teil reaktionäre Tendenz macht sich in der B. S. mehrfach, nament- lich auch in der Nomenklatur geltend. In der Voran- stellung von Namen wie Carex vulgaris statt Goode- noughii, Scrophularia Ehrharti statt alata (deutsch aber „geflügelte Braunwurz" 1, Digitalis grandiflora statt ambigua, Trifolium filiforme statt minus (was ent- schieden falsch ist) und einiger dreißig jetzt ebenso ungebräuchlich gewordener kann ich keine Erleichte- rung für den Schüler, sondern höchstens für rück- ständige Lehrer sehen ; im Gegenteil, der erstere muß sein Gedächtnis mit Namen beschweren, die er bei weiterem Fortschreiten doch wieder fallen lassen muß. Weshalb für Cuscuta epithymum , die in der B. S. wie überall auch C. trifolii einschließt, der letztere Name vorangestellt wird, weiß ich nicht. Ebensowenig sehe ich eine Erleichterung für den Schüler darin, daß die am untergetauchten Stengel von Trapa paarweise eingefügten Organe S. 84 wurzeiförmige Blätter genannt werden , während sie in der N. S. richtig als [blattähnliche] Wurzeln be- zeichnet sind. Die Frucht der Gramineae und Cy- peraceae wird S. 5 „Schalfrucht" genannt; an diesem Ausdruck sieht man recht deutlich, daß die deutsche Terminologie vielfach ebenso unzuverlässig ist , als die deutsche Nomenklatur. Einige Schriftsteller ge- brauchen dies Wort für Achaenium [besser Achanium], andere für Caryopsis ; einige wohl wie Verf. für beides zusammen. In der Tat liegt aber ein wichtiger und auch dem Schüler an größeren Früchten , wie die der Getreidearten und Care.x Grayi ohne Schwierig- keit zu demonstrierender Unterschied beider Familien darin, daß die Gramineen eine Caryopse, die Cypera- ceen aber ein Achanium haben. Derselbe ist jeden- falls besser, als der in der B. S. angeführte, daß die zwei Spelzen der Gräser gewölbt oder gekielt, die eine der Scirpoideen flach sein soll (vgl. Cyperus). Weshalb dort den Gramineen Ährchen, den Cypera- ceen aber Ähren zugeschrieben werden, ist auch nicht klar. S. 13 hat dagegen Cyperus Ähren, die übrigen Scirpoideen aber ahrchen. Ähnliche Un- stimmigkeiten finden sich öfter. So hat Sambucus S. 63 eine 3 — 4 steinige Beere (S. 107 eine „stei- nige Beere"). Hex S. 95 eine Steinbeere. Fran- gula S. 95 eine 3 steinige Frucht und Rhamnus cathartica S. loi (richtig!) eine 3 — 5 steinige Stein- frucht; also 4 — 5 verschiedene Ausdrücke für die- selbe Sache. Im Gegensatz zur Flora des nordost- deutschen Flachlandes ist in der B. S. wie leider auch in der N. S. der überflüssige Ausdruck Kätz- chen für die unter sich ganz verschiedenen Blüten- stände der Salicales, Juglandales und Fagales beibe- halten , von dem .S. 91 im Widerspruch mit der Vorrede, was auch bei anderen Terminis vorkommt, eine Definition gegeben wird. Es sollen „biegsame Ähren" sein, was aber auf die Fruchtstände der Erle nicht paßt. Dagegen scheint mir eine Neuerung von zweifelhaftem Werte die Ersetzung des Kunstausdrucks „Nerven" durch „Adern". Die Gefäßbündel der Blätter entsprechen auch physiologisch nur zum Teil den Adern der Tiere, da sie doch fast stets neben den Leitzellen auch mechanische Elemente enthalten; anatomisch sind sie von ihnen ebenso verschieden wie von den Nerven der Tiere. Wie will Verf die nur aus Sklerenchymfasern bestehenden Bastnerven benennen? Bei Rubia wird der Terminus Ader S. 63 in einem Satze im alten und im neuen Sinne ver- wendet: „Blätter unterseits netzig- und i adrig"; das wird der .Anfänger kaum verstehen. Eine ähnliche Ungeschicklichkeit findet sich S. 23 im Charakter von Euphorbia, wo es heißt „Blüten aus 10 und mehr gestielten Staubblättern und i gestielten Stempel be- stehend von I k'elchartigen glockenförmigen Hülle, dem Hüllbecher, umgeben". Woher soll der An- fängerwissen, daß hier gemeint ist, daß jede männ- liche Blüte nur aus einem Staubblatt besteht; er wird die Blüte im Linne-Baillon'schen Sinne auffassen und nicht verstehen, daß sie nackt sein soll. Ganz un- morphologisch ist die Angabe S. 91, daß bei den Salicaceen die Blüten durch Deckschuppen ge- trennt seien, bei Sparganium S. 4 sogar durch häutige Perigonschüppchen , die also nicht zur Blüte gehören? Ebenso inkorrekt werden S. 89 die Ähren von Tamarix mit Blüten bedeckt genannt. S. 6 ist in der weiblichen Carexblüte der Frucht- knoten in eine krugförmige Spelze eingeschlossen und bildet mit ihr eine Scheinfrucht, den Schlauch. Nach dem allgemeinen Sprachgebrauch ist eben die „krug- förmige Spelze" der Schlauch und letzterer darf mit der Scheinfrucht nicht identifiziert werden. Die männlichen Blüten von Carex sollen „bald verküm- mern". Die Blumenkrone von Hottonia wird S. 87 als röhrig mit flachem Saum bezeichnet; eine solche N. F. IX. Nr. 5 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 77 pflegte man bisher stieltellerförmig zu nennen , wel- cher Ausdruck auch z. B. auf S. 9 1 bei Helio- tropium vorkommt. I.olium S. 7 und Molinia S. 13 sollen rundliche Hüll- bzw. Deckspelzen haben , was man doch zunächst auf den Umriß beziehen muß, hier aber fiir „gewölbt, nicht gekielt" stehen soll. Nasturtium silvestre hat S. 45 Schötchen (wenigstens werden dem Bruchteil der Gattung, zu dem diese Art gehört, solche zugeschrieben), S. 175 aber lineale Schoten. Die Cupula der Buche wird S. 93 eine 4 klappige Kapsel genannt, S. 96 haben Cotone- aster und Mespilus Steine, Crataegus Steinchen; von Pirus usw. heißt es „Samen nie steinig" ; das sind die wirklichen Samen der Pomaceen nie. S. 100 sollen die Kelchzähnchen von Cornus „hin- fallig" sein. S. 189 hat Cornus mas (richtig) einen ,, undeutlich 4 zähnigen" Kelch. S. 5 hat der Blüten- stand des Kalmus ein endständiges Stützblatt ; ich sollte meinen, daß auch der Anfänger erfahren muß, daß die Endständigkeit nur Schein ist. S. 46 werden die 5 Teilfrüchte, in die die Spaltfrucht der Gerania- ceae zerfällt, „einsamige Kapseln", S. 51 aber „ge- trennt aufspringende Fächer" und Fruchtklappen ge- nannt (die sogenannte Granne derselben wird ebenso unzutreffend ,, Stiel" genannt). Variatio delectat ist eine in der schönen Literatur bewährte Regel. In der Terminologie aber sind solche Inkongruenzen vom Übel. Andere in einem Schulbuche, das doch durch sprachliche Genauigkeit vorbildlich sein sollte, be- dauerliche Entgleisungen sind daß S. 79 Petasites ein spreu schuppiger Stengel und röhrenförmige Strahl bluten , S. 80 Chrysanthemum ein kahler, (gemeint ist ein nackter) Fruchtboden, S. 74 Xanthium 2 blutige, kronenlose weibliche Knäuel (gemeint 2 blu- tige Köpfchen und kronenlose Blüten) zugeschrieben werden. Im Gegensatz zu der neueren Praxis, am Anfang des Buches eine Tabelle zur Bestimmung der Familien und abweichenden Gattungen zu geben und jeder Familie einen Schlüssel der Gattungen vorauszuschicken, was sich schon dadurch empfiehlt, daß der Anfänger die Merkmale der Gattungen nicht weit von denen der Arten findet, geht hier wieder eine Tabelle zur Bestimmung sämtlicher Gattungen der Aufzählung der Arten voraus. Trotzdem die größeren Familien durch Überschriften hervorgehoben sind, ist so ein zeit- raubendes Blättern unvermeidlich. Die erste Ein- teilung spaltet alle Pflanzen in 5 Abteilungen, zunächst werden die „echten Wasserpflanzen" und die Holz- gewächse ausgeschieden und die übrig bleibenden „Land- und Sumpfkräuter" dann in herkömmlicher Weise in Pteridophyten (bei deren Charakterisierung trotz der Erklärung in der Vorrede (Seite I) der mikroskopische Befund der einzelligen Keimkörner (Sporen) naturgemäß nicht entbehrt werden konnte). Mono- und Dikotyledonen eingeteilt. So leicht diese Unterscheidung auf den ersten Blick erscheint, so schwierig gestaltet sie sich in der Praxis bei den Wasserpflanzen durch den wechselnden Wasserstand und bei den Holzgewächsen durch die Halbsträucher. Die Erläuterungen, die Verf zu dieser Einteilung gibt, sind mehr geeignet, auf die Schwierigkeiten hinzuweisen als sie zu heben. So werden verschie- dene nur unter den Dikotylen vorkommende Merk- male aufgezählt; am Schluß heißt es „und viele an- dere". Allerdings werden die Wasserpflanzen , die gelegentlich auch auf dem Trocknen vorkommen, sowohl unter den Land- wie auch unter den „echten Wasserpflanzen" aufgeführt. Ganz unpädagogisch ist es aber, daß in der Tabelle der Land- und Sumpf- kräuter Typha, Sparganium, Acorus, Nasturtium am- phibiura geradezu als „Wasserpflanzen" bezeichnet wer- den. Auch unter den „echten" Wasserpflanzen erscheinen Montia „fontana" (minor), die wohl nur ganz ausnahmsweise im Wasser wächst, ferner Hippuris und Elatine alsinastrum, die bei uns stets den Wasser- spiegel erheblich überragen (die ganz untergetauchte sterile Form der ersteren ist in der Berliner Flora wohl noch nie beobachtet ; ich sah sie nur aus dem ToUense-See in Mecklenburg). Irrtümlich wird der Elatine S. 40 im Gegensatz zu Hippuris ein faden- förmiger Stengel zugeschrieben, während er verhältnis- mäßig noch dicker ist als bei dieser Pflanze ist. Rich- tiger wäre E. hydropiper, die nicht selten unter Wasser blüht, hier aufzuführen gewesen. E. hexandra ist weggelassen und nach dem S. 40 und 86 gege- benen Gattungscharakter, der nur 4 zählige Blüten kennt, unbestimmbar. Auch bei den Holzgewächsen hilft sich Verf. dadurch, daß er z. B. Linnaea sowohl unter den Kraut- als unter den Holzgewächsen auf- führt ; Helianthemum steht aber nur unter den letz- teren ; die Gattungsbestiramung des S. 212 aufge- führten einjährigen, dem bekannten H. chamaecistus recht unähnlichen H. guttatum ist daher nach der B. S. unmöglich. Sonst kann sich Verf. bei vielen Gattungen, deren Merkmale leicht zu verkennen sind, nicht genug tun, sie nicht nur an allen möglichen Stellen aufzuführen, sondern auch an unmöglichen, wo sie nur infolge mehr oder weniger erheblicher Beobachtungsfehler oder mit Recht vergessener morphologischer Einfälle gesucht werden können. So gelingt die Bestimmung von Adoxa, gleichviel ob man die Blumenkrone für chori- oder sympetal den Fruchtknoten für ober- oder unterständig ansieht, wogegen an sich nichts einzuwenden wäre. Die Gattung steht aber auch unter den Monochlamydeen, wo sie der Anfänger sicher niemals suchen wird , jedenfalls nur infolge der von ihrem Autor selbst schon nach 3 Jahren (Blütendiagramme II S. XII) zurückgezogenen Theorie von A. W. Eichler, nach der der Kelch als Hoch- blatthülle gedeutet wird. Das ist doch ein Exzeß von Gelehrsamkeit, der in ein Schulbuch nicht gehört, zumal er in direktem Gegensatz zu dem in der Vor- rede entwickelten Programm steht. Eher könnte man sich noch gefallen lassen, daß Hepatica auch gefunden wird, wenn man die Hochblatthülle für einen Kelch ansieht. Allein Verf. ist nicht immer so vielseitig, so kann Hypericum S. 35 nicht be- stimmt werden, wenn man die gar nicht so leicht zu konstatierende Polyadeljjhie übersieht. Dieselbe ist nicht auffälliger, als die vom Verf S. 46 und 51 gar nicht erwähnte Monadelphie der Geraniaceen und Oxalidaceen. Hingegen wird die Monadelphie 78 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IX. Nr. S bei Linum S. 47 und Lysimachia S. 66 in Betracht gezogen. Ebenso inkonsequent war freiHch Vater Linne, der umgekehrt Geranium in seine Klasse Monadelphia stellte, Lysimachia und Linum aber in Pentandria und Oxalis in Decandria. Ganz unpädagogisch ist es jedenfalls, daß in dieser Tabelle die Umbelliferen wegen des bei vielen un- deutlichen und ein Teil der Ranunculaceen wegen des blumenkronenähnlichen Kelches unter den Mono- chlamydeen ausführlich abgehandelt werden, während unter den Choripetalen nur auf diese Abschnitte ver- wiesen wird. Das Umgekehrte wäre richtig gewesen, damit der Anfänger nicht eine falsche Vorstellung über den Platz dieser Familien im System erhält. Nach der Laienansicht des Ref. ist das Bestimmen doch nicht Selbstzweck, sondern der Schüler soll durch dasselbe wie in die Anfangsgründe der Mor- phologie, so auch in die der Systemkunde eingeführt werden, was durch die gerügte Anordnung jedenfalls nicht erleichtert wird. Ähnliche Bedenken hat der Ref. auch vielfach gegen die Anordnung der Arten innerhalb der Gat- tungen. Ref hat sich in seinen Florenwerken stets bemüht, die dichotomische .Anordnung möglichst der natürlichen Verwandtschaft anzupassen, wie dies z. B. auch F. von Müller in seinem vortrefflichen : Key to the System of Victorian Plauts angestrebt hat. Verf hat dies Verfahren grundsätzlich aus den Augen ge- lassen und um der vermeintlichen Erleichterung willen die Arten oft in der wunderlichsten Weise durch- einander gewürfelt. So wird z. B. Hieracium echi- oides , welches allerdings durch seinen vielblättrigen Stengel die Trennung von Pilosella und Archieracium erschwert, allen übrigen Arten gegenübergestellt, wobei freilich der Gegensatz ziemlich nichtssagend ausfällt. Sodann werden sämtliche Archieracien zwischen H. echioides und die übrigen Pilosellen eingeschoben. Ebenso wird Potentilla arenaria durch P. argentea von ihren nächsten Verwandten P. rubens und Tabernaemontani getrennt , so wie Stellaria crassifolia von S. uliginosa durch S. graminea und palustris. Was bei einer solchen künstlichen Anord- nung im Anfang vielleicht gewonnen wird, geht später wieder verloren ; denn der Schüler wird, wenn er eine, einer ihm schon bekannten ähnliche Pflanze ge- funden hat, sie natürlich neben derselben suchen und schmerzlich enttäuscht sein, wenn er sie dort nicht antrifft. Verf. hat sein Gebiet auf die Berliner Flora be- schränkt, für welche er die vom Ref. vor gerade 50 Jahren vorgenommene Abgrenzung adoptiert. Die „größten Seltenheiten" sollten unerwähnt bleiben. Dies Verfahren enegt Bedenken, da der Schüler ent- mutigt wird, wenn er weiß, daß die von dem eifrigen Sammler gerade am meisten erstrebten Arten nicht oder doch nicht vollständig in dem Buche zu finden sind. Treffende Gegengründe hat Veif. selbst in der Vorrede S. V angeführt , wo es sich freilich um die Ausschaltung der „nicht häufigen" .\rten handelt, ledenfalls gehörte aber zu einer zweckmäßigen Aus- wahl eine genauere Kenntnis der Berliner Flora in diesem weiten Sinne, als sie offensichtlich dem Verf. zu Gebot steht. Eine solche ist allerdings nicht leicht zu erwerben, da die Angaben über die seit 1859 ge- machten Funde in zahlreichen Zeitschriften und Lokal- floren zerstreut, manche wichtige seit Jahrzehnten festgestellte Tatsachen auch noch unveröffentlicht sind. Verf hat bei der Auswahl der auszuschaltenden Arten keine glückliche Hand bewiesen ; während er z. B. Cynodon dactylon , Scirpus holoschoenus, ') Tetragonolobus siliquosus , Melittis rnelissophyllum, Sonchus paluster, die Adventivpflanze Lepidium draba, die schwerlich je wieder ganz verschwinden wird, meist .Irrten, die an ihren seit mehreren Menschen- altern bekannten Fundorten zahlreich (Tetr. in 3 Be- zirken, von denen der eine mehr als 10 km im Durch- messer hat) vorkommen, wegläßt, sind eine Menge Arten aufgenommen, die zum Teil nur vereinzelt und spärlich auftreten und von denen das Fortbestehen ihrer Fundorte zum Teil fraglich ist ; wie bei Pulsa- tiila patens und vernalis, Orobanche alba, Bryonia dioeca. Besonders unglücklich ist die Auswahl bei den Orchidaceen-Gattungen ausgefallen. Herminium und Spiranthes, die seit ca. 30 bzw. 70 Jahren nicht mehr beobachtet wurden, sind aufgenommen, auch Coeloglossum , dessen Vorkommen innerhalb des be- zeichneten Gebietes dem Ref nicht bekannt ist und dessen nächste Fundstellen eine ansehnliche Zahl von Kilometern jenseit dieser Grenze liegen ; dagegen fehlt Anacamptis, die auf den Wuhlewiesen bei Köpenick wohl noch heute vorkommt und neuerdings auch bei Zossen aufgefunden wurde. Die Bezeichnung der Standorte ist ebenfalls nicht immer einwandfrei ; so werden die Standorte von Succisa, Helichrysum , Antennaria dioeca als „Gras- plätze" bezeichnet, worunter man doch in erster Linie künstlich angesäte Grasflächen versteht ; ferner sollen im Gegensatz zu Neottia und Coralliorrhiza , welche „auf verwesenden Blättern (Humus)" S. 15, alle übrigen Wald- und Wiesen-Orchidaceen meist nicht auf Humus wachsen; Verf scheint also Saprophyten und Humuspflanzen für gleichbedeutend zu halten. „Verwildert" bedeutet in der B. S. in der Regel ver- schleppt, welche beiden Begriffe auch vom Anfänger recht wohl auseinandergehalten werden können. Da- gegen ist bei Gartenpflanzen oft nicht angegeben, daß sie auch verwildert vorkommen, auch wenn sie wie Alliura paradoxum und Mulgedium macrophyllum dem Anfänger weit eher außerhalb als innerhalb der Gartenbeete begegnen können. _ Gleich anfechtbar ist die Auswahl der_"sehr zahl- reichen Gartenpflanzen, ein Umstand, dessen sich Verf (Vorrede S. VI) nicht unbewußt geblieben ist. Außer der verbreiteten Scilla Sibirica und der allen- falls in alten Gärten noch anzutreftenden S. amoena finden sich noch S. nutans, Italica und bifolia, die in ') Ein Lehrer, der die H. S. benutzt, müßte also, wenn er etwa Baumgartcnbrück und Werder besucht, seine Schüler um diese beiden Arten herumführen; er darf überdies, da auch Ficus carica fehlt , von den dort im freien Lande stehenden Feigenbäumen keine Notiz nehmen. Er darf ferner nicht den landschaftlich schönsten Weg über Kaput wählen ; denn dort würde er das seit einem halben Jahrhundert zu 'Pausenden eingebürgerte, gleichfalls in der B. S. fehlende Geranium lucidum antreffen. N. F. IX. Nr. 5 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 79 Privatgärten wohl nur ausnahmsweise gezogen werden. Unter den Bignoniaceen fehlt Catalpa, die doch weit verbreiteter und als freistehender Baum auffälliger ist, als die aufgenommene Kletterpflanze Tecoma. Atropa belladonna, die doch in jedem Schulgarten vorhanden sein sollte, fehlt. Feigen-, Granat- und Orangenbäume, der allbekannte ,,I,aurus tinus", der echte Lorbeer, die Lorbeerkirsche, der bei keinem , .besseren" Begräbnis vermißte Kvonymus japonicus, die sämtlich fehlen, dürften dem Schüler weit häufiger begegnen als die aufgenommene ,, Punschpflanze" Lippia citriodora. Die bekannte Cinerarie (so S. 79, S. 258 aber Zinerarie geschrieben) wird unter dem Gartennamen C. elegans aufgeführt, und mit der einheimischen Sumpfpflanze, die den Großvätern unserer Schüler als C. palustris bekannt war, zu einer Gattung kombiniert, deren Unnatürlich keit sich schon dadurch verrät, daß die letztere auf S. 78 also um eine ganze Seite von der „C. elegans" entfernt in der Gattungstabelle erscheint. Silene coeli rosa wird irrtümlich als ausdauernd be- zeichnet. Daß Spiraea laevigata in Europa, Sorbus Suecica in der Berliner Flora mutmaßlich urwüchsig vorkommt, ist aus der B. S. nicht zu ersehen. Die vorstehenden An- und Ausführungen sind nicht etwa mühsam zusammengesucht , sondern eine Auswahl aus einem um das Mehrfache umfangreicheren Material, und fast jede behufs dieser Besprechung vorgenommene Revision lieferte neuen Stoff. Sie berechtigen wohl zu dem Urteil, daß die B. S. zwar den Anspruch auf geminderte Wissenschaftlichkeit in vollem Maße erfüllt, daß aber die Unrichtigkeiten, Inkonsequenzen und andere von einem Schulmann, der seit einem Menschenalter in Botanik unterrichtet, nicht zu erwartende Ungeschicklichkeiten viel zu zahlreich sind, als daß Verf., bei allem anzuerkennen- den Fleiße und allerdings durch die oben bezeichneten Grenzen beschränkter Sachkenntnis sich schmeicheln könnte, ein Buch geschaflen zu haben, das besser als die vorhandenen den Bedürfnissen der Berliner Schulen angepaßt wäre ; vielmehr bewährt sich der alte Aus- spruch : Die B. S. enthält Neues und Gutes, aber das Neue ist nicht gut und das Gute nicht neu. P. Ascherson. i) Prof. W. Wien, Über Elektronen. 2. Aufl. 39 Seiten. Leipzig, B. G. Teubner, 1909. — Preis I Mk. 2) Prof Dr. Spies, Physikalische Entwick- lungsmöglichkeiten. 16 Seiten. Leipzig, B. G. Teubner, 1909. — Preis 50 Pf 3) Prof O. Wiener, Über Farbenphotographie und verwandte naturwissenschaftliche Fragen. Vor- trag, gehalten auf der Naturforscherversaramlung in Cöln am 24. September 1908. Mit Zusätzen, Literaturnachweis und drei farbigen Tafeln. 88 S. Leipzig, J. A. Barth, 1909. — Preis 2,40 Mk. 1 ) Der vor 3 ' ^ Jahren auf der Meraner Natur- forscherve